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Glenn O'Brien - From Andy to: Warhol

Kochen mit...

In den 70ern gehörte er zu Andy Warhols Factory-Gang und war Teil der ersten Redaktion des heute legendären Interview Magazine.
Geschrieben am
Glenn O'Brien ist ein New Yorker durch und durch. In den 70ern gehörte er zu Andy Warhols Factory-Gang und war Teil der ersten Redaktion des heute legendären Interview Magazine; mit seiner Sendung "TV Party" wütete er für drei Jahre durch das Manhattan Cable TV. Seit letztem Jahr ist er wieder beim Interview Magazine tätig, diesmal als Chefredakteur. Dazwischen arbeitete er für diverse große amerikanische Magazine sowie eine der führenden Werbeagenturen. O'Brien ist ein Styler und Anarcho, liebt gute Anzüge und hasst feste Bürozeiten.

16.03.2009 - New York, Glenn O'Briens Loft in Soho
Zu Essen gibt es Spargel-Risotto, dazu einen kalifornischen Weißwein.

Ich bin bei der nächtlichen Lektüre von Spex-Ausgaben aus den 80er-Jahren auf die Kolumnen von dir gestoßen. Wie kam es denn dazu?
Sie hatten Sachen von mir gelesen und haben angefragt. Ich hatte Lust.

Hast du denn für uns Europäer anders geschrieben als für die Amerikaner, da wir ja so viel weiter weg waren von dem, was bei euch gerade passierte?
Klar habe ich das extra für die Spex neu geschrieben, ich wollte mich ja nicht wiederholen. Stilistisch habe ich da aber nichts verändert.

Das war ja lange vor dem Netz und der globalisierten Popwelt. Heute liest ja jeder permanent, was am anderen Ende der Welt los ist, aber damals war es was Besonderes, wenn Lester Bangs im NME oder auch im Sounds schrieb oder eben du in der Spex.
Das stimmt.

Du bist nach vielen Jahren wieder beim Interview Magazine angekommen, wo du einst unter Andy Warhol angefangen hast. Seit wann genau bist du wieder da?
Ich habe am 26.01.2008 wieder dort angefangen.

Und wie fühlt sich die Rückkehr an?
Ich liebe die Ausrichtung des Magazins. Insofern wird ein Traum von mir wahr, da ich die neue Ausrichtung bestimmen kann. Das Einzige, was mich etwas bekümmert, ist, dass ich jetzt wirklich fast jeden Tag ins Büro gehen muss.

Womit wir auch beim Sonderstatus wären, den du scheinbar immer eingenommen hast. "Editor in large" war beispielsweise deine Position beim High Times Magazine. War das die einzige Möglichkeit, dich zu bekommen, mit diesem Freibrief, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen?
Oh ja, ich habe das sehr lange und oft gemacht. Selbst wenn ich ein Büro hatte, bin ich oft nicht hingegangen. Ich war beispielsweise eine Zeit lang Creative Director bei Island Records - ich habe ihnen gleich gesagt, dass ich kein Büro brauche, aber sie wollten mir unbedingt eins geben, das müsse so sein - ich war nie drin.

Du hattest also alle erdenklichen Freiheiten, da du nur so das Beste geben konntest?
Genau.

Und wie ist das heute in deiner Position als Chefredakteur? Bist du jemand, der das den anderen auch gewährt?
Wenn ich in der Stadt bin, gehe ich mittlerweile eigentlich jeden Tag mal hin.

Aber dürfen die anderen denn von zu Hause aus arbeiten?
Sie wollen es nicht.

Weil sie nicht fragen, weil sie zu schüchtern sind?
Einer unserer Grafiker wollte neulich von zu Hause arbeiten, da dort sein Computer schneller sei, aber das ist doch ein zu lahmer Grund.

In gewisser Weise hast du den Zeitgeist von heute - siehe skandinavische Beschäftigungsmodelle - ja vorweggenommen: Dort sagt man, dass zwei Tage pro Woche zu Hause sehr produktiv seien, da man während der Anwesenheit viel motivierter für den Austausch sei.
Ich bleibe oft den Vormittag über zu Hause, da ich dort besser schreiben kann - ich schreibe generell am liebsten morgens. Wenn ich im Büro bin, laufen dauernd alle in mein Büro. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum. Na ja, es ist schon nett, wenn die Leute sich austauschen wollen. Lange dachte ich, ich müsse irgendwann in ein Büro gehen, da ich mich dem Konkurrenzkampf mit anderen stellen müsse, jetzt bin ich auch so dort gelandet. [lacht]

Kochst du oft?
Meine Frau ist eine sehr gute Köchin. Hier mach ich das nur, weil du mich gefragt hast. Aber ich kann kochen, manchmal mache ich es trotz ihrer Kochqualitäten am Wochenende, aber ich bevorzuge es, wenn sie kocht.

Du bist Editorial Director von Brant Publications und damit für gleich drei Titel zuständig: Interview, Art In America und The Magazine Antiques. Wie hat man sich das vorzustellen, vor allem Letzteres?
Bei den beiden anderen habe ich nicht im selben Maße das letzte Wort wie beim Interview Magazine. Die Redaktionen sind größtenteils unabhängig, ich mache Vorschläge.

Das heißt, um Interview kümmerst du dich täglich, um die anderen im Wochen- oder gar Monatsturnus?
Nein, nein, schon häufiger. Ich kümmere mich bei den beiden anderen vor allem um den Look, die Cover, das Redesign, das wir gemacht haben.






In Europa haben wir momentan große Diskussionen über die Qualität von Journalismus in Zeiten der einbrechenden Anzeigenmärkte und einer Online-Blog-Kultur, die scheinbar - die Betonung liegt auf "scheinbar" - dem professionellen Journalismus das Wasser reichen kann. In Amerika dürfte es ähnliche Diskussionen geben, wenn ich zuletzt an die Meldungen rund um die New York Times denke.
Dass die Times Probleme hat, hat andere Ursachen. Natürlich spielt da auch die Wirtschaftskrise eine Rolle, aber ebenfalls, dass sie ein "union paper" ist - das ist viel teurer zu unterhalten.

Du meinst, die Gehälter sind gewerkschaftlich reguliert.
Ja. Das ist das gleiche Problem wie bei der Autoindustrie in Detroit.

Ähm, ist das nicht eine traurige Aussage, die du da triffst? Es wäre also besser, wenn wir eine neoliberale Handhabe der Verträge hätten? Ist es das, was du sagen willst?
Nein. Ich sage nur, dass sie ein veraltetes Businessmodell aus einer anderen Zeit haben.

Und wie schätzt du die Folgen für die Qualität des Journalismus ein?
Ich habe noch keine Qualitätsminderung feststellen können. Du?

Ja. Man sieht in den deutschen Feuilletons - da kann ich das am besten festmachen - ganz klar die Tendenz, dass weniger an die geeigneteren Freelancer rausgegeben wird und stattdessen mehr von der Redaktion selbst gestemmt werden muss. Außerdem mag ich die Art nicht, wie darüber diskutiert wird. Dadurch, dass wir heutzutage weniger echte Verleger haben, sondern stattdessen zumeist Wirtschaftsmanager die Läden führen, hat eine Tonalität Einzug gehalten, bei der es immer um Businessmodelle geht. Klar ist das auch wichtig, aber doch bitte immer im Verbund mit dem journalistischen Ansatz dahinter. Ein guter Verleger hat die Sachen früher mitgepusht. Es gibt da die Geschichten, wie Augstein, der Verleger des Spiegels, immer bis spät in die Nacht mit seinen Chefredakteuren diskutiert - inhaltlich diskutiert - und getrunken hat. Das merkt man einem Blatt an.
Ich verstehe, was du meinst. Aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen es den Managern heute nicht leicht. Wollt ihr was trinken?

Ein Wasser, bitte. Ja, es stimmt. Die Zeiten sind andere. Das hat auch das letzte Vorwort im Interview Magazine mit all den Produktnennungen gezeigt. [Dort hatten O'Brien und sein Kollege detailliert aufgezählt, was sie und die anderen Mitarbeiter für Klamotten tragen, welche Autos sie fahren usw. usf.] Fühlt sich das mit der Melancholie des Blicks zurück manchmal als falsch an, was heute so als Journalismus läuft, oder zählt der Blick nach vorne?
Oh ja, das war lustig, das Vorwort.

Aber genau das ist doch der Punkt. Da fällt mir ein gutes Beispiel ein: Die Süddeutsche Zeitung, die beste Tageszeitung, die wir in Deutschland haben, hat in ihrer Samstagsbeilage immer ein hervorragendes Interview auf der letzten Seite. Immer zu einem sehr speziellen Thema. Da ist mir neulich wieder so ein unangenehmer Satz aufgefallen: Beim Einführen ins Setting wurde das Hotel ganz unangenehm schleichgewerbt, und das in so einem Blatt. Und diese Tendenz, die findet man heutzutage immer öfter. Viel zu viele Adjektive und Attribute, die es früher nicht gegeben hätte.
Du sagst also, die Welt geht in die Hölle? Nein, nein, du hast ja recht. Das Problem ist, die richtige Tonalität zu finden, sich an die Zeit anzupassen, aber mit Integrität. Kennst du das Magazin Fantastic Man? Ein Männermagazin aus Holland. Es ist zugleich sehr altmodisch und modern, hat einen distinktiven Duktus, sehr formal - was ich mag. Ich versuche gerade, mein Team beim Interview Magazine dahin zu bekommen, dass auch unser Ton wieder properer wird.

Beim Interview hast du ja einst mit Andy angefangen. Wie muss man sich den damaligen Magazinalltag denn so vorstellen?
Es war auch damals sehr professionell. Ich war ja von Anfang an dabei. Wir hatten zu Beginn ein sehr kleines Team, aber wir wollten professionell arbeiten. Klar haben wir nicht früh begonnen, aber das tun wir auch heute nicht. Solange die Leute ihren Job hinbekommen, ist es doch egal, wann sie reinkommen.

Was denkst du, was Andy vom aktuellen Interview halten würde?
Ich habe diese Frage immer im Hinterkopf und bin mir ziemlich sicher, dass er das Magazin auch heute mögen würde. Ich frage mich auch immer, wie er es machen würde. Er war mein Lehrer. Ich habe viel von ihm gelernt.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Manchmal nur vom Zuschauen, er hat sich aber auch mit mir hingesetzt. Andy hatte einen interessanten Führungsstil. Er hat nie Anweisungen gegeben, sondern es immer so gelenkt, dass man am Ende dachte, es sei die eigene Idee gewesen.

Was der beste Weg ist, die Leute zu motivieren.
Absolut. Er war clever.

Lass uns doch noch mal auf das letzte Vorwort zurückkommen und ein paar Worte zur Krise wechseln. Damit wir es hinter uns haben.
Ich bin nicht beunruhigt. Alle erwischt es doch im gleichen Maße. Und die gute Nachricht: Unsere Auflage wächst wieder, seit ich übernommen habe.

Ich lese das Magazin schon seit vielen Jahren sehr gerne. Ich mag die simple Idee, die vor allem dadurch so überzeugt, dass die Tonalität der Leute nicht stark redigiert wird, wie es sonst üblich ist.
Ja, das machen wir nicht. Als Playboy noch ein gutes Magazin war, haben sie drei Tage lang mit dem jeweiligen Interviewpartner Gespräche geführt und es dann natürlich heftig runtergekürzt. Das war auch gut, wegen der Intensität, aber der Charme von Interview war schon immer, das Gespräch so wiederzugeben, wie es geführt worden ist.





Da man so die Persönlichkeit am besten präsentiert. Das ist ja auch ein wenig das Problem, wenn wir die Interviews ins Deutsche übersetzen müssen. Da muss man sich schon viel Zeit nehmen, um das Repräsentieren im gleichen Maße zu gewährleisten.
Themawechsel: Mir war neu, dass du auch über Mode schreibst. Und das nicht auf niedrigem Level. Du giltst als "Style Guy" des GQ Magazine.

Ich habe mich schon immer für Mode interessiert, ich bin schon in den frühen Interview-Tagen zu Modenschauen gegangen. So richtig in Kontakt gekommen bin ich aber erst in den 80ern. 1986 habe ich aus Versehen einen Job in der Modewerbung bekommen und sollte eine Kampagne für Barnes New York machen. Damals lernte ich viel über Mode. Danach arbeitete ich für Calvin Klein, Giorgio Armani und viele andere. Als ich dann für Details zu schreiben begann, schlug mir der Redakteur eine Kolumne vor, die zum "Style Guy" wurde. Sie dachten wohl, ich hätte Stil. Ich habe sie dann zum GQ mitgenommen.

In Deutschland haben wir nicht so wirklich guten Modejournalismus. Das lässt sich auch ein bisschen historisch erklären. Lange Zeit wollte außer den klassischen Modemagazinen niemand das Thema anrühren, und als es dann passierte, ging es oft nur um die Tratschaspekte.
Es gibt leider auch sehr wenig gute Schreiber in diesem Feld. Das Problem ist, dass zu wenige Publikationen wertige Texte drucken, da sie Angst um ihre Anzeigen haben. Es gibt in diesem Segment keine Tradition mit ernsthafter Kritik.

Hattest du jemals Angst, in diesem Prozess gewisse Grenzen zu überschreiten?
Ich musste mir da nie Gedanken machen, da mich die Redakteure ermutigt haben. Aber natürlich wurde auch bei mir redigiert. Zensur fand schon auch mal statt. Da lernst du die Limitierungen der Publikationen kennen, für die du schreibst. Aber wo wir beim Thema sind: Interview will nicht kritisieren. Ich habe das Magazin davon wegbewegt. Warum sollten wir uns auf einem Feld versuchen, auf dem Publikationen wie die New York Times oder der New Yorker einen besseren Job machen? Wir konzentrieren uns auf das, was wir am besten können: wirkliche Konversation.

Und darauf, die Leser den Schluss aus dem Gesprochenen ziehen zu lassen. In Deutschland gibt es Berührungsängste mit gewissen Medien. Du hast von Anfang an sehr breit gestreut agiert: Ego, Rolling Stone, Qui, High Times, Artforum, Spin ... und dann auch noch Werbung. Denkst du, in Amerika gibt es weniger Grenzen? Apropos, ich würde dann wohl auch mal einen Weißwein nehmen.
Aber sicher, gern. Wo du das Qui Magazine ansprichst, das sticht natürlich raus. Du musst wissen, die haben damals all die seriösen Redakteure von Magazinen wie dem Rolling Stone eingekauft, wollten hip sein - dementsprechend war das Heft für ca. sechs Jahre toll geschrieben, u. a. von Leuten wie Robert Goldberg oder William S. Burroughs. Ich habe den Job damals angenommen, da ich gerade Vater wurde und Geld brauchte - und sie zahlten für die damaligen Verhältnisse sehr, sehr gut. Das war sicherlich nicht mein großer Traum bis dahin. Aber das war schon okay, wir haben ein paar gute Sachen umgesetzt.
Ich weiß ja nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Italien und Frankreich ist es geradezu unmöglich, gefeuert zu werden. In Amerika wird man dauernd gefeuert, das ist Teil der Karriere, von daher muss man variabler sein.

Wir waren lange sehr stabil, aber die Verträge werden leider auch lockerer.
Lass uns mal kurz über die Sonic-Youth-Ausstellung in Düsseldorf sprechen. Man kann sie ja als Teil der sophisticateteren 80er-Jahre-Aufarbeitung sehen, die nach dem Revival der cheesy 80er-Sachen eingesetzt hat. Das ging dann bis zu Dokus über Klaus Nomi etc., was ja begrüßenswert ist. Beobachtest du das besonders, da der Blick zurück ja genau jetzt in deinem Revier angekommen ist?
Ja, klar schau ich da drauf. Oft werde ich auch angefragt, etwas beizutragen. Ich habe beispielsweise viel für Warhol-Kataloge geschrieben.

Denkst du in diesen Momenten mehr über deine Sprache nach, damit diese Blicke zurück auch ja nicht nostalgisch klingen?
Ich versuche immer, mit meiner eigenen Stimme zu schreiben. Ich mag es nicht, wenn die Leute nicht so schreiben, wie sie sprechen. Das mag ich ja an Interview so sehr. Wenn ich Redakteuren zeigen will, dass ein Artikel schrecklich ist, lasse ich sie diese immer laut vorlesen. Es ist ihnen dann schnell peinlich. Schreiben soll natürlich sein und nicht prätentiös.

Und wie sieht deine natürliche Schreibe beim Blick zurück aus? Sentimental?
Nein, sentimental bin ich nicht. Manchmal erinnere ich mich erst durch das Schreiben an etwas von damals. Es ist frustrierend, wenn man feststellen muss, dass man Dinge vergessen hat. Das ist eine der Sache, die mir nicht gefällt am Älterwerden. Ich war neulich in Mailand sehr verkatert und wurde in ein japanisches Restaurant ausgeführt - und konnte das Wort Wasabi nicht mehr erinnern. Ich wollte mich sofort umbringen. Es ist auch interessant festzustellen, dass man Dinge für erlebt hält, die man nur in Filmen gesehen oder gelesen hat.





Mit dem Drehbuch zu "Downtown 81", den du auch produziert hast und in dem Basquiat mitgespielt hat, hast du sehr früh schon die Dokumentation im Blick gehabt. Ist das Erinnern etwas, das du als wichtig empfindest?
Der Film wurde an mich herangetragen. Ich bin kein Fan von Dokumentationen, also hielt ich es für sinnvoller und auch wahrer, einen fiktiven Film daraus zu machen. Statt uptighter Charaktere, die von damals erzählen, sah man die Leute, wie sie waren. Es gab ja keinen wirklichen Plot, die Leute wurden einfach zusammengebracht.



Womit du auch deine "TV Party" beschrieben hättest. Da gab es zwar öfters Themensendungen, aber letztlich hast du nur Leute zusammengebracht.
Wir haben nur rumgespielt. Wir haben auch nur aufgehört, da wir kein Geld mehr hatten. Hm, wir haben ohne Geld angefangen und hatten dann noch weniger. Na ja, vielleicht haben wir es auch lang genug gemacht.

So rosig sah die Zukunft von Fernsehen mal aus: wild, anarchisch ... Und was ist daraus geworden? ... Man sieht so etwas selten, in Deutschland fällt mir nur Alexander Kluge ein, der das eher im anspruchsvollen Format macht, und eine Zeit lang hatten wir Christof Schlingensief, den das anarchische Moment interessierte. Siehst du TV immer noch als das Feld, in dem man am besten populär wird?
Ich sehe nicht viel fern. Hm, ich bin mir nicht sicher, wie das schmecken wird, ich wollte das Risotto in eine andere Richtung lenken, aber ... Ich habe ein Problem mit unangebrachter Schreibe. Gerade Kunstautoren machen sich oft schuldig, zu gekünstelt anspruchsvoll zu schreiben, nur damit sie cleverer rüberkommen. Man braucht dann für ihre Artikel ein Kunststudium. Das ist doch unnötig.

Es ist schön, wenn man einen Anspruch hat, aber klar, man sollte die Leute abholen. Man sollte nicht übertheoretisieren, man sollte beides im Blick behalten. Aber ich weiß, was du meinst: Leute, die nicht an ihre eigenen Worte glauben, greifen auf die anderer zurück.
Das hasse ich. Ich versuche um jeden Preis, jemanden zu zitieren, da stehle ich lieber ihre Ideen.

Aber zurück zum Fernsehen.
Wie gesagt, ich schau nicht viel. Ich bin aber abhängig von "Kampfstern Galactica" und "Lost". Nein, nicht das Original, der neue Kampfstern ist so viel besser. Sehr gute Schauspieler, sehr intelligent gemacht, eine Satire auf Science-Fiction: Das Equipment ist dauernd kaputt, und sie haben Waffen aus dem 20. Jahrhundert und Telefone mit Kabeln.

Klingt nach der NASA von heute.
[lacht laut]
Habt ihr mit Interview denn Pläne für eine Fernsehshow?
Wir hatten Anfragen vom Satellite Radio. Ich kann mir das vorstellen, aber wir müssen erst mal den Relaunch des Heftes abschließen, dann muss die Website fertiggestellt werden, und dann machen wir vielleicht mal was im Fernsehen.

Eure Gesprächsanlage könnte gut auch im Fernsehen funktionieren, an solchen 1:1-Interviewsituationen, die Gespräche laufen lassen, mangelt es ja.
Es gibt gute Talkshows im amerikanischen Fernsehen, aber das Problem ist, dass es meistens nur um das Promoten neuer Produkte geht. All diese Sendungen werden von den PR-Leuten geführt. Eine Fernseh-Umsetzung unseres Magazins müsste so aussehen, dass die Leute alle an einem großen Tisch sitzen, Wein trinken und so alles natürlich rüberkommt.

Du hast die wilden Jahre New Yorks gelebt. Heute müssen wir uns mit Rauchverbot, Tanzverbot, Sicherheitswahn etc. rumschlagen - alles schlechter geworden? Und wie siehst du die Situation für Künstler heute? Es wird ja schnell über Gentrification gejammert, aber letztlich zeigte die Verlagerung nach Brooklyn in den 90ern ja auch, dass Künstler-Sein eben auch bedeuten muss, agil zu bleiben und sich nicht auf alte Standorte zu konzentrieren ...
Ich weiß gar nicht, ob Subkultur überhaupt noch existiert. Wir hatten doch nur eine Subkultur damals, da der Graben zwischen Establishment und den jungen Künstlern so groß war, dass man erst gar keine Hoffnung hatte, dass er überbrückbar sei. Wir haben doch nur zu unserer eigenen Unterhaltung geschrieben und performt. Und heute will jeder berühmt sein. Und mit den neuen Medien ist es möglich geworden. Heute sind die Leute für nichts berühmt. Zum Beispiel dafür, dass sie andere Leute anziehen. Oder nimmt jemand wie - hmm, wie heißt sie gerade noch mal? -, ach ja, Victoria Beckham. Sie war wohl in einer Popband einst, aber sie macht doch gar nichts mehr, und trotzdem ist sie immer in der Presse.

Du selbst hast ja einst gesagt, dass du "TV Party" nur angefangen hast, da es der schnellste Weg zum Ruhm war.
Damals gab es sehr wenig Medien. Heute gibt es Hunderte an Kanälen. Öffentlich wahrnehmbar zu sein, das war damals etwas Radikales.





Alle wollen sie in den großen Garden Eden des Ruhms, aber was ihnen keiner sagt, ist, was da alles dranhängt. Für viele wäre es künstlerisch besser, sie würden auf der Ebene drunter bleiben, auch finanziell. Ein Weg, die Dinge selbstbestimmt zu regeln, ist ja immer das Kollektiv. Die Gruppe macht stark. Manchmal nur einen wie bei Warhol, manchmal aber auch tatsächlich das Kollektiv. Siehst du da aktuell spannende Projekte? Ich denke beispielsweise an Dan Deacon aus Baltimore und seine Gang.
Es gibt immer Kollaborationen und Kollektive, man muss sehen, wie weit sie es schaffen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass der Markt das nicht mag. Vielleicht gelingt auch einem von ihnen, sich daraus einen Markennamen zu machen. Der Kunstsektor ist extrem konservativ. Warhols Studio wurde damals ja gerne als Kommune gesehen, wie die Manson Family. Reporter, die kamen, fragten, wo wir schliefen - wir schliefen da nicht. Und letztlich war er einfach das Mastermind.



Denkst du, dass die Krise die Leute vom Individualismus ins Kollektiv bringen wird?
Hmmm, ich weiß nicht. Warhol hat gezeigt, dass das Individuum, das sich gegen die moderne Markenwelt des späten 20. Jahrhunderts aufstellt, eine romantische Idee ist. Andy hat die erste Art-Studio-Firma gegründet, um gegen die Corporate-Welt anzugehen. Heute machen das Leute wie Takashi Murakami, Damien Hirst und Jeff Koons genauso und haben viele Künstler, die für sie arbeiten. Das sind keine kooperativen Gruppen, die wir da sehen, sondern korporative. Aber ich kann mich täuschen.

Magst du diese Idee, dass Künstler von anderen Künstlern produzieren lassen? Ist sie zu weit gegangen? Kippenberger hat sich damit schon vor zwei Jahrzehnten in seiner Serie "Lieber Maler male mir" auseinandergesetzt.
Warum sollte mir das zu weit gehen? Solange dabei gute Kunst rauskommt. Wobei die meiste Kunst, die mir gefällt, von einem Künstler selbst produziert wird. Aber warum sollte für solche Ansätze kein Platz sein?

Um noch mal auf die Sonic-Youth-Ausstellung zurückzukommen: Es war ihr Raum und doch auch nicht. Am Ende hatte man so viel von all den Leuten gesehen, mit denen sie jemals kooperiert hatten - sei es nun Mike Kelly, Richard Kern, Raymond Pettibon ... Sie hatten sich als offene Bandstruktur gezeigt.
Sie entstammen der Generation nach mir. Wir sind noch zusammen abgehangen, sind bis heute Freunde. Aber ihre Gemeinschaft war schon eine andere als unsere in der Grundstruktur. Sonic Youth waren schon immer clever genug zu erkennen, dass sie nur gewinnen können von den anderen, von einem Albumcover von Richard Prince oder Christopher Wool - sie wirken so intelligent. Ich kenne viele ihrer Kollaborateure sehr gut. Wir haben uns trotz des Unterschieds von ungefähr zehn Jahren ausgetauscht. Sie waren Teil dieser Musikavantgarde um Bands wie Mars, DNA, Lydia Lunch oder Arto Lindsay.

Sonic Youth sind ja das Paradebeispiel von Hipstern, die noch immer genau wissen, was auf der Straße aktuell abgeht. Wie sieht das bei dir aus? Ist es dir wichtig, noch alles mitzukriegen?
Es geht heute so viel ab, du kannst gar nicht mehr alles mitkriegen. Deswegen haben wir auch alle Altersklassen in der Redaktion von Interview vertreten.

Ich habe im Flugzeug ein Interview mit Gerhard Richter gelesen, wo er auch auf den Punkt hinwies, dass es heute so viel schwerer sei, all die Kunst mitzubekommen, die produziert wird, da es so viel mehr sei als in den 70ern.
Deswegen haben wir doch uns Magazinmacher. Und deswegen reisen wir doch so viel. Wenn ich beispielsweise in China bin, bekomme ich die lokale Szene erst so richtig mit. Ich versuche, neugierig zu bleiben. Ich höre auch viel Satellitenradio, um bei der Musik auf dem Laufenden zu bleiben. Ich habe heute Morgen einen Artikel in der New York Times über eine Band aus Detroit namens Death gelesen. Die Band machte in den 70ern Garagenrock wie die Stooges, aber komplett erfolglos. Jetzt gibt es sie wieder. Es ist interessant, wie die Geschichte geschrieben wird. In ihrer Zeit waren die Stooges und Velvet Underground erfolgslos, erst in der nächsten Generation wurden sie erfolgreich. Erst Bowie machte Iggy Pop bekannt.

Dieses Phänomen sieht man ja in noch stärkerem Ausmaß im Kunstbereich, wo viele erst nach ihrem Tod bekannt werden.
Durch das Internet gibt es keinen Grund mehr, zu sterben, bevor man bekannt wird. Das Set-up der Medien in den 60s, aber auch noch in den 70ern und 80ern war so, dass es nur wenige gab, die dir helfen konnten, entdeckt zu werden. Heute gibt es so viel mehr Möglichkeiten.

Auf jeden Fall. Heute reicht ein guter Song auf MySpace, und du kannst einmal um die Welt touren.
Dafür ist die Gefahr größer, dass du auch wieder schnell aus der Wahrnehmung verschwindest. Es geht immer um die Neuheit. Und du willst nicht die Band von gestern sein.





Hast du jemals darüber nachgedacht, selbst Kunst und Musik zu machen? Du hast mit Konelrad - der, ich zitiere dich, ersten sozialistisch-realistischen Band der Welt - ja mal damit geflirtet, und die damalige Zeit war ja geprägt von Genrewechseln; Musiker wurden Künstler, Künstler wurden Musiker, warum nicht auch ein Schreiber Musiker oder Künstler?
Ich bin kein guter Maler, und ich kann auch nicht zeichnen.

Aber vielleicht Konzeptkunst. Vielleicht bist du ein zweiter Lawrence Weiner?
Ja, vielleicht bin ich ein Konzeptkünstler, auch so. Jeder macht, was er machen sollte - und später weiß man erst so richtig, was es ist. Eine Sache, die ich von Andy gelernt habe, ist, dass du alles so gut wie möglich machen sollst. Manche der Anzeigenkampagnen, die ich gemacht habe, gehören zum Besten, was ich je gemacht habe. Auch was die Auswirkung auf die Welt angeht. Ich habe u. a. an der Calvin-Klein-Kampagne mitgewirkt, von der der Präsident sagte, sie solle doch vom FBI untersucht werden. [lacht zufrieden]

Noch eimal zum Zitat über deine Band. Da steckt dein eigener Werdegang ja deutlich drin. Auch wenn ich an das denke, was du vorhin zum Qui Magazine gesagt hast und über die Kompromisse, die für dich mit dem ersten Kind zusammenhingen.
Es geht darum, dass du die Dinge mit Anspruch umsetzt. Nur weil man etwas Oper nennt, ist es nicht per se gut. Ein Genre, das hoch angesehen ist, kann es nicht allein sein. Darum ging es doch auch bei der ganzen Pop-Art-Geschichte. Für mich war "TV Party" wahre Kunst. Aber wenn ich das mal gesagt hätte, dann hätte ich alles ruiniert.

Das Gespräch ebbt aus über den neuen Jim-Jarmusch-Film "The Limits Of Control", den Glenn O'Brien am Morgen des Interviews gesehen hat und dessen Regisseur er später noch zum Interview treffen wird. Es sei ein verwirrender Film, den er beim ersten Mal noch gar nicht so richtig verorten könne.