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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kurt Krömer

Kochen mit

Der Typ mit der Personality-Show, mit den zu großen Anzügen, der Brille und der nach oben transponierten Stimme, kocht mit Venker und Volkmann.
Geschrieben am

Zur Hölle mit all jenen, die es nie für nötig gehalten haben, Vulgär-Popkultur zu pauken. Die ihre ledrigen Gehirne nie damit belastet haben, Sitcom-Punchlines auswendig zu lernen. Denen fehlt nun eben das Farbbild zu folgender 'Simpsons'-Szene: Homer sitzt mit der Familie bei Tisch, hört im Geiste Zirkus-Einmarschmusik und verkündet aufgebracht und für die Seinen vollkommen aus dem Nichts: "Ihr habt mir lange genug im Weg gestanden. Ich gehe aufs Clown-College!"

Clown-College? Damit konnte keiner rechnen. Was soll das überhaupt sein? Lernen, wie man witzig ist? Vielleicht sogar Humor-Tests schreiben? Absurde Vorstellung. Absurder vielleicht nur die Realität: Die Realität, dass Kurt Krömer in Hannover ein solches besucht hat. Allerdings weder eine lange noch schöne Erinnerung für jenen: "Ich war da drei Wochen und hab erst später gemerkt, ich habe da einen Vertrag unterschrieben und musste für ein Jahr zahlen. Bekloppt."

Habe Brille


Kurt Krömer also. Dieser komische Typ mit der Personality-Show im Fernsehen, mit den zu großen Anzügen, der Brille und der nach oben transponierten Stimme. Ist der Look eigentlich Indie-Referenz oder doch bloß Rest-Schlager-Party? Weder noch, sagt er. Nur einfach sein ganz eigenes Ding, die Figur Kurt Krömer - und das schon lange und überhaupt: Leicht war es nicht gerade, diesen Typen durchzubringen. "Vor fuffzehn Jahren habe ich angefangen zu spielen. An Samstagen waren da dann schon mal acht Leute da, und zur Pause sind sechs gegangen. Ich hab damals gern gesagt: ›Ich spiel vor doppelt so vielen Leuten wie icke.‹ Und das anderthalb Stunden. Da hätte man damals auch schon sagen können: ›Das bringt ja nichts.‹ Ich kann meine Miete nicht bezahlen, fliege überall raus, habe nix zu fressen. Aber ich hab weitergemacht, und über Mundpropaganda, ohne Presse, ohne Fernsehen, ohne reiche Eltern hat sich das schön gesteigert. Ich hatte nebenbei auch eine Ausbildung gemacht als Herrenausstatter, die habe ich erfolgreich abgebrochen nach einem Jahr, hat mir nicht gefallen. Da hatte ich das Gefühl, meine Zukunft ist verbaut, entweder biste auf dem Niveau eines Hilfsarbeiters, oder du gehst auf die Bühne. Und ich stehe zu meinem Background. Dafür, dass ich sage, ich komme aus Neukölln, dafür hat es früher Buh-Rufe gegeben. Alles, was ich gemacht hab, war lange Zeit in den Augen der anderen Kacke, kommste nicht weiter mit. Aber ich wusste: ›Doch, ich komme weiter.‹ Kann vielleicht Jahre dauern, aber irgendwann klappt es schon. Helge Schneider hat, glaub ich, 20 Jahre dafür gebraucht. Aber da merkste, das ist was wert."

Die sonst so pathetische Pose des Selfmade-Man besitzt bei Krömer, wen wundert's, eine gewisse Leichtigkeit, obwohl sie vermutlich nicht nur bitterernst klingt, sondern es auch ist. Kurt Krömer schnieft. Erkältet. Statt Eukalyptus gibt er sich allerdings Kaffee, Filter-Zigaretten und Kölsch. Wohl bekomm's. Und auch das Menü, das er für das heutige Kochen mit bereiten will, lässt nicht gerade auf einen Wellness-Fanatiker schließen. Eher auf Punk, Verweigerung oder Autobahnraststätten-Proletariat. Gibt nämlich Ravioli aus der Dose, Schokopudding von Aldi plus Sprühsahne. Viel Spaß schon mal beim Nachkochen, werte Leser.
Aber Dosenravioli bei einer Essenseinladung? Grund genug zu fürchten, dass hier gleich eine Show abgezogen wird. Ironische Küche ist ja nicht so der Ort, in dem man sich wirklich näher kommt. Die Otto-Waalkes-Angst befällt uns. Kurt Krömer wird doch nicht im Gespräch auch nur seine Figur sein? Da gibt es doch hoffentlich eine spannende Distanz.

Spaßterrorgesetze

Ja und nein. Kurt Krömer ist zwar ein Künstlername, aber Alexander Bojcan, so der bürgerliche Name, hat ihn auch privat angenommen. G.G. Anderson habe doch genauso seinen Gerd Grabowski aufgegeben. Einfach eine Maßnahme, keine Maske: "Ich bin das, was man sieht, es ist nicht so, dass ich nach der Show zwei Stunden und zwölf Bier brauche, um von der Figur runterzukommen". Und so ist Kurt Krömer in der Küche von Koch-Kollege Thomas Venker zwar witzig, telegen und pointiert, schafft es aber auch, dabei tief sympathisch und ehrlich rüberzukommen. Diese Kombination macht ihn natürlich zu einem wundervollen Gast. Er verzettelt sich nicht, erzeugt Lacher, ohne groß Wind machen zu müssen, und die Kocherei hält nicht wirklich auf.

Obwohl ... Ganz so leicht macht es dieses Hartz-IV-Kindergeburtstagsgericht dann doch nicht. Kamera läuft, Topf an! Tja, aber leider fehlt im Haushalt von Venker und seiner Lebensgefährtin ein Dosenöffner. Das Herzstück des Gerichts. "Och! Der ist kaputt gegangen. Ich wollte längst einen neuen gekauft haben." Mmh ... Thomas Venker bleibt nichts anderes übrig, als bei den Nachbarn zu klingeln - begleitet von einem Kameramann. "Mann, wir haben uns beim Einzug nicht vorgestellt, und jetzt stehe ich bei denen an der Tür, will ein Küchengerät und werde dabei gefilmt. Unangenehm!" In seiner Abwesenheit wühlt Kurt nachlässig in der Besteck-Schublade. Fördert aber dennoch einen nagelneuen Dosenöffner - mit Preisschild - zutage. "Oh, den habe ich ja ganz vergessen", schämt sich die Dame des Hauses. In einer Sitcom würde die Szene vielleicht keinen Emmy gewinnen, hier in der Küche sorgt sie dagegen für die größtdenkbare Erheiterung. Einfach schön, wenn Clowns da sind. Ist alles plötzlich so fröhlich.

Kurt Krömer verfeinert das Essen noch mit Zitronensaft und -kernen sowie einem kleinen Brautstrauß aus gekräuselter Petersilie. Scheußlich, aber nett. Und das noch: "Alle, die im Fernsehen als lustig gelten, tauchen doch auch ständig in anderen Formaten auf. Du aber auffälligerweise nie. Lehnst du ›Promi-Kochduell‹, ›Promi-Schiffe-Versenken‹ und so ab?" "Klar. Daran habe ich überhaupt kein Interesse. Ich möchte mein Ding machen, meine zwölf Sendungen im Jahr, das reicht mir. Bringt ja auch nix. In so was wie der ›NDR Talkshow‹, da haben die immer einen Komiker als Gast. Und da ist es so, dass der die Fragen der Moderatoren an ihn selbst schreibt, sodass er mit einem Zwei-Minuten-Piece aus seinem aktuellen Programm antworten kann."

Wie aufmerksam: Die erhoffte Differenz zwischen seinem eigenen Schaffen und der TV-Comedy-Misswirtschaft schenkt Krömer ganz selbstverständlich aus. Ohne sich zu erheben, ist klar, er ist nicht aus Zufall ein Alien im Betrieb.

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