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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Drei Farben. Rot. Gelb. Grün.

Kochen Mit Jay Jay Johanson

Jay Jay Johanson. Ein Mann für die besonderen Anlässe. Zum Beispiel für Modeshootings im Wald. Mit einem Foto aus dieser Strecke zierte er im April 2000 das Introcover. Und diesmal ist er nun zu Gast bei "Kochen mit", unserem Format für die Stars und Sternchen, bei dem diese ganz normale Homecooker
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Jay Jay Johanson. Ein Mann für die besonderen Anlässe. Zum Beispiel für Modeshootings im Wald. Mit einem Foto aus dieser Strecke zierte er im April 2000 das Introcover. Und diesmal ist er nun zu Gast bei "Kochen mit", unserem Format für die Stars und Sternchen, bei dem diese ganz normale Homecooker mit Schürze sein dürfen. Und ihre Lieblingsspeisen brutzeln - die zumeist ziemlich deprimierend karg anmuten: aufgewärmte Pizza. Eingebackenes Hasch. Oder Nudeln mit Sauce. Nur gut, dass das ja nur Vorschläge sind, die somit durchaus diskursiv updatebar sind. Will sagen: Wir haben uns damit arrangiert, dass wir die welken Blüten der Orchidee Hobbykoch zum Blühen bringen müssen. Auch, da wir das Triviale ihrer Ansagen als Understatement aus Angst vor Überforderung zu nehmen wissen.

Und dann das. Folgende E-Mail kommt drei Tage vor unserer Verabredung von JJ persönlich: "starter: yellow soup (cornsoup), main dish: green soup (soupe de pois avec avocado), dessert: red soup (watermelon soup). All with three different bread. ingredients i'll need: chili pepper (fresh & powdered), knorr vegetable bouillon, salt, pepper, milk, cream, fresh herbs (thym, basilic, persil), sugar (liquid and powdered), mineral water, tomatoes, oliveoil, garlic, balsamic vinegar, green giant canned corn, spring onions, frozen petit pois, avocados, watermelon. i hope i didn't forget something. jay jay."
Aber hallo. Ein Meister seines Faches scheint da auf uns zuzukommen. Und wie originell das klingt: drei Suppen, nach Farben geordnet. Das muss diese Nouvelle Cuisine sein, von der wir mit unserer Rubrik auch mal einen Hauch abbekommen wollten. Dass sie es dann tatsächlich sein wird, ist eher eine glückliche Fügung denn das Ergebnis von Kompetenz. Der alte Schwede, ganz Kenner des popkulturellen Handlungsmoments namens Bluffen, hat einfach mal alle Inspiration fließen lassen. Denn Jay Jays Debüt in dieser "Kochen nach Farben"-Nummer wird zwar schlichtweg ein Selbstläufer, ist aber auch für den Koch selbstausgedachtes Neuland. Das Ergebnis zum Glück: simpel, effizient und lecker.

Aber der Reihe nach: Alle Zutaten werden auf dem Tisch nach Farben geordnet, durch den Mixer gejagt und in Suppentöpfe verfrachtet. Fertig sind sie. Die verflüssigte Melone wird in die Kühltruhe gestellt. Der Rest erwärmt. Und siehe da, "Kochen mit" kann also auch ohne Peinlichkeiten am Herd ablaufen. Auf diese Erkenntnis öffnet Fotolegende Rainer Holz gleich mal eine Flasche Champagner. Und dann ist auch schon die Gelbe auf dem Tisch - ich denke, wir können die Suppe als Anhang im folgenden weglassen, das erhöht den mystischen Faktor dieses so speziellen Dinners. Nicht weglassen können wir freilich die Frage, ob die Suppenlastigkeit etwas mit der Angst vor Kalorien zu tun hat, immerhin ist Jay Jay ja ein Hemedle, wie wir im Süden sagen - was aber wohl genetisch bedingt ist: "Ich esse sehr viel. Meine Mum und mein Dad sind ebenfalls spindeldürr. Nur mein Bruder ist dick - weil er soviel Bier trinkt. Das sieht natürlich komisch aus, da außer dem Bauch alles sehr dünn ist. Meine Schwester sah ähnlich bizarr aus, als sie schwanger war."

Bizarr aussehen. Gutes Stichwort. Auf dem Cover zu seinem neuen Album "Antenna" sieht Jay selbst echt bizarr aus. Mitten im grassierenden 80er-Revival-Fieber fährt er die krasse "Seiten weg, hinten Matte"-Nummer. Und das, wo ihm die kurzen Haare (Vergleich das gedroppte Introcover) doch so gut gestanden haben. Wie konnte es nur dazu kommen? Er erzählt es uns: "Ich habe die Haare seitdem nicht mehr geschnitten. Vor zwei Jahren habe ich sie dann zum ersten Mal auf der Seite rasiert. Und für das Cover jetzt eben erdbeerblond gefärbt. Das war die Idee des Haarstylisten. Die Plattenfirmenleute meinten, ich würde wie Marilyn Manson aussehen. Die Kritiker sehen mich als De Niro in 'Taxidriver'. Toll. Oder?" Ähm, ja. So als Statement. Für was auch immer. Nicht unkritisch, diese Haarkreation, birgt sie doch die Gefahr, zum zentralen Moment der Wahrnehmung zu werden. Er hätte es eigentlich ahnen müssen, zumal auch die Musik eine gewisse Annäherung an den 80er-Retro wagt. Sigue Sigue Sputnik, wirft Linus ein. Und erntet Schweigen. Und Falten. Und dann Worte: "In Schweden haben wir diesen 80er-Trend gar nicht mitbekommen. Unsere Charts orientieren sich stark an den amerikanischen und englischen - und die sind ja nicht so voll damit, sondern eher mit HipHop und R'n'B. Mir ist das nur in Frankreich aufgefallen, dass Tracks wie 'Sunglasses At Night' und die Gigolo-Sachen so groß sind. Aber ich sehe so was wie Gigolo auch nicht als schlecht an. Sie sind modern in ihrer Retrohaltung." Und was ist mit Prinzessin Stephanie von Monaco? "Déjà Vu" vom neuen Album erinnert ja doch an deren großen Smasher "Irresistable" - finden zumindest wir Schreibertypen. Und ernten dafür eine Gegenfrage: "Warum?" Selbstverständlich haben wir Argumente, zum Beispiel den ähnlichen Swing.

Statt Retro-Diskurs schlägt Jay Jay vor, den nächsten Gang zu testen. Ausgezeichnete Idee. Und erneut eine ausgezeichnete Kreation. Apropos selbige. Er hat ja auch Ambitionen, die Lust aufs Kreieren mit einer eigenen Modefirma auszuleben - allerdings erst, wenn die Musik nicht mehr so zentral in seinem Leben ist: "Ich mache schon jetzt viel mit Mode. Ich bekomme ja viele Klamotten geschickt wegen meiner TV- und Magazin-Appearances. Adidas schickt beispielsweise vier Schuhe im Jahr. Und Yamamoto, der mit Adidas zusammenarbeitet, auch. Ich bekomme also acht Paare im Jahr. Zuletzt haben sie mir diese Lederturnschuhe geschickt." Spricht's und deutet an sich runter. Interessant, wie schnell man vom Kreieren zum Schnorren kommt. Ein seltsames System, auf das er da verweist. Erst kann man sich nichts leisten, und dann, wenn man das Geld hätte, bekommt man es eh umsonst. Bevor wir alle aber jetzt den Neidfaktor hochfahren, hören wir doch mal, was er Negatives zu berichten hat über diese Mechanismen: "Das erste, was man realisiert, ist, dass man alle Drinks umsonst bekommt. Und das ist natürlich extrem schlecht. Alle werden zu Alkoholikern und stehen dann betrunken auf der Bühne." Unser Stichwort. Rainer holt einen seiner äußerst billigen, aber extrem leckeren Weine, die er bei einem polnischen Anbieter im Netz ordert. Jay Jay, zutiefst beeindruckt, kontert im battle um unsere Aufmerksamkeit mit einem geschickt plazierten Wort: "Nachtisch?" Und während er, ganz Proletarierstyle, den Fingercheck an der Melonensuppe vollführt, lässt er uns in einem Nebensatz wissen, dass wir zu intellektuell an ihn herangehen würden. Sein Lieblingsinterview habe er nämlich der Allegra gegeben. Die wollten so tolle Sachen wissen wie, was seine Lieblingsfarbe sei. Verstanden. Und ignoriert. Kaum ist die letzte Suppe in den Magen befördert, legen wir anspruchsvoll nach.

Also, lass uns mal über die Bedeutung von Marx für deine Arbeit reden.

Ich verstehe die Frage nicht.

Allegra. Du verstehst?

[lacht]

Das Album ist sehr auf deine Person zentriert. Viele Texte sind in der Ich-Perspektive verfasst. Reflektierst du dich sehr?

Wenn ich über etwas schreibe, bedeutet das, dass ich mich stundenlang damit auseinandersetze. Und ich toure mit den Songs. Wenn es kein Topic ist, das ehrlich aus mir kommt, wäre es eine Qual, mich so lange damit auseinanderzusetzen. Von daher ist mein Tagebuch die ideale Quelle. Dinge, die mich entsetzen und faszinieren.

Es wirkt so, als wärst du in Distanz zu den Leuten und Orten deiner Sehnsucht.

Songs zu schreiben ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Ich hänge lieber mit meiner Freundin und Freunden rum. Ich schreibe nur, wenn ich alleine bin. Und leider bin ich ziemlich oft alleine. Das ist nun mal eine Konsequenz meines Jobs. Wenn ich mich von euch verabschiede, bin ich auch wieder alleine auf meinem Hotelzimmer. Dann werde ich meine Freundin vermissen, meine Ma wie jeden Abend anrufen und ihr eine gute Nacht wünschen ... Es werden wieder zig Nachrichten auf meiner Mailbox sein, alle von Leuten, die mich erreichen wollten. "Cake" handelt davon, dass ich die Leute oft zurückweise, da ich in der Mitte meiner Karriere bin. Ich hasse mich dafür, dass ich so egozentrisch bin und nur an mich denke. Ich habe viele Freunde verloren dadurch. Ich habe fast nur noch Freunde, die in einer ähnlichen Situation leben. Auch always on the run.

Lohnt es sich, das Private für die Karriere aufzugeben?

Ich habe gelernt, dass ich das nicht mehr lange machen werde. Höchstens noch eine Platte. Danach möchte ich Soundtracks produzieren, da muss man nicht touren. Und ich will für andere Künstler schreiben. Das alles hängt aber auch von meiner Freundin ab. Sie hat ein ähnliches Schedule, ist Model. Sie will sich auch in zwei Jahren zur Ruhe setzen. Wegen ihr pendle ich immer zwischen Stockholm und Paris.


Soviel zum Frage-Antwort-Spiel. Aber das Pendeln, das nehmen wir mit hinüber in den Fließtext. Im letzten Jahr hat Jay Jay die Strecke Paris-Stockholm mehrfach mit einem Zwischenstopp in Rosenheim absolviert. Bei Funkstörung. Die beiden Jungs des Frickel-and-Schicht-Duos haben "Antenna" produziert. Eine im Rückblick extrem angenehme Zusammenarbeit für Jay Jay. Trotz der extremen Arbeitsdichte. Außer dem kleinen Studio der beiden hat er nur den Italiener zu sehen bekommen, zu dem sie jeden Tag gingen. So Kantinenstyle. Dass Funkstörung hinter "Antenna" stecken, hört man nicht sofort zwingend heraus. Für ihre Verhältnisse ist es ein sehr poppiges, melodisches Album - was, so Jay Jay, aber neben seiner Stimme auch durch die Streicher komme. Ohne das Orchester klangen die Stücke wohl deutlich überladen-experimenteller.

Und dann kommen wir auf Sport zu sprechen. Diese großartige Sache, die Bürotäter wie wir als Vision immer vor uns herschieben. Er erzählt, dass die Schwedinnen so gut im Golf seien. Was uns natürlich herzlich wenig interessiert, wir aber zum Anlass nehmen, die tolle Schote zu erzählen, wie die Plattenfirma das letzte, extrem langweilige Jimi-Tenor-Album mit einem Interview auf dem Golfplatz aufzuwerten versuchte. Alice Cooper würde das wohl auch gerne machen, erzählt er uns daraufhin. Und lässt sich dann - wie er nun darauf kommt, wir wissen es nicht - über Ozzy Osbourne aus, den er am Vortag bei "The Osbournes" auf MTV beim vergeblichen Versuch, die Mülltüte zu wechseln, beobachtet hat. Um anschließend wieder die Ich-Perspektive einzunehmen und seine ruhmreiche Tennisvergangenheit einzuwerfen. Ein gutes Stichwort für mich und Patrick Wagner. Jay Jay und ich feiern uns gegenseitig ab für Ranglistenplätze und Urkunden und verabreden ein gemeinsames Match. Daraus wird dann ein Konzert in der Tennishalle mit der Band als Linienrichtern. Wahrscheinlich würden wir noch mehr erspinnen, da reißt uns Linus mit dem Stichwort "Married With Children" aus den Träumen: "Ihr zwei Typen seid wie Al Bundy. Der erzählt auch immer von den drei Touchdowns, die ihm vor Jahrzehnten auf dem College gelungen sind."

Schade um das Thema. Aber es wird eh Zeit, langsam zum Ende zu kommen. Vier Stunden abhängen soll reichen. Schließlich muss Jay Jay am nächsten Morgen die erste Maschine bekommen. Und so lassen wir diesen extrem angenehmen Abend ausklingen mit ambitionierten Diskussionen über eine potentielle schwarze Suppe (Kavier und Oliven), das Für und Wider von Absinth und JJs Angewohnheit, immer vor sieben aufzuwachen - die er glücklicherweise mit seiner Freundin teilt. Wir sind an dieser Stelle raus. Das dürfte klar sein.