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Salsa-Party im Kochlabor...

Kochen mit: Calexico

Salsa-Party in Rainer Holz'ens Kochlabor... Vor uns liegen stapelweise Peperoni, diverse Beutel Nachos, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch etc. - ein bunter Strauß von Tex-Mex-Leckereien will zubereitet werden. Nur gut, dass bei so viel zu putzendem Gemüse so viele Leute da sind - ca. 10 Personen drängeln ..
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Salsa-Party in Rainer Holz'ens Kochlabor... Vor uns liegen stapelweise Peperoni, diverse Beutel Nachos, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch etc. ­ ein bunter Strauß von Tex-Mex-Leckereien will zubereitet werden. Nur gut, dass bei so viel zu putzendem Gemüse so viele Leute da sind ­ ca. 10 Personen drängeln sich um den Küchentisch und schnippeln Grünzeug. Ich bekomme von Chefkoch Volker Zander ­ dem deutschen Live-Bassisten von Calexico, der lustigerweise besser Wüstenfood kochen kann als Joey Burns und John Convertino ­ den Auftrag, Peperoni kleinzuhacken. Kein kurzer Spaß: Die nächste Stunde sollte ich damit beschäftigt sein. Kleiner Tip von Fachkraft Volker: Bloß keine Schleimhäute mit Peperoniputzfingern anfassen. Als ich kurze Zeit später auf Toilette bin, merke ich, warum... Trotz anschließender Fingerbehandlung mit Zitronensaft brennen meine Hände noch drei Tage später. Einziger Vorteil: Obwohl es eiskalt ist, sind meine Finger die ganze Zeit herrlich warm... John Convertino und Joey Burns schälen derweil fleißig Zwiebeln, hacken Tomaten, zermatschen Avocados und mampfen Nacho-Chips an selbstgemachter Salsa-Soße. Volker räumt Rainers gesamtes Kochtopfarsenal leer und kocht Bohnen, eine exotische Kakaosoße, Tomatenreis und dämpft Burritos. Joey Burns trägt passenderweise ein T-Shirt mit Werbeaufdruck einer Salsa-Bude aus der Heimat. Wir hören Rainers Mariachiplatten und plauschen mit tränenden Augen, während des Zwiebel- bzw. Peperonischneidens über Berlin, Tucson, Köln und den Rest der Welt. Später, am reich gedeckten Tisch, schlemmen alle genüsslich die leckere Kakao-Zwiebel-Soße und die höllisch scharfe Salsa von Volker, der sich als phänomenaler Koch entpuppt. Joey und John wirken auf den ersten Moment typisch amerikanisch: freundlich, nice-to-meet-you-ig, aufmerksam ­ aber diese Momente wechseln sich ab mit einer eher introvertierten Abwesenheit. Als ob sie dazwischen stünden, zwischen oberflächlicher Herzlichkeit und distinguierter Zurückhaltung gegenüber Fremden, die plötzlich in die so intime Situation eines gemeinsamen Kochens eindringen. Auf der Busfahrt zu Rainers Wohnung in der Kölner Südstadt höre ich mir noch mal das neue, dritte Album von Calexico an. "Feast Of Wire". Beim ersten Hören vor einigen Wochen dachte ich sofort: ihr bestes ­ trotz des schon hervorragenden "Hot Rail" aus 2000. Jetzt im Bus, durch eisige Kälte fahrend, vorbei an dick eingemümmelten Menschen, wirkt "Feast Of Wire" sogar noch packender. Wüstenrock im Winter. Passt. Tristesse und unterkühlte Einsamkeit mal nicht sandig, sondern frostig. Calexico können dich in den besten Momenten wegtransportieren. Vielleicht irgendwohin, wo es wärmer ist, aber auch an Orte, die zugleich eine sehr reale Bedeutung, aber auch eine starke Symbolfunktion haben können: eine Grenze. Ein Ort zwischen den Orten, ein Umschlagplatz von Schicksalen, ein Transitbereich. Calexico haben sich in ihrer Musik und ihren Texten immer auf eine Grenzsituation bezogen ­ die Grenze zwischen Mexiko und den USA, die Grenzstadt Calexico. In ihren nebeligen Songs bekommt dieser Ort etwas sehr irreales, erinnert eher an ScienceFiction oder Sozialutopie. Fast so etwas wie ein mythischer Ein- oder Austrittsort, ein Ort von Vermischung, an dem jede Form von Distinktion diffus wird, wo man nicht mehr genau zuordnen kann ­ all das natürlich auf einer sehr abstrakten Ebene, denn Burns und Convertino sind keine spinnerten Esoteriker, die der Realität dieser Grenze zwischen Wohlstand und Armut blind gegenüberstehen. Joey: "Ich lese viele Bücher über die Geschichte der Grenze zwischen Mexiko und den USA, ich bin kein Experte, aber sie interessiert mich sehr. Diese Orte des Hinüberschreitens ­ oder der Zurückweisung ­ gibt es ja nicht nur entlang der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Hier in Deutschland ­ darüber habe ich mich lange mit Volker unterhalten ­ gibt es ja zahlreiche Einwanderer aus Osteuropa, die versuchen, in den Westen zu kommen. Oder es gibt Menschen, die von Frankreich nach England wollen, die im Channel-Tunnel sterben, weil sie versuchen, auf die Züge aufzuspringen. Die Situation ist in Europa ähnlich erschreckend." Intro: Ist denn dieser Ort der "Grenze" auch ein abstrakter Ort für euch, meinetwegen ein mythischer Transitort, wie man ihn vielleicht aus Science-Fiction-Romanen kennt? Joey: "Ich habe Probleme mit diesem Begriff: mythisch. Man weiß nicht, ob etwas wahr ist oder Legende. Ich denke, wenn wir über Mythen im Zusammenhang mit unserer Musik sprechen ­ und über die Gegend aus der wir kommen ­, dann denkt man eher an Spaghetti-Western. Und das ist schon auch angelegt. Auf dem Song "Close Behind" wollten wir so was wie unsere Version von Ennio Morricone machen. Aber es gibt viele Einflüsse, und vielleicht, mit viel Glück, schafft man es irgendwann, seinen ganz eigenen Klang zu kreieren." John: "Ich denke bei mythisch immer an unseren Song "Not Even Stevie Nicks...". Stevie Nicks (Ex-Fleetwood Mac) ist hier eine mythische Figur, sie weiß nicht, ob sie eine gute oder böse Hexe ist. Sie wurde früher, als Fleetwood Mac noch angesagt waren, zum Idol, zur spirituellen Führerin einer Generation. Und in dem Song geht es um einen Typen, der eine Klippe herunterfährt. Und nicht mal Stevie Nicks kann ihn retten ..." Intro: OK, aber das hat ja mit diesem Begriff der Grenze eigentlich nicht viel zu tun... Volker: "Ich glaube, diese Faszination für Grenzen hat auch immer mit deren Überschreitung und einer anschließenden Vermischung zu tun. In Deutschland wird z. B. die Kultur von Russen immer sichtbarer. In einem Supermarkt in meiner Heimatstadt Kassel gibt es jetzt ein großes Regal mit russischen Produkten. Das gab es vor einem halben Jahr noch nicht. Es gibt viele Russen, die ihre wundervolle Musik mitbringen, und das inspiriert schon jetzt viele französische Künstler, so ist mein Eindruck." Joey: "Wir haben ja auch viele Beziehungen zu anderen Musikern aufgebaut, zu europäischen oder lokalen Musikern aus Tucson. Man will einfach andere Kombinationen ausprobieren. Es gibt einen Song, "Cascabelle" (= das Klappern der Klapperschlange), das ist nicht wirklich ein traditioneller Song, eher etwas moderner. Es ist ein unglaublicher Song, der die Zuhörer wirklich fesselt, und ich hab mir gedacht: Man müsste sich diese Bassline nehmen und anders bearbeiten. Wir gucken hinter die offensichtlichen Strukturen von Musik, wir gehen hinter die Traditionen, unterwandern sie. Aber trotzdem ist unsere Musik eher intuitiv. Wir machen uns vorher nicht viele Gedanken, sondern unsere Songs reflektieren den Moment. Wir arbeiten nicht kalkuliert, wir überlegen uns nicht vorher: Okay, diese Elemente müssen rein, und politisch soll es auch sein ..." Intro: Ich habe bei Calexico das Gefühl, die Musik reflektiere die eigene Herkunft so stark wie bei kaum einer anderen Band... John: "Das mag stimmen. Unsere Musik kommt einfach aus dieser Region, aus Tucson, Arizona: die Grenze, Kakteen, heißer Wind. Das provoziert einen bestimmten Sound. Aber es gibt noch viel mehr Einflüsse in unserer Musik, es gibt viel Architektur in der Musik, die Stadt spielt eine Rolle, urbanes Gefühl, Jazz, Elektronik. Mista!" Volker: "Ich denke, dass jede Musik etwas lokales reflektiert. Wenn du nach Chicago guckst oder nach Köln ­ all diese Künstler, die lokale Studio- und Club-Szene. So ist es auch mit Calexico, sie sind aus einer lokalen Szene heraus geboren: Giant Sand, Howe Gelb, all die französischen Künstler, die in die Wüste gehen, um dort nach Inspirationen zu suchen. Es ist ein natürlicher Prozess, die Mariachis sind überall, überall ist Musik." Intro: Wie war es denn bei dir, Volker, als du zum ersten Mal nach Tucson gefahren bist, hast du die Musik von Calexico dort plötzlich besser verstanden? Volker: "Auf jeden Fall. Die Hitze und die Wüste konservieren viele Dinge: Metall, alte Autos. Du schwitzt, allein das Klima ist ein Einfluss. Es ist schwer zu erklären. Wenn du Blues hörst und dann später ins Mississippidelta reist ­ du fühlst diese dicke, schwere Luft und plötzlich verstehst du, warum diese Musik hier erfunden wurde und genau so klingen muss, wie sie klingt. Es ist das Klima." John: "Craig Schumacher, mit dem wir "Feast Of Wire" zusammen produziert haben, sagte, er könne die trockene Wüstenluft in unserer Musik hören. Er meinte: Ihr müsst mal nach Memphis gehen und ein bisschen Feuchtigkeit in die Knochen bekommen, dann wird eure Musik völlig anders klingen ... Ich bin davon überzeugt, dass die Umgebung deine Musik beeinflusst, dein Denken und die Art, wie du spielst. Aber sag mal, was mich interessieren würde: Hast du ein Lieblingsstück auf unserem Album?" Intro: Definitiv "Black Heart"... John: "Das ist auch einer meiner Lieblingssongs. Die komplette Calexico-Live-Band hat diesen Song im Studio aufgenommen. Es war wieder einer dieser spontanen Momente. Ich habe einen Beat gespielt, Joey erst Marimba, und dann hat er diese Melodie auf der Gitarre gespielt, und dann ist die komplette Band eingestiegen. Es hat eine halbe Stunde gedauert, dann war das Stück fertig." Volker: "Erster Take, fertig. Aber es gibt zwei Fehler in dem Take..." Joey: "Volker schrieb mir eine E-mail und meinte: Sorry, aber du hast dich in diesem Take zweimal verspielt ... Und ich schrieb zurück: Und ich liebe es bei jedem Hören mehr ... Ich mag solche Fehler... Eine kleine Überraschung im Überraschungsei." Einige Stunden später, beim Intro Intim in der Christuskirche, verspielt sich Joey Burns nicht ­ zumindest nicht für meine Ohren. Calexico sind eine tolle Live-Band, musikalisch. John Convertino ist ein phänomenaler Schlagzeuger. Ich überlege mir während des Konzerts die ganze Zeit, wie diese Musik mit diesem Rahmen vereinbar ist. Desertrock in einer lila-blau ausgeleuchteten Kirche, in der es mucksmäuschenstill ist, alle Leute sitzen und andächtig lauschen. Auf jeden Fall kommt in einem Raum, der eine so einmalige Akustik bietet, die musikalische Stärke von Calexico zum Ausdruck. Jeder noch so kleine Slide auf Joey Burns' Gitarre wird hörbar ­ fast schon was für HiFi-Nerds, die ihre Freizeit gerne damit verbringen, High End-Boxen zu testen. Und sobald man mal was zu seinem Kumpel sagen will, wird man von den Umstehenden sofort böse angeguckt. Ruhe! Hier findet Musik statt! Rauchen und trinken war in der Kirche selbstverständlich verboten ­ ein fast schon opernhaftes Ambiente. Immerhin: Als ich mich zwischendurch mal nach draußen verzog, um eine Zigarette zu rauchen, hatte ich die ganze Zeit warme Hände. Peperoni sei Dank ...