×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Reoprtage: Feministisch Ficken

Ein Tag am Pornoset von »Cabaret Desire«

Die Regisseurin Erika Lust dreht feministische Pornos. Verena Reygers besuchte 2012 das Set des Lust-Films »Cabaret Desire« und sprach mit den Beteiligten, zu unserem Jubiläum könnt ihr die Geschichte hier noch einmal lesen.

Geschrieben am

Porno, ist das überhaupt was für Frauen? Die Regisseurin Erika Lust sagt »Ja!«. Ihre Filme dreht sie für all jene, die herkömmliche Pornos abturnen. Der Schwedin geht es dabei nicht nur um Orgasmen, sondern die Partizipation von Frauen am Porn-Biz, von der Produktion über die Regie bis zum Schnitt. Verena Reygers besuchte den Dreh des neuen Lust-Films »Cabaret Desire« und sprach mit den Beteiligten.

Endlich, nach einer halben Stunde, quietscht die Matratze. Lautes Stöhnen dringt über den Flur. »Es geht los«, sagt Pablo Dobner, Mitinhaber der Produktionsfirma Lust Productions und Produzent von »Cabaret Desire«, der gerade gedreht wird. »Lass uns rübergehen«, winkt er mich in das Schlafzimmer einer 120 Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Altbauwohnung in Barcelona, wo seine Frau Erika Lust gerade ihren neuen Porno dreht.[ad]Die 34-Jährige steht lässig in Jeans und T-Shirt zwischen dem Kamera- und Tonmann. Mit wachsamen Augen beobachtet sie das Paar, das sich nackt vor ihr in der Missionarsstellung windet. Die Luft ist feucht und warm. Es riecht nach Babyöl und Schweiß und irgendwie schon nach Sex, obwohl die beiden auf dem Bett gerade erst richtig zur Sache kommen. Sie wechseln die Position, die Frau sitzt nun auf dem Mann. Sie hat kleine, echte Brüste und ein hübsches, dezent geschminktes Gesicht. Während sie den Mann unter sich reitet, öffnet sie lustvoll die Lippen, aber ohne das pornoübliche Getue, etwa, lautstark »fuck me« zu jauchzen.

Erika Lust tritt näher ans Bett heran und bedeutet dem Paar mit einer Geste, dass es enger zusammenrücken soll. Sie will mehr Intimität sehen, mehr Leidenschaft und keine Posen, in denen der Zuschauer den besten Blick auf die sich ineinander schiebenden Geschlechtsteile bekommt.


Feminine Pornografie

Seit 2004 dreht Erika Lust Pornos. Explizit für Frauen. Damit will sie ein Gegengewicht zur männlich dominierten Industrie schaffen, die Sex immer einfallsloser und klischeehafter darstellt. Einer Industrie voll getunter Körper, gedopter Schwänze und Frauen, die mehr vor Schmerzen als vor Lust zu schreien scheinen, bevor ihnen ins erwartungsfrohe Gesicht gespritzt wird. Erika Lust will Fantasien bedienen, die sich nicht allein auf die männlichen Entladungsmechanismen konzentrieren. Denn es gibt genügend Frauen, die visuell erregbar sind, die sich gerne von einem Flimmerkasten-Fick anturnen lassen. Aber eben nicht, wenn sie die ewig gleiche Rammelei bei Youporn und Co. sehen, in der die sexuellen Bedürfnisse der Frau oft nicht mal eine Nebenrolle spielen. Pornografie ist absolut okay, solange sie auch der weiblichen Lust ihre Berechtigung gibt. Da braucht es weder eine komplexe Rahmenhandlung noch weich gezeichnete Romantik.

In Erika Lusts Pornos ist sonst alles wie gehabt: Penisse und Vaginas in Großaufnahme. Es wird von unten, oben und hinten gevögelt. Mal zu zweit, mal zu dritt, mal hetero- mal homosexuell. Mal zärtlich und einfühlsam, mal heftig und unverbindlich. Gerne auch mit Cumshot, wenn es die Szene erfordert. »In meinem Kurzfilm ›The Good Girl‹ gab es einen Cumshot ins Gesicht«, erzählt Erika Lust, als wir in einer Drehpause zusammensitzen. »Natürlich bin ich dafür kritisiert worden. Aber wenn ich Sex so haben will, dann ist das kein politisches Statement, sondern in dem Moment mein Wunsch. Diesen zu artikulieren ist durchaus feministisch«, betont sie.

Mit ihren Filmen will Erika Lust zwar gegen die chauvinistische Struktur der Porno-Industrie angehen, aber das bedeutet nicht, dass ihre Protagonisten nur politisch korrekt die Laken zerwühlen dürfen. Unterwürfigkeitsgesten beim Sex sind in Ordnung, wenn sie sich für alle Beteiligten gut anfühlen.
Alice Schwarzer wird angesichts solcher Sätze vermutlich würgen wie manche Porno-Darstellerin bei gewissen Blowjob-Praktiken. Die Feministin und Emma-Herausgeberin ist die deutsche Stimme der PorNo-Kampagne, die sich Mitte der 70er-Jahre in den USA gründete und deren Vertreterinnen, etwa Andrea Dworkin oder Catharine McKinnon, sich für ein gesetzliches Pornografie-Verbot einsetzten. Schwarzer betont zwar gerne, nichts gegen die Abbildung von Erotik und Sexualität zu haben, verurteilt Pornografie aber per se als frauenverachtend und gewaltverherrlichend. Eine Grenze zwischen dem, was pornografisch vertretbar ist, und was nicht zieht sie nicht.[pager]Seit einigen Jahren aber gibt es eine Gegenbewegung: Die PorYes-Vertreterinnen wollen Frauen das Recht auf Spaß an Pornografie geben. Weil Pornografie sie erregt und ihnen als Masturbationsvorlage dient und nicht, weil der Freund vielleicht mit einem heißen Filmchen unterm Arm nach Hause kommt und verschämt fragt, ob man sich das nicht mal gemeinsam anschauen wolle.

Erika Lust ist definitiv PorYes. Auch wenn die gebürtige Schwedin, die seit dem Jahr 2000 in Barcelona lebt, ihren ersten Porno tatsächlich durch ihren damaligen Freund sah. Damals, als Teenager, irritierte sie das Gefühl, einerseits erregt zu sein von dem, was sie sah, andererseits abgeschreckt von der Art, wie Frauen und Männer in dem Film in Szene gesetzt wurden. Später studierte sie Politikwissenschaften und kam dadurch mit dem Feminismus in Berührung. Sie erkannte, was in den meisten Pornos nicht stimmt: »Je mehr Pornos ich gesehen habe, desto mehr fiel mir auf, dass Frauen dort nur dafür da sind, den Mann sexuell zu befriedigen, während ihre Lust keine Rolle spielt.« Das sei auch kein Wunder, wenn man bedenke, dass es nun mal Männer sind, die diese Filme drehen und produzieren.

Was macht man da? Ganz sicher nicht die Matratze den Männern überlassen, sondern selbst die Kamera in die Hand nehmen, um das Bettgeschehen abzubilden. Wie sagte schon die US-amerikanische Porno-Aktivistin Annie Sprinkle: »Die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine Pornos, sondern bessere Pornos.«

Erikas Lusts eigene Theorie ist die der 30 Prozent: »Um die Pornografie zu verändern, müssen wir stärker mitmischen, in dieser Industrie aktiv werden und unsere Geschichte von Sexualität erzählen. Wir brauchen 30 Prozent dieses Business’, um etwas verändern zu können.«[pager]Mit Slow-Sex ans Ziel

Die Mechanismen der Industrie zu verändern bedeutet auch, mit Darstellern und Crew fair umzugehen und sie nicht zu Praktiken zu zwingen, die sie nicht machen wollen. Dass das Gegenteil in der Branche üblich ist, zeigte Jens Hoffmann mit seiner Dokumentation »9to5 – Days In Porn«. Die zeigte: Das Pornobusiness bedeutet Ficken im Akkord. Eine Frau, die die Anal-Penetration verweigert, kann sich im Grunde gleich wieder anziehen und gehen. Was die meisten sowieso nach ein paar Jahren tun müssen, weil sie in der Branche, die ständig nach neuen, unverbrauchten Gesichtern giert, völlig verheizt werden.

Keine Freakshow

Das bestätigt auch Samia Duarte, die sich am Set von »Cabaret Desire« gerade noch mit ihrem Partner in den Laken gewälzt hat. »Im herkömmlichen Porno geht es darum, alles so extrem wie möglich zu machen«, weiß sie. »Erika will Sex zeigen, keine Freakshow. Es geht ihr um Nähe und Intimität, um Küssen und Leidenschaft.« Außerdem kümmere sie sich um ihre Darsteller, lasse sie entscheiden, mit wem sie eine Szene drehen wollen, und kläre alle Details ab, bevor sie »Action« ruft.
Tatsächlich ist die Atmosphäre am Set entspannt und aufgeräumt. Das Filmteam besteht aus jungen Leuten, die aussehen, als verbrächten sie ihre Zeit gerne auf Musikfestivals – ein bisschen verlebt, ein bisschen studentisch. Alle sind entspannt. Nur Erika Lust und ihr Partner Pablo Dobner haben dunkle Ringe unter den Augen: Nach Drehschluss warten zu Hause zwei kleine Töchter auf ihre Eltern – die Jüngste ist erst ein paar Monate alt.

Natürlich steht Lust als Ko-Produzentin ihrer Filme auch unter Zeitdruck. Elf Tage dauert der Dreh für »Cabaret Desire«. Herkömmliche Pornos dreht man an einem Tag, ohne großen Wert auf Requisiten, Licht oder das Wohlgefühl der Darsteller zu legen. Da bleibt keine Zeit für Pausen. Hier schon. Gerade ist wieder eine. Eben schaue ich noch dezent am Penis des Darstellers vorbei, als er durch den Raum läuft und nach einem Handtuch greift, um sich die schweißnasse Brust abzutrocknen. Und schon läuft auch die Darstellerin nackt auf mich zu und greift nach den Croissants, die in der Küchendurchreiche in einem geflochtenen Brotkorb liegen. Sie lächelt mich freundlich an. Es ist wie in der Sauna, in der alle nackt sind und so tun, als seien sie es nicht.

»Ich finde, Pornografie ist eine großartige Gelegenheit, sich und seine Sexualität besser kennenzulernen, sich zu erregen, ohne all diese christlichen Ideen von Scham zu empfinden«, bringt Erika Lust ihr Interesse auf den Punkt. »Es geht mir darum, Sex positiv zu sehen: Er macht Spaß, ist gesund, eine schöne Angelegenheit. Ich bin diese negative Sicht auf Porno und Sex leid, die nur das Aggressive, Gewalttätige sieht. Als ob Sex schmutzig wäre«, ereifert sie sich.

Spaß am Sex zu haben ist auch das Qualitätsmerkmal, nach dem die Pornografin ihre Darsteller aussucht. »Ich muss etwas Besonderes in ihnen sehen, das ich interessant finde. Wenn ich nichts sehe, wie sollen es die Zuschauer können?«, fragt sie. Natürlich lege sie auch Wert darauf, dass die Leute vor der Kamera die Art von Sex haben, den sie auch selbst mögen. Da die Richtigen zu finden sei aber alles anderes als einfach. Als Lust für ihren aktuellen Film Darsteller castete, kam eine Budapester Agentur auf sie zu. »Ein Desaster«, erinnert sie sich. »Als ich sagte, ich wolle vorab mit den Darstellerinnen reden, war die Firma schon total überfordert. Als es dann trotzdem Interviews via Skype gab, war ich entsetzt, wie einstudiert die Sätze klangen: ›Oh, ich liiieeebe große Schwänze‹ und ›Analsex ist sooo toll‹ war alles, was ich zu hören bekam.« Persönlichkeit wird im Fick-Geschäft eher selten verlangt, aber ohne geht es für Erika Lust eben nicht.

Die Schauspieler, mit denen sie jetzt arbeitet, sind entweder Bekannte von Darstellern aus früheren Produktionen oder haben selbst schon in Lust-Filmen mitgespielt. So wie der Italiener Toni Fontana, der sonst ausschließlich als Fotomodell arbeitet. Mit Erika Lust dreht er, weil er ihre Art, Filme zu machen, bewundert. Seine Szenen-Partnerin Sofia Prada, eine dralle, vollbusige Blondine mit kurzen Haaren, aber meterhohen Pumps, entdeckte Lust in einem TV-Interview und kontaktierte sie. Für Prada ist Lust der »Almodóvar des Porno«. So schrill wie der spanische Oscar-Gewinner wirkt die Schwedin dann aber doch nicht, schließlich spricht ihre Filmästhetik zwar eine junge, urbane, aber auch glatte Sprache, ohne irgendwelche Kunstansprüche (mit-)befriedigen zu wollen.

Es ist okay

Am Set des Pornodrehs stelle ich mittlerweile fest, dass inszenierter Live-Sex doch nicht so spannend ist, wie ich gedacht hatte. Ich war durchaus neugierig, was es bei mir auslöst, bei einem Pornodreh dabei zu sein. Ist es erregend, unangenehm oder gar langweilig? Fazit: Es ist okay, aber nicht anregend. Denn wie soll man in Fahrt kommen, wenn die Aufnahmen alle paar Minuten unterbrochen werden, weil die Regisseurin einen Stellungswechsel fordert oder der Kameramann sich in meinen Blickwinkel schiebt? Es ist genau so, wie es Schauspieler immer von Film-Liebesszenen berichten: Das Licht ist grell, alle stehen ums Bett herum, und beim Knutschen darf man nicht versehentlich in die Kamera gucken. Immerhin, als dem Tonmann beim Hochhalten des Mikros das T-Shirt hochrutscht und meinen Blick auf ein Stück behaarten Bauch freigibt, finde ich doch etwas Erotik in der Situation. Genauso, als das Darsteller-Paar beim nächsten Take auf den Höhepunkt zusteuert. Einen gefaketen Höhepunkt, muss man sagen. Denn da hat die Erektion des Mannes schon nachgelassen, sein Penis lugt schlaff unter dem Hintern seiner Partnerin hervor. Trotzdem: Das Zusammenspiel zwischen beiden knistert hochspannungsverdächtig. Am Ende herrscht einen Moment lang atemlose Spannung. Die Darsteller küssen sich zärtlich, der Kameramann hält drauf. Dann lacht die Darstellerin erleichtert auf, und von der Crew gibt es Applaus.

Ein guter Porno kommt eben auch ohne Ejakulation des Mannes aus.

Und was war euer Highlight in 25 Jahren Popkultur? Sagt's uns im Jahrespoll und gewinnt tolle Preise!

Erika Lust

Cabaret Desire [Blu-ray]

Release: 20.07.2012

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr