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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Debbie Harry

Kochen mit

Was hätte das für ein Fest werden können? Abendessen mit Debbie Harry. Was kann schon schiefgehen, wenn man mit jenem Glamour-Girl eine Verabredung hat
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Was hätte das für ein Fest werden können? Abendessen mit Debbie Harry. Was kann schon schiefgehen, wenn man mit jenem Glamour-Girl eine Verabredung hat, das in den mittleren 70ern die gesamte New Yorker Lower Eastside verrückt gemacht hat mit seinem koketten Charme und seiner abgezockten Coolness und binnen zwei Jahren das ganze Land für Punk, Avantgarde-Pop und ein neues Frauenbild öffnen konnte.

2007 ist nicht gerade das Jahr, in dem Stars noch wirklich Stars sind. Ehrfurcht und Bewunderung sind Wörter aus einer anderen Ära der Poprezeption, das Geschäft läuft mies, und die wenigen vorhandenen Stars sind entweder zu abgenutzt und werden dementsprechend eher wie Senioren respektvoll durchgeschleift oder so jung und ganz offensichtlich auf kurze Zeit angelegt, dass es sich gar nicht lohnt, sich groß auf sie einzulassen. So ist es. Debbie Harry jedoch ist eine von den Alten, bei der das noch anders läuft. Plötzlich sieht man mal wieder erhobene Augenbrauen bei der Nennung des Interviewpartners, ist eine Erregung zu spüren, die nahe am Neid gebaut ist. Da interessiert es schon niemanden mehr, dass ich nicht wirklich kochen werde mit Miss Harry, einfach, da sie nicht so recht den Bezug dazu hat: Dinieren ist ihre Sache.

Erste Zweifel an der besonderen Wertigkeit des Treffens kommen während der Fahrt auf: Rainer, regelmäßigen Lesern des Formats bekannt als Celebrity-Fotograf, hält die Stücke ihres neuen, sechsten Soloalbums "Necessary Evil" nie länger als zehn Sekunden aus, dann schnaubt er verächtlich das Schnauben eines Mannes, der die 80er schon als Mann erlebt hat, und weiß es auch in Worte zu fassen, womit er hadert. Ich versuche zu beschwichtigen, kommentiere - gefühlt eloquent -, das sei doch nicht so schlecht, eben harmlose Popsongs auf dem Stand der 80er-Jahre, und auch textlich wäre Debbie noch da - auch wenn ich ohne Textblatt kaum was mitbekomme. Klar, das ist nicht mehr der heiße Scheiß, aber erstens ist die Fallhöhe sehr hoch, wenn man bereits vor mehr als dreißig Jahren so frisch wie neu Sinnlichkeit und Punk zu großen Songs vereint hat, und zweitens: HALLO, mehr als 30 Jahre!

Allerdings entsprechen auf der Fahrt auch die großen alten Songs nicht unserem 2007er-Anspruch. Zumindest all jene auf der "Best Of", die nicht "Heart Of Glass", "Rapture" oder "Call Me" heißen. Hier brachten Blondie so vieles ein, was einen guten Popsong ausmacht: Wehmut, Catchiness, Erinnerungen an gute Momente und das Gefühl zu leben genauso wie die Gewissheit der Endlichkeit des Seins. Perfekte 3-Minüter eben. Aber ansonsten: oh weh. Wie konnten wir das nur so falsch erinnern? Und so sitzen wir reichlich ernüchtert ein paar Minuten im Auto vor dem Atlantic Kempinski rum. Was ist da nur passiert in den letzten vier Stunden? Wann genau hat Debbie Harry ihren Überreiz verloren?

Egal, wir sind Profis. Und als solche nehmen wir die Dinge, wie sie kommen - und machen rein in die Lobby, wo unsere Stimmung sofort viel besser wird: Die Hamburger Kiezgröße Karl-Heinz Schwensen lümmelt neben uns in der Lobby und führt bei Kaffee und Keksen wichtige Gespräche. Leider kann ich - trotz eingenommener (und wahrgenommener) Schieflage - nichts von den Deals aufschnappen, dafür werden wir aber auch schon ins Tsao Yang, das chinesische Restaurant des Hotels, gerufen. Rainer grinst wie ein Honigkuchenpferdle. Das Ambiente, die Küche, alles so schön fotogen. Nun, die Freude endet, als die Harry einläuft.Die Frau ist 62. Da ist Respekt angebracht. Verstanden. Trotzdem gilt es, die Wahrheit zu schreiben: Diese Frau hat zu viele Operationssäle von innen gesehen, und irgendwann auf dieser allzu amerikanischen Reise in das Alter ist die Vision abhandengekommen. Das Ergebnis: ein Gesicht, das so gar nicht mehr die Leichtigkeit und Offenheit transportieren kann, wie man das von ihr kannte. Hinzu kommen Desinteresse und eine gewisse Borniertheit. Harte Arbeit ist angesagt. Ach was, Arbeitskampf - umso erfreulicher, dass es sich später nicht so schlecht liest, wie es sich währenddessen anfühlt. Was vielleicht daran liegt, dass der Einstieg ihr gleich die Chance bietet, sich unprätentiös und auf Straßenniveau zu zeigen. Angesprochen auf einen gemeinsamen TV-Auftritt mit Lily Allen, den ich am Vortag im Netz gesehen habe, erzählt sie, dass dieser um fünf Uhr morgens aufgezeichnet worden sei. Das sei zwar Folter, aber so üblich - und das müsse sie eben durchziehen. Von Starallüren nichts zu spüren. Und während ich das so denke, fährt sie fort, dass es sie unheimlich freue, dass junge Künstlerinnen sie als Role-Model schätzten, und dass sie sich im Gegenzug auch für diese interessiere, neben Lily Allen u. a. auch für die Dresden Dolls und The Gossip.

Zeit, zu bestellen. Auch hier ist die Diva keine. Fast schon schüchtern fragt sie über mich bei der Bedienung an, ob sie denn auch die Zitronengrassuppe als Vorspeise haben könne, wo diese doch nur im Menü zu haben sei. Sie kann. Wir bleiben beim Thema. Die Harry erzählt, dass sie zu Hause nur koche, wenn Gäste kämen, sonst sei ihr das zu langweilig. Und selbst dann würde sie nur Salat zubereiten. Ach, Salat, das sei überhaupt ihr Lieblingsessen: nicht nur auf Reisen, wo sie ihn meistens esse, da sie Angst vor Lebensmittelvergiftungen habe, auch sonst. Bedenken, dass er ihr zu wenig Energie für ihr Kräfte raubendes Arbeitsaufkommen liefere, habe sie nicht. Männer würden offensichtlich mehr Energiezufuhr brauchen, das sehe sie auch an den Männern bei Blondie, die immer nur essen wollen.

Frauen hören ja nicht gerne ihr Alter. Schon gar nicht, wenn die 60 überschritten sind. Trotzdem muss ich ein weiteres Mal an die 62 erinnern, einfach, da die Harry für ihr Alter noch ein unglaubliches Programm abliefert. Bis zum Vortag des Interviews war sie mit Blondie auf Tour. Davor hat sie das Album aufgenommen. Und davor bestimmt irgendwas abgedreht, denn die Schauspielerei wird ja auch noch emsig betrieben. Auf die daraus resultierende Frage, ob sie ihre Arbeitstage zähle, heitert sich zum ersten Mal ihr Gesicht so richtig auf. Mit dem Blick auf den Manager feiert sie ab, dass ich auf ihrer Seite sei - ergänzt aber, dass alles gar nicht so viel Stress sei. Es käme schubweise. Sie sage auch viel ab, fühle sich aber glücklich, dass sie noch immer so oft gefragt werde. Sehr professionell gesprochen.

Damit aber auch genug gefragt. Der Arbeitskampf ist zu Ende. Sie gibt uns zu verstehen, dass sie müde sei. Und ich kann ihr nicht böse sein. Endlich entspannen. Endlich nicht mehr abliefern müssen. Zwischen uns und dem Absacker in der Hamburger Schanzenkneipe Mutter sitzt nur noch der Manager, der uns für seinen Psychiater hält und Geschichten aus einer anderen Ära der Musikindustrie vorträgt, einer mit Leuten wie Meat Loaf, Mötley Crüe und ihm. Aber auch den schaffen wir.

Hier geht's zur exklusiven Online-Fassung: das komplette Interview mit den O-Tönen.