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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kolumne: Ich möchte Teil einer Bewegung sein

Paula Irmschler geht zu den Jusos in der SPD

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Und damit einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch unsere Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peergroup, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. Diesmal zu den Jusos.

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Schreibe ich an dieser Stelle nur noch darüber, dass ich mich in windige Typen verknalle und wie beschissen das immer ausgeht? Ja. Aber hey, Kevin Kühnert (jung) – you gotta love that guy! Es gibt dieses Bild von dem Juso-Chef, auf dem er einen Rucksack (!) trägt, darin sichtlich befindlich eine Ausgabe der Jungle World und natürlich eine Flasche Mate. Warum ist das bei ihm geil, wo doch jeder Studentendödel genauso rumläuft, den man deshalb normal ignorieren würde? Weil Deutschlands Regierung so langweilig und am Arsch ist, dass sogar ein Jungle-Mate-Bub revolutionär wirkt, weil Kühnert so tut, als ob das, was er mit seiner NoGroKo-Kampagne tut, dolchstoßartig antideutsch und edgy sei, weil er dem toten Laden, der sich SPD nennt, ins Rotweinglas spuckt, weil er Richtiges kritisiert und Richtiges will. Er will natürlich nicht Deutschland verhindern; und hätte er Erfolg, wäre immer noch das meiste furchtbar, aber geil, wie er dem widerlichen Opportunismus seiner Partei mächtig in die Parade fährt, und das auch noch, als wäre es nuttin’.

Ich lasse mich offenbar affektiv einlullen von diesem revolutionären Charme und will selbstverständlich später sagen, dass ich dabei war, als hier fast der Kommunismus ausbrach. Also melde ich mich bei den Jusos an. Dabei habe ich nicht so richtig bedacht, dass die Jusos ja etwas mit der SPD zu tun haben, die noch nie etwas für uns getan haben. Das Darüberhinwegtäuschen benötigt nicht nur Überwindung, sondern vollkommene Besinnungslosigkeit und das Lahmlegen jeder Menschlichkeit und Vernunft in meinem Leib, also schön Birne ausknipsen mit Mate-Wodka und dann einfach schnell unterschreiben. Gesagt, getan, etwas Großes kann beginnen (Rebellion) und etwas Großes muss verhindert werden (Koalition).

Beim Neumitgliedertreffen begegne ich Gleichgesinnten, heißt: Sie sind auch dabei und neu. Es gibt Brötchen mit Wurst und Käse. Es wird darüber geredet, was jetzt gilt und wie es weitergehen soll. Viele seufzen, später beim Bier ist alles noch schlimmer, immer wieder finden Leute, es ginge bergab und es dürfe nicht so weitergehen, bei jeder Erwähnung von Schulz gibt es Schnaps. Wann treffe ich endlich KK? Wir Fans haben uns mittlerweile gefunden, und wir schaukeln uns gegenseitig so richtig hoch, schauen uns Interviews mit ihm an, grinsen, wenn er verschmitzt grinst, sagen »genau«, wenn er Inhaltliches von sich gibt. Küke, wie wir Ultras ihn nennen, ist unsere kleine Indieband und der Koalitionsvertrag Universal. Wir folgen ihm auf seiner NoGroKo-Tour, hängen an seinen Lippen, wenn er sagt, er wolle politischen Streit, den radikalen Umbruch, den Sturz der Kanzlerin, wenn er die SPD bräsig nennt, auf Jugend und mehr Frauen setzt, die Konsenskultur angreift und dabei immer auch total selbstkritisch bescheiden bleibt. Ach, nimm mich doch auf deinem Mofa mit, Kevin.

Am nächsten Tag halte ich die Abstimmungsunterlagen in der Hand. Als Kind habe ich Konstantin Wecker noch nicht verabscheut, und deswegen hat sich sein »Sage Nein!« so ins Hirn eingebrannt und ist jetzt wieder da, so, dass ich es beim Ankreuzen die ganze Zeit singe: »Tobe, zürne, mach ein Kreuzchen, misch dich ein, sage Nein.« Nein. Nun heißt es abwarten.

4. März 2018: Der Traum ist aus. Die Pissnelken von der SPD haben zu zwei Dritteln für die GroKo gestimmt. Niemand ist überrascht, nur Küke tut allen leid. Jetzt muss er in ganz viele Kameras Durchhalteparolen sagen, irgendwas mit »SPD erneuern« und »Ich lasse mich nicht abbringen von der Mission«. Er muss Haltung bewahren. Er trägt noch immer, wie immer, schwarze Jacke und schwarzen Schal, wie wir damals in der Antifa. Rest in Peace, SPD, schmunzelt man nun. Es gibt keine guten Neuigkeiten. Doch lang lebe Kevin Kühnert! Auf dass er einen besseren Ort für seine Wunderbarkeit finde, zum Beispiel als mein Ehemann. Dann gehen wir in den Untergrund, und der Rest wird eines Tages Legende gewesen sein.