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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Tomahawk

Kochen mit

Nach vier Jahren Auszeit ist es so weit: Wir erlösen euch von den Untiefen der Fernsehkoch-Unterhaltung zwischen Tim Mälzer, Steffen Henssler und Frank Rosin und reaktivieren unser »Kochen mit«-Format. Dem Anlass gemäß luden wir die Noise-Rocker Tomahawk ein, die wegen ihrer personellen Überschneidungen mit Faith No More, Melvins, Helmet, Battles und The Jesus Lizard gerne als Super-Group tituliert werden. Thomas Venker und Linus Volkmann versuchten sich mit ihnen an gutbürgerlicher deutscher Küche.
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Duane Denison schaut skeptisch drein. Der Bandgründer von Tomahawk ist nicht gerade das, was man medienfreundlich nennt. Ganz früher, Anfang der 90er-Jahre, als er und seine damalige Hauptband The Jesus Lizard es an der Seite von Nirvana fast auch auf MTV-Dauerrotation geschafft hätten, guckte er bei Interviews und auf der Bühne oft so aggressiv, dass man ihm nicht näher kommen wollte. Zumindest das hat sich mittlerweile geändert. Sehr höflich bedankt sich Denison für das Glas Châteauneuf-du-Pape, mit dem er gefügig gemacht werden soll.
Wir befinden uns in der hintersten Ecke der Großküche des Berlin Festivals. Hier entsteht unter der entspannten Leitung von Chefkoch Bill Scholz das Essen für die auf dem Festival auftretenden Musiker. Freundlicherweise wird uns trotz des offensichtlichen Stresses, den das Bekochen von Künstlern wie Casper, Blur und Pet Shop Boys mit sich bringt, nicht nur ein Tisch mit Herdplatte bereitgestellt, sondern auch noch Hilfstätigkeiten wie das Schneiden der Zwiebeln und des Knoblauchs abgenommen.

Während wir noch auf seine drei Bandkameraden Mike Patton, John Stanier und Trevor Dunn warten, sprechen wir mit Duane Denison über die ausgedehnten Touraktivitäten, die das Quartett mit dem vierten Album »Oddfellows« schon absolviert hat. Das Konzert beim Berlin Festival ist der letzte von 42 Auftritten im Jahr 2013. Er habe genug und sei sehr müde, gesteht Denison. Aber das solle man bitte nicht falsch einordnen, es habe nichts mit den anderen zu tun oder dass es ihm keinen Spaß mehr machen würde. Es sei nur so, dass man es in den Vierzigern eben nicht mehr so leicht wegstecke, an einem Tag in Schweden und am nächsten schon in Indonesien auf der Bühne zu stehen. Aber er wolle nicht jammern. Als er sich im Jahr 2000 mit Mike Patton Tomahawk ausgedacht habe und sie zusammen die anderen Bandmitglieder ausgesucht hätten, da wäre es ihnen vermessen vorgekommen, auch nur daran zu denken, dass aus dem Projekt eine derart konstante Band entstehen könne. Zu gewichtig erschienen die anderen Bands der involvierten Personen. Heute ist Tomahawk aber keineswegs mehr der kleine Stiefbruder von Battles, Fantômas und bei was Mike Patton, John Stanier, Trevor Dunn und Duane Denison derzeit noch so spielen.

 


Kaum sind die Namen seiner Bandkollegen gefallen, betreten mit John Stanier und Trevor Dunn auch schon zwei von ihnen die Küche. An ihrer Seite Tim Moss, seit jeher Manager von Faith No More und als solcher auch für alle weiteren Projekte und Bands von Mike Patton verantwortlich. Moss kündigt an, dass ebenjener sagenumwobene Patton auch gleich kommen würde. Ein bisschen Sonderstatus muss eben doch sein. Das kaum gesagt, checkt Moss als Erstes den Wein, da Patton an diesen besonders hohe Ansprüche stellen würde – und zeigt sich mehr als zufrieden, dass dem auch seitens der Gastgeber so ist. Beim zweiten Anliegen hingegen bleibt er sehr bestimmt: Nein, im Künstler-Catering-Bereich des Festivals könnten wir nicht essen. Denn auch wenn das keiner glauben wolle, aber da habe Patton leider keine Sekunde Ruhe. Die würden alle immer Bilder mit ihm machen wollen oder, noch schlimmer, Small Talk. Auch gut, dann bereiten wir die angedachten Blutwürste und die Rinderzunge eben nicht nur in der Küche zu, sondern essen sie auch noch in selbiger.

 


Womit der Zeitpunkt für den Auftritt von Mike Patton gekommen ist. Leicht gestresst wirkt er. Wenn das Stalking schon bei anderen Künstlern anfängt, dann ist das nicht verwunderlich. Es sei aber alles nicht so dramatisch, gibt er zu verstehen. »Auf Tour zu sein ist ein permanenter Prozess fehlender Privatsphäre. Da wird man leicht territorial und baut ein Fort aus eigener Sprache, Insiderwitzen und Abschottung um sich herum auf.«Das gesagt, steckt er seine Finger bereits in die Entenleber- und Wildschweinpasteten, die es wie auch geräucherten Fisch und Kartoffelsalat als kalte Beilagen zu den Blutwürsten und der Zunge geben soll. Verantwortlich für dieses besondere Menü ist John Stanier, der sympathische Schlagzeuger der Band, den man auch schon von Battles und seiner früheren Band Helmet kennen könnte. Seit nunmehr zwei Jahren lebt er mit seiner Partnerin in Berlin und hat ein großes Faible für die traditionelle deutsche Küche entwickelt. Gemeinsam waren wir am Vormittag in einem gutbürgerlichen Charlottenburger Delikatessen-Supermarkt einkaufen gewesen. Neben dem urdeutschen Klassiker Blutwürste hatte es ihm dabei vor allem die Rinderzunge in der Auslage angetan. Wie ein Kind vor den Süßigkeiten wollte er nicht weitergehen, bevor wir die bestimmt dreißig Zentimeter lange und fünf Zentimeter breite Zunge eingekauft hatten. In den Topf schafft sie es aber nicht. Küchenchef Bill Scholz schüttelt nur den Kopf: So eine Zunge müsse schon ein paar Stunden im Sud köcheln, und das ginge auf dem Festival beim besten Willen nicht. Wir würden doch nicht wollen, dass Damon Albarn nichts zu essen bekäme. Damon who? Ach, egal: Hauptsache, die Zunge sieht gut aus.

 


Die Band hat merklich Hunger. Knapp zweieinhalb Stunden vor dem Auftritt würden sie eigentlich nicht so viel essen, geben alle schmatzend zu Protokoll, aber das hier sei ein guter Grund für eine Ausnahme. Der große Moment von John Stanier ist gekommen: Während das Fett schon aus der Pfanne spritzt, wirft er die Würste hinein, begleitet vom Gegröle seiner Bandkollegen, die es kaum erwarten können, die Lieblingswürste ihres Schlagzeugers, der die halbe Tour von nichts anderem gesprochen hat, endlich zu probieren. Der Konsens: super lecker und seinen Umzug nach Berlin mehr als rechtfertigend.

Am Ende ihrer Touraktivitäten sind die vier froh, noch mal ein kulinarisches Highlight zu erleben. In England hingegen, wo in den Wochen zuvor diverse Festivals angestanden hatten, hätten sie nochmals die Abgründe auskosten dürfen: »Auf Festivals wie Leeds und Reading geht es nicht um kulinarische Momente, sondern um das Füllen der Leute«, gibt Mike Patton zu verstehen. Aber das sei man gewohnt. »Heute kann man, wenn man etwas Geld hat und recherchiert, wenigstens etwas hinbekommen. Vor 25 Jahren gab es schlichtweg keine Optionen.« Das Stichwort für Stanier, der einwirft, dass es vor 25 Jahren in England noch nicht einmal Kaffee gegeben hätte. Dass es in Amerika damals nicht besser ausgesehen habe, wehrt er mit dem Verweis auf Starbucks ab. Tomahawk, eine Band aus Kaffeejunkies, bricht daraufhin geschlossen in einen heftigen Lachanfall aus.

 


Aber wer reibt sich noch an England, wenn die eigene Küche am Tourende eh so nah liegt. Bassist Trevor Dunn erzählt, dass er immer am ersten Tag nach der Tour Sushi essen gehe, ab dem zweiten Tag werden dann zu Hause Steaks mit Gemüse selbst zubereitet. Auch Patton, der in San Francisco lebt, zieht es erst mal nicht mehr in Restaurants. »Meistens hole ich noch ein paar Tacos beim Mexikaner um die Ecke«, erzählt er. »Dann schließe ich mich mit meiner Frau zu Hause ein, und wir kochen viel. Sie hat mir einiges beigebracht. Früher war ich ein schrecklicher Koch.« Wenn er dann wieder sozial kompatibel sei, dann würde er schon mal seinen Kumpel und Nachbarn Blixa Bargeld anrufen. Beide hätten ein Faible für Sterne-Restaurants.

 


Dann ist auch schon Zeit, sich vor dem Auftritt noch ein bisschen zurückzuziehen. Während John Stanier sich zum Schluss zeigen lässt, wo im Tiefkühlhaus die Zunge liegt, damit er sie später in seine Berliner Wohnung überführen kann, um sie am nächsten Tag alleine zu brutzeln, nehmen sich die anderen drei der Weinreste an. Versöhnt mit dem Thema Touressen, verlassen sie die Großküche und schenken uns aus dem Munde von Mike Patton noch warme Schlussworte: »Ihr habt euch einen Platz in unserer Welt verdient. Für das Essen hier wasche ich euch in Zukunft die Wäsche.«

 


Später am Abend haben es Tomahawk nicht leicht: Zwar sind die Pet-Shop-Boys-Fans nicht zwingend auch die ihren, dennoch ist es nicht der beste Slot, den man haben kann – gegen die beiden kultivierten Engländer und ihre Spektakel-Show auf der anderen Bühne anspielen zu müssen. Die vier lösen das Problem auf ihre Art: Sie spielen eine äußerst dekonstruierte Version des Pet-Shop-Boys-Hits »West End Girls«. Danach gehört ihnen die Nacht.