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Nächstes Mal renovieren wir euch die Wohnung

Kochen mit: Air Liquide

Am 4. Oktober schrieb Cem Oral: "Auweia! Kann echt kein Rezept auftreiben. Hilfe. Ich schnippel die Zwiebeln!!!! Cem (Jammin' Unit)". Am 4. Oktober antwortete Ingmar Koch: "Chill! Hab' alles unter Kontrolle! Der Deal mit den Zwiebeln gilt! Kussi, Dr. W." Das war der Stand der Dinge, einen Tag, b
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Am 4. Oktober schrieb Cem Oral: "Auweia! Kann echt kein Rezept auftreiben. Hilfe. Ich schnippel die Zwiebeln!!!! Cem (Jammin' Unit)". Am 4. Oktober antwortete Ingmar Koch: "Chill! Hab' alles unter Kontrolle! Der Deal mit den Zwiebeln gilt! Kussi, Dr. W."

Das war der Stand der Dinge, einen Tag, bevor wir uns mit Air Liquide anlässlich ihres neuen Albums "X" treffen sollten, um einen weiteren Versuch in Sachen "Kochen mit ..." zu unternehmen. Diesmal allerdings unter verbesserten Bedingungen. Der Künstler war so richtig heiß. Im Verlauf des Tages X erreichten uns zahlreiche SMSe von Ingmar Koch (oder auch Dr. Walker), die die Qualität der Küche sondieren sollten: "Wie ist es denn bei euch um die Gewürze bestellt? ...", um die obligatorischen Fragen nach Größe und Herd zu überspringen und gleich zu den hard facts zu kommen. Damit war jedenfalls klar, dass wir es hier mit Profis zu tun hatten.

Je näher der Termin rückte, desto konkreter wurde dieses Bild: Ingmar brachte schon mal die Einkäufe für das Menü vorbei und ging dann wieder, während ich mit unserem Fotografen Rainer Holz die letzten Vorbereitungen traf. Dann trudelten auch schon mit Cem, meinem Freund Thorsten und Ingmar nacheinander alle Beteiligten ein, und es konnte losgehen. Während Ingmar also seine Einkäufe nach Menüfolge sortierte und uns noch mal kurz selbige mitteilte, die erste Flasche Wein geöffnet wurde und ich mit der Beschaffung von Kochmaterial behilflich war, bekam der Abend erst einmal insofern eine Wendung, als dass Cem von meiner dreijährigen Tochter auserwählt wurde, ihr parallel die Zeit mit einigen Partien Memory zu vertreiben und schließlich mit ihr in ihrem Zimmer im Playmobil-Rausch unterzutauchen. Als hätte sie geahnt, dass Cem selbst Vater eines zweieinhalbjährigen Sohnes ist ...

Währenddessen saßen alle anderen mit einem ohrenbetäubenden "Benjamin Blümchen"-Soundtrack in der Küche und schauten Ingmar beim Kochen zu, von dem sich zuvor keiner so recht hatte vorstellen können, dass er Spaß daran haben könnte. Thorsten: "Ich wusste gar nicht, dass du kochen kannst." Und wie gut er es kann. Oder lag es am doch mächtig großen Hunger, dass bereits der Salat mit einer derartigen Hingabe gegessen wurde, dass niemand mehr ein Wort sprach? "Das mach' ich demnächst auch: ich lade Leute ein, sage Interview, und dann lasse ich mich bekochen ...", unterbricht Cem plötzlich das Schweigen.

Was will man darauf schon antworten außer: "Genau das ist ja das Konzept, so kommt einer von uns wenigstens einmal im Monat zu einem guten Essen." Allerdings nicht, ohne zu ergänzen: "Aber es ist natürlich eher so gedacht, dass man versucht, die Interviewpartner in einer halbwegs privaten Situation zu treffen und so zumindest die Möglichkeit zu haben, einmal ein Gespräch abseits von den klassischen 30-Minuten-Abfrage-Terminen zu führen ..." Cem erwidert: "Ich finde das Konzept schon gut und verstehe den Sinn auch ...", worauf Ingmar - bestätigt von Thorsten - ergänzt: "... Ja, aber es ist, glaube ich, schon sehr schwierig, weil: es treffen ja selten die Leute zusammen, die sich auch wirklich privat gegenseitig zum Essen einladen würden ..."

Damit wird das Thema auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, zugunsten der Vorbereitung des Hauptgangs. Diesmal von Cem und Ingmar gemeinsam bereitet, wobei ersterer den detaillierten Anweisungen seines Air-Liquide-Kollegen folgt. Rainer macht ein paar Fotos, was meine Tochter auf die Idee bringt, selbst ein paar Polaroids machen zu wollen (siehe Foto auf der Themenpark-Aufmacherseite), die wiederum Rainer "vor Neid erblassen lassen" und ihn dazu bringen, sich ständig im Windschatten einer Dreijährigen zu bewegen, um ähnliche Motive zu erwischen. Kochen strengt an. Cem nutzt eine kleine Pause, um mit Thorsten ein Gespräch über Vertriebspolitik zu führen.

Cem: Und wie geht es mit deinem Label Karaoke Kalk so?

Thorsten: Eigentlich ganz gut, es wird nur immer mehr Business. Inzwischen muss man halt jedes Release quasi drei Monate vorher komplett fertig haben, mit Info und allem, um den Ansprüchen der Vertriebe gerecht zu werden und vielleicht irgendwo in den Zeitungen ein Feature zu bekommen ...

Cem: Das kenne ich, das ist ein unglaublicher Arbeitsaufwand, deswegen habe ich mein Label Pharma ja auch erst einmal eingefroren, weil das einfach alleine nicht durchführbar ist, wenn man selbst noch Musik macht. Bei welchem Vertrieb bist du denn?

Thorsten: Bei verschiedenen, ich hasse es, exklusiv zu sein.

Cem: Siehst du, Ingmar! [und wirft diesem einen fast schon triumphalen Gesichtsausdruck zu, um uns dann selbigen zu erklären] Wir führen darüber nämlich gerade eine Diskussion im Zusammenhang mit Air Liquide.

Thorsten: Ihr seid bisher exklusiv bei einem, oder?

Cem: Ja, das ist eben der Klassiker, man kennt sich, man mag sich, ist vielleicht sogar befreundet, und dann neigt man dazu, alleine diesen Weg zu gehen, vielleicht auch, weil es am Einfachsten ist.

Pause. Der Hauptgang ist fertig, und wir philosphieren kurz über die Art und Weise, wie man am besten die Heuschreckenkrebse verspeist. Meine Tochter schläft inzwischen, und es ist etwas Ruhe eingekehrt. Statt "Benjamin Blümchen" hören wir jetzt Platten von Grace Jones und "Acid House Fever", u. a. mit einem extrem zeitgemäßen Mix von Wolfgang Voigt und Jörg Burger, die wir aber schnell wieder durch eine andere ersetzen.

Thorsten: Wieviel Platten hast du eigentlich inzwischen rausgebracht, das müssen doch unglaublich viele sein?

Cem: Über 300, eine ganze Menge, und trotzdem bin ich immer noch nicht reich und berühmt.

Thorsten: Hast du die alle noch?

Cem: Ich glaube, fast alle, ich habe da so eine Truhe, da ist von jeder ein Exemplar drin. Aber da schaue ich selten rein. Draußen stehen bei mir immer nur die paar CDs und LPs, die ich im Moment gerne höre.

Thorsten: Von jeder eine ist aber ziemlich wenig ...

Cem: Nee, das reicht, ich würde mir ja sonst die ganze Wohnung damit vollstellen. Thorsten: Ich habe da neulich noch eine mit einem ganz seltsamen Remix von dir gefunden, die wollte ich dir eigentlich schenken. [sagt es und verschwindet für einige Zeit vor seinen Plattenregalen, um vergeblich danach zu suchen.]

Die beiden ersten Gänge haben sich gerade erst in unseren Bäuchen verteilt, als Cem ungeduldig wie ein Kind die Nachspeise einfordert und deshalb von Ingmar zum Braten der Mandeln verdonnert wird. Nach drei Flaschen Wein, drei Flaschen Kölsch und drei umwerfenden Gängen nähert sich der Abend so langsam dem Ende. "Wenn ihr noch was über Air Liquide wissen wollt, dann wisst ihr ja, wo ihr mich erreicht", wirft Ingmar zum Schluss ein. "Natürlich, aber ich denke, wir haben hier auch eine ganze Menge über euch erfahren", antworte ich und ermuntere Cem damit zu einer erneuten Bemerkung zu unserem Konzept: "Das stimmt schon, es sind halt andere Sachen. Aber ein bisschen komisch ist es doch. Das nächste Mal treffen wir uns dann zum Interview und renovieren euch die Wohnung, oder?" Genau.

Am 6. Oktober schrieb Ingmar Koch:
"Ich hoffe, wir haben euren Kochtest bestanden! Mir hatz jedenfallz Spaß gemacht! Wenn ihr irgendwas von dem übriggebliebenen Material nicht gebrauchen könnt, dann meldet euch. Ansonsten schwing ich mich jetzt mal wieder an den Studio-Rechner. Danke. Kussi, Dr. W."

3-Gänge-Menü

Vorspeise: gebratene Maronen, Muschelfleisch und Champignons an Rucola-Salat mit Radicchio mit gedünstetem Spargel in Balsamico und Trüffelöl
Zutaten: Rucola-Salat, Radicchio, Maronen, Champignons, Delikatess-Spargel, Trüffelöl, Balsamico, Parmesan, Muscheln, Salz und Pfeffer

Hauptgang: Heuschreckenkrebse in Rahm mit schwarzen Spaghetti und Möhren-Zwiebel-Melanche in Rahm und wahlweise Sauce Arrabiata
Zutaten: Heuschreckenkrebse, Stern-Anis, Crème Fraiche, Möhren, Zwiebeln, Paprika, Salz und Pfeffer, schwarze Spaghetti, Pepperoni und Sahne

Nachspeise: Vanilleeis an gebrannten Mandeln mit Krokant und Amarettini, abgeschmeckt mit Eierlikör
Zutaten: Fertigkrokant, Hägen-Dasz-Vanilleeis, Backmandeln, Amarettini und Eierlikör