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»Wer bedroht wen?«

Mithu M. Sanyal über Kölner Silvesternächte

Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Mithu M. Sanyal (»Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens«) über sexuelle Übergriffe und Racial Profiling in Köln.
Geschrieben am
Im Buch »Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens« beschäftigst du dich unter anderem eingehend mit den Vorfällen der Kölner Silvesternacht 2015/16. Die massenhaften Übergriffe auf Frauen aus dem Vorjahr sind diesmal zum Glück ausgeblieben. Wie hast du die Geschehnisse auf der Domplatte in der letzten Silvesternacht wahrgenommen?
Die Offenheit, mit der die Kölner Polizei am Hauptbahnhof nach Hautfarbe selektiert hat, ist ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz – und das Vorgehen der Kölner Polizei hat in den Tagen darauf zurecht eine längst fällige mediale Debatte über »Racial Profiling« hierzulande ausgelöst. Zumal sich die verdächtigten Nordafrikaner bei näherer Betrachtung als Syrer und Iraker entpuppt haben.

Es wird dagegen argumentiert, dass eine Wiederholung sexueller Grenzüberschreitungen vermieden worden sei. Im Vergleich: 2017 wurden nur zehn Sexualdelikte nach der Silvesternacht angezeigt, im Vorjahr waren es über 500. Lässt sich unter diesem Gesichtspunkt nicht sagen, dass das Vorgehen der Kölner Polizei problematisch, aber letztlich angemessen war?
Es muss nach wie vor erlaubt sein, die Methoden der Polizei infrage stellen zu dürfen. Im Übrigen hat sich doch die Mär vom »Sex-Mob«, der auf der Domplatte reihenweise Frauen vergewaltigt hat, inzwischen doch eher in Richtung »Angrabschen« im großen Stil verschoben. Was natürlich auch schlimm ist und nicht vorkommen darf. Dagegen spreche ich mich auch in meinem Buch deutlich aus. Allerdings hat die Kölner Silvesternacht eben auch falsche Angstbilder geschürt, die auf Dauer gefährlich werden können. Denn was macht es langfristig mit ethnischen Minderheiten, wenn diese von der Gesellschaft wie potenzielle Straftäter behandelt werden? Erschwert das nicht auf lange Sicht die Integration? Und schafft man damit schlimmstenfalls nicht sogar noch Täter?   

Was hätte die Polizei besser machen können, außer offensichtliches, wie auf den Ausdruck »Nafri« zu verzichten?
Ich glaube, dass, egal wie es letztlich gelaufen wäre, es von irgendeiner Seite sicherlich Kritik gehagelt hätte. Damit möchte ich die Kölner Polizei jetzt nicht in Schutz nehmen, die letztlich auch nicht für eine freundliche Atmosphäre auf der Domplatte sorgen oder die Integrationsfrage lösen kann. Die Deeskalation müsste dafür an einem ganz anderen, viel früheren Punkt ansetzen. Das kann die Polizei gar nicht leisten.     

Was wären für dich denn sinnvollere Interventionen?

Aufklärung. Klingt erst mal böse, weil es impliziert, dass nur »die Anderen« aufgeklärt werden müssen. Das ist damit aber nicht gemeint.

Sondern?

Wir sind ja in einer Situation, in der ganz viele Menschen hierhinkommen und hier leben wollen. Im nächsten Schritt müsste dieses Zusammenleben organisiert werden, und das passiert momentan entweder gar nicht oder nicht ausreichend. Stattdessen werden endlose Debatten darüber geführt, ob »die Anderen« jetzt eine Bedrohung für uns darstellen. Dabei wäre es viel sinnvoller darüber zu diskutieren, wie wir Integration überhaupt möglich machen können. Welche Perspektiven es für Zuwanderer gibt. Natürlich wird es während dieser Prozesse auch zu Konflikten oder neuen Herausforderungen kommen, über die wir auch reden müssen. Diese sind aber längst nicht so gravierend, wie sie nach Silvester dargestellt wurden.

Nach der Silvesternacht 2015/16 standen Männer aus Nordafrika unter Generalverdacht, patriarchalische Rollenbilder nach Deutschland »importiert« zu haben.
Alice Schwarzer spricht auch in diesem Jahr wieder von einer »Machtprobe entwurzelter, brutalisierter und islamisierter junger Männer« mit dem Staat.
Klar gibt es Menschen, die aus Ländern oder Milieus mit anderen sozialen Codes kommen. Darüber müssen wir auch reden, aber eben differenzierter, als es bisher geschehen ist. Es bringt nichts, Menschen aus komplett unterschiedlichen Herkunftsländern wie Tunesien, Syrien, Ägypten oder Marokko in einen Topf zu werfen. Auf den Islam bezogen heißt das: Wir dürfen die konservativste Ausprägung nicht für den einzigen oder einzig »echten« Islam halten. Das macht der IS schon. Und wir müssen aufhören, uns für die Spitze der Emanzipation zu halten. Im ultrakonservativen Pakistan und sogar in Saudi Arabien sitzen mehr Frauen im Parlament als in den USA. In Indien wurde schon vor fünfzig Jahren eine Frau zur Präsidentin gewählt. Der muslimische Mann als Schrecken des christlichen Abendlandes, das stimmt so einfach nicht.

Außerdem könnte man den Spieß auch umdrehen.
Allein im letzten Jahr gab es 900 Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte.
Genau, wer bedroht hier eigentlich wen? Das ist das Erstaunliche an der Situation. Einerseits ist die Kriminalität durch Zuwanderer im letzten Jahr gesunken, andererseits werden die Ängste der besorgten Bürger paradoxerweise immer größer.

Du selbst wohnst seit Jahren in einem marokkanisch geprägten Teil von
Düsseldorf-Oberbilk. Hat dich das Ausmaß an Racial Profiling eigentlich sehr überrascht?
Nicht wirklich. Ich wohne mit meiner Familie schon sehr lange in Oberbilk, also genau jenem Teil, das zuletzt als Klein-Marokko oder Maghreb-Viertel in Verruf geraten ist. Dort sind sogenannte Stop-And-Search-Aktivitäten, die in Deutschland eigentlich verboten sind und nahezu immer afrikanisch oder arabisch aussehende Männer betreffen, schon länger an der Tagesordnung. Die Begründung dafür ist natürlich immer, dass Drogen vermutet werden.

Die Kölner Silvesternacht 2015/16 hat nach etlichen Scheindebatten um die weibliche Sicherheit wenigstens zur Verschärfung des Vergewaltigungsparagrafen geführt. Welche gesamtgesellschaftlichen Folgen wird die jüngste Silvesternacht nach sich ziehen?

Was ich mir wünschen würde, wäre gerade nach der letzten Silvesternacht ein verbindliches Antirassismus- und gewaltfreies Kommunikationstraining für die Polizei und andere Behörden. Was ich hingegen befürchte? Mehr Polizeipräsenz an öffentlichen Orten und eine strengere Kontrolle öffentlicher Räume. Letzteres ist mit der geplanten Schutzzone um den Kölner Dom bereits losgegangen.    


Mithu M. Sanyal

Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens (Nautilus Flugschrift)

Release: 24.08.2016

»Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens« ist bei Edition Nautilis erschienen.   

»Die Kölner Silvesternacht und ihre Folgen«, 19.01. 2017, 19 Uhr, Academyspace, Herwarthstraße 3, Köln, mit den Gästen Mithu M. Sanyal, Peter Pauls und Christian Werthsculte.