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Die neue Sauberkeit

Ökostrom im Aufwind

Dem Ökostrom gehört die Zukunft! Allein schon, weil die konventionellen Energieträger früher oder später ausgeschöpft sind. Und weil die Atomenergie in vielfacher Hinsicht eine schlafende Bedrohung ist. Ein Tarif- oder Versorgerwechsel lohnt sich heute mehr denn je – zumal die grüne Energie neben der Umwelt mittlerweile immer häufiger auch den Geldbeutel schont. Wir haben uns etwas eingelesen.
Geschrieben am
2011 bebt vor der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu der Meeresboden. Bis zu 15 Meter hohe Tsunami-Wellen rasen auf die Küste zu. Im nur rund 150 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi kommt jegliche Notfallmaßnahme zu spät: Vier von sechs Reaktorblöcken werden zerstört; in dreien kommt es zur Kernschmelze. Die Lage ist katastrophal. Regierung, Betreiber und Notfallhelfer kämpfen noch Monate darum, die Kontrolle über das Brennmaterial zurückzuerlangen. Unvorstellbare Mengen verseuchten Kühlwassers fließen ins Meer, Dörfer, Städte und Höfe im Umkreis des Katastrophenorts sind verlassen und lebensbedrohlich verstrahlt. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die Entsorgungsarbeit erledigt, Jahrhunderte, bis die Strahlung im Gebiet zurückgegangen ist.

Die Welt nach Fukushima

Als größte Atomkatastrophe seit Tschernobyl rief Fukushima nicht nur Skeptiker zurück auf den Plan. Sie stürzte weltweit Regierungen in Zweifel über die zivile Nutzung der Kernenergie, erinnerte sie uns doch an unsere Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und dem Heimatplaneten als ganzem. In Deutschland startete eine Debatte über die Sicherheit der eigenen Reaktoren. Sieben davon gingen sofort vom Netz; der Atomausstieg wurde zu einem der resonanzreichsten und wirkungsvollsten politischen Themen. Mit dem »13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes« beschließt der Bundestag im Sommer 2011 mit großer Mehrheit den Ausstieg aus der Kernenergie. Danach sollten die letzten Kernkraftwerke bis Ende 2022 abgeschaltet werden. Ein Schritt, der – auch gemessen an seinen Folgen – in seiner Reaktionsschnelligkeit nahezu beispiellos ist. Weitere Staaten wie etwa Frankreich reagierten ähnlich schnell, wenn auch nicht in gleichem Maße konsequent. Deutschlands Umbruch zeichnet sich als der radikalste ab, obwohl man noch Ende 2010 übereinkam, die Laufzeiten der Atomkraftwerke abermals zu verlängern. Und schon steht das Thema Ökostrom wieder mitten im Raum.

Auch wenn mit den Jahren vielerorts auch die Angst abnahm, die Fukushima auslöste, und Konzerne wie E.ON oder RWE mit geballter Marktmacht gegen die Entscheidungen vorgehen: Die Energiewende hat sich im Bewusstsein weiter Bevölkerungskreise verankert und dürfte kaum mehr fortzudiskutieren sein. Das zeigt sich gerade in Japan, wo trotz der Revidierung der Ausstiegspläne durch die neue Regierung das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomenergie nachhaltig beschädigt erscheint. Auf Störfälle reagiert man spürbar empfindlicher. Neue Energien müssen her – beziehungsweise gefördert werden. Die Öffentlichkeit schaut der Politik dabei genauer auf die Finger als je zuvor. Und selbst wenn alles noch jahrzehntelang gut laufen sollte: Atommüll löst sich nicht in Luft auf. Im Gegenteil: Die gelben Fässer werden immer mehr. Und es sieht nicht danach aus, als würde sich allzu bald eine elegantere Lösung als das Lagern unter der Erde finden. Von Nachhaltigkeit – oder gar von sauberer Stromerzeugung – kann also auch hier am Ende kaum die Rede sein.

Die Klötze am Bein

Zugleich rücken auch die fossilen Brennstoffe immer mehr in den Fokus der Kritik. Diese Form der Energieerzeugung mag weniger akute Gefahren mit sich bringen. Dafür zählen Braun- und Steinkohle zu den wohl klimaschädlichsten Energieträgern. Dabei spielt nicht nur Kohlendioxid eine Rolle, sondern auch die gewaltigen Emissionen von Feinstaub und Schwermetallen. Dass bei der Umsetzung ein großer Teil der Energie ungenutzt bleibt, macht Kohlekraft außerdem zur ineffizientesten Form der Stromgewinnung. Und da die Kohlevorkommen auf der Erde mittelfristig erschöpft sein werden, bietet auch dieser Zweig der Stromwirtschaft allen Anlass, über umweltfreundlichen und nachhaltigen Strom nachzudenken. Der Trend zum sauberen Strom jedenfalls ist in Gang gesetzt und bei uns auch mehr als ein halbes Jahrzehnt nach Fukushima noch ein großes Thema.

Wer nicht nur sein Gewissen erleichtern, sondern auch einiges an Last von unserer Umwelt nehmen möchte, kann das quasi aus dem Stegreif tun, indem er die Energiewende aktiv mitgestaltet. Angebote im Bereich Ökostrom gibt es reichlich, denn die großen Stromanbieter haben auf das neue Verbraucherbewusstsein im Zusammenhang mit der Energieerzeugung mit Ökostrom-Tarifen reagiert. Mit Greenpeace Energy, Lichtblick, Strommixer und Entega gibt es aber auch kleinere, spezialisierte Anbieter am Markt. Die Elektrizitätswerke Schönau beispielsweise betreiben nicht nur das örtliche Netz im Schwarzwald, sondern vertreiben Ökostrom in der gesamten Republik. Ihre Firmenpolitik macht sich stark für eine klimafreundliche und atomstromfreie Energieversorgung. Die Kampagne »Atomausstieg selber machen«, ein Zusammenschluss von 23 inländischen Umwelt-, Verbraucher- und Anti-Atom-Organisationen, wirbt für den Wechsel zu solchen spezialisierten Anbietern, da nur auf diese Weise vermieden werden kann, dass Geld an die Betreiber von Kernkraftwerken fließt. Darüber hinaus wird von den Unternehmen ein über die bloße Art der Stromgewinnung hinausgehendes, Zusammenhänge reflektierendes ökologisches Konzept gefordert.

Dasselbe in Grün

Ökostromprodukte setzen zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien. Das gewährleisten allein die TÜV-Standards mit ihren Auflagen. Der Strom stammt dabei in erster Linie aus Wasserkraftwerken und Windanlagen – von letzteren gibt es in Deutschland circa 26.000 –, daneben aber auch aus Sonnenenergie, Geothermie und Biomasse. Ökostromzertifikate zeigen an, aus welchen Quellen der Strom stammt und wie er im Detail zusammengesetzt ist. Verbraucherportale raten außerdem einen Wechsel zu reinen Ökoanbietern oder zu Produkten mit hochwertigen Qualitätssiegeln – wie dem »Grüner Strom Label« und dem »ok-power«-Gütesiegel – an. So kann sichergestellt werden, dass die durch den einzelnen Verbraucher erlangten Einnahmen etwa ausschließlich in die Förderung und den Ausbau regenerativer Energien fließen und die Eingriffe in bestehende Ökosysteme gering gehalten werden. Diese Etikettierung stellt vor allem aus dem Grund einen wichtigen Anhaltspunkt dar, dass »Ökostrom« als Begriff nicht geschützt und daher nicht an einheitliche Kritierien geknüpft ist. Übrigens: Dass Ökostrom-Tarife einen finanziellen Mehraufwand für den Verbraucher bedeuten, ist – anders als in den Anfangsjahren – nicht mehr unbedingt die Regel. Im Gegenteil: Der Wechsel zum richtigen Anbieter kann sich auch finanziell lohnen. Man sollte also den Preisvergleich nicht von vornherein scheuen.

So revolutionär unmittelbar das klingt, so pragmatisch und mathematisch ist allerdings am Ende die Lösung: Durch den Vertrags- beziehungsweise Anbieterwechsel ändert sich am Strom, den der Einzelne aus der Steckdose bezieht, zunächst einmal nichts. Wie sollte das auch technisch umsetzbar sein? In Wirklichkeit geschieht Folgendes: Anstatt einer direkten »Belieferung« mit Ökostrom – und womöglich damit notwendigen baulichen Veränderungen – speist das jeweilige Unternehmen lediglich die vereinbarte Menge an Ökostrom in den in den großen, universellen »Stromsee«, wie der Markt oft bildlich dargestellt wird. Der Verbrauer entnimmt exakt diese Menge und hat damit einen positiven Beitrag zur Förderung der regenerativen Energien und Anlagen geleistet: Indem er auf das Mischungsverhältnis des Stromsees einwirkt, beeinflusst er die Marktanteile und damit die Perspektive der Öko-Energien. Ähnlich verhält es sich bei der Deutschen Bahn, die die von BahnCard-Inhabern gebuchten Fahrten als zu 100 Prozent CO2-frei bewirbt. Mit einem Euro mehr pro Fahrt können sich aber auch alle anderen Kunden dank der »Umwelt-Plus«-Option für Betriebsstufe grün entscheiden. Auf diese Weise kann Nuklear- und fossile Energien in der Theorie schon bald die Grundlage entzogen werden. Durch gesetzliche Fördermechanismen wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der rot-grünen Bundesregierung wird die Energiewende zusätzlich unterstützt – auch, um den Beschlüssen der Weltklimakonferenz Rechnung tragen zu können. Fehlt eines Tages gar der Bedarf an konventionellen Energieträgern, erübrigt sich der Streit um die gesetzliche Regulierung ganz von alleine, und die Konzerne sind schon durch die Sachlage gezwungen, ihre Ausrichtung umzustellen. Bedeutet zusammengefasst: Der Konsument hat die Macht!

Die Energiewende betrifft alle

Und er nutzt sie: Der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien liegt in Deutschland bei rund einem Drittel – Tendenz steigend. Im Ausbau der Öko-Stromquellen ist Mecklenburg-Vorpommern ganz vorn mit dabei: Mehr als die Hälfte des erzeugten Stroms werden hier nachhaltig erzeugt, hauptsächlich in Wind- und Biogasanlagen. Auch die Entwicklungen in anderen Bundesländern geben Anlass dazu, die Energiewende als zukunftsfähig einzustufen. Ihre erheblichen Kosten sind auf keiner Seite von der Hand zu weisen, ihnen stehen allerdings auch ein wirtschaftlich konkurrenzfähiges Deutschland und eine Menge neuer Märkte und Arbeitsplätze gegenüber. So oder so wartet noch viel (Überzeugungs-)Arbeit auf Politik, Wirtschaft, die Organisationen – und nicht zuletzt den Bürger, an dem es vor allem liegt, die Botschaft zu verstehen und verbreiten. Ergo: Packen wir es an!