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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der Tag nach Tag X …

Reportage: Im Wald mit den Preppern

Dass die Apokalypse früher oder später eintreten wird, steht für Prepper fest. Die Frage ist nur: wann? Für den Ernstfall üben sie schon fleißig. Doch wie prepared ist man selbst eigentlich? Unsere Autorin Meike Wolf hat mitgeübt – und einen Tag mit Preppern im Wald verbracht.
Geschrieben am
Es ist ein trüber, kalter Samstag. Eine Gruppe von 25 Menschen in Outdoor-Kleidung hockt im Kreis, ich mittendrin. Um uns herum der Thüringer Wald, in der Ferne das Rauschen einer Straße. Die Gruppe ist bunt gemischt – einige haben Trekkingerfahrung aus Südamerika oder gehen gerne zelten, andere wollen endlich lernen, wie man Feuer macht oder brauchen Abwechslung zu ihrem Bürojob, die Hälfte der Männer war beim Bund. Alle denken, es sei gut, vorbereitet zu sein. Worauf es sich vorzubereiten gilt, darüber spricht hier allerdings niemand. 

Die Gruppe wirkt sehr normal, von der Outdoor-Kleidung und den Jagdmessern einmal abgesehen. Und sie ist es auch. Wer hofft, hier auf Freaks mit Camouflage-Make-up und Aluhütchen zu treffen, wird enttäuscht. Die Trainer, beide Mitte 30 – Karin hat eine militärische Ausbildung und einen Jagdschein, Stefan arbeitet als Bäcker – wollen von den Teilnehmern wissen, was man braucht, um Feuer zu machen. Es ist ein bisschen wie in der Schule, verhalten gehen ein paar Wortmeldungen ein: Zunder, Reisig, Holz, ein Feuerzeug. Wer etwas Richtiges sagt, wird gelobt. 

Die Rollen innerhalb der Gruppe sind schnell gefestigt: der Spaßvogel, der Freak, die Expertin, der Schweigsame. Wir bekommen die erste Aufgabe des Wochenendes und sollen alles herbeischaffen, was für ein Feuer nötig ist. Stefan zündet sich eine Zigarette an und erzählt, wie er versucht hat, im Freien einen guten Tabakersatz zu finden: »Das hat alles scheiße geschmeckt!«, sagt er und lacht. Alkohol und Zigaretten sind solide Währungen in der Postapokalypse. Der Tag nach dem Tag X. Wer sich darauf vorbereitet, nennt sich Prepper. Und gerade bin ich mitten unter ihnen. In dieser Szene heißt die Krise SHTF: shit hits the fan. Eine Prepper-Weisheit besagt, dass die Frage nicht lautet, ob der Tag X je eintreten wird – sondern nur, wann es so weit sein wird: der Eintritt der Katastrophe, die die Zivilisation in eine (vielleicht letzte) Krise stürzen wird. 
Elend geht die Welt zugrunde

Prepper aufzuspüren ist gar nicht so einfach. Interviewanfragen bleiben meist unbeantwortet, die Treffpunkte der Szene sind für Außenstehende schwer auffindbar. Wie alle Subkulturen ist auch diese inzwischen über das Internet organisiert. Es gibt Stammtische, Blogs, Foren und Survival-Wikis, aber zunehmend auch kommerzielle Angebote: So stehen Survival-Camps, ein Zombie-Apocalypse-Onlineshop oder Urban-Survival-Touren prinzipiell allen zahlungskräftigen Kunden offen. Eine prima Gelegenheit also für mich, einen Einblick in die Szene zu gewinnen. Wenn die Zombie-Apokalypse ausbricht, will ich schließlich vorbereitet sein!

Die scheue Spezies der Prepper gibt sich nicht gern zu erkennen. Namen zu nennen ist verpönt. Fotos machen ebenso. Viele halten ihre Vorbereitungen geheim. Das geschieht allerdings nicht aus Angst vor dem Spott der anderen. Die Sorge gilt vielmehr den Vorräten selbst: Wer in der Nachbarschaft für seinen gut gefüllten Keller bekannt ist, so die Befürchtung, wird am Tag X selbst zum Ziel der Plünderer. Es kursieren Tipps, wie sich die geheime Vorratshaltung optimieren lässt. Einer davon lautet, einen Fake-Urlaub zu fingieren und die Wohnung mit großen, aber leeren Koffern zu verlassen. In einer anderen Stadt werden die Koffer dann mit Vorräten befüllt (Nudeln, Mehl, Hülsenfrüchte, Wasser, Öl, Nüsse). Und nach einigen Tagen kehrt der Prepper aus dem »Urlaub« zurück. So lässt sich die Vorratskammer unauffällig Stück für Stück aufstocken. 

In meinem Vorratsschrank befinden sich eine Packung Nudeln und eine Backmischung für einen Hello-Kitty-Kuchen (Verfallsdatum 12/2007). Ich bin zuversichtlich, dass mich der Supermarkt mit Lebensmitteln versorgt, ich bei Unfällen im Krankenhaus behandelt werde und heißes Wasser über den Wasserhahn beziehen kann. Im Falle eines Falles bin ich nicht gerade überlebensfähig. 
Bug in oder Bug out

Die Vorbereitung eines Preppers auf den Tag X orientiert sich an zwei Prinzipien: Bug in – oder Bug out. Im ersten Fall richtet man sich darauf ein, die Krise in der Sicherheit der eigenen Wohnung – besser noch: des eigenen Häuschens – zu überstehen. Anleitungen, wie so etwas auszusehen hat, werden von Prepper zu Prepper weitergegeben. Alle anderen werden aber vorerst auch im Internet oder mithilfe einschlägiger Ratgeberliteratur fündig. Das Allerwichtigste ist die Vorratshaltung. Und natürlich der Schutz vor dem Außen. Das Außen, das sind vor allem die Nicht-Prepper. Sie sind der großen Katastrophe ausgeliefert wie die Heuschrecke dem Winter in Äsops Fabel. Sie suchen ihr Heil in Plünderung, Bettelei, Diebstahl oder Kannibalismus, so die Vorstellung. Das Menschenbild vieler Prepper ist darwinistisch. Frauen, Kinder und Rentner gelten, wenn man nicht gerade verwandt ist, als Ballast. Eigene Frauen, Kinder und Rentner müssen dagegen beschützt werden. Frauen haben in der Postapokalypse scheinbar nix zu lachen.

Wer hingegen ein Bug out plant, muss seine Flucht gut vorbereiten. Zum Handwerkszeug des Preppers gehört hier die Zusammenstellung einer BOB (Bug Out Bag). Dabei handelt es sich um einen Fluchtrucksack, der fertig gepackt im Kofferraum eines Autos oder in der Wohnung auf den Eintritt der Katastrophe wartet und dem Prepper das Überleben in der Wildnis für einen begrenzten Zeitraum von zum Beispiel 72 Stunden ermöglichen soll. Von Kompass über Campingkocher, Kampfmesser und Müsliriegel ist alles dabei. 

Für Fortgeschrittene stellt die Wahl der Bug-out-Location die letzte Hürde dar: die Suche nach dem Ort für die Zeit danach. Fruchtbar soll der Boden sein, abgeschieden die Lage, mild das Klima. Im dicht besiedelten Deutschland ein Problem. Wer es ernst meint mit dem Preppen, kauft ein Häuschen in Osteuropa oder anderswo. Einen Kompass braucht man übrigens nicht unbedingt, um dieses Häuschen auch zu finden. Dem Prepper reicht eine analoge Uhr. Richtet er den Stundenzeiger auf die Sonne und denkt sich eine zweite Linie, die die Mitte der Uhr mit der Ziffer 12 verbindet, so liegt Süden genau in der Mitte zwischen dieser Linie und dem Stundenzeiger. Wie aber geht Ottonormalverbraucherin, also ich, mit dem Tag nach Tag X um, wie liest sie einen nicht vorhandenen Kompass?
Wichtige Überlebenstools

Ich trotte mit einem bärtigen Mann Anfang 30 in Richtung einer Gruppe von Nadelbäumen. Unsere Mission: Harz und Reisig sammeln. Im Zwielicht der Bäume angekommen, bin ich erstmal ratlos. Unsere Trainer haben nichts darüber gesagt, wo das Harz zu finden ist und wie ich es transportieren kann. Einer der Bäume ist mit einer klebrig-weißen Schicht bedeckt. Ich stecke den Finger hinein. Es riecht nach Erkältungsbad und fühlt sich an wie Pattex. Ich pule etwas davon ab und trage es zum Camp zurück. Karin sitzt bereits an der Feuerstelle und häuft Birkenrinde, mein frisch gesammeltes Harz und Reisig zusammen. Einer der Trekkingurlauber darf das Häufchen mit dem Flintstein – eine Art dauerhafter Feuerstein mit Magnesiumbeschichtung – entzünden. Zwei, drei Versuche, dann klappt es. Mein Harz brennt, ich bin stolz.

Schwieriger wird es, als wir versuchen sollen, Feuer mittels Feuerbogen zu machen. Das ist eine archaisch anmutende Methode, Feuer aus »Naturmaterialen« zu gewinnen. Was im Film gelingt, wenn Tom Hanks zwei Stöckchen aneinanderreibt, entpuppt sich im Survivalcamp als Schwerstarbeit. Ein Stab (der Feuerquirl) muss unter großem Druck in ein Brett getrieben werden, bis Rauch aufsteigt. Bei mir steigt gar nichts auf. Einmal klemme ich mir den Finger in der Schnur ein. Dann rutsche ich aus und schramme mir die Hand am Brett auf. Scheiß Stöckchen. Ich gebe auf. Null Survivalpunkte für mich.
Das Bundesamt rät …

Wie Tag X aussehen wird, darüber gibt es in der Prepper-Szene unterschiedliche Vorstellungen. Einige dieser Szenarien dauern nur wenige Tage (Stromausfall, Wirbelsturm, Überschwemmung), andere verändern die Gesellschaft grundlegend und dauerhaft, beispielsweise der Zusammenbruch der globalen Ökonomie oder der  Ausbruch eines neuen Virus. Wieder andere wie ein Meteoriteneinschlag oder der Ausbruch eines Supervulkans bedeuten gleich das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Manche fürchten ABC-Unfälle oder Bürgerkriege, einige sehen die Gefahr einer Weltverschwörung oder warten auf den Planeten Nibiru. Den Medien vertrauen Prepper nicht. Ihren Mitmenschen ebenso wenig. Sie legen Vorräte an, lernen den Umgang mit Waffen und wie man ein Feuer entzündet, wenn es keine Feuerzeuge mehr gibt, treffen sich bei geheimen Meetings und tauschen sich in Foren darüber aus, wie man am besten einen Fluchtrucksack packt. Spinner? Verschwörungstheoretiker? Das greift ein bisschen kurz – die Anfälligkeit der hochkomplexen Netzwerke, die unsere Gesellschaft am Laufen hält, ist auch Thema in Politik und Wissenschaft.

In Deutschland beispielsweise rät das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, einen persönlichen Notvorrat für den eigenen Bedarf anzulegen. Die Schweiz verfügt heute dank Schutzraumpflicht über mehr Bunkerplätze als Einwohner. In Island weiß jedes Kind, wie es sich bei einem Erdbeben zu verhalten hat. Kurz: Preparedness ist allgegenwärtig. Multifunktionswerkzeuge werden entwickelt und verkauft, ebenso resistente Getreidesamen. In Survival-Workshops lernen Verwaltungsfachangestellte, wie man aus Kohle, Kies und Moos einen Wasserfilter baut, im Buchhandel führen Werke wie »101 Tipps für den werdenden Prepper« keine Nischenexistenz mehr. Wer aber sind diese Typen, die im Ernstfall ihre Bohnensuppe hinter doppelt gesicherten Stahltüren löffeln, während wir Normalos traurig auf unsere schwarzen Bildschirme starren, um dann vom Mob mit einem Knüppel niedergeschlagen und verzehrt zu werden?
Was braucht man, wenn das Ende naht?

Am Ende der Zivilisation ist das Messer unser wichtigstes Tool, lerne ich im Wald. Es dient zum Schnitzen, Feuer machen, Jagen, Hacken und Häuten. Im Notfall muss es eine Axt ersetzen. Es soll leicht zu schärfen sein, darf nicht rosten und keinen Wellenschliff haben. Begeistert packen alle Anwesenden ihre Messer aus und geben sie in die Runde. Stefan kommentiert: »Das hier ist nicht so günstig, ich würde eine durchgehende Klinge empfehlen, das gibt mehr Stabilität. Ein Hohlgriff sieht zwar aus wie ein Messer von Rambo, taugt aber nichts. Das da ist sehr gut, so ein Ähnliches hatte ich früher auch mal. Dieses hier ist kein Messer, das ist eine Machete.« Beschämt denke ich an das Küchenmesser in meiner Tasche, das größte, das ich besitze. Es ist sieben Zentimeter lang und ein Werbegeschenk – an einem guten Tag zerschneidet es eine Aubergine. Es bleibt besser in der Tasche. Jeder will mal die Machete in der Hand halten, ich auch. Sie ist schwer und aus schwarzem Stahl. Jemand nimmt sich ein Messer und schnitzt aus Holz einen neuen Hering für unsere Zeltplane. Der Himmel zieht sich zu. Null Survivalpunkte für mich.

Neben dem Messer gehört die Schnur zur wichtigsten Ausrüstung eines Preppers – sie ist auch meine erste Anschaffung im Outdoor-Laden: 50 Meter orangefarbene Hässlichkeit in Nylon. Der Verkäufer fragt, was ich damit vorhabe. Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung. Im Survivalcamp lernen wir direkt zu Beginn, wie wir einen stabilen Knoten knüpfen. Es ist noch früh am Morgen, einer packt sein Butterbrot aus und beißt hinein, während wir der Ansprache unserer Trainer lauschen. »Die Kunst ist es nicht, den Knoten gemütlich zu Hause im Wohnzimmer zu knüpfen. Ihr müsst ihn auch dann draufhaben, wenn das Haus in Flammen steht!«, ermahnt uns Karin, »üben, üben, üben!«  Mit dem ersten Knoten – einem Palstek – bauen wir eine Schlinge, die sich nicht zuzieht. Mit dem zweiten Knoten – einem Webeleinstek – befestigen wir ein Seil an einem Gegenstand. Karin steht vor der Gruppe und macht es vor. Sie legt ihr Seil geschickt in ein paar Schlingen, zieht daran und: fertig. Dann sollen wir es nachmachen. Mit meinem Küchenmesser säbele ich ein Stück Schnur ab und imitiere Karins Bewegungen. Wieder und wieder fallen meine Schlingen in sich zusammen. Den anderen ergeht es nicht besser. Immerhin, nach etwa 20 Versuchen klappt es. Wahrscheinlich nur ein Zufall – aber trotzdem: ein Survivalpunkt für mich. Prepper schwören auf Paracord, also Fallschirmschnur. Wer auch im präapokalyptischen Alltag immer vorbereitet sein möchte, trägt seine Fallschirmschnur geflochten als Survival Bracelet am Handgelenk mit sich herum.
Die Dreier-Regel

Das Allerwichtigste beim Überleben ist Wasser. »Wir sprechen von der Dreier-Regel«, sagt Stefan und blickt ernst in die Runde, »dreißig Tage überleben wir ohne Nahrung, drei Tage ohne Wasser und drei Minuten ohne Sauerstoff«. Wir überlegen in der Gruppe, wo sich Wasser finden lässt. Im Bach. Im Regen. Im Tau. Im eigenen Urin. Unter der Erde. In Baumstämmen. Genießbar ist davon nur Weniges, und im Ernstfall kann sich keiner einen Durchfall leisten. Wir diskutieren verschiedene Möglichkeiten, Wasser aufzubereiten und auf Trinkbarkeit zu prüfen. Höhepunkt des Tages ist der gemeinsame Bau eines Wasserfilters: In eine leere umgekehrte Plastikflasche werden vier Schichten (Baumwolle, Moos, Kieselsteine, Sand) gehäuft, durch die man langsam Wasser gießt. Was unten rauskommt, lässt sich nach zweimaligem Filtern bedenkenlos trinken. Das klingt sehr machbar und ist es auch. Wir probieren es und kochen eine Tasse Tee mit »unserem« Wasser. Brrr. Nach einem Schluck schütte ich meinen Tee heimlich in die Wiese. Das Essen behandeln wir zum Glück nur in der Theorie. Da es noch zu kalt ist, gibt es weder Brennnesseln, noch Eicheln, Sauerampfer, Schilf oder Brombeerblätter. Was mit den Kohlehydraten ist, will einer wissen, und mit dem Fleisch. »Wenn ich einen Wurm ausgrabe, dann isst du den auch!«, droht Karin. Ich möchte weder Würmer, noch Eichhörnchen oder Schilf essen. Null Survivalpunkte für mich.

Am Abend zurück auf dem heimischen Sofa gibt es Pizza statt Eichhörnchen. Ich hoffe, die Apokalypse lässt noch ein bisschen auf sich warten. Es ist zwar sehr beruhigend, dass ich nun mein Wasser filtern kann und 50 Meter Schnur besitze, aber im Ernstfall sind es … einfach zu wenig Survivalpunkte für mich.