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Wir machen die Stars gerne glücklich

Kochen mit: Kelly Rowland

Immer wieder leicht zu handelnde Weltstars in diesem Multi-Funktions-Studio hier in der Südstadt Kölns. Fast alle galant, patent - in jedem Fall aber professionell. Was ist eigentlich aus den besoffenen Diven geworden, die einen unablässig mit ihren Handtaschen verprügeln wollen? Wo sind die Künstle
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Immer wieder leicht zu handelnde Weltstars in diesem Multi-Funktions-Studio hier in der Südstadt Kölns. Fast alle galant, patent - in jedem Fall aber professionell. Was ist eigentlich aus den besoffenen Diven geworden, die einen unablässig mit ihren Handtaschen verprügeln wollen? Wo sind die Künstler, die beim "Kochen mit" unvermittelt den Tisch mit der Faust abräumen und brüllen: "Und jetzt nehme ich eine Peitsche und werde sie euch Journalisten durch die Fresse ziehen"? Ach so. Das, was ich meine, ist Kinski, und auf den werden wir hier am Herd wohl lange warten können. Tja, dann bleiben tatsächlich nur ein paar HipHopper, die dieses Format von Kochen und Quatschen mit ein wenig Hool-Flavour belegen. Der einfach wieder abhauende Shaggy oder der Fastfood ordernde Master P. Eine kleine Minderheit. Alle sind sonst immer freundlich. Pop und eben auch seine Protagonisten haben verinnerlicht, dass sie nonstop unterwegs sind, für sich selbst und die Welt, wie sie ist, zu werben. Ist das nicht schön?

Als Kelly Rowland das Studio zum frühen Lunch betritt, sind wir anderen schon da. Und wir sind viele. Intro-Fotograf und Assistentin, eine bekannte 1Live-Reporterin, eine Moderatorin, die noch additional für "Top Of The Pops" drehen will und ihr Kamerateam sowie Thomas Venker und ich fürs Intro. Endlich mal eine private Atmosphäre. Doch Kelly, die ihrerseits noch mit Visagist, Best Boy, Fahrer und Plattenfirmen-Begleitung reist (to name just a few), checkt nur kurz die Lage und beginnt dann alles für alle wunderbar zu regieren. Los geht's am formerly known as offenes Feuer bzw. heutigen Elektroherd. Kelly sprüht vor Elan und freut sich auf Spaghetti mit roter Sauce.

Hey, und sie hat echt Glück, dass sie solche bekommt. Denn bis vor wenigen Stunden sah das noch ganz anders aus. Auf die im Vorfeld offiziell eingereichte Anfrage, was Kelly denn gerne kochen würde, kam per Mail die Antwort "Paste mit Tomaten". Aha. Dachten wir. Die arme Künstlerin ist nicht nur solo ohne ihre Girls von Destiny's Child auf Reisen, nein, zudem ist sie noch magersüchtig. Denn Pastete, so vermuteten wir, war bestimmt nicht gemeint. Womit "Paste" doch nur so was wie Tartex, also ein Bio-Aufstrich fürs Brot, bedeuten konnte. Tja, für zwei Grammies nominiert (für das Duett "Dilemma" mit Nelly), und dennoch gibt's kaum mehr als Wasser und belegtes Brot. Zum Glück ergab ein ratloser Rückruf unsererseits die Lösung, dass die Ansage eigentlich hätte "Pasta" heißen sollen.

Darauf hat Kelly in der Tat Bock. Wenngleich sie ja "gar nicht so gut kochen könne". Doch wenn man mit Hofstaat im Staate unterwegs ist, finden sich dort glücklicherweise meist auch ein Leibarzt und Mundschenk. Den Posten des Letzteren übernimmt ihr Visagist. Kelly rührt und sprüht Funken, und er feuert in die Tomatensauce unbeirrt Mengen von Pfeffer, Salz und Zucker rein. Dass die letztlich dadurch erblühte, statt zu verätzen - nicht jeder hier im Raum hätte es gedacht.

Nachdem angerichtet ist, wird gegessen. Kellys Portion ist bescheiden, und der Parmesan, den sie sich zuteilt, wirkt auch etwas abgezählt. Doch im Laufe der Unterhaltung nimmt sie dann sogar nach. Wir sind stolz. Das kann doch nur ein gutes Zeichen sein. Gerade auch, wo sie doch solo wirklich einsamer ist als vielleicht andere Künstler. Denn Destiny's Child sind ja nicht nur der R'n'B-Hegemon dieser Epoche, sondern eine Multi-Power-Schicksalgemeinschaft. Klingt wie ausgedacht. Ist aber so. Schon als sie im Mai 2001 zum Intro-Cover-Act avancierten, erzählte Phillip Sollmann über das Interview mit ihnen, dass die Mädchen dort ständig zusammen getanzt und seine kritischen Anmerkungen zu Phil Collins kichernd übersungen hätten. Und jetzt sind sie (nur auf Zeit!) über die Lande verteilt. Wenn Kelly zwischendurch einfach mal singen will, und das will sie, muss sie es jetzt alleine tun.

Normalerweise isst du sicher, ohne dass zehn Leute drum herum sind und Aufnahmen gemacht werden.

Ja, das hier ist schon ziemlich weird. Aber auf Promotion-Tour ist eben auch was Privates wie Essen nicht vor Öffentlichkeit sicher.

Macht es für dich einen Unterschied, solo unterwegs zu sein? Vermisst du deine beiden Girls?

Oh ja. Das Reisen ohne die anderen ist schon ein wenig einsamer. Weißt du, es passieren ja laufend witzige Momente, und eigentlich möchte ich rufen: "Beyoncé, hast du das gesehen?" Aber sie ist ja nicht dabei.

Es gibt in deinem Tross überhaupt kein Girl weit und breit. Wie geht's dir damit?

Ich vermisse Girl-Talk. Meine einzige Möglichkeit ist dann eben zu telefonieren. Gerade gestern hatte ich eine silly Nachricht auf Band von Michelle - sie hat den gesamten Text gesungen. Es war so süß, das zu hören.

Bei deinem Solo-Album "Simply Deep" fällt ja gleich auf, dass es sehr Pop ist und nicht, wie eigentlich zu erwarten, R'n'B.

Freut mich, dass das so rüberkommt. Für mich stand fest, dass ich nichts machen wollte, das so nah an Destiny's Child ist. Denn DC waren ja gerade seit dem letzten Album so präsent allerorts. Und wir wollten auch den Fans mit unseren Solo-Aktivitäten die Möglichkeit geben, einen Break von DC zu bekommen. Und lieber andere Facetten betonen. Michelle zum Beispiel hat ja nun Gospel-Stücke gemacht. Und Beyoncé ... Ich weiß nicht, sie ist ja constantly changing. Zuletzt hat sie sehr soulfulles Zeug gemacht, das ihre Stimme perfekt zur Geltung brachte. Und gerade auch wieder einen neuen Film abgedreht ["Fighting Temptations" mit Cuba Gooding Jr.].

Interessante Fragen. So weit. Aber es versteht sich, dass auch diese leidige Nähe zu Bush upgedatet werden muss. Destiny's Child haben ja einst auf der Amtseinführungsparty von George Bush Jr. gespielt. Nicht gerade eine Aktion, mit der sie bei uns Props bekamen, zumal die Begründung, die sie Sollmann im Mai 2001 ins Mikro sangen, auch nicht von, ähm, Diskurskompetenz zeugte: "Es ist cool, wir haben für die Kids gespielt. Da waren eine Menge Kinder, die Unterhaltung wollten - und wir waren da, um unser Land zu unterstützen und unseren neuen Präsidenten ebenfalls. Wir kümmern uns nicht um Politik." Und heute, angesichts der aktuellen Ereignisse, hat Kelly da ihre Meinung zum Präsidenten geändert? Zumal ja viele Künstler in den Staaten momentan auf Konfrontationskurs zu Bush gehen.

Kritik an Bush, das ist noch immer nichts für euch?

Nun ja. Das ist dann halt die Entscheidung von dem einen oder anderen. Wir wissen aber, dass wir für viele Kids role-models sind und unsere Meinung zählt - und deshalb haben wir uns entschieden, für uns zu behalten, wie wir über gewisse Dinge denken. Wir möchten niemanden beeinflussen. Sicher ist es wirklich crazy, what's going on. Alles fing an mit den ganzen Terroranschlägen in den USA. Und jetzt haben wir den Irak, und dann haben wir Nord-Korea - all diese Orte, it's just a bad disease and it's spreading. Ich hoffe aber immer noch, dass es nicht zum Krieg kommt. Denn ich denke an die Kinder und die vielen Leben, die in Gefahr sind. Die Leute, die die Entscheidungen treffen, haben einen Platz, wo sie hingehen können, einen Tunnel oder Bunker, aber man muss auch an alle anderen auf dieser Welt denken. Sie können nirgendwo einfach in Sicherheit gehen. Also, man muss an die Kinder denken.

Word up, Kelly Rowland? Na, zumindest souliger haben die Worte der Pfaffengattin Misses Lovejoy (von den Simpsons) nie geklungen.

PS: Das Essen ist beendet. Artist und Interviewer sind satt, zufrieden und besorgt um das Wohl der Menschheit. Da legt Thomas noch einen drauf. Er präsentiert zwei White-Labels mit Remix- bzw. Neu-Versionen zu Nellys "Hot In Herre" und Destiny's Childs "Say My Name". DJ Assaults Detroit-Bass-Version ihres großen Hits will Kelly so gar nicht gefallen. Ist ja auch nicht fein von diesem "bösen Menschen", den grandiosen Hook "Say my name, say my name" mit "Nigger" und "Bitch" zu kontern. Die Mienen von Künstlerin, Visagist, Fahrer und Co. vereisen. Auweia. Das haben wir doch alles nicht gewollt. Beleidigende Underground-Versionen von großen Hits sind ebenfalls a bad disease und still spreading. Sollen die denn ernsthaft auch alle entwaffnet werden, Kelly? Durch die USA? Eins ist jedenfalls sicher: Die bad words, die sie für Assault findet, die hätten selbigem gefallen.

Apropos gefallen. Um den guten Vibe wieder zu regenerieren, wurde flugs die Platte gewechselt. Next up: Montreals Electroclash-Legende Tiga mit seiner Nelly-Coverversion. Und siehe da, der Track gewinnt sofort die Herzen der Anwesenden zurück - zumindest, nachdem sie darüber hinweggekommen sind, dass ihnen bei diesem semi-unlizenzierten Stuff wohl kein Dollar Tantiemen zufließen wird. Kelly singt mit und freut sich diebisch, die Platte als Präsent auch noch behalten zu dürfen. Wir machen die Stars gerne glücklich.