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Aufwachsen mit der Franchise

Pokémon - Ein Blick zurück

In diesen Tagen feiert die Pokémon-Reihe ihr 20jähriges Bestehen. In dieser Zeit sind viele Fans der ersten Stunde erwachsen geworden, die Franchise bleibt dagegen ein Jungbrunnen. Wir blicken zurück.
Geschrieben am
Seltsam, diese ersten paar Male zurück zu den Eltern zu fahren, nachdem man zu Hause ausgezogen ist. Die Heimat als Gast wahrzunehmen. Mit neuen Eindrücken aus neuem Job und neuer Stadt im Gepäck stehe ich in meinem Jugendzimmer. Ein wenig wie in »Pokémon Rot & Blau«. Dort kehrte man gegen Ende des Spiels auch zurück in sein Heimatdorf, bevor man sich den finalen Herausforderungen stellte. Davon inspiriert krame ich meinen alten Game Boy hervor – als digitale Zeitmaschine, mit der ich einen Ritt ins Jahr 1999  antrete. 

Das Spiel: »Pokémon Rot«. Sammelwut, Wettbewerbsgeist, Erkundungslust. Bei den Bundesjugendspielen bekam ich nur Teilnehmerurkunden, mein Trainer-Geschick machte mich hingegen zum Pokémonliga-Champ. Mein alter Spielstand ist noch da; mein altes Team. Eine Familienzusammenführung. Diese sechs Pixelhaufen waren früher meine »Brothers in Arms«. Mit ihnen kämpfte ich mich durch Arenen, stoppte das böse Team Rocket. Auf langen Autofahrten, in Ferienhäusern, nach der Schule. 

Einmal brachte ich den Handheld sogar mit in die Schule. Verbotenerweise. Doch ich sah es als meine verdammte Pflicht, einen geheimen Team Rocket-Stützpunkt hochzunehmen. Aber der Thrill, dass meine Lehrerin jederzeit den Game Boy konfiszieren könnte, war zu viel für mein neunjähriges Herz. Ich unterdrückte meine Bad-Boy-Tendenzen und ließ ihn fortan zu Hause.
Städtenamen, Spielstrategien und spezielle Kniffe hatten sich in meinem Gehirn eingebrannt. Noch immer kann ich herunterbeten, welche Pokémon-Typen Vorteile gegenüber anderen haben. Bis heute ist mir übrigens nicht ganz klar geworden, warum ausgerechnet die schwachbrüstigen Käfer-Typen der Psycho-Klasse, einer der mächtigsten, überlegen sein soll. Vielleicht war das eine Hommage von Entwickler Satoshi Tajiri an seine Inspiration für die Serie: Als Kind sammelte er Insekten und ließ diese auf Zeichnungen gegeneinander antreten.

Auch bis heute hat sich das grundlegende Konzept der Reihe nicht geändert: Man fängt auch in den neusten Ablegern »X« und »Y« kleine und große Kreaturen, lässt sie gegeneinander antreten und im besten Fall sammelt man sie alle. Wobei für mich das Sammeln nie wirklich im Vordergrund stand. Spannender fand ich es, das perfekte Team zusammenzustellen und mich in der Geschichte zu verlieren. Die Nintendo-Merchandisemaschine tat ihr Übriges. Ich hatte die Fortsetzungen, Spin-Off-Spiele, Sammelkarten, Magazine, Plüschtiere. Träumte davon, im Pokémon-Jet zu fliegen. Zu Karneval ging ich als pummeliger Ash Ketchum.

Natürlich musste ich auch den Film sehen – denn die TV-Serie war damals Pflichtprogramm. Ich rannte, quasi in Gallopa-Geschwindigkeit (an die 240 km/h #pokéfacts) zu meinen Großeltern, um die neusten Folgen zu sehen, da diese näher an der Schule wohnten. Ein wenig zu ihrem Unverständnis. Denn Erwachsene konnten mit den grellen Farben und den lustigen Kreaturen, die nur ihren eigenen Namen sprechen, nicht viel anfangen. Was es für Kinder natürlich nur noch spannender machte.

Das hat sich inzwischen geändert. Die Fans der ersten Stunde sind selbst erwachsen geworden. Und viele halten der Franchise die Treue. Im Netz wurde die sogenannte »Nuzlocke« Challenge beliebt. Ein Ansatz, die Spiele durch selbstauferlegte Regeln herausfordernder zu gestalten. Grundlegende Idee: die Pokémon können »ableben«; verlieren sie einen Kampf, dürfen sie im weiteren Verlauf des Spiels nicht mehr eingesetzt werden. Um diese Variante entstand eine eigene kleine Fangemeinde; einige dokumentieren ihre Abenteuer in Webcomic-Form und erdenken gänzlich neue Geschichten. Darüberhinaus gibt es unzählige Fan-Mods, die dem Spielprinzip reifere Geschichten aufsetzen. Auch das Experiment »Twitch Plays Pokémon« hielt wochenlang das Netz im Atem.

In der Gegenwart wieder angekommen, packe ich den Game Boy in mein Inventarfür Zugfahrten. Und vielleicht gebe ich ihn einmal einem meiner Kinder. Damit es auch versuchen kann, bei einer nächtlichen Autofahrt auf der Rückbank nur mit der Beleuchtung von Straßenlaternen zu spielen. Und ohne die VM 05 Blitz durch den Mondberg nach Azuria City zu gelangen.