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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kratzen & Beißen: Die monatliche Hass-Kolumne

Gegen die Quasimodos der Semiotik

»Jaaaaa! Ich fühle genau das Gleiche wie du! Das glaubst du nicht? Hier, guck ... Moment ... Au, mein Finger ... Gleich habe ich’s ... So, jetzt! Ich zeige es dir durch dieses Herz!« Entschuldigen Sie bitte einen Moment, Felix Scharlau muss sich kurz übergeben.
Geschrieben am
So, da bin ich wieder. 2010 war es, meine ich mich zu erinnern, da erlebte ich das Handherz, die wohl schlimmste Volksseuche seit der spanischen Grippe, zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit. Eben hatte das ansonsten bewundernswerte schwedische Pop-Frettchen Robyn einen Song beendet. Jetzt formte es auf der Bühne mit beiden Händen ein Herz in Richtung Publikum. Sofort machten es ihr die 2000 beseelten Menschen um mich herum nach. Die Halle kochte über vor handverknödelter, uniformistisch zur Schau gestellter Lebensfreude.

Ich lief schreiend nach Hause.

Entgegen anderslautender Zuschreibungen habe ich gar nicht grundsätzlich ein Problem mit Emotionen. Nicht selten empfinde ich sogar selbst welche. Sie aber wie Real-Life-Emoticons in die Luft zu halten, zerstört einen schönen Moment ungefähr so nachhaltig wie der Dating-Partner, der beim ersten Candlelight-Dinner darauf hinweist, dass es auf der Toilette gleich etwas länger dauern könnte – er müsse mal kacken. Handherzen sind die Quasimodos der Semiotik. Ihr Wirkungsfeld: Emotionen von der Stange. Sie verwandeln privat empfundenes, für jedermann auch unausgesprochen erlebbares Glück zu einer aufdringlichen Quatschgeste. Diese zerstört die Magie eines Moments, anstatt sie zu befeuern. Das Handherz ist der Hitlergruß der Generation WhatsApp. Eine grobe, abstoßende Holzhammer-Geste für die hypnotisierte Masse. Sollte verboten werden. Wer mit dem Mist angefangen hat? Keine Ahnung. Aber er oder sie sollte sich was schämen.