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Antifa- und Pegida-Demos in der Domstadt

Köln auf der Kippe

Nachdem es den Anhängern von Pegida bisher nicht möglich schien, auch in Köln Fuß zu fassen, droht die Stimmung nach den sexuellen Übergriffen der Silvesternacht am Hauptbahnhof zu kippen. Dementsprechend angespannt wurde die für den gestrigen Samstag angekündigte Demonstration der Organisation erwartet. Wir waren vor Ort, um uns selbst ein Bild von der aktuellen Stimmung zu machen – und wurden leider nicht nur positiv überrascht. 
Geschrieben am
Erleichterung. Das dürfte – so viel sei vorab gesagt – die überwiegende Stimmung in Köln am besten treffen, als sich in den frühen Abendstunden des gestrigen Samstags abzeichnet, dass sich der Aufmarsch von rund 1500 Pegida-Anhängern am Kölner Hauptbahnhof weitgehend ohne nennenswerte Zwischenfälle ereignet haben soll – und scheinbar von einem Vielfachen an Gegendemonstranten empfangen wurde. Ebenso beruhigend: dies ist kein Phänomen der bürgerlichen Mitte, was hier ab den Mittagsstunden in Kleingruppen aus dem Hinterausgang auf den Bresauler Platz marschiert, ist ein Sammelsurium des rechten Randes der Gesellschaft, von Pro NRW über Neonazi-Kader wie Thomas Wulff bis zu Fascho-Hooligans.  

Wer konnte im Vorfeld schon sagen, inwiefern die Ereignisse in der Silvesternacht um eben jenen Hauptbahnhof das Klima endgültig kippen lassen würden? Wer würde garantieren, dass die Polizei nach all den Versäumnissen des vergangenen Jahres (Stichwort: Hogesa), plötzlich diese neue Dimensionen in den Griff bekommen würde? Kurz: Es sind eine Menge Fragen, die die Menschen an diesem Tag mit sich tragen und die in den kommenden Stunden immer wieder für Anspannung sorgen sollen. Wer gegen frühen Mittag auf dem direkt am Hauptbahnhof gelegenen Breslauer Platz eintrifft, der tut allerdings erstmal eines: Sich wundern. Denn bis auf einige wenige versprengte Grüppchen ist der für die Gegenkundgebung abgesperrte Platz eine halbe Stunde vor dem offiziellen Veranstaltungsbeginn nämlich noch wie leer gefegt. Ein einsamer, grinsender Luftballon flattert durch die Luft im Kofferraum eines Einsatzfahrzeugs der Polizei sieht man Kaffeekannen und Weingummi. Die Ruhe vor dem Sturm wirkt hier irgendwie gemütlich. Nur wenige Meter weiter, auf der anderen Seite des Bahnhofsgebäudes ereigneten sich in der Silvesternacht die inzwischen international diskutierten Übergriffe auf zahlreiche Frauen.  
Es vergeht etwa eine Stunde, bis sich der Platz für die Gegenkundgebung massiv zu füllen beginnt. Rund tausend Aktivistinnen sollen kurz zuvor auf der anderen Seite des Bahnhofes einen Flashmob gegen Sexismus organisiert haben, der nun lautstark dazu stößt und die Front gegen Pegida und Hogesa massiv ausweitet. Die inzwischen gestarteten Wortbeiträge der Kölner Antifa und von Gruppen wie Kein Mensch Ist Illegal betonen derweil noch einmal das, was ohnehin schon längst klar sein und dementsprechend besser an die gegenüber platzierten DemonstrantInnen gerichtet werden sollte, wie auch eine der Rednerinnen gegen Ende der Veranstaltung folgerichtig bemerkt – um dann zu bedauern, dass die Ausrichtung der Lautsprecher leider so von der Stadt vorgegeben wäre. In den Stimmen der Aktivistinnen schwingt indes eine Menge Wut mit, die sich nicht nur an sexualisierter Gewalt im Allgemeinen und den Übergriffen der Silvesternacht im speziellen entfacht, sondern auch an dem schamlosen Opportunismus der gewohnt martialisch auftretenden Neonazi-Front. Denn dass sich ausgerechnet die nun derart um Frauenrechte bangenden Pegida- und Hogesa-Anhänger sonst einen Scheiß um eben jene scheren, ja sogar nach wie vor ultra-reaktionäre Familien- und Frauen-Ideale predigen, ist nur eine von vielen Frechheiten, die man seit Silvester so vernehmen kann. Und das kotzt an diesem Tag eben auch mehrere tausend andere Menschen an. 
Während im Vorfeld bereits die Tatsache für Stirnrunzeln gesorgt hat, dass beide Parteien ihre Demonstrationen mehr oder weniger zeitgleich auf dem Breslauer Platz abhalten würden, sieht man sich hinsichtlich dieser Sorge vor Ort schnell bestätigt. Die aus Aachen, Dortmund und vielen anderen Städten eintreffenden Neonazis werden nur wenige Meter von der Gegenkundgebung aus dem südlichen Hinterausgang des Bahnhofes gelotst, wo sie sich mit ausgebreiteten Armen von einem Meer aus Pfiffen, Stinkefingern und Schmäh-Chören empfangen lassen, um wiederum nur einige hundert Meter weiter zu ihren braunen Sinnesgenossen zu stoßen. Wer zu diesem Zeitpunkt immer noch Zweifel daran hat, dass es sich bei Pegida nicht nur um einen Haufen verängstigter Bürger handelt, der hält auch die wehenden Reichsflaggen für harmloses Karnevals-Zubehör. Als sich der Pegida-Zug gegen 15:30 Uhr in Bewegung setzt, ist die ursprünglich geplante Route bereits geändert – zu groß scheint die Gefahr, in den zahlreichen Seitenstraßen der Innenstadt auf GegendemonstrantInnen zu treffen. Besonders lange soll der Marsch ohnehin nicht dauern: Bereits nach einigen hundert Metern auf der in Richtung Norden vom Hauptbahnhof abgehenden Turiner Straße fliegen derart viele Knallkörper und andere Gegenstände auf die den Zug begleitenden Beamten, dass der Spaziergang kurzerhand von der Polizei abgebrochen wird. »Es ist 16:04 Uhr, die Veranstaltung wird hiermit aufgelöst«, lautet die Durchsage nach kurzem Wasserwerfer-Einsatz. 
Auf den von GegendmonstrantInnen gesäumten Parallelstraßen bricht dagegen Jubel aus. Ob es dafür wirklich einen Anlass gibt, darf man wohl dahin stellen. Zumindest heute haben sich die Geschehnisse zum Guten, dem vorzeitigen Ende eines schamlosen Schaulaufens gewendet. Damit das auch in Zukunft so sein wird, erfordert es weit mehr als 2000-3000 engagierte BürgerInnen – das haben die teils bedrohlich gewachsenen Hochrechnungen der Pegida-AnhängerInnen heute mehr als deutlich gezeigt.