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Daniel Richter

Kochen mit

Daniel Richter, das ist dieser ehemalige linke Hausbesetzer, der es zum hochdotierten Künstler gebracht hat. So kann man es immer wieder lesen.
Geschrieben am
Bildergalerie
Daniel Richter, das ist dieser ehemalige linke Hausbesetzer, der es zum hochdotierten Künstler gebracht hat. So kann man es immer wieder lesen. Stimmt ja auch. Aber wie immer, wenn die Dinge verkürzt werden, geht etwas bei der Darstellung verloren. Und das wahrscheinlich gar nicht mal so zufällig. Die Gesellschaft tut sich schwer mit nicht zielgerichteten Lebensläufen, natürlich stellt sie sie nach eingetretenem Erfolgsfall gerne aus, zeigt damit eine Offenheit, die ihr gut zu Gesicht steht, aber irgendwo tief drin widerspricht es der ihr immanenten protestantischen Ethik, dass man ohne stetes Arbeiten die Früchte bekommen soll.

Was sie dabei übersieht: Es gibt nicht nur eine Definition von Arbeit, politischer Haltung, sozialer Aufmerksamkeit - auch das muss man sich erwerben. Aber natürlich will sie nicht, dass dies das gängige Modell wird. Die Menschen sollen sich gefälligst diszipliniert einreihen, auch wenn immer weniger wissen, wofür sie sich eigentlich anstellen.

Womit die bürgerliche Gesellschaft aber noch größere Probleme hat als mit dem Weg zum Erfolg, den Daniel Richter übrigens so beschreibt: "Musik hören, ein bisschen Politik und Rambazamba und Randale machen", das ist das Verhalten im Erfolg, wenn sie so ausfällt wie im Fall Richter. Während sich beispielsweise Wolfgang Tillmanns heute daran erfreuen kann, dass es in England frische Milch rund um die Uhr gibt und er seine Assistenten nicht sozialversicherungspflichtig binden muss, sondern dank Hire'n'Fire-Bedingungen sein Chefsein so angenehm einfach ist, oder Damien Hirst das Steigern seiner Objektwerte als künstlerische Strategie falsch versteht, macht Richter einfach seinen Stiefel weiter.

Er mag nicht mehr im besetzten Haus leben, doch ansonsten ist er der Gleiche geblieben: Gut abgehangener Kommentator, sozial agierender Künstler, Produkt eines aufgeklärten Umfelds, für dessen Werte er einsteht und an deren Abwesenheit er rummeckert. Sein Bruder ist neben Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun (auch zwei gute Beispiele für eigenwillige "Karrieremodelle", die den einen erfolgreich im Literaturbetrieb, den anderen im Theatermilieu etablierten) Teilhaber der Hamburger Ausgeh-Institution Golden Pudel Club. Er selbst hat das Hamburger Label Buback übernommen. Für Buback gestaltet er auch immer wieder Cover selbst, zuletzt 'Lenin' von den Goldenen Zitronen und 'We Name It Justice' von den 3 Normal Beatles.

Kaffee mit Brüllen

Wir haben uns im Café Unter den Linden verabredet. Einem kleinen Café im Schatten der einst die Hamburger Schanze bestimmenden Roten Flora, einem besetzten Haus, das zum Kulturzentrum umgewandelt wurde. Nach Jahren der feindlichen Übernahme wird die Schanze heute von Werbern und anderen Galgenvögeln dominiert. Viel ist nicht mehr zu spüren von jenem Klima, das einst eine in Deutschland so einzigartige Musikszene speiste - und damit auch den Lebensweg von Daniel Richter prägend mitbestimmte. Geschäftigkeit und Erlebniskultur haben übernommen. Gut, dass es noch Oasen wie den Saal 2 oder eben Unter den Linden gibt. Daniel Richter trifft sich gerne hier. Gestern mit Neo Rauch zum Essen. Heute mit uns. Ausgehen im Sinne von Kneipenabenden macht er nicht mehr so gerne, erzählt er, es sei denn, bei seinem Bruder im Pudel vorbeischauen. Er bevorzugt mittlerweile das Essen als gesellschaftliche Form, am liebsten überschaubare Vierer-Konstellationen, mit seiner Frau, der Theaterregisseurin Angela Richter, an seiner Seite. Das klingt jetzt für eine Sekunde tatsächlich so, als ob da einer am Ende doch bürgerlich geworden sei - aber das ist keineswegs der Fall.

Forsch und geradeaus ist Daniel Richter, nimmt kein Blatt vor den Mund, eckt gerne an. Ich war gewarnt worden, dass er gerne reden würde. Aber wenn er dann tatsächlich loslegt, gleicht es einem leidenschaftlichen Sturm der Dringlichkeit. Ich muss an Brüllen denken und deren Song 'Laufe blau' - wann atmet er wieder? Im Gegensatz zu den meisten Vielrednern ist Richters Schwall aber nicht egozentrisch und redundant bis zum Gehtnichtmehr, sondern gespeist von Wissen und persönlicher Geschichte, einzig an der Stringenz hapert es gerne mal. Viele Sätze enden frei. Der Mann redet Free Jazz. Den guten, den ohne den doppelten Boden der Sicherheit.

Als Erstes gibt er zu verstehen, dass ihm originelle Rubriken, wozu er "Kochen mit" zählt, suspekt sind. Er schiebt konfrontativ hinterher, dass wir doch eh nicht kochen könnten. Als ob Punk nicht mit Selbstbemächtigung an die Macht gekommen wäre. Und als ob er sich nicht auch - Kunststudium hin, Kunststudium her - einfach mal als Künstler behauptet hat. Auch das wäre ein interessanter Gesprächspunkt gewesen, aber Daniel, ganz Hans Dampf in allen Interviewminuten, wechselt gleich wieder das Thema: Gun Club und deren Videoclips setzt er auf die Agenda. Auf YouTube sind ihm neulich die Clips untergekommen und haben ihn daran erinnert, was für eine tolle Band das war: "Jeffrey Lee Pierce bringt drei Kanonika zusammen: Jazz, Punkrock und Country. Das sind ja so uramerikanische Musiken, die er eigentlich nicht adaptiert, sondern transformiert umsetzt in eine hysterische bluesartige Trauer. Seine Musik ist originär amerikanische Musik."

Als Nächstes sprechen wir über HipHop, naheliegenderweise, da Buback mit u. a. den Beginnern die gute Seite dieser so erfolgreichen und wichtigen Selbstbemächtigung der jüngeren deutschen Musikgeschichte repräsentiert. Daniel Richter ist allerdings generell kein Mann, der sich lange mit den guten Zuständen im eigenen Revier aufhält, man könnte auch sagen, er prangert lieber Missstände an. Im HipHop fällt das gerade nicht schwer. HipHop stagniere, gibt er wenig überraschend zu verstehen. Das, was Leute wie Bushido machen, sei gar kein Rap, sondern "nur schlecht gesprochen - Reim-, Skills- und Textniveau: ungefähr Göttingen 1992." Ihn störe auch wahnsinnig diese Selbstinszenierung als Gangster, bei der im selben Moment die sozialpädagogische Entschuldigung mitschwinge: "Weil ich Migrantenkind bin, muss ich leider so sein. Da würde jeder aufgeklärte Mensch sagen: Meister, sich selbst zu begreifen heißt schon, das überwinden zu können. Und sich selbst so festzuschreiben: Weil ich Immigrantenkind bin, muss ich zwangsläufig homophob und dumm sein, kann nicht rappen, und die einzige Identität, die ich aufbauen kann, ist eine als männlicher Impotenter - das ist doch lächerlich!"

Aber warum schafft es derzeit keiner, das Erbe von Leuten wie EinsZwo, Dynamite Deluxe, Fischmob und den Beginnern anzutreten? Das, so Daniel, gebe es in der Kunst ja auch: Eine gewisse Richtung setzt sich innerhalb einer Generation durch, "und dann verbrennt die erst mal für zehn Jahre nach ihrem Niedergang alles, auch, da man neue Leute aufbauen müsste, aber keine dafür da sind bzw. die Fallhöhe so hoch ist und man sie - gerade da man sich positiv auf das Werk der anderen bezieht - nicht überwinden kann."


Exkurs mit Zombies


Was zeichnet die Bilder Richters denn nun eigentlich aus? Was ist diese Stringenz vom besetzten Haus zur Leinwand? Es ist diese direkte Suche nach der Konfrontation mit der gesellschaftlichen Gegenwart. Seine Protagonisten bewegen sich wie Zombies (dieser Aspekt wird durch die Totenkopfschädel im flirrenden Predator-Farbstyle herausgestellt). Zerrissen und gefangen. Richter scheut sich, nur eine Klasse abzubilden, hier geht es nicht um so etwas wie Unterdrückung durch den Kapitalismus, darum auch, aber sein Blickwinkel ist größer: Leiden tun doch alle. Und die wenigen, die es sich nicht eingestehen, sind zu abgestumpft. Und so finden sich hier alle wieder, vom selbstdestruktiven Charakter über den kraftlosen Mitläufer, den scheinbar hedonistischen Lebemann und der intellektuelle Bürgerliche. Alle sitzen letztlich im gleichen Boot, auch wenn sie es im Alltag nicht sehen - weswegen Solidarität heute auch so klein geschrieben wird. Aber Achtung. Richter ist extrem klug. Und deswegen bietet er keine Klarheit in seinen Bildern. Sie sind so wirr wie das Leben.

Freunde mit Geld

Kein Richter-Gespräch ohne das: Daniel erzählt, dass den Leuten derzeit immer als Erstes zu ihm einfalle, über Geld zu sprechen. "Zumindest solchen, die einen kritischen Anspruch haben." Nicht dass er das nicht verstehe, schließlich "verzahnt sich nirgendwo Wertschöpfung, abstraktes Kapital, konkrete Menschen und echter Luxus so wie in der Kunst", aber mit der veränderten Selbstwahrnehmung der Künstler heute hadere er doch etwas: "Parallel zur relativen Wohlständigkeit der deutschen Gesellschaft hat sich auch eine gewisse Sozialdemokratisierung des Anspruchs und der Idee, unter welchen Bedingungen man Kunst machen muss, durchgesetzt. Weder ich noch Jonathan Meese, Albert Oehlen oder Cosima von Bonin, Leute, die ich schätze, haben wirklich gedacht, es würde irgendwann mal um Geld gehen. Es geht uns um den Respekt vor den Leuten und darum, das Medium, das dein Lebensinhalt ist, zu begreifen. Und irgendwann, wenn du Glück hast, klopft der Markt an die Tür. Und wenn du noch intelligenter bist, dann schaffst du es auch immer mal wieder, ihm die Tür zu weisen. Aber mehr ist nicht drin. Es hat sich aber allgemein seit den 80er-Jahren in den Subkulturen so eine Idee durchgesetzt, dass das künstlerische Arbeiten unmittelbar etwas mit Geld und Erfolg zu tun hat und dass es darauf auch ein Anrecht gibt. Und da muss man ganz klar sagen: Das gibt es nicht. Fertig, Feierabend, aus."

Der Kunstmarkt tangiert ihn generell wenig. Kunstrankings liest er nicht. Und doch weiß er, dass er all das nicht ignorieren kann. "Das nervt, weil du weißt, dass jede Postkarte, die du zeichnest, für irgendeinen Kleinbürger womöglich einen Wert darstellt. Dadurch wird jede Geste besetzt mit Geld. Und das ist tatsächlich das Problem: Es gibt dann nichts mehr, was Experiment ist. Es gibt dann nur noch Ware. Auch wenn's ein Popel ist." Und doch glaubt er in gewisser Weise an den Kunstmarkt, als dass dieser es schaffe, letztlich die richtigen Künstler und Stile oben zu etablieren, Hypes seien möglich, aber nur einen Sommer lang, letztlich wird "in der intellektuellen und künstlerischen Auseinandersetzung niemand vergessen", der es verdient hat. Zwei gute Bilder würden dafür allerdings nicht reichen. Da brauche es schon mehr.

"Das ist die gleiche Bewusstseinsmaschinerie, die in allen Kunstformen am Arbeiten ist. Mit unterschiedlichen Mechanismen, mit anderem Fein-Tuning, einer größeren Marktmacht - aber es ist immer grundsätzlich ganz stumpf Kapitalismus. Und der Markt ist halt undemokratisch, aber weil der Markt undemokratisch ist und es um sehr viel Geld geht, ist es viel schwerer, zu manipulieren." Vor diesem Moment des Abgleichs auf dem Markt via Ausstellungen haben viele Künstler Angst, sagt Richter. Deswegen sei der eigene Kontext ja so wichtig. Wenn man zu früh zu groß hinaus will, dann fällt es eben auch leichter auf, wenn das eigene Werk noch zu dünn ist. Aber bei aller Kritik gegen vieles und viele, die hier auch ohne konkrete Namen deutlich wird, gönnt er doch jedem, von seiner Kunst leben zu können, "einfach, da es besser ist, als wenn sie in der Fabrik arbeiten müssen und sich ausbeuten lassen."

Er selbst hat es in eine sehr privilegierte Position geschafft. Er kann nicht nur von Kunst leben, er lebt davon sehr gut - und kann Geld, "das in mich rein getan wird, weiterverteilen". Eine für ihn "absurde Situation", wie er betont. "Ich war ja immer der Einzige in der Szene, der sich mit Kunst beschäftigt hat. Und ich habe nie Geld gehabt. Jeder andere schon irgendwie. Und da ich selbst in meinem Leben mit der Hilfsbereitschaft von Menschen gute Erfahrungen gemacht habe - ich habe in meinem Leben häufiger in größeren Krisen gesteckt, in denen mir die Menschen uneigennützig geholfen haben -, behalte ich das auch im Kopf und will zurückgeben." Er ist also primär offen, wenn die Leute bei ihm anklopfen, weiß aber auch, wann es ihm zu viel ist - was er mit einem bewusst absurden Beispiel untermauert: "Was, 'ne Chihuahua-Zucht für ehemalige Heroinsüchtige? Nee, jetzt mach mal Feierabend." [lacht] Ob wegen dieser lockeren Handhabe von Erfolg und Geld oder wegen seiner klaren Haltung - Daniel Richter hat es bislang geschafft, dass ihm keiner blöd kommt: "Ich bin noch nie mit Neid konfrontiert worden." Das können die mit dem normalen Lebensweg von ihrem Umfeld selten behaupten.

Zeitgeist und Politik

Gerade einem in den 80er- und 90er-Jahren sozialisierten Künstler, der bis heute seinem gesellschaftspolitischen Themenkanon treu geblieben ist, muss der momentane Status quo der politischen Sprachlosigkeit doch negativ aufstoßen. Richter hadert jedoch nicht mit den Verhältnissen. Dazu sieht er die Dinge zu nüchtern und realistisch: "Die Sprachlosigkeit hat mit den veränderten Bedingungen zu tun. Nicht nur der Produktion und der Künstler, sondern tatsächlich der Welt. Die Konfrontation zwischen der Sowjetunion und dem Kapitalismus ist eine ganz andere als die zwischen den Ethniendebatten und die zwischen der Idee von Freiheit und dem Kampf gegen den Fundamentalismus als treibende Kraft der sogenannten oder vermeintlich revolutionären Massen. Allein die Konfrontation zwischen Israel und Palästina oder Israel und Arabien hat eine solche Umwertung erfahren, da ist es für Künstler, die auch nicht intelligenter als andere Leute sind, wirklich angemessen, mal den Mund zu halten und nicht immer mit den richtigen Fahnen auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist auch die Lehre, die mich in die Kunst getrieben hat: Die richtige Seite ist keine richtige Seite. Es gibt sie in der Form nicht mehr. Meine Malerei beschäftigt sich ja mit der Politizität von Bildern, aber sie ist nicht politisch im Sinne, dass sie eine Position bezieht, die auf etwas anderes verweist als eben auf die Problematik der Uneindeutigkeit. Ich reflektiere das, und es findet auf verschiedenen Ebenen statt." Natürlich sieht er, dass es gerade bei Jüngeren noch immer eine Sehnsucht nach einer expliziten Radikalität gibt, und kann diese auch verstehen, merkt aber auch an, dass "diese Radikalität nur die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit sein kann - und dazu gehört auch, dass man sagen muss, dass unfassbar viel von dem, was ich und meine Freunde früher verbreitet haben, Lügen waren, Missverständnisse, und im besten Falle gut gemeint und im schlimmsten Falle fahrlässig."

Und damit genug gesprochen. So konsequent, wie er das Gespräch als seinen Monolog anlegt, so direkt beendet Daniel Richter es dann auch: "So, das reicht jetzt. Ihr zahlt, oder? Danke. Wir sehen uns." So wird es gemacht.

Wiedersehen und Ausstellungsführung


Das mit dem Wiedersehen geht schneller als erwartet. Bereits am nächsten Tag begegnen wir uns in der Hamburger Kunsthalle wieder. Es ist aber nicht der Stolz, der Daniel hierher führt, sondern ein Treffen mit einem alten Freund, der nur kurz in der Stadt sei und eben Ausstellung und ihn mitnehmen wolle. Da könne er ja nicht anders. Spricht es und blickt kokett verwundert, als er bemerkt, dass die übrigen Besucher irritiert rüberschauen. Natürlich ist er stolz auf das hier Erreichte. Das ist immerhin die große Kunsthalle seiner Heimatstadt. Nie hätte er gedacht, diese mal bespielen zu dürfen. Und schon gar nicht, dass 100.000 Besucher kämen. "Ich habe früher immer gesagt: Wenn du als Künstler erfolgreich bist und eine Galerieausstellung hast, dann sehen die insgesamt so viele wie bei einer mittelmäßigen Indie-Band an einem Abend. Wenn du einen Monat lang 'ne Ausstellung hast, kommen vielleicht 500 Leute. Das ist das, was eine Indie-Band an einem Abend mit links abmuckelt. Aber jetzt habe ich es auf diese Ebene geschafft." Wie so oft im Leben haftet dem Moment des Triumphs aber auch schon etwas vom Danach an. Eine Ausstellung in dieser Art, "also halb retrospektiv, halb in die Zukunft gewandt, soziopolitisch und ökonomisch verzahnt", und in seiner Heimatstadt, das sei für ihn nicht noch einmal drin, "höchstens mit 80, wenn ich kurz vorm Abkratzen bin". Sagt es und lacht laut.

Das mit dem Freund-Treffen stellt sich als schwierig heraus, da Richter kein Handy besitzt und sich auch keine Nummer aufschreibt. Es bleibt also nur das stete Durch-die-
Ausstellung-Rennen. Das erinnert sehr an die wilde Bande in Godards 'Außenseiterbande', die durch den Louvre in Rekordzeit rennt. Angenehmer Nebeneffekt für uns: Eine weitere Verschnaufpause bringt uns eine kleine exklusive Kurzführung ein. Was vor allem in dem Teil der Ausstellung hilfreich ist, in dem er Plattencover zu für ihn wichtigen Alben aufgehängt hat. Hier werden Hintergründe offenbart, Kontextualisierungen in seinem Werk aufgemacht. Hier zeigt sich final noch einmal, dass nichts, aber wirklich gar nichts im Werk dieses so gut aussehenden Hünen Zufall ist, alles ist durchdacht, vieles verweist, alles will sprechen.

Das Essen
Kleine, aber feine Küche. Wir bestellten Pasta mit geschmorten Paprika und Ziegenkäse und Rote-Beete-Risotto mit Salat und Nüssen sowie diverse Kuchen. Alles lecker.

Markante Zitate
Über Bushido: "Also diesem Typen muss man einfach jede Berechtigung entziehen. Das ist Musik für Zwölfjährige. Fertig. Feierabend. Aus. Zwölfjährige sagen nun mal gerne ›Muschi, ›Pimmel‹ und ›Kacka‹, und die sagen auch gerne ›Ghetto‹, ›Rap‹ und ›Gangstar‹. Guck dir den Typen doch an. Der sieht aus wie ein plumper Fußballer. Der ist so sehr Ghetto wie mein linker Fuß."

Über Gute-Menschen-Rap: "Das ist auch ein Albtraum. Du willst ja Kunst als etwas genießen, das du vorher nicht kanntest - etwas, das überraschend präsentiert wird, was du in dein Denken auf einmal neu integrieren kannst. Und nicht einfach Sachen, die du schon weißt und ›Kopfnicken‹ und ›Abnicken‹. Kritischer Rap ist ja auch ein Albtraum, wenn der als kritischer Rap daherkommt."

Über Künstler: "Heute sind die meisten Künstler Lügner, und zwar auf eine Art und Weise, die ich nicht interessant finde. Ich bin ja Propagandist des Verrats, aber nicht des Wankelmuts."
Über Galeristen: "Diese Leute werden dich nicht kritisieren. Weil jede Krise, die sie bei dir auslösen würden, und jede Kritik gegen ihr Profitinteresse schlägt. Wenn mein Galerist zu mir käme und mich zu Recht kritisieren würde - was ich meinem Galeristen übrigens zutrauen würde, wenn er denken würde, ich würde wirklich Scheiße machen -, dann gehen ihm 50 Prozent Einnahmen flöten. Ein guter Galerist macht es trotzdem. Trotzdem ist aber der Druck, unter dem die großen Galeristen auch stehen, nicht zu unterschätzen. Denn die sind natürlich in diesem Hamsterrad die Oberhamster - und an ihnen dran hängen ganz viele Kleinhamster."

Über das Leben: "Du hast nur dieses eine Leben. Und du kannst in diesem einen Leben, wenn du das halbwegs im Griff hast, wirken oder nicht wirken, geliebt werden oder nicht geliebt werden, das Richtige oder das Falsche tun. Du kannst daraus Genuss und Befriedigung und Wissen ziehen, oder du machst es eben nicht, aber es gibt keine Versöhnung nach dem Tod oder durch den Tod mit den Fehlern, die du gemacht hast. Wenn du ein Arschloch gewesen bist und Meisterwerke geschaffen hast, dann hast du trotzdem als Arschloch gelebt. Und wenn du ein Arschloch bist, muss man dich ein Arschloch nennen - und nicht einen guten Künstler. Außerdem glaube ich nicht, dass gute Künstler Arschlöcher sind." [lacht]