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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Joey DeMaio (Manowar) und Olli Schulz

Kochen mit...

Olli Schulz ist begeistert: "Heiliger Bimbam, da hatte dieses Magazin hier wirklich eine fette Offerte für mich: Ein Dinner mit Joey DeMaio."
Geschrieben am
Heiliger Bimbam, da hatte dieses Magazin hier wirklich eine fette Offerte für mich: Ein gemeinsames Dinner mit Joey DeMaio, ja, genau: jener Joey DeMaio, Bassist und Songschreiber der True-Metal-Veteranen Manowar. Diese Top-Männer mit Schwertern und Fellen und Songs über Walhalla. Die Typen sind Legende, kein Witz.

Auch für mich war die Band wirklich mal eine große Nummer. Okay, ist schon etwas her, muss um 1988 gewesen sein. Damals hatten sie gerade die Wahnsinnsplatte "Kings Of Metal" am Start. Ein vor Ideenreichtum und Spielfreude berstendes Power-Metal-Album, das in Expertenkreisen nicht zu Unrecht bis heute als ihr bestes angesehen wird. Ich stellte damals einen sechzehnjährigen Specknacken mit großer Begeisterungsfähigkeit dar. Songs wie "Wheels Of Fire" oder "Hail And Kill" peitschten durch die Kopfhörer meines Walkmans und begleiteten mich auf meinem blauen Karstadt-Rennrad in rasender Geschwindigkeit sicher zur Schule oder zum Fußballtraining. Ich war Torwart, und sie nannten mich "die Katze".

Seitdem sind viele Riffs das Gitarrenbrett heruntergewandert - auch bei mir - und Manowar dabei nicht einem Millimeter von ihrem Erfolgsrezept abgewichen. Sie singen auch heute noch von Schwertern, Drachen, zornigen Kriegern und ihren glühenden Hoden. Während die selbsternannten Verfechter des wahren Metals in ihrem Heimatland USA von Anfang an kaum Erfolge erzielen konnten, haben sie in Europa und Südamerika den Titel der "Kings Of Metal" über lange Jahre immer weiter ausbauen und festigen können. Tausende pilgerten in diesem Jahr wieder zu dem von Joey DeMaio ins Leben gerufenen Magic Circle Festival (in Bad Arolsen, Hessen).
Allerdings kam es in diesem Jahr zu einem Eklat. Kurzfristige Absagen von Acts wie Def Leppard und Whitesnake - und ein Joey, der es sich beim Aggro-Krisenmanagement auf der Bühne mit einigen Teilen des Publikums verscherzte. Aber schon zu meiner aktiven Metalphase mussten sich Manowar mit vielen Anschuldigungen auseinandersetzen: Es gab Gerüchte, sie würden bei Auftritten teilweise ein Playback benutzen und auf ihren Platten mit Drumcomputer (Verrat!) arbeiten. Bei sowas versteht die Metalszene, in der immense Verehrung und bittere Enttäuschung eng beieinander liegen, eben keinen Spaß.

Und nun endlich ein gemeinsamer Abend mit dieser Legende. Unruhig wie ein junges Zirkuspferd vor seinem ersten Auftritt, gehe ich vor dem Sushi-Tempel auf und ab und warte auf meinen Gesprächspartner. Wie es sich für einen richtigen Rockstar gehört, kommt er natürlich zu spät. Plötzlich hält ein Taxi. Ich kann ihn sehen! DeMaio steigt aus dem Wagen und geht direkt auf mich zu. Sein Gang wirkt selbstbewusst und, äh, breit. Er ist klein, aber größer als ich dachte. Im ersten Augenblick hat er was von Alf. Mit einem milden Lächeln und freundlichem Blick begrüßt er mich. Joey trägt natürlich komplett Schwarz. Lederhose, Lederjacke, Totenkopfringe. Wer hätte auch etwas anderes gedacht? Er wirkt extrem entspannt, hört aufmerksam zu, wenn ich etwas in meinem schlechten Englisch von mir gebe. Er zeigt sich hocherfreut darüber, wie gut ich mit der Chronik seiner Band vertraut bin. Fortan werde ich von ihm nur noch mit "Brother" angesprochen. Damit hat er mich natürlich.

Video: Manowar - "Kings Of Metal" (live beim Earthshaker Festival, 2006)



Wir treffen uns im Restaurant Wa-Yo in Hamburg-Winterhude, das sich mein neuer Brother bei seinen zahlreichen Hamburgbesuchen als absoluten Fave ausgeguckt hat. An diesem Abend steht uns sogar der Geschäftsführer des Hauses zur Verfügung, der uns in die Geheimnisse einer guten Sushi-Produktion einweiht, mit edlem Pflaumenwein verköstigt und uns auch sonst mit Liebe und Fisch nur so überhäuft. "Jedes Sushi-Häppchen, das du zu dir nimmst", verrät mir Joey, "gibt dir eine unerklärliche Kraft von innen. I don't know what it is. It's magic."

Was für Popeye der Spinat oder für mich mein täglicher Karotten-Ingwer-Orangen-Eierlikör-Shake, ist für diesen amtlichen Rockkrieger also sein Sushi. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich diesen kalten Fischhäppchen noch nie etwas abgewinnen konnte. Und das, obwohl ich als gebürtiger Hanseat quasi auf einem Krabbenbrötchen gezeugt wurde. Ohne groß zu kauen, donnere ich mir die Dinger rein und lüge wie gedruckt, wenn ich behaupte, wie gut es mir schmecke. Ich schäme mich allerdings überhaupt nicht dafür, denn genau wie Joey seine Rolle als weitgereister Metalaltmeister beherrscht, fülle auch ich meinen Part als gutgläubiger Indie-Luftikus aus. Ein besseres Pärchen als uns muss man an diesem Abend in Hamburg mit der Lupe suchen. Es passt. Der Sushipapst um uns herum lässt es sich dabei nicht nehmen, uns ohne Unterlass Pflaumenwein nachzuschenken. So langsam hab ich einen sitzen. Und lausche mit wachsender Begeisterung meinem neuen Mentor, ach, Brother!

Der kam viel rum in seinen 54 Lebensjahren und steht auf die Höhenflüge und Abgründe der jeweiligen Küchen. Sein exotischstes Highlight durfte er dabei in Japan zu sich nehmen. In einem traditionellen Tempel wurde vor seinen Augen eine Schlange aufgeschlitzt. Alle Innereien wurden entnommen, in ein Glas gestopft und schön mit Schlangenblut aufgefüllt. Danach dreimal gerührt und fertig war der außergewöhnliche Cocktail. Haben alle das Rezept mitgeschrieben? Joey hat's zumindest getrunken und fand es gar nicht mal übel. Meine Bewunderung wächst. Und er teilt mit mir den Glauben an die japanische Ansage, dass diese Nummer Krankheiten vorbeuge. Da kann Meditonsin einpacken!

Genug gegessen? Von wegen! Abschließend versuche ich ihn von meinem Lieblingsgericht zu überzeugen: Original Hamburger Labskaus. Joey verspricht zumindest, es bei nächster Gelegenheit mal zu probieren. Falls die nächste Platte also ganz anders klingt - vielleicht habe ich mit dieser kulinarischen Horizonterweiterung auch mein Scherflein beigetragen. Vielleicht auch nicht. Aber, hey, man wird doch noch mal träumen dürfen! Schließlich bin ich auch schon halb voll.

Video: Olli Schulz und der Hund Marie - live



Ab dem sechsten Pflaumenwein feiern wir beide ab, dass wir die Black-Sabbath-Phase mit Ronnie James Dio am Gesang für deutlich besser halten als die überschätzte Ozzy-Ära. Irgendwann geht der Abend aber dann doch zu Ende. Ein amtlicher Metalhandshake noch, und Joey lädt mich zum kommenden Full Magic Circle Festival ein. Auf dem Heimweg denke ich über meine eigene musikalische Karriere nach und versuche sie mit der von Manowar zu vergleichen. Ich finde keine Parallelen. Aber wieso auch? Hauptsache alles True und King.