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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eine Vision von italienischem Essen (mit Bildergalerie)

Kochen mit: No Doubt

Wie war das noch mal, "Kochen mit", diese intime Rubrik im Intro? Das war gestern, mit Kelis. Heute kommen No Doubt in meine bescheidenen Räumlichkeiten - die aber leider nicht wirklich die meinen sind, sondern, wie sagt man unternehmerisch so schön: geleast. Von Matthias Hörstmann. Jaja, das eigene
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Wie war das noch mal, "Kochen mit", diese intime Rubrik im Intro? Das war gestern, mit Kelis. Heute kommen No Doubt in meine bescheidenen Räumlichkeiten - die aber leider nicht wirklich die meinen sind, sondern, wie sagt man unternehmerisch so schön: geleast. Von Matthias Hörstmann. Jaja, das eigene Wohnzimmer als Spiegelbild des sozialen Standings - ich weiß das, Bourdieu sei Dank, und Gott habe ihn selig.

Kennenlernen

Meine rechte Hand tut weh, als endlich alle Gäste in der Leihwohnung sind. Vom Schütteln. Selbstverständlich. Wenn man No Doubt zu sich einlädt, kommen eben mal kurz neben den vier Musikern drei Plattenfirmen-Vertreterinnen, zwei Managerinnen, eine Stylistin und zwei Bodyguards mit - da fallen mein Fotograf Rainer Holz und Roseli, die gute Seele der Redaktion, gar nicht mehr ins Gewicht. 15 Leute. Full house. Die Leihwohnung sollte sich auszahlen. Mit einer mondänen, mit reichlich Popartefakten gefüllten Altbauwohnung im Rücken muss die Kommunikation nicht mehr groß angeleiert werden, sie kommt von alleine.

Aus Gwen Stefanies Mund: "Oh, wie arty diese Wohnung doch ist. Sehr, sehr schön. Wie lange wohnst du schon hier?" Zu dumm, dass der Erzähler eine ehrliche Type ist: "Gwen, ich muss zu meiner eigenen tristen Existenz stehen, darf mich nicht mit dem Besitz anderer brüsten ..." Sie sollte mich nicht verstehen. Egal, das wird schon kommen, wenn Roseli den Mob erst mal in den living room abgeschoben hat und ich die Band in die Küche bugsiert habe.

Näherkommen

Wie recht ich haben sollte. Kaum stehen wir am Herd, wird das mit Tony, Gwen und mir so richtig deep - die anderen beiden ziehen sich zum Auflegen zurück. Der Soundtrack für das Trio mit einer Vision von italienischem Essen. Sofort wird klar, dass ich nicht den Alleinunterhalter geben muss. Wörter und Löffel werden geteilt. Und Gwen kümmert sich um die Senfsoße für den Salat, schüttet aber vor lauter Redefluss mal eben einen halben Liter Trüffelöl rein. Nein, das ist nicht gut für die Linie. Dass ihr diese sehr wichtig ist, kann man sehen. Gwen hat, wohl extra für die Interviewtour, ein paar Kilo von ihrem an sich schon eher dünnen Körper abgehungert - oder, wie sie es ausdrückt: "Ich esse sehr bewusst." Und deshalb wählt sie statt des Rotweins auch Weißwein, von wegen besserer Geschmack, ich meine "weniger Kalorien." Ja, wir trinken Wein um 2 Uhr mittags. Für keinen von uns ein Problem. Auf meine eigene Affinität zum Alkohol will ich nicht eingehen, aber Tony erklärt, dass das ganz normal für sie sei: "Weißt du, wir haben viele Interviewtage und Shootings, da trinkt man ganz gerne was, um locker zu werden. Und auch auf Tour gönnt man sich schon nachmittags ein gutes Gläschen."

Die naheliegendsten aller Fragen, auch sie müssen gestellt werden. Ist das eigentlich eher ungewöhnlich für euch, gemeinsam zu kochen? Gwen: "Früher haben wir das noch viel öfter gemacht. Als unser Gitarrist Tom und der Schlagzeuger Adrian noch im Haus eines Verwandten von mir wohnten. Das war eine ganz kleine Bude, aber das war egal. Es war unser headquarter. Später ist da auch noch mein Bruder eingezogen. Heute kochen wir eher selten. Wir essen aber viel zusammen, vor allem bei den Aufnahmen und auf Tour." Und dann beginnt sie vom Essen auf Jamaika zu schwärmen - und schiebt ihre Begeisterung für die Insel gleich hinterher. "Und weißt du was? Wir haben ja in Port Antonio aufgenommen, was im Hinterland liegt, und Sly & Robbie, unsere Produzenten, kommen aus Kingston an der Küste und waren doch tatsächlich noch nie im Hinterland." Woraufhin ich ihr von Island und meinen ganz ähnlichen Erfahrungen dort erzähle. Schon seltsam, dass gerade auf überschaubaren Inseln die Leute sich nicht aufraffen, mehr als das eigene kleine Nest zu sehen.

Bei soviel Redefluss ist der Salat schnell fertig. Zeit, sich der Hauptspeise zu widmen. Angebratene Lachswürfel mit Dill und Tomaten und dazu Nudeln. Warum auch immer. Der Lachs bringt uns zu den Neptunes und nicht nur guten Erinnerungen. Gwen: "Das war sehr schwierig, da die HipHopper doch in einer ganz anderen Welt leben als wir. Sie haben eine ganz andere Arbeitsweise als Rock- und Popmusiker. Wobei es nichts zu bedeuten hat, dass nichts Brauchbares dabei herausgekommen ist. Es ist einfach nichts vom Material auf dem Album gelandet. Es war ein Experiment - aber eben noch kein abgeschlossenes." Und kein folgenloses. Wir erinnern uns. Die Neptunes waren so begeistert von den Möglichkeiten einer Band, dass sie ihr Album "In Search Of ..." zurückgezogen haben, um es noch mal zu überarbeiten - seitdem hat man allerdings nichts mehr von ihnen gehört.

Dafür aber einiges von Kelis, die nicht nur das kleine Girl der Neptunes ist, sondern auch eine alte Bekannte aller Anwesenden. Tony blättert in der aktuellen Introausgabe. Kochen mit Kelis. Auf dem aktuellen Kelis-Album "Wandaland" findet sich ein Song, den No Doubt mit den Neptunes geschrieben haben. Gwen: "Kelis ist so ein nettes Mädchen. Wir waren parallel bei den Neptunes im Studio. Der Song war nichts für mich, aber ideal für sie - und sie liebte ihn."

Platz nehmen, Essen fassen

Plötzlich wird es voll in der Küche. Und alle wollen sie nur helfen. Klar, wenn das Essen fast fertig ist, drängen sich alle auf. Adiran: "Kann ich noch was machen?" Er konnte nicht. Für mich. Aber ich für ihn. Adrian: "Bei mir kocht ja immer die Frau. Ich kann das nicht. Aber das hier sieht simpel und lecker aus. Kannst du mir das Rezept geben?"

Vor den Genuss hat Bourdieu allerdings eine kleine Hürde gestellt. Eine geborgte Wohnung ist nun mal noch keine Garantie für alles. Aber wir sind ja keine bürgerliche Gruppe, sondern die Boheme. Wir können auch in Kochtöpfen servieren. Aber erst, wenn alle sitzen. Doch da gibt es noch ein Problem. Kennt ihr von euch: Die Augen sind immer größer als der Magen. Gwen: "Und was ist mit dem Barsch? Wird es noch einen zweiten Gang geben? Sollen wir den jetzt sofort machen?" Ich: "Nein, ganz langsam. Wir essen erst mal den Salat und die Fisch-Pasta, und dann geht es weiter." Und. In weiser Voraussicht nachgeschoben: "Wenn wir noch können."

Es kommt ja immer sehr charming, wenn man als Typ eher unperfekt wirkt. Beim Servieren geht das ganz leicht. Zum Beispiel die Nudeln ordentlich neben die Teller löffeln. Und dann kokett genau das als die eigene Portion deklarieren. Der Lacher war garantiert. Danke. Stimmung. Weiter geht es mit gegenseitigem Abfeiern. Ich: "Gwen, die Soße ist ein Gedicht." Gwen: "Danke, aber die Nudeln sind auch extrem lecker." Oopsi, die habe ja ich gemacht. Gut, das hätten wir mit den obligatorischen roten Backen auch hinter uns gebracht. Fast schon zuviel Vertrautheit. Für den Schlagzeuger. Und so zieht er das Tempo an: "Ist das ein Interview für ein Magazin? Bist du ein Journalist?" Ich bin es. Lasst uns konservativ werden.

Tischgespräche

Gwen: [stößt an] Ein Cheers auf die Musik und die kulturellen Kollisionen.

Tom: Du meinst kulturelle Harmonien.

Gwen: Genau. Ich sagte Kollision, aber ich meinte das. Zusammenkommen. Wir haben also nur für zehn Minuten gesprochen in Los Angeles?

Ich: Nein, ich habe dann doch keinen Flug für zehn Minuten gemacht.

Gwen: Weißt du, es ist auch sehr hart für uns, diese Interviews am Fließband zu machen. Alle Journalisten fragen immer das gleiche. Und man antwortet logischerweise auch immer dasselbe.

Das Problem mit Bands auf eurem Level ist ja, dass das Interesse so groß ist, dass die Freelancer ranmüssen. Und die sind in der Regel nicht deep into eine Band, reflektieren eher weniger, ja hören manchmal die Alben nicht einmal an, sondern sind nun mal eben eines: Profis im Verkaufen. Auf dieser Ebene ist nicht der Journalist das Interessante für die Zeitung, sondern der Künstler. Ein seltsames System.

Gwen: Nee, oder? Da sind manche so dreist, dass sie es sich nicht einmal anhören. Das Problem ist: Keiner bereitet dich als Musiker darauf vor. Ich erinnere mich noch, als "Tragic Kingdom" rauskam. Wir hatten plötzlich, nach neun Jahren, unseren ersten kommerziellen Erfolg. Wir mussten zum ersten Mal Interviews geben. Das war keine leichte Zeit, auf vielen Ebenen. Und keiner bereitet dich darauf vor. Keiner sagt: "Das wird passieren. Es werden Journalisten von folgenden Magazinen zu euch kommen, die stehen eher für diese oder jene Art von Journalismus ..." Es ist verrückt.

Wie habt ihr es eigentlich geschafft, neun Jahre ohne Erfolg zu existieren? Oder war es eher so, dass ihr local heroes wart, aber es eben außerhalb von Los Angeles nie hingehauen hat?

Gwen: Wir hatten eigentlich von Anfang an Erfolg. Es kamen immer Leute zu unseren Konzerten. Es dauerte allerdings bis zu unserer ersten Platte, 1992, dass wir zum ersten Mal die USA betourten und erkennen mussten, dass uns außerhalb LAs niemand sehen wollte. Diese Tour war verdammt hart. Und dann kamen wir dank der Hitsingle ins kommerzielle Radio. Durch den Erfolg der Single kannte uns oder besser: DEN Song über Nacht jeder.

Ich habe da ein interessantes Zitat von euch, bin mir aber nicht ganz sicher, ob der Schreiber euch richtig wiedergegeben hat. Er zitiert, dass ihr die Musik nie als Einnahmequelle sehen musstet, da ihr alle aus gutem Hause kommt. Von wegen Ma und Dad finanzieren das Leben als Künstler?

Tony: Oh nein, die Unabhängigkeit kam erst mit dem Erfolg von "Tragic Kingdom". Wir kommen aus ganz normalen Arbeiterfamilien.

Gwen: Das ist Blödsinn. Wir sind alle sogar zum College gegangen. Die Band war unser Hobby. Wir haben alle versucht, etwas zu werden. Adrian bediente in diversen Kneipen, Tony arbeitete am College, ich als life guard in einem Erlebnispark, und Tom hat als alles Mögliche gejobbt, beispielsweise als Soundmann. Wir haben immer nur zum Spaß zusammen an Musik geschrieben, nie aus Berechnung. Das ist verrückt, wenn das die Leute denken.

Ihr habt für das Album ja mit sehr vielen Leuten zusammengearbeitet, und durchaus mit unterschiedlichen. Habt ihr jedem das Material des anderen vorgespielt, um einen ähnlichen Vibe zu bekommen?

Tony: Interessant, dass du das fragst. Die Initiative kam nämlich gar nicht von uns, aber die Produzenten wollten das. Das Album wird vor allem dadurch zusammengehalten, dass wir das Zeug vorher selber aufgenommen haben. Wir haben nicht mit ihnen Songs geschrieben. Die Vocals auf "Hey Baby" sind beispielsweise von der ersten Session im Übungsraum, als wir diesen Song geschrieben haben. Das hat die Einheit geformt, die Konsistenz. Wichtig war auch, dass Spike alles gemischt hat.

Was ist eigentlich aus der Zusammenarbeit mit Dr. Dre geworden?

Gwen: Es war eine Idee, die wir angefangen, aber nie beendet haben.

Ich frage deshalb, da euer Sound so ziemlich konträr zu seinem ist. Ihr habt viele Elemente drin, seid nicht gerade minimalistisch. Und er ist der König des Loop-HipHop. Er steht als Produzent für einen klaren, extrem entschlackten Sound. Ich könnte mir vorstellen, dass es für ihn sehr hart ist, mit euch zusammenzuarbeiten, ohne dass es nach einem Remix klingt.

Gwen: Bei dieser Platte ging es vor allem darum, dass alles möglich ist, es keine Grenzen gibt. Und der Sound sollte einfach werden. Die Grundidee von HipHop ist simpel. Ein Beat, ein oder zwei Chords. Die Melodie ändert sich über diesen Chords. Man mag es kaum glauben, dass es immer dieselben sind - das geht nur, da die Melodie so wahnsinnig gut ist. Das war eine inspirierende Lektion.
Die Zusammenarbeit mit ihm lief sehr speziell ab. Er hat uns eine CD mit ein paar Loops geschickt, quasi Jams von ihm. Und ich schrieb darüber einen Song: "Wicked Day". Wenn es eine Sache gibt, die das Album auszeichnet, dann die, dass alle Songs automatisch kamen, wir nicht hart dafür arbeiten mussten. Bei diesem war es so - und deswegen haben wir ihn zur Seite gelegt. Vielleicht kommt er noch mal raus. Mit Dre zu arbeiten war schwierig, da er nicht an Bands gewöhnt ist. Für uns ist es sehr wichtig, dass uns jeder als Band sieht und bei der Kollaboration auch zum Mitglied wird. Einige der Produzenten konnten das, andere nicht. Mit ihnen war die Zusammenarbeit eher ein Experiment, das uns Erfahrungen gebracht hat. Timbaland ist ein gutes Beispiel. Es ist sehr interessant zu sehen, wie er arbeitet. Wir hatten alle Songs schon geschrieben, als wir mit ihm zu arbeiten begannen. Wir haben dann mit ihm einen neuen Song geschrieben, "It's A Fight". Der Song war cool, aber es fehlte was. Mit Leuten wie ihm ist es so eine Sache.

Wie seid ihr mit dem neuen Drum-Sound umgegangen? Statt mit live eingespielten Drums arbeitet ihr diesmal hauptsächlich mit synthetischen ...

Adrian: [bestimmt] Ich spiele noch immer auf jedem Song Schlagzeug, es wurden nur andere Drums dazu gemischt.

Und das war nicht hart für dich am Anfang?

Adrian: Oh ja, sehr hart. Ich bevorzuge einen akustischen Schlagzeugsound. Ich bin generell kein großer Freund von HipHop-Musik. Aber wir haben uns da arrangiert.

Gwen: Ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Einfluss auf dem Album ist Dancehall. Da wird generell nur mit programmierten Beats gearbeitet. Wie auch bei HipHop, Reggae und Ska. Als wir zum ersten Mal mit dem Computer arbeiteten und Adrian dazu Drums spielte, haute das nicht hin, es klang nicht wie der Sound, den wir lieben - und warum? Weil sie eben dieses Instrument nicht benutzten.
Eine faszinierende Anekdote: Die drei Jungs waren zum Produzieren in San Francisco. Und Adrian kreierte mit Livedrums einen Dancehall-Beat. Auf "Hey Baby" kann man diese Aufnahmen hören, gemischt mit synthetischen Beats. So entstand eine fresh new version des Dancehall-Beats. Als wir es Sly & Robbie vorspielten, mochten sie es so sehr, dass sie es synthetisch rekreieren wollten, aber es klang nie so gut wie damals. Deshalb haben wir die alte Version behalten. Und genau das macht das Album so fresh: Wir haben unsere Einflüsse interpretiert, nicht kopiert.
Du darfst auch nicht vergessen, Sly ist ein legendärer Drummer. Er ist der Wahnsinn. Aber als wir ins Studio kamen, stand da nur eine drum machine. Der Typ ist so modern. Das Schlagzeugspielen ist nicht nur eine Sache des Physischen, sondern es geht vielmehr darum, einen Beat zu kreieren. Bei jedem kommt etwas anderes heraus. Adrian schüttelte bei den programmierten Beats teilweise nur den Kopf, da er als Drummer nie auf so weirde Konstruktionen gekommen wäre. Adrian hat es dann ersetzt.

Wie war der Clash mit der HipHop-Welt für euch? Nun steht ihr zwar wie gesagt auch eher für einen spaßigen Ansatz, allerdings nicht für einen, der manche Leute ausgrenzt bzw. abwertet, wie es bei dieser gewissen Sorte von HipHoppern mit den Frauen passiert ...

Gwen: Die Zusammenarbeit mit den Neptunes war verrückt. Die Typen hingen nur an ihren Handys, und wir haben versucht, einen Song zu schreiben - das wurde dann auch nichts. Deine Frage bezieht sich aber auf die kulturelle Kluft ...

Nun ja, die Neptunes sind ja nicht gerade bekannt als schüchterne Feministen, um es gleich doppelt ironisch zu brechen.

Gwen: Ich beantworte diese Frage als Mädchen. Ich war am Ende wirklich erschöpft. Wir haben für das gesamte Album mit Männern zusammengearbeitet, bei den HipHoppern wurde ich allerdings wie sonst von keinem als unerfahrenes Ding behandelt. Es wurde ignoriert, dass ich das seit 15 Jahren mache. "Dude, behandle mich nicht mit Samthandschuhen, ich weiß, was hier geht." Meine Haltung war offen, aber ich habe oft diesen Machogestus gespürt. Gleichzeitig weiß ich, dass das ihre Kultur ist und ich sie nie verstehen werde, da ich aus Orange County komme. Von daher war die Zusammenarbeit mit Eve sehr wichtig für mich. Ich konnte einmal wirklich Teil dieser Welt sein. Und das war ein großer Spaß. Ich respektiere Eve. Sie ist eine Frau in der extrem männerdominierten Welt des Raps - und sie macht einen wirklich guten Job, ohne zuviel Sex ausspielen zu müssen. Klar, man hat es, und manchmal nutzt man es. Aber das ist nichts für mich. Ich habe erst neulich angefangen, Highheels zu tragen und etwas mehr von meiner sexyeren Seite zu zeigen. Aber zurück zur Frage: Ja, ich habe die Erniedrigung im Gegensatz zur Arbeit bei unserem letzten Album diesmal manchmal gespürt. Allerdings nicht bei Ric Ocasek. Totaler Respekt.

Warum kommt ihr eigentlich erst jetzt auf größere Promotour und nicht im November zum Albumrelease?

Tony: Da waren wir in den Staaten aktiv. Und wir waren vier Wochen mit U2 auf Tour.

Mögt ihr sie?

Tony: Ich liebe sie.

U2 sind so ziemlich der Feind hier. Bono nervt einfach mit dieser Überstilisierung seiner Person und der politischen Attitüde. Bescheidenheit ist nicht sein Ding.

Gwen: Darf ich dir mal eines erzählen? Wenn du ihn triffst, wirst du begeistert sein. Hast du ihn schon mal getroffen?

Nein.

Gwen: Er ist nämlich sehr normal. Er macht soviel für die Welt, auf einem Level, an das du gar nicht denken kannst. Wieviel Geld hat er für Afrika besorgt? Und das ist real. Das kannst du nicht ausblenden. Er schneidet die Zeit bei seiner Familie ab. Er hat vier Kinder und arbeitet dafür bis nachts um 4. Aber ich weiß, was du meinst.

Tony: Er ist ein Charakter geworden.

So kann man es auch formulieren. Ich würde sagen, dass U2 ihre eigene Satireshow sind.

Tony: Aber das passiert jedem irgendwie mit der Zeit. Wenn ich alte Fotos anschaue, dann ...

Gwen: Das ist nicht nur ein Phänomen von Bands, sondern geht jedem so. Wenn ich alte Fotos von mir sehe - oh, mein Gott: ich war ein Hippie. Bono ist nun mal allgegenwärtig. Das ist nicht leicht. Unsere Kinder werden uns eines Tages fragen: "Dad, warum hast du diese Brillen getragen?" Und du wirst sagen: "Das war cool, arty, und ich sah gut aus." Das wird so weird, wenn wir Kinder haben. Adrian wird seines in vier Wochen bekommen. Der erste der Band, der es macht. Wir reden viel darüber, wie sich das auf unsere Arbeit auswirken wird. Werden all unsere Kinder zusammen aufwachsen? Werden wir zusammen Barbecues veranstalten? Wenn ja, werden uns alle den Mund verbieten, damit wir nicht mehr über No Doubt quatschen.

Tony: Das wird passieren. Man verändert sich dadurch. Er hat sich schon verändert. Er trinkt nur noch Wasser.

Wollt ihr alle Kinder bekommen?

Tony: Vielleicht. Noch nicht jetzt. Ich muss noch üben.

Tom: Worauf nimmst du eigentlich auf, auf Minidisc?

Ja.

Adrian: Es läuft nicht.

[Ich ängstlich. Alle lachen. Spässle gemacht.]

Lasst uns noch ein bisschen über Babys sprechen. Ich will das Interview an ein paar spezielle Magazine verkaufen. Ihr wisst schon: Magazine für werdende Mütter ... Als Schreiber denkt man ja auch über so was nach. Ich für meinen Part kann mir keine Kinder vorstellen, da ich viel zu egozentrisch bin.

Gwen: [lacht] Ich auch. Es ist überhaupt sehr beachtlich, dass in der 15jährigen Geschichte noch keiner von uns ein Baby bekommen hat. Oder geheiratet hat. Es ist Wahnsinn, wieviel wir uns gegeben haben, in uns investiert haben. Das bemerkt man nur, wenn man mal nach hinten schaut. Und da waren viele Kompromisse im Namen der Band. Es ist unglaublich, dass wir noch immer Freunde sind, soviel Spaß beim gemeinsamen Aufnehmen haben.

Würdet ihr sagen, dass alle Freunde außerhalb der Band und Partner an zweiter Stelle kommen? Dass ein neuer Partner es schwer hat?

Gwen: Ja. Die Boys trainieren ihre Freundinnen. Die Band kommt immer an erster Stelle. Die Freundinnen waren eigentlich immer cool. Sie kamen immer gern zu den Proben und Shows. Oft haben sie auch mit dem Musikbusiness zu tun. Der Bruder von Toms Freundin ist beispielsweise ebenfalls in einer großen Band. Und Adrians schwangere Freundin war fünfzehn Jahre lang Tourmanagerin. Und mein Freund ist auch in einer Band. Bush. Wir sind ja verlobt. Ich bin mal gespannt, wie das alles wird. Man trifft immer Leute, die in die Strukturen passen. Tom macht einen auf solo und trifft sich dauernd mit chicks.

Cuttet ihr die Band manchmal für eine gewisse Zeit?

Gwen: No breaks, ever.

Kennt ihr die Ärzte? Einer von ihnen heißt Farin Urlaub, da er jedes Jahr vier Monate am Stück Urlaub macht; die restlichen acht arbeitet er.

Gwen: Das ist ein großartiges Konzept. Wir haben uns an Weihnachten zwei Wochen Pause gegönnt. Und wenn Adrians Kind kommt, bekommt er zwei Wochen Babypause. Danach nehmen wir es mit auf Tour.

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