×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Dieses Jungs-Ding: Hilfe (mit Kochvideo)

Kochen mit: Kelis

"Hurra, hurra, die Küche brennt!" denke ich nicht nur, nein, ich sehe und rieche es. Galgenhumor. Wie konnte es nur so weit kommen? Remember Intro #89. Wir launchen die neue Rubrik "Kochen mit". Für heute hat sich Kelis zum Diner angemeldet. Indisch soll es geben, mit Hühnchen. Na dufte, das kann ja
Geschrieben am

"Hurra, hurra, die Küche brennt!" denke ich nicht nur, nein, ich sehe und rieche es. Galgenhumor. Wie konnte es nur so weit kommen? Remember Intro #89. Wir launchen die neue Rubrik "Kochen mit". Für heute hat sich Kelis zum Diner angemeldet. Indisch soll es geben, mit Hühnchen. Na dufte, das kann ja was werden. Fleisch und Exotik, so reizvoll das sonst klingt, auf dem Teller ist es nicht so meine Sache. Aber gut. Der Gast ist Königin. Und Indisch ist eine Herausforderung. Nicht für jeden. Manche sehen es eher als Sackgasse.

Indisch ist eine Herausforderung

Rainer flüstert mir Mantra-artig ins Ohr, dass wir doch einen Bringservice anrufen und Kelis, ähm, verarschen sollen. Lächerlich. Erstens ist das Baby mindestens genauso in der Pflicht - es heißt ja schließlich "Kochen mit" und nicht für -, und zweitens ist Herausforderung mein zweiter Vorname. Oder vielleicht doch der dritte? Nach Tollpatsch? Die ersten Vorbereitungen laufen nämlich chaotisch an. Die Inder haben da diese Spezialität namens Ghee, ein riesen Bollen [Schwäbisch für Stück] Butter im Topf aufgekocht und dann abgesiebt. Soll wie Kartoffelpüree aussehen. Im Buch tut es das auch. Im Topf wird es allerdings schwarz und brennt. Super. Statt die Verspätung des Gastes für Vorbereitungen zu nutzen, räuchere ich den Laden ein. Klar, dass es just im Moment der höchsten Nebelrate läutet: "Hi, it's me, Kelis ..."

Zum Anschauen des Kochvideos bitte hier klicken. [Video 100k] [Video 56k]

Komplimente Galore

Aber hallo, wie liebreizend das klingt. Viel besser als der Hall der eigenen Stimme in langen einsamen Redaktionsnächten. Sozialität, ein nicht reizloses Konzept. Dreißig Sekunden später höre ich die liebreizende Stimme wieder: "Oh, Nebel, wie auf der Bühne. Das mag ich." Scherz oder Ernst, was kümmert es mich? Nur gut, dass ihr Handy klingelt. Zeit zum Lüften - und Beruhigen von unserem Starfotografen, der wieder mal den Service rufen will. Aber nicht mit mir. Der Raum lichtet sich. Und was muss ich sehen? Kelis ist nicht allein gekommen.

Sie hat ihre extrem hungrige Promoterin und eine nette Lady mitgebracht: "That's my Mum", erfahre ich und will gerade nachhaken, da werde ich situationistisch überrollt: "Oh, mein Gott, diese Frisur. Das ist ja der Wahnsinn. Hätte ich glatte Haare, ich würde sie auch so weird tragen. Die Frisur ist ja so wichtig ..." Ich habe natürlich nur noch einen Gedanken: nicht rot werden. Als ich meinem Coiffeur Wolfgang am nächsten Tag von diesem Kompliment erzähle, geht es ihm nicht minder so. Aber genug von mir. Eitelkeiten. Zeit für ein ernstes Gespräch. Wir brauchen ja Unterstützung in der Küche.

Kelis, könntest du vielleicht mit in die Küche kommen? Wir haben da dieses Jungs-Ding am Laufen.

Kelis: [sichtlich verwirrt] Äh, was?

Nun ja, du weißt schon, wenn zwei Typen eine Frau in die Küche rufen, dann wollen sie vor allem eins: HILFE.

Der Charme kommt an. Wobei sie mich gleich warnt, dass das Vortäuschen eigener Unfähigkeit keine rein männliche Strategie sei - um gleich eines dieser hilfsbedürftigen Girls zu imitieren. Cute. Irgendwie.

Jetzt müssen wir noch meine ambitionierten drei Gänge auf zwei reduzieren - Herausforderungen sind ja schön und gut, aber man muss es ja nicht übertreiben. Das Ziel: aus allen Zutaten ein vegetarisches Gericht und Hühnchencurry zu zaubern. Kein Problem. Kelis entscheidet sich für ein systematisches Vorgehen, was sie wohl von ihrer Mutter gelernt hat, die, wie sich herausstellt, Köchin ist und einen Cateringservice für die upper class betreibt - später wird sie die "leckeren" Auberginen doch noch frittieren und uns somit zurück ins Dreigängemenü bringen. Ich werfe einfach alles in den Topf. Und bekomme trotzdem nachher Komplimente von Mama Rogers: "Ich halte ja nicht viel von vegetarischen Gerichten. Aber das schmeckt exzellent." Gott, schon wieder rot im Gesicht. Scheiß scharfe Speisen.

Diese Vegetarier-Sache versteht unsere Soul-Lady allerdings nicht so ganz. Als es an den Reis geht, unser verbindendes Element, schmeißt sie doch glatt Hähnchennabfälle ins Wasser, zur Geschmacksverbesserung, wie ich erfahre.

Kelis: Oh, ah, du bist ja Vegetarier. Aber keine Angst, ich sieb' das ab. It's just for the taste of it ...

Nette Idee, aber ich schütte das mal weg und setze neues Wasser auf.

Wir verstehen uns. Blendend. Das läuft ja gut. Zeit zum Stören. "HUNGER", stimmt die Promoterin das zweite Mantra des Abends an. Kein Erfolg. Kelis winkt ab. Die lassen wir ein bisschen zappeln, haben wir uns ausgedacht. It's a Pärchen-Thing you wouldn't understand.

Kochen und Small-Talk

Das passt gut. Würden wir ja sonst auch nicht machen, dieses "Kochen mit". Kelis' Mutter, das goldige Ding, wird später in ihrer naiv-netten Art fragen, warum Interviews nicht immer so gemütlich sein können. Ja, warum eigentlich?

Anyway. Unser erstes Thema: Mietpreise. Kelis erzählt, wie teuer New York doch sei, dass ihr kleines Apartment in Harlem schlappe 5.000 Mark koste. Mutter Rogers widerspricht und wird zurechtgewiesen: "Ma, du hast doch keine Ahnung. Meine Freundinnen zahlen teilweise noch mehr. Das ist krank." Gut, dass die Mieten jetzt runtergehen. Sie wissen schon warum. Genug Sozialkritik. Widmen wir uns dem Shopping. Die Herangehensweisen sind nur minimal unterschiedlich. Kelis' nachmittäglicher Bummel durch Kölns Vorzeige-Boutiquengasse Mittelstraße versus meinen just 48 Stunden zuvor beendeten New-York-Shopping-Trip. Sie hat platzsparender eingekauft. Die Summe meiner Ausgaben für zig Platten und DVDs, ein paar Pullis und ein Paar Schuhe entsprechen ungefähr einem Drittel des von ihr gekauften Kleides. Gott, was habe ich mich anscheinend unnötig abgeschleppt.

Aber Shopping ist nicht alles. Es gibt da noch diese Politikgeschichte, die leider nicht mehr alle in der Popmusik angesiedelt sehen. Kelis ist da glücklicherweise ganz anders. Aber man kommt wohl nicht daran vorbei, wenn man jung, schwarz und weiblich ist, denn entweder wird sie (wenn man sie nicht kennt) sofort auf die Preise hingewiesen oder aber extrem unfreundlich behandelt, da sie ja dieses rotzfreche, erfolgreiche Gör aus Harlem ist.

Man neigt ja oft dazu, die afro-amerikanische Kultur aus der Perspektive des weißen Mittelschichtlers nicht so recht zu verstehen. Ich äußere meine Bedenken über ein Magazin wie Honey, das ich gerade am Flughafen gekauft habe. Der Ansatz: Schwarze Journalisten schreiben über schwarze Künstler für schwarze Leser. Ich kritisiere - unter Verweis auf ähnliche, auf absolute Segregation setzende feministische Strategien - dieses Mit-den-gleichen-Fehlern-Reagieren. Einen Einwand, den Kelis nicht akzeptieren kann: "Du musst es mal andersherum sehen. In den Staaten ist es unheimlich schwer, sich als schwarzer Künstler darstellen zu können. Und, noch schlimmer: die jungen Mädchen brauchen Medien, die ihresgleichen repräsentieren. Davon gibt es viel zu wenige. Und deshalb ist das schon gut so. Sonst sehen sie immer nur weiße Schönheitsideale." Nachvollziehbar.

Weniger Konsens gibt es bei der natürlich zwingend zu führenden Jay-Z-Sexismus-Diskussion. Kelis argumentiert, dass es nun mal "Holes" gibt - was natürlich ihre Ma aktiv werden lässt, doch auch diese überzeugt Kelis: "Aber es stimmt doch, diese Mädchen ficken alles und jeden. Das sind nun mal Holes." Aber hallo. Und von daher kann Jay-Z ruhig so über sie sprechen. Kelis fühlt sich jedenfalls nicht angesprochen. Nun ja. Zustimmung ernte ich auf meinen Einwand, dass so aber die Gefahr bestehe, dass jeder durchschnittliche Prolet meint, Frauen ähnlich beschissen behandeln zu können.

Gelöste Lippen

Der Wein schmeckt gut. Das ist bekanntlich ja nicht nur ein Gourmet-Ding, sondern auch ein kommunikatives. Und so erzählt sie wie ein Wasserfall Schoten, die sonst wohl eher nicht erzählt werden. Zum Beispiel, dass ihr die Plattenfirma vor wichtigen TV-Auftritten einen Fitnesstrainer zahlt ("Und sie sind sonst geizig wie Hölle"), damit sie gut aussieht. Und ihr Publisher ruft regelmäßig an, um sich galant nach dem Kampfgewicht seiner Klientin zu erkundigen. Frauen und die Kilos. Keine private Sache. Das geht dann so weit, dass schon mal hinter dem Rücken von Kelis eine Musikerin aus ihrer Band gefeuert wird, da sie zu fett sei - unter der vorgeschobenen Begründung, dass sie zu schlecht sei. Das kann man mit vielen machen, aber nicht mit Kelis: "Ich bin die Tochter eines Jazzmusikers. Ich mache schon so lange Musik, dass ich wohl beurteilen kann, ob jemand gut oder schlecht ist."

Aber es geht da wohl eher um das Geschlecht. Denn Kelis erzählt, dass ihre Allgirl-Band in den Staaten so gar nicht gut ankommt. "Das ist immer ein langer Überzeugungskampf. Und ich werde mit dieser Band wohl nicht mehr auf die nächste Tour gehen können ..." Amerikanische Plattenfirmen. Sklaverei ist nicht unbedingt eine Übertreibung. Da wundert es auch nicht mehr, dass das Label sie nach dem Signing zur Erziehungslehrerin geschickt hat, die, so klein ist die Welt, lustigerweise eine ehemalige Honey-Chefredakteurin ist - das macht Mut, für ein Leben nach Intro. Spässle gmacht .. Da lernt man dann jedenfalls stillsitzen, arrogant Fragen abriegeln (sie lacht sich tot, als ich Aaliyah imitiere) und generell die Etiketten der Welt der Erfolgreichen. Da bekommen sie von Gott dieses junge, talentierte, wilde Girl geschenkt. Und was machen sie? Sie wollen sie anpassen? Logik. Hier sucht man sie vergeblich.

Der rosarote Panther

Und während wir tratschen und tratschen, lässt es sich Mama Rogers (die übrigens einen exquisiten Musikgeschmack hat, nur den Sound ihrer eigenen Tochter versteht sie nicht so ganz, schätzt ihn aber für die Eigenständigkeit) trotz ernsthafter Versuche - man hat sie ja gelernt, die Etiketten - nicht nehmen, den Abwasch zu machen. Von wegen der Dank für das leckere Essen.

Das müssen sie aber wirklich nicht machen. Ich habe eine Haushaltshilfe.

Kelis: Ist es nicht schlimm? Das macht sie immer.

Das kenne ich. Meine Ma meint auch immer, am Wochenende putzen zu müssen, anstatt mal auszuruhen.

Kelis: Jaja, da nimmt man sich doch lieber eine Putzfrau. Man hat ja sowieso so wenig Zeit.

Das sage ich auch immer.

Zeit für Paulchen Panther. Wie, irritiert? Ich spreche von dieser "Wer hat an der Uhr gedreht"-Nummer. Es ist bereits halb eins. Zeit für eine Party, meine ich. Und Kelis grinst. Doch die Promoterin verweist auf den Dreh mit Charlotte Roche, der am nächsten Tag für halb elf angesetzt ist. Da vergeht selbst der scheinbar immer gutgelaunten Kelis das Lachen: "Ich stehe nicht gerne früh auf." Da kann ich sie beruhigen. Ich auch nicht. Wäre ich doch nur zu Bett gegangen.

Der nächste Tag ist dann hell. Viel zu hell. Und laut. Telefonterror im Schulterschluss mit dem Schädelterror. Unfair. Da freut man sich ganz besonders über eine nette Überraschung: am Telefon die sympathische Virgin-Promoterin. Ihr Anliegen: Sie möchte sich noch mal im Namen von Mutter und Tochter Rogers für den "schönsten gemeinsamen Abend seit langem bedanken." Wow. Dank zurück. Das können wir öfter machen. Sagen alle Beteiligten. Habe ich schon erwähnt, dass ich wieder eine Visitenkarte überreicht bekommen habe? Und Sie wissen, was das bedeutet. Ich sage nur: Mark Webber.