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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

#Refugees Welcome

Kreuzberg hilft

Die Bürgerinitiative um vier Frauen aus Kreuzberg ist ein gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man aus Frustration über die Zustände einfach anfängt zu handeln und zu helfen. Ihre Feststellung bzw. ihr Motto »Nichts tun ist keine Option« fanden wir so passend, dass sie auch den Titel unserer Interviewreihe in Intro #236 stellt.
Geschrieben am

Interview:
Daniel Koch

Eure Mitstreiterin Patricia Bonaudo hat in den Anfangstagen eurer Initiative gesagt: »Nichts tun ist keine Option«, so erfährt man auf eurer Website. Aber das ist ja ein Punkt, den man erst einmal erreichen muss. Was war bei euch beiden der Auslöser, aktiv zu helfen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Mareice Kaiser: Bei mir fing es an, als eine Freundin von mir über Facebook eine Unterkunft für zwei syrische Frauen suchte. Meine Wohnung war gerade frei und ich bot ihr diese an, weil mir kein Grund einfiel, es nicht zu tun. Die Frauen waren dann schon anderweitig untergekommen, aber bei mir setzte damit im Kopf die Auseinandersetzung mit dem Thema ein. Wenige Tage später erfuhr ich – auch über Facebook – von einer Freundin, dass am LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in Moabit, wo noch immer tausende Flüchtende campieren, dringend Rollstühle gebraucht wurden. Meine Tochter ist gehbehindert, deshalb bin ich für dieses Thema besonders sensibilisiert. Ich hatte zwar keinen Rollstuhl übrig, aber einen Kinderwagen. Ich hatte sie gefragt, ob das hilft und sie sagte, klar. Ich bin dann ganz naiv dahin, habe den Kinderwagen in gute Hände gegeben und die Leute von Moabit hilft gefragt, ob ich helfen kann. Ehe ich mich versah, stand ich an der Essensausgabe. Ich bin dann einfach jeden Tag wieder gekommen und habe nach und nach gesehen, was da los ist. Gleichzeitig installierten Lisa und Patricia in ihrem Laden »Kurz & Klein« eine Spenden-Annahmestelle und wir lernten uns kennen, als ich die Spenden aus dem »Kurz & Klein« zum LaGeSo fuhr.

Lisa Sperling: Als ich das erste mal am LaGeSo war, hatte ich mich innerlich drauf vorbereitet, dass es schlimm werden würde. Aber die Realität der Situation sickerte erst nach und nach in mein Bewusstsein. Als ich dann mit Patricia, die ja auch »Kreuzberg hilft« mit gegründet hat, zurück im Laden war, bin ich plötzlich total emotional geworden, was mir sonst eher selten passiert. Ich erinnerte mich an die Situation an der Kleiderausgabe und habe erst da realisiert, wie unglaublich diese Vorstellung ist, dass die Menschen nur das haben, was sie am Körper tragen. Dass sie drum bitten müssen, wenn sie was Neues haben wollen und nur mit Glück was kriegen, was gefällt, passt und wetterfest ist. Und dafür müssen sie auch noch dankbar sein. Für mich war die Kleiderausgabe auch so eine Schlüsselszene, weil ich zweimal in meinem Leben vor einem Punkt stand, wo ich dachte: »Diesen Winter muss ich mit meinen Kindern in die Kleiderkammer gehen«. Das war für mich so furchtbar, dass ich das nachvollziehen konnte. Und gleichzeitig wusste ich: Als Geflüchtete müsste ich mich darauf einstellen, dass diese Situation Monate oder gar Jahre anhält. Das fand ich unwürdig. Das hat mich tief getroffen. Und eigentlich fangen da die Probleme ja erst an. Da geht die Gedankenkette weiter: Unterkunft in Turnhallen? Über Monate? Und dann? All die Ausgrenzungen, der Rassismus, den man erfahren wird. Da haben wir ja noch nicht mal angefangen, drüber zu reden.

Inzwischen habt ihr eine Spendenannahmestelle im Homage Store in der Dieffenbachstraße 15 installiert. Wie waren die Reaktionen darauf? Wer hilft euch beim Helfen?
 
MK: Es ist schwer, das auf einen Nenner zu bringen. Es kommen bekannte Schauspielerinnen ebenso wie der Rentner Friedrich aus der Nebenstraße. Und bei allen heißt es: Was kannst du? Wie möchtest du helfen? Das finde ich toll. Toll sind natürlich auch Spenden, die uns erreichen. Ich habe kürzlich getwittert, dass wir gerne 500 Fladenbrote ans LaGeSo bringen wollen, weil ich von einer Übersetzerin erfahren hatte, dass sich viele der geflüchteten arabischen Menschen darüber freuen würden – abgesehen davon, dass die Versorgung mit Lebensmitteln dort sowieso immer wieder dramatisch ist. Darauf hat sich jemand, der mich eigentlich nur aus dem Internet kennt, gemeldet und gesagt, er wolle uns das spendieren, wenn wir es nicht an die große Glocke hängen.

Kreuzberg hilft ist jetzt seit drei Wochen aktiv. Macht euch diese ehrenamtliche Arbeit Hoffnung, dass ihr wirklich etwas bewirkt oder verändern könnt? 
LS: Ich persönlich habe mich verändert und damit ja auch ein winzig kleiner Baustein der Gesellschaft. Bei den Menschen, die uns helfen, öffnet es auch eine neue Perspektive. Aber so gern ich es würde: Ich glaube nicht, dass wir grundsätzlich die Verhältnisse umschmeißen. Meine große Angst ist, dass in einigen Wochen alles vorbei ist. Das deutsche Sommermärchen ausgeträumt. Im Sommer zu helfen fühlt sich geil an, und die Stimmung unter den Helfern ist tatsächlich oft von Euphorie und einem »Wir schaffen das« getragen. Das berührt schon und ist cool, aber ich würde jetzt lieber ganz schnell den Blick darauf richten, was langfristig nötig ist. Wie kann man den Druck auf die Politik erhöhen und sich mit anderen Initiativen zusammenschließen? Jetzt ist es vielleicht möglich, gemeinsam eine politische Stimmung hinzubekommen. 
MK: Die Diskrepanz zwischen Politik und Gesellschaft wird bei diesem Thema immer größer. Das macht uns echt wütend. Es gibt diese positive Stimmung in der Gesellschaft, die Initiativen, die Szenen an den Bahnhöfen, die Hilfsbereitschaft, die ja auch die Angriffe auf die Unterkünfte für geflüchtete Menschen aus den Medien verdrängt haben. Auf der anderen Seite wird von der Politik konterkariert, was wir als Menschen und BürgerInnen tun, weil zeitgleich die Asylrechte verschärft werden sollen und Grenzkontrollen wieder eingeführt. Da wünsche ich mir fast, dass die Stimmung explodiert und es mal knallt zwischen Politik und Helfenden. Wir hatten letzte Woche Politiker zu Besuch, die sagten mir: »Als Mensch kann ich das total gut verstehen, aber in der Politik – na ja, da läuft das eben etwas anders.« Das krieg ich nicht auf die Reihe. Warum driftet das auseinander? Soll Politik nicht für und mit den Menschen arbeiten?

Vor allem, weil die Politik ja gleichzeitig das bürgerliche Engagement und die »gute Presse« darüber im Ausland für sich nutzt. Da kann man schon zynisch werden ... 
LS: Grundsätzlich stellen wir uns jeden Tag die Frage: Ist es wirklich unser Ziel, dieses System zu füttern? Mit dem, was wir tun, unterstützen wir ja das, was wir denen vorwerfen. Dass es eben keine Hilfe gibt. Oder nicht genug. Und wir halten das aufrecht und verhindern, dass sich Druck aufbaut. Patricia hat irgendwann den Satz ausgesprochen: Nichts tun ist keine Option. Der ist absolut treffend.
MK: Aus dem Versagen der Politik resultieren ja auch die Probleme, vor denen wir und andere Ehrenamtliche jetzt stehen: Ich mach das jetzt seit zwei Wochen Vollzeit. Das kann ich noch eine Woche so durchhalten, und danach kann ich es mir finanziell einfach nicht mehr leisten. Aber wer kann so ein Engagement so weiterführen, ohne in seiner Existenz bedroht zu sein?


Wie kann man euch denn konkret helfen, und welche Art der Hilfe macht eher Arbeit, als dass sie entlastet?  
MK: Ich würde mich über jede Unterstützung auf der politischen Ebene freuen. Dass die Leute mit Entscheidungsmacht sagen: Es ist notwendig und wichtig und richtig, was da passiert. Warum gibt es keine offiziellen, zumindest helfenden Stellen, die uns unterstützen? 
LS: Wir sind vier Frauen, die einen Moment hatten, in dem sie sagten: Wir machen das jetzt. Wir sind keine Oberprofis. Wir diskutieren jeden Tag aufs Neue und versuchen eine Struktur zu entwickeln. Jeder, der helfen will, sollte einfach recherchieren, wo man was konkret tun kann. Da gibt es tolle Webseiten wie zum Beispiel voltunteer-planner.org – es gibt nirgendwo einen Ort, wo helfende Hände abgelehnt werden.  
MK: Was uns im Kreuzberg-hilft-Alltag hilft, sind Leute, die unsere Bedarfslisten lesen und gezielt Dinge bringen. Alles andere raubt uns eher Kraft. Wenn beispielsweise jemand 15 Säcke mit Klamotten anliefert und sagt: »Nee, sortiert ist das nicht.« Und wir brauchen aktuell Hilfe, wenn es um juristische Dinge oder Organisatorisches geht. Gerade heißt die Devise nur: »Machen! Machen! Machen!« Da müssen solche Dinge hintanstehen.  
LS: Für die Frage »Was kann ich tun?« habe ich teilweise gar keine Zeit. Einfach kommen und mit anpacken. 

Infos und eine sehr lesenswerte Dokumentation der Tätigkeit findet ihr auf kreuzberg-hilft.com.
Weitere Interviews mit Menschen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, gibt es hier.