×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Auf den Spuren des NSU-Anschlags in der Keupstraße

Köln-Mülheim ist nicht Hollywood

Zwölf Jahre nach dem Nagelbomben-Attentat des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Köln-Mülheim kommt die Geschichte der Anschlagsopfer auf die Leinwand. In Andreas Maus’ Dokumentarfilm »Der Kuaför aus der Keupstraße« erzählt auch Abdulla Özkan von den Folgen der Bombe für sein Leben. Wolfgang Frömberg (Text) und Frederike Wetzels (Fotos) sprachen mit dem Regisseur – und trafen sich mit Özkan dort, wo der Sprengsatz explodierte.
Geschrieben am
Am 9. Juni 2004 verlässt Abdulla Özkan gegen 16 Uhr den Friseurladen von Özcan Yildirim auf der Kölner Keupstraße. Der Schritt durch die Tür führt ihn schlagartig in ein neues Leben, denn im selben Moment explodiert vor dem kleinen Laden eine Bombe. Eine unheilvolle Menge Schwarzpulver und über 700 Zimmermannsnägel fliegen durch die Luft. Sie sind kurz zuvor von einem NSU-Terroristen mitsamt ferngesteuertem Zündmechanismus direkt neben dem Eingang deponiert worden – in einem Hartschalenkoffer auf dem Gepäckträger eines Fahrrads.  Vier Tage später wird Anschlagsopfer Abdulla Özkan 30 Jahre alt. Seit der Explosion der Nagelbombe, bei der weitere 21 Menschen zum Teil schwer verletzt werden, feiert Özkan aber nicht nur einmal im Jahr: »Der 9. Juni 2004 ist mein zweiter Geburtstag«, erklärt er, als wir uns im Februar 2016 im nur wenige Meter vom Tatort entfernten Restaurant Istanbul treffen. 

Nagel im Hals, Wut im Bauch


Gleich um die Ecke hat das Kölner Schauspielhaus derzeit provisorisch seine Zelte aufgeschlagen. Zwei Wochen zuvor wurde hier die Premiere des Dokumentarfilms »Der Kuaför aus der Keupstraße« von Andreas Maus gefeiert. Nach der Vorführung forderte Abdulla Özkan, eine der Hauptfiguren des Films, Mitwirkende und das Publikum dazu auf, gemeinsam essen zu gehen. Im Restaurant Istanbul können wir an diese letzten Worte vom Premierenabend anknüpfen. Aber zunächst bestellt Özkan eine Runde Tee und bittet den Kellner, die Musik leiser zu drehen, damit sie nicht die Aufnahme des Interviews stört. Seiner skeptischen, aber freundlichen Grundhaltung merkt man an: Der gelernte Elektrotechniker hat Erfahrungen mit der Presse gesammelt. Auch das gehört zur Wirklichkeit seines zweiten Lebens.
In Andreas Maus’ Film schildert Abdulla Özkan die ersten Augenblicke nach der Detonation, in denen er die Verwüstungen im Friseurgeschäft und auf der Keupstraße realisiert: Die Zimmermannsnägel werden bis zu 250 Meter weit gestreut. Überall sind Verletzte. Jemand macht ihn darauf aufmerksam, dass etwas in seinem Hals stecke. Einer der Nägel hat sich ins Fleisch gebohrt. Özkan hat zwar die massige Statur eines Kolosses, der mit Baumstämmen jonglieren kann, in diesem Moment aber steht er unter Schock. Beim Interview zeigt er uns das Foto von sich kurz nach dem Anschlag auf seinem Handy: das Gesicht ist blutverschmiert. Als das Bild auf Facebook landet, hält ein Freund es irrtümlich für eine Filmszene. Die Ermittlungen laufen an. Ladeninhaber Özcan Yildirim ist zum Zeitpunkt der Explosion nicht in seinem Geschäft. Das macht ihn verdächtig. Vor der Kamera erklärt der Eigentümer des Salons, es habe ihn sehr verletzt, dass die Polizisten ihn sofort gefragt hätten, ob er versichert sei. Für ihn klingt das eher wie die Unterstellung eines Versicherungsbetrugs, weniger wie eine Frage. Ein zusätzlicher Schock: Sein Bruder Hasan Yildirim befindet sich unter den Verletzten.

Neben der Wucht des Anschlags thematisiert Andreas Maus’ Film die falschen Fährten, denen die Polizei nachgeht. Von Beginn an macht sie die Opfer zu Tätern und übt Druck auf sie aus. Sieben Jahre lang sucht man die Bombenleger unbeirrt in der türkischen Community. Selbst nach der öffentlichen Rehabilitierung der Geschädigten durch die Entdeckung eines Bekennervideos des NSU im Jahr 2011 führt die Geschichte kaum zum Happy End. Wir sind schließlich in Mülheim, auf der rechtsrheinischen »Schäl Sick« Kölns, der Seite ohne Dom, in einem Viertel, in dem hauptsächlich Migranten türkischer Herkunft leben, nicht in Hollywood. Abdulla Özkan kann nach dem Beweis der NSU-Schuld zwar »aufatmen«, fühlt sich jedoch bis heute als »Opfer zweiter Klasse«. Dafür nennt er zahlreiche Beispiele. Seine Wunden sind nicht verheilt. Damit ist nicht nur das andauernde Knalltrauma gemeint.


Kein Mist, nur die Wahrheit


»Es war schwer, einen guten Therapeuten zu finden«, sagt er, »solche Anschläge mit Bomben gibt es in Deutschland ja normalerweise nicht.« Also hilft er sich selbst, fährt zum Prozess gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe in München, deren Schweigen er lieber mit einem Achselzucken quittiert, als es mit zu vielen Worten zu kommentieren. Außerdem dokumentiert er alles, was er an Informationen zu den Morden des NSU findet. Zu Hause legt er eine Reihe von Aktenordnern an. »Wenn ich 70 bin, erfahrt ihr alles aus meinem Bestseller«, scherzt Özkan. Man traut es ihm zu – so wie man es ihm auch zutraut, ein guter Superschwergewichtsboxer zu sein. Bis der Bestseller fertig ist, arbeitet er weiter als Elektrotechniker auf dem Bau. In den letzten zwölf Jahren hat Abdulla Özkan durch die Folgen des Anschlags 600 - 800  Arbeitstage verpasst. Er fragt sich, warum der Staat den Betrieb nicht kontaktiert. Die Ausfallzeiten sind eine Belastung für ihn persönlich – und  für seine Arbeitgeber.


Regisseur Andreas Maus ist über die Arbeit an zwei NSU-Fernsehdokumentationen und das Studium der Aktenberge auf den besonderen Fall des Nagelbomben-Anschlags aufmerksam geworden. 2013 seien die Bewohner der Keupstraße ein wenig müde gewesen, sich damit zu beschäftigen, erzählt Maus. Er habe Überzeugungsarbeit leisten müssen. Abdulla Özkan erinnert sich: »Andreas hat mich telefonisch erreicht. Seine Art am Telefon war mir gleich sympathisch. Ich schlug ein Treffen vor, damit er uns das Projekt vorstellen kann. Als die Details geklärt waren, willigten wir ein. Vor der Kamera waren wir natürlich nervös. Ein Dokumentarfilm fürs Kino war eine neue Erfahrung für uns. Etwas anderes, als wenn man nach einem Prozesstag im Gericht mit einem Fernsehteam spricht. Es war aufwühlend. Für den Film erinnerte ich mich an Details, die ich lange Zeit nicht mehr so vor Augen hatte. Durch die professionelle Hilfe meines Therapeuten konnte ich die Sache aber aus einem anderen Blickwinkel betrachten, nämlich aus der Beobachter-Perspektive, so, als hätte ich alles von oben gesehen.« Er fügt hinzu: »Im Film wird kein Mist erzählt, nur die nackte Wahrheit.«

Es gibt einige Initiativen rund um den Nagelbomben-Anschlag. Seit 2014 findet das Birlikte-Fest (Türkisch für Zusammenstehen) in der Keupstraße statt, über das Abulla Özkan kritisch sagt: »Birlikte ist kein Fest für die Opfer«. Die Feuertaufe mit Bundespräsident Joachim Gauck wird in »Der Kuaför aus der Keupstraße« dokumentiert. Trotz einer gewissen Solidarisierung sollte man sich die Keupstraßen-Bewohner nicht als verschworenen Haufen vorstellen. Dafür ist die Gemeinschaft zu uneinheitlich. Regisseur Andreas Maus schafft den Spagat, die Betroffenen individuell zu porträtieren und dabei zugleich die Aura des ganzen Ortes zu vermitteln: eine lebhafte Straße mit starker migrantischer Identität, die für rechtsradikale Terroristen ein logisches Anschlagsziel darstellt. Der NSU beweist es mit unfassbarer Brutalität.

Fraglich bleibt, warum die Polizei von 2004 bis 2011 trotz vieler Hinweise keinen Spuren in der rechten Szene nachgegangen ist. Eine Antwort darauf findet man am ehesten, wenn man sich den Anschlag im Zusammenhang mit der gesamten NSU-Mordserie anschaut. Und diese wiederum als Teil der jüngeren Geschichte rechter Gewalt in Deutschland betrachtet, wie es die Publikation »Von Mauerfall bis Nagelbombe« tut. Sie
 enthält Interviews mit Opfern rassistischer Gewalt in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen sowie ein Gespräch mit Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln. Grundlage ist eine Reihe von Veranstaltungen dazu in der Keupstraße.

Polizeipräsident stellt sich dumm


Die Polizei macht es sich sieben Jahre lang einfach. Etwa auf Geheiß von oben? Am Tag nach dem terroristischen Akt erklärt Otto Schily, damaliger Innenminister der rot-grünen Bundesregierung: »Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu hin ...« Im Nachhinein kommt es einem so vor, als hätten sich die Kriminalpolizisten diesen voreiligen Schluss des SPD-Politikers zu Herzen genommen. Ähnlich wie bei den übrigen Taten des NSU und genau wie bei den Anschlägen von Solingen und Mölln in den 1990er-Jahren sind die Ermittler auf dem rechten Auge mindestens halbblind. 
Das »kriminelle Milieu«, in dem sie stattdessen ermitteln, wird häufig auch als »Türsteher-Szene« bezeichnet, wie wir aus Andreas Maus’ Film erfahren. Dazu muss man wissen: Die Keupstraße gilt als Viertel, in dem viele Kleinkriminelle ihren Geschäften nachgehen. Der Gangsta-Rapper Xatar spielt in seinem Song »Wenn ich rauskomm« mit dem Image der Straße zwischen Rückzugsort und Ghetto. Wie diffus das öffentliche Bild von der Keupstraße ist, zeigt eine Bemerkung aus dem Recherche-Mammutwerk von Stefan Aust und Dirk Laabs, »Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU«. Darin wird die Keupstraße mit der Hamburger Reeperbahn verglichen, mit der sie kaum etwas gemeinsam hat, außer, dass es sich um zwei Straßen handelt.
Abdulla Özkan hat keine spezielle Beziehung zur Keupstraße. Er lebt auf der anderen Rheinseite von Köln und kommt nur für Friseurbesuche nach Mülheim. Am 9. Juni 2004 hat er schlicht Glück, den Besuch zu überleben. Überhaupt ist es ein Wunder, dass niemand durch die Bombe stirbt. »Einige, die weiter weg standen, hat es härter getroffen als mich«, erklärt Özkan. Eines der Opfer begeht später Selbstmord.

Gelegentliche Jobs als Personenschützer, meist für türkische Promis aus dem Popbusiness und Showgeschäft, rücken Abulla Özkan in den Dunstkreis der zitierten »Türsteher-Szene«. Damit passt er für die Polizei ins Bild, das sie sich von den Hintergründen der Tat zurechtlegt. Nicht nur Abdulla Özkan wird bald öffentlich schräg angeguckt, auch seine kleine Tochter leidet unter den mehr als unterschwelligen Vorwürfen gegen die Opfer des Anschlags. Diese Zeiten sind zwar vorbei, von der Polizei kommt aber trotzdem niemand zur Filmpremiere, auch im Film treten keine Beamten auf. Einzig der ehemalige Kölner Polizeipräsident Klaus Steffenhagen äußert sich vor der Kamera. Warum er allerdings nichts über die Ermittlungspannen sagen kann, bleibt ein Rätsel.

Zum Abschluss die Zukunft


Im Restaurant Istanbul gibt Abdulla Özkan die Bestellung auf. Der Kellner fliegt herbei, und schon bald stehen allerlei Leckerbissen der türkischen Küche auf dem Tisch. Özkan, der so wirkt, als könne er eine rohe Kartoffel mit einer Hand zerdrücken, zeigt uns, wie man ein Stück Zucker geschickt in der Mitte bricht – um die eine Hälfte ins Glas mit dem Tee zu tauchen und die andere auf der Zunge zergehen zu lassen. Es gibt Fleisch, Brot, scharfe Chilischoten, gefüllte Auberginen, mehrere Salate sowie ein karamellisiertes Dessert mit Mozzarella-Füllung. Auf den Nachtisch folgt eine Runde Mokka. Abdulla Özkan liest dem kleinen Intro-Team anschließend die Zukunft aus dem Kaffeesatz. Ob sein Vater in den 60er-Jahren aus Trabzon am Schwarzen Meer als »Gastarbeiter« in die Bundesrepublik gekommen wäre, um in Köln bei Ford zu malochen, wenn er damals ins Jahr 2004 hätte schauen können? Wenn er vorausgesehen hätte, was seinem hier geborenen Sohn Jahrzehnte später an körperlichen Verletzungen, unterlassener Hilfe und falschen Anschuldigungen widerfahren würde? Noch eine Frage, die an dieser Stelle nicht beantwortet werden kann. Und die auch in keinem NSU-Untersuchungsausschuss gestellt wurde.
»Der Kuaför aus der Keupstraße«, Kinostart: 25. Februar 2016