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Ein Modell für die Zukunft?

»The Haus« in Berlin

Frage: Was ist quietschbunt, macht einen Haufen Arbeit und wird in drei Monaten abgerissen? Antwort: Das größte Street-Art-Projekt der Welt. In einem alten Bankgebäude in Berlin durften sich mehr als 165 Künstler auf 12.000 Quadratmetern austoben. Und zwar nicht im hippen Kreuzberg oder Neukölln, sondern in der Gegend rund um den Ku’damm. Drei Monate später wird das Gebäude abgerissen und durch schicke Eigentumswohnungen ersetzt. Kultureller Ausverkauf oder eine neue Chance für die Subkultur?
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Abliefern ist so etwas wie ein Lieblingswort von Kimo von Rekowski. Und in den letzten vier Monaten bekam er einige Gelegenheiten, dieses Wort zu verwenden. »Abliefern – bei uns heißt das: pünktlich, ordentlich, sauber«, erklärt der 32-Jährige. »Uns« sind neben ihm noch Jörn »Jörni« Reiners und Marco »Bolle« Bollenbach. Zusammen sind sie Eigentümer von Xi-design, einer Kommunikationsagentur aus Berlin, die für an Wände gesprayte XXL-Werbung bekannt ist. Als »Die Dixons« sind sie Bestandteil der Berliner Graffiti-Szene. Aktuell sind sie die selbst ernannten Hausmeister von »The Haus«, der aktuell größten temporären Street-Art-Galerie der Welt. Fünf Etagen. 12.000 Quadratmeter Fläche. Über 165 Künstler aus 17 Nationen haben für »The Haus« je einen Raum gestaltet. Der Ort: ein altes Bankgebäude in Berlin, unweit der Gedächtniskirche am Ku’damm. Erlaubt war viel, ganz egal, ob Graffiti, Tape Art oder Paste-ups. »Wir haben nicht gesagt, was die Künstler machen sollen, sondern, dass sie abliefern müssen«, sagt Kimo. Nichts ist im eigentlichen Sinne kuratiert. Viel Freiraum. Viel Freiheit. Viel Spontaneität ohne Galerie-Atmosphäre. Eine Menge großer Namen der Szene wie 1UP und Omsk167. Ein Honorar bekam niemand. »Alles auf Freundschaftsbasis«, so nennt es Kimo. 
Auch künstlerisch beeindruckt und überrascht das Gesamtensemble. El Bocho beispielsweise riss in seinem zugeteilten Raum einfach nur die Neonröhren von der Decke und hinterließ statt seiner typischen Paste-ups einen Entschuldigungsbrief an der Wand. Das Kollektiv »Rocco und seine Brüder« (bekannt für ihre Aktion, ein Schlafzimmer in einen Berliner U-Bahntunnel zu bauen) hat den Spieß diesmal umgedreht und Teile eines stillgelegten U-Bahnhofs heimlich aus- und in ihrer Galerie in »The Haus« wieder aufgebaut. Auch all die anderen Arbeiten sorgen dafür, dass »The Haus« beim einmaligen Durchlaufen kaum in seiner Gesamtheit zu erfassen ist. Allein schon, dass sich derart viele Künstler zusammenfanden, von denen sich nicht wenige in der Regel aus dem Weg gehen, ist fast schon ein Zeichen. »Das ist eine neue Art von Bewegung. Hier wurden Energien geschaffen und freigesetzt, die es so in der Art noch nicht gab«, sagt Kimo. Der Kultursenat der Stadt Berlin sah das ähnlich und übernahm gleich die Schirmherrschaft. »Die Berliner Street-Art-Szene hat sich hier komplett neu gefunden«, sagt Kimo.
Bis Ende Mai kann man sehen, wie dieser Findungsprozess im Detail aussieht. Dann ereilt die Kunstwerke das übliche Schicksal von vergänglicher Street-Art – sie verschwinden. Im Falle von »The Haus« sogar mit einem Riesenknall: Das Gebäude wird abgerissen – mitsamt den Kunstwerken. An der Stelle entstehen zukünftig Eigentumswohnungen der Marke »Postmodern«, deren Design in spätestens 20 bis 30 Jahren nachfolgende Generationen zu der Frage verleiten könnte, wer so etwas überhaupt mal als ästhetisch empfunden hat – und vor allem: warum. Der Kölner Immobilienentwickler Pandion ist Investor und hat bereits einen Namen für das Wohnungsprojekt: »The Haus«.

Eigentlich wollte Pandion hier einen Pop-up-Store für die Zwischennutzung errichten. Sascha Wolf vom Netzwerk »Außergewöhnlich Berlin« stellte dann die Verbindung zwischen Pandion und »Die Dixons« her. Am Ende ergab sich aus dem Zusammenschluss das außergewöhnliche Kunstprojekt »The Haus«, auf das wiederum das hochpreisige Immobilienprojekt »The Haus« folgen wird. Riecht nach kulturellem Ausverkauf. Doch in einer Stadt wie Berlin, in der Räume für die Subkultur immer weniger werden, ist diese Art der Zwischennutzung dennoch eine Chance, sich überhaupt zu präsentieren. »Diese Chance, dass so ein Standort für Street-Art freigegeben wird, wird es so schnell nicht noch mal geben«, sagt auch Kimo. »Wir haben jetzt Aufmerksamkeit bei den Bauträgern. Das könnte auch heißen, dass wir in Zukunft mehr Chancen bekommen. Damit setzen wir auch ein Zeichen in Richtung Politik: ›Verdrängt uns nicht!‹«
Dass die Zwischennutzung auch ein Spagat zwischen Verdrängungskritik und unfreiwillig aktiver Verdrängung sein könnte, ist vorerst kein Thema. »Es gab zwei Optionen: Entweder wir machen nichts, oder wir hinterlassen Spuren«, stellt Kimo klar. »Aber: In einem anderen Kiez, in einem anderen Kontext – sagen wir: Ein Wohngebäude wird umgewidmet und Leute werden verdrängt oder so – hätten wir das nicht gemacht. Doch was kann man hier am Ku’damm schon falsch machen?« Tatsächlich ist das Gebäude in Sichtweite zu den Hochglanzfilialen und -büros am Ku’damm ein angenehm auffälliger Fremdkörper. Aufwertung andersherum. Dafür setzt »The Haus« auch auf Zugänglichkeit. Der Eintritt ist kostenlos. Temporär soll es sein, temporär soll es bleiben. »Wir wollen, dass die Leute sich bewegen – weg vom Rechner, weg vom Handy, weg von Social-Media-Plattformen, hin zu Ausstellungen. Sie sollen merken, dass Street-Art Realität ist«, sagt Kimo. Und je mehr Anklang das Projekt findet, umso eher könnte das Modell, temporäre subkulturelle Zwischennutzung zu ermöglichen, Schule machen. So sieht es auch Kimo. »Das alles hier ist ein Statement, für das sich alle monatelang den Arsch aufgerissen haben: ›Gebt uns Platz, gebt uns Raum, lasst uns machen, frei gestalten, und dann kommt geile Scheiße dabei raus.‹« Wenn sich das Statement bei den richtigen Leuten verfängt, wird man das Wort »abliefern« in Zukunft sicher noch häufiger von ihm hören können.