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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Reportage: Mein Land in Sicht!

Die Schwimmenden Städte und andere Mikrostaaten

Der österreichische Filmemacher Paul Poet gelangt vor über zehn Jahren auf die Spur kleinster, selbst verwalteter Staaten. Er findet eine ganze Reihe dieser unabhängigen Gegengesellschaften, die sich von der herrschenden Ordnung abgrenzen. Exklusiv für Intro berichtet der Regisseur, der mit »Empire Me« auch einen Film zum Thema in die Kinos gebracht hat, über eine Reise auf den von ausgeflippten Anarchos bevölkerten Schwimmenden Städten.
Geschrieben am
Hast du zu Zeiten von Kriegen und Kriegsgerüchten niemals von einem Ort geträumt, an dem Frieden und Sicherheit herrschten und wo das Leben kein Kampf, sondern ein immerwährendes Vergnügen ist? Natürlich hast du das ...

Wirtschaftskrise. Weltverseuchung. Jeder gegen jeden. 1937 in Frank Capras Kino-Klassiker »Lost Horizon« (deutscher Titel: »In den Fesseln von Shangri-La«) klangen der Fatalismus und das Bedürfnis nach Rettung, nach Utopia, nicht weniger dringlich als im bumsfidelen Armageddon-Jahr 2012. Aber damals hatte man ja noch die Kleinigkeit eines Weltkriegs vor sich. Was mag jetzt kommen – im eng vernetzten Globalisierungsdickicht unserer Hyper-Moderne? Der Zerfall in unendlich viele Kommunen, Fürstentümer, Mikronationen, Piratenwelten – unabhängig, selbst verwaltet und souverän?

Staat auf der Couch


Die Konvention von Montevideo vom 26. Dezember 1933 legte die Grundanforderungen eines jeden Staates fest, auf die sich fast alle Mikronationen berufen: Du brauchst deinen eigenen Grund, deine eigene Bevölkerung, eine eigene staatliche Ordnung und die Fähigkeit, Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen. Eine Anerkennung von außen ist dezidiert nicht notwendig. Das heißt konkret: Jeder Mensch kann mit seinem Garten, seiner Couch, seinem Wohnzimmer einen unabhängigen Staat gründen.[ad]In Australien sind es bereits gut hundert, die als Freistaaten ausscheren. Es sind meist einfache Farmer, Opfer von Grundstückspekulanten, die plötzlich ohne Habe, Bleibe, Recht und Sozialschutz dastehen. Und da ziehen sie nun vor Gericht, als Könige, als Erzbischöfe ihres eigenen Prinzentums, mit Fahnen und Talaren, ganz wie in dem »Enjoy The Silence«-Video von Depeche Mode. Wedeln mit Empfehlungsschreiben von Kofi Annan und ihrer Eintragung in der Staatenregistrierungsstelle beim CIA in Washington DC. Narzissmus? Nein. Eskapismus? Schon gar nicht. Kasperliade und Schildbürgerstreich? Stecken mit drin. Aber vor allem: die Idee vom eigenen Staat als Selbstverteidigungsmöglichkeit.

Aus meinem Interesse für diese sich immer deutlicher abzeichnende globale Subkultur entstand die Idee zu »Empire Me – Der Staat bin ich«. Nach für mich unfassbaren acht Jahren des Andockens, der Hardcore-Recherche und der Filmarbeit ist er nun fertig, der 100-minütige Doku-Abenteuer-Film über sechs solcher Gegenwelten: das neoliberale Hacker-Imperium des Fürstentums Sealand; die bauernschlau aufständischen Australier in der Provinz Hutt River; die esoterische Megalomanie der Föderation Damanhur, der auch Nena und Sting angehören; das ZeGG oder: der deutsche »Staat der freien Liebe«; der Freistaat Christiania, anarchistischer Stadtteil von Kopenhagen; die nomadischen Punk-Piraten der Schwimmenden Städte von Serenissima.

»Wer kennt schon die Freiheit, außer, man hat sie plötzlich nicht mehr, wenn ein totalitärer Staat die Kontrolle über dich übernimmt? Aber vielleicht blüht uns das ja bald mal wieder«, erklärt Prinz Michael Bates, der derzeitige Regent von Sealand, in »Empire Me« und blickt knurrig vom Gummiboot auf sein Königreich, eine verrostende Plattform auf offener Nordsee mit Lebensfläche bis zu dreißig Meter unter Wasser. Sealand ist nur über eine rote Kinderschaukel an einem Kran betretbar. Wenn die Menschheit keine rosige Zukunft mehr hat, muss man das Ruder selbst übernehmen. So ist Bates zu verstehen – und er steht damit exemplarisch für die Grundeinstellung der Menschen, die in solchen Kleinstaaten leben.


Pack die Badehose ein!


Rückblende: Mai 2009, Regen entlang der Mittelmeerküste. Der erste große Dreh nach gefühlten Dekaden der Recherche. Seit 2006 erbaut eine ständig im Wandel befindliche Gruppe mobile Floßstädte, die Schwimmenden Städte. Seetüchtige Fantasy-Welten aus Schrott und Abfall. Die ersten zwei Jahre war man am Mississippi unterwegs, 2008 auf dem Hudson River, 2009 ging es mit mir an Bord entlang der adriatischen Küste Richtung Venedig.

Scott Beibin, Philadelphias Indie-Rock-Maestro, mit dessen »Lost Film Fest«-Tour auch mein erster Kinofilm »Ausländer raus! Schlingensiefs Container« quer durch die USA tourte, hatte mir erst zwei Wochen zuvor via Facebook einen Clip über die Schwimmenden Städte und ihre Bewohner zugespielt: Künstler-Freaks aus den Punk- und Squatter-Löchern von Brooklyn, San Francisco und New Orleans. Etliche kommen aus dem Umfeld des Burning Man Festivals, andere sind vom Black Label Bike Club, einer Mutanten-Fahrrad-Stuntgruppe, die mit eigenen »Jackass«-artigen Clown-Shows durch die Lande gondelt. Ihre temporären Schrottimperien aus Glitzer und Rost, die jedes Jahr aufs Neue erbaut und nach wenigen Monaten wieder abgerissen werden, könnte man »Staat als Fluxus« nennen. Bloß keine Verbeamtung, keine Krusten und Regeln. Trotzdem gilt der Zusammenhalt als oberstes Gebot, wenn es das Überleben auf hoher See verlangt. Also: Kapitäne gibt’s schon. Aber keine Hierarchie.
Die Sonne kommt raus über dem slowenischen Ankaran, einem kleinen Industrie-Vorort von Koper. Die reiche Idylle von Portoroz und seinen Jachthäfen meilenweit entfernt, ist alles knallvoll mit verreckter Frachter-Industrie. Kilometerweit gammeln fabrikfrische Autos aus Übersee hinter Stacheldraht. Sonst Ruhe, Tristesse und ein paar Flecken Pinienwald. Allein ein einzelner Kohle-Kran räumt Tag und Nacht die Tanker voll. Der bewegt außerdem eine Handvoll Exzentriker Anfang 20 bis Mitte 30. In drei versifften Containern schlafen sie am Fachwerkstrand. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit und des Stillstands freut man sich hier über die durchgeknallten Amis.

Chicken John, bürgerlicher Name: John Rinaldi, mit nicht mal 41 der Älteste der Gemeinschaft, kaut auf einer dicken, mit Gaffer-Band umklebten Zigarre herum. Sechs Männer wuchten sein Opus magnum an die Floße, einen aus antiquarischen Mercedes-Benz-Motoren und Stahlgerüsten zusammengeschweißten Außenborder. In San Francisco ist er eine Outlaw-Größe. Einst war er Gitarrist von GG Allins Murder Junkies. Später wurde er im Umfeld des Burning Man, der Church of SubGenius, des Circus Redickuless und des selbst betriebenen Clubs Odeon zum Punkrock-Entertainer. 2007 schaffte er es fast zum Bürgermeister von San Francisco: »Mit mehr Stimmen als einst Jello Biafra.« Letztlich zerstörte Chicken John die Wahlkampagne mit einem Zombie-Flashmob, der die Schlussdiskussion im TV stürmte. Bevor die Reise in Richtung Venedig losgeht, spricht er vor der Kamera einen der wichtigsten Sätze des Films aus: »Schau dir diese Multi-Millionen-Jachten an, die da drüben vorbeituckern, und dann schau dir diese riesigen Haufen Scheiße an, die wir hier geparkt haben. Und frag dich, wer mehr Spaß bei der Sache hat!« Er selbst war erst kurz zuvor dazugestoßen, nachdem er auf dem Jahrmarkt der Bay Area Geld für den Flug geschnorrt hatte. Hundert Leute durften während einer schmissigen Song&Dance-Routine gegen Bares Faschingsraketen auf ihn im Matrosenkostüm schießen. Ich staune: Der Verwirklichung eines Traums ist jedes Mittel recht.

Crust-Nixe Arielle Bier lümmelt sich im Bikini auf der Schiffschaukel, während sie gelassen die knallharte Philosophie der Schwimmenden Städte ausführt: »Die Welt ist längst untergegangen. Wir existieren auf einem Müllplaneten.« Die einzig sinnvolle Form von Kultur und Gesellschaft könne nur mehr Recycling sein, erklärt sie grinsend. Die Leute auf den Schwimmenden Städten seien Survivalists in formlosen Welten. Sie bildeten Gemeinschaften für den Moment. Hier bringe man sich selbst bei, wo man Essen klaut, aus Müllbergen klaubt oder Roadkill von der Straße kratzt. Man lerne, wie man Boote baut und fährt – wie man eben überlebt. Als Team. Als wissendes Wolfsrudel, das sich bewusst  für eine flache Hierarchie entscheidet.

Auf Grund gelaufen


Seit mindestens zwei Jahrzehnten grassiert eine neue Welle der mikronationalen Bewegung – Territorien, die aus der Weltordnung ausscheren, ihre eigenen Lebensregeln ausformulieren und verwirklichen. Anders als die Piraten und Freidenker, die am Rande der kolonialen Eroberungen ihre eigenen Kaiserreiche im Off der Landkarten belegten. Anders als die New-Country-Bewegung rund um 1968, als der gebildete Hippie aus gutem Hause vom autarken Eiland fernab des grauen Alltags schwärmte. Diese Bewegung wird immer stärker, wirtschaftlich und kommunikativ hochgradig vernetzt, dezentral komponiert aus linken (Öko-Dorf) und rechten (Mikronation) Konzepten, besetzt mit Querdenkern aller Altersgruppen und Ideologien. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist das Angewidertsein vom großen Machtverkehr, und sie alle eint der exzentrische Versuch, eine ganze eigene Welt zu basteln. Als Provokation. Als Gegenmodell. Als Ort der Selbstermächtigung. Wo die kleine Nummer mit Fug und Recht König sein darf.

Weiter geht die Reise: Der Mann von der slowenischen Behörde schüttelt den Kopf. Nein, diesen Schrottvehikeln könne man keine Fahrterlaubnis geben. Die Pontons aus Sperrholz und Plastikfässern seien zu wenig tragfähig für die teils 15 Meter hochragenden Kunstpyramiden darauf. Chicken John, Arielle Bier, Swoon alias Caledonia Curry, die weibliche Ikone der amerikanischen Street Art, und all die anderen Königinnen und Könige der Schwimmenden Städte von Serenissima entscheiden: »Wir fahren trotzdem!« Anfangs begleiten ich und mein fünfköpfiges Team den Tross auf einem Katamaran, nach wenigen Tagen reise ich auf den Floßen selbst. Im Golf von Triest erwartet uns die erste wirkliche Taufe: Das Überqueren des offenen Meeres geschieht in ständiger Gefahr, dass die Bora aufzieht. Schutzlos und unbekümmert ab Richtung Horizont! Johnny Cash, John Prine, die Dead Kennedys und ein Gabber-Remix von Tears For Fears plärren aus einem kaputten iPod mit Krümelmonsterlautsprechern.
Unwetter zieht auf. Die Helden haben Angst. Die Wellen schwappen, und die ersten Bretter und Nägel prasseln auf unsere Köpfe runter. Der Motor von Floß Alice kollabiert. Auf Old Hickory dasselbe. Reparaturen mit Schlaghammer. Böden lösen sich auf. Die Armada ist havariert. Die immer fröhliche Kommunikations-Lady Tianna Kennedy, sonst unter anderem als Cellistin für TV On The Radio unterwegs, hat ein weiß angelaufenes Gesicht und kämpft mit der Übelkeit. Kameramann Enzo hängt Capoeira-geschult mit einer Hand am Mast und schultert das schwere Arbeitsgerät auf den zerbrechenden Holzkonstrukten. Produktionsleiterin Andrea brüllt über das Walky Talky was von Drehabbruch. Ich schalte ab. Kapitän Doyle S. Huge, ein Bär von einem Typen mit kinky Käppi und Strumpfhosen, blödelt: »Hat jemand einen Begräbnismarsch auf seinem iPod?«

Abgeschleppt von Profi-Navigator Porter Fox im begleitenden Fischkutter, der seit Beginn der Reise dabei ist, werden alle schließlich vor Anker zu der Sonneninsel Grado gebracht, hauen sich die Hucke mit Opium oder Hasch voll und vertreiben sich die Zeit mit Zelt-Sex am Moskito-verseuchten Ufer. Wochen und Monate der Odyssee durch die Kanäle der italienischen Küste folgen, ständig bedroht von Behörden, Bevölkerung, den Gezeiten. Unterwegs liegt mein Assistent dank der Bordküche der ständig hackedichten Francesca mit einer Lebensmittelvergiftung tagelang flach. Wieder bleibt ein Floß stecken, es ist auf Grund gelaufen. Venedig scheint weiter entfernt denn je. Beim Versuch, das Floß herauszuziehen, laufen auch die anderen beiden auf Grund. Vor uns und hinter uns stauen sich Touristen-Flottillen und Motorboot-Ausflügler. Komplett-Stau. Mit Eisenstangen drücken wir uns stundenlang aus dem Morast.

Staat auf der Couch


Die Konvention von Montevideo vom 26. Dezember 1933 legte die Grundanforderungen eines jeden Staates fest, auf die sich fast alle Mikronationen berufen: Du brauchst deinen eigenen Grund, deine eigene Bevölkerung, eine eigene staatliche Ordnung und die Fähigkeit, Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen. Eine Anerkennung von außen ist dezidiert nicht notwendig. Das heißt konkret: Jeder Mensch kann mit seinem Garten, seiner Couch, seinem Wohnzimmer einen unabhängigen Staat  gründen.

In Australien sind es bereits gut hundert, die als Freistaaten ausscheren. Es sind meist einfache Farmer, Opfer von Grundstückspekulanten, die plötzlich ohne Habe, Bleibe, Recht und Sozialschutz dastehen. Und da ziehen sie nun vor Gericht, als Könige, als Erzbischöfe ihres eigenen Prinzentums, mit Fahnen und Talaren, ganz wie in dem »Enjoy The Silence«-Video von Depeche Mode. Wedeln mit Empfehlungsschreiben von Kofi Annan und ihrer Eintragung in der Staatenregistrierungsstelle beim CIA in Washington DC. Narzissmus? Nein. Eskapismus? Schon gar nicht. Kasperliade und Schildbürgerstreich? Stecken mit drin. Aber vor allem: die Idee vom eigenen Staat als Selbstverteidigungsmöglichkeit.