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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Brennende Vorstandsetagen

Laurie Penny im Gespräch

Die britische Autorin Laurie Penny kombiniert Nerdkultur mit Feminismus und Kritik am Kapitalismus. Dabei ist sie so glasklar, mitreißend und wütend wie die Hookline deines Lieblingstracks. Mit Liz Weidinger sprach sie über ihr Buch »Unsagbare Dinge« und kommende Science-Fiction-Abenteuer.
Geschrieben am

Seit Anfang Mai gibt es von dir nicht mehr nur journalistische Texte zu lesen, sondern auch Science-Fiction-Storys. Wie kam es dazu?
 
Ich verbringe viel Zeit damit, Romane zu lesen – Science-Fiction genauso wie Literaturklassiker. In meiner Freizeit gehe ich zu Nerd-Conventions und führe aufgeregte Diskussionen über »Dungeons & Dragons«. Eine Geschichte, die immer wieder erzählt wird, ist die vom weißen Helden, der am Ende das Mädchen bekommt. Auch gut, aber nichts Neues. Dadurch, dass Fantasy und Science-Fiction im Mainstream immer beliebter werden, bekommen auch mehr Frauen, queere Personen und Schwarze die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen. Und das sind die Storys, die ich spannend finde und die ich erzählen möchte. 

Geschichten und Science-Fiction also als Möglichkeit, über eine bessere Gesellschaft nachzudenken? 
Ja. Zum Beispiel über die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, wenn Fortpflanzung und Arbeitsteilung nicht mehr mit Geschlecht zusammenhängen. Verhütung und die Möglichkeit einer medizinisch sicheren Abtreibung haben die Welt in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Eigentlich könnte jede Frau mittlerweile also über ihren eigenen Körper bestimmen. Wir sprechen aber immer noch darüber, ob eine Frau das Recht haben sollte, eine Schwangerschaft zu beenden. Ich möchte diese Diskussion überwinden. 

In deinem Buch »Unsagbare Dinge« analysierst du die Geschichten der Filme »500 Days Of Summer« und »Ruby Sparks«.  
Sie haben mich interessiert, weil ich meine Erfahrungen darin wiedererkannte. Ich glaube, in diesen beiden Filmen sind Manic Pixie Dream Girls zu sehen. »Ruby Sparks« ist von der Frau geschrieben, die auch die Hauptrolle spielt, und treibt diese Idee auf die Spitze. In dem Film erschafft und kontrolliert ein männlicher Autor sein Traummädchen tatsächlich durch das Schreiben von Geschichten. Eine schreckliche Szene am Ende des Films zeigt Ruby, wie sie wild durch das Zimmer tanzt und nicht damit aufhören kann. Richtig gruselig. 

Das gehört zu deinem großen Kapitel über Liebe. In Popsongs geht es ja in den allermeisten Fällen um die klassische romantische Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Welche anderen Konzepte von Liebe sollten mehr in Songs vorkommen? 
In meinem Alltagsleben spielt romantische Liebe keine große Rolle. Ich habe in London mit mindestens zwölf Leuten in einem großen Lagerhaus zusammengewohnt. Viele sind queer, polyamourös und passen nicht in das zweigeschlechtliche Raster. Ich würde mich freuen, wenn die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe im Pop noch mehr verwischen würden. Aus genau diesem Grund bin ich ein großer Fan der Fernsehserie »Orange Is The New Black«. Weil ganz unterschiedliche Beziehungen zwischen Frauen abgebildet sind. Manche sind hauptsächlich sexuell, andere rein platonisch, aber auch oft ziemlich unklar. Das habe ich so noch nicht im Fernsehen gesehen.

Viele Leute haben Angst vor Feminismus. Warum? 
Ich glaube, »Leute« meint hier vor allem Männer. Frauen haben Angst vor Feminismus, weil sie Angst haben, Männer zu verärgern. Das macht auch Sinn, schließlich hatten Frauen lange Zeit gute Gründe dafür. Das ist aber keine Option für eine radikale Politik. Wenn wir etwas verbessern wollen, sollten wir sagen, was mir meinen, statt es mit Zuckerguss zu überziehen. Feminismus hat einfach eine Angst einflößende Botschaft: Wir wollen die Gesellschaft verändern. 

Du sprichst auch von »verlorenen Jungs«. Wer oder was ist damit gemeint? 
Besonders für weiße heterosexuelle Jungs ist die Vorstellung einer gerechteren Gesellschaft eine Herausforderung, weil sie aktuell – zum Beispiel durch die Finanzkrise und den Neoliberalismus – sowieso schon weniger Macht haben, als ihnen in den Comics ihrer Teenagerzeit versprochen wurde. Sie sind mit der Erwartung aufgewachsen, immer der Held zu sein. Es ist kein Spaß, jetzt zu hören, dass andere Leute diesen Platz einnehmen sollen und sie eine Nebenrolle bekommen. 

Du solidarisierst dich mit Queers, Schwarzen, der Arbeiterklasse und sagst Sachen wie: Ich will nicht mehr Frauen auf Vorstandsetagen, sondern brennende Vorstandsetagen. Wie hängt das zusammen? 
Das ist ein Bild, eine Metapher. Ich bin kein Fan eines Feminismus, der innerhalb des neoliberalen Kapitalismus stattfindet. Das klassische Beispiel dafür ist Sheryl Sandberg mit ihrem Buch »Lean In«. Veränderung soll bei Sandberg aus dem Inneren jeder individuellen Person kommen. Das ist ein klassisches neoliberales Argument. Es gibt keine Diskussion über Patriarchat, sexuelle Gewalt oder strukturelle Diskriminierung. Ihre Zielgruppe sind reiche, angehende Karrierefrauen, und ihr Lösungsvorschlag ist, eine bessere Kapitalistin zu werden: härter arbeiten, mehr Geld verdienen, ein Kindermädchen anstellen und den perfekten Ehemann finden. Das ist überhaupt ihr wichtigster Ratschlag: Finde den richtigen Partner, der die Entscheidung zu arbeiten unterstützt und bei der Kindererziehung hilft. Oberste Priorität für Frauen hat die Suche nach dem richtigen Mann. Das ist immer noch der gleiche Ratschlag wie vor hundert Jahren. Das halte ich für rückschrittlich. 

Etwas Lebenshilfe zum Schluss: Findest du es vertretbar, eine Putzfrau zu haben? 
Na ja, das Putzen gehört zur klassischen Haus- und Sorgearbeit, die heute zu einem großen Problem geworden ist. Es ist einfach zu viel Arbeit für nur eine Person, einen Haushalt zu führen und Vollzeit zu arbeiten. Deswegen, denke ich mir, ist es nicht gleich schlecht, jemanden einzustellen, der das Haus sauber macht. Ich glaube aber schon, dass es wichtig ist, die Person fair zu bezahlen, nicht überheblich zu behandeln und über den gesellschaftlichen Kontext nachzudenken, in dem das alles passiert. Schlimm ist, dass Putzkräfte so schlecht verdienen und so viel arbeiten müssen, dass sie keine Zeit für ihre Freunde und ihre Familie haben.

Laurie Penny »Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution« (Edition Nautilus, 288 S., € 16,90)

Laurie Penny

Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution

Release: 25.02.2015