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Albert Hammond Jr.

Kochen mit

Albert Hammond Jr. von den Strokes hat eine Soloplatte gemacht. “Na und”, könnte man anmerken, “machen das nicht viele Typen, die in halbwegs bekannten Bands spielen, irgendwann mal in ihrer Karriere?” Bestimmt. Ach was, sicher. Aber die hier hat Hand und Fuß, heißt “Yours To Keep” und gibt, so viel
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Albert Hammond Jr. von den Strokes hat eine Soloplatte gemacht. “Na und”, könnte man anmerken, “machen das nicht viele Typen, die in halbwegs bekannten Bands spielen, irgendwann mal in ihrer Karriere?” Bestimmt. Ach was, sicher. Aber die hier hat Hand und Fuß, heißt “Yours To Keep” und gibt, so viel Simplizität muss auch beim Schreiben mal drin sein, uns genau das: zehn Songs zum Mit-sich-Rumtragen, Immer-wieder-Hören und In-ihnen-und-mit-ihnen-Wohlfühlen.

“Schreib das bitte genau so. Das würde ich gerne mal über uns lesen.” Der Typ, der mir da gerade den Inhalt des Artikels zu diktieren versucht, ist Ryan Gentles, Manager der Strokes. Und ausnahmsweise soll er zu seinem Recht kommen. Normalerweise lassen wir starrköpfigen Schreiber uns ja nichts in den Laptop diktieren, aber das hier Eingeforderte habe ich ihm schließlich selbst vorgelegt, als ich ihm mit ehrlicher Begeisterung schilderte, wie sehr mir das gefallen hat, was wir beim gestrigen Auftritt von Albert im Rahmen des CMJ-Festivals in der Mercury Lounge erlebt haben. Die Rede ist dabei gar nicht von der Performance selbst, zu der kommen wir später, nein, die Rede ist vom Vibe des Abends. Alles wirkte so harmonisch, so freundschaftlich, so voller Euphorie und Emphase. Strokes-Sänger Julian Cassablancas beispielsweise lief ein, herzte alle und ging vom ersten Ton des Konzertes wie ein Strahlemann von Kind mit, das weiß, gleich wird Bescherung sein. Selbiges lässt sich über Ryan und seine Freundin sagen. Kurzum: “Meine Band sind meine Freunde”, könnte man in Abwandlung des alten Minutemen-Slogans “My Band Could Be Your Life” für Albert und seine Mannen sagen. Und auch die anderen Gesichtsprominenten, die an diesem Abend gespotet werden, beispielsweise Adam Green und James Iha (ehemals Smashing Pumpkins; bei der wohl anstehenden Reunion genauso wie D’Arcy Wretzky nicht dabei), passen sich ein in das gut gelaunte, happy Milieubild, das vor einem in 3D ausliegt.

Passend hierzu das unproblematische Handling der Gästeliste. Normalerweise will man über das Thema ja nicht schreiben, kommt irgendwie immer falsch rüber – affektiert und um sich selbst kreisend –, weshalb es aus einem anderen Artikel in dieser Ausgabe auch herausgenommen wurde – aber hier soll die Geschichte doch erzählt sein: Natürlich stehen wir nicht auf der Liste, als wir, zugegebenermaßen knapp vor Toresschluss, einlaufen wollen. Normalerweise bedeutet das: DOA. Death on arrival. Oder einfach nur: Das war’s. Doch der Anruf bei eben eingeführtem Ryan endet zwar binnen Sekunden mit einem aufgelegten Telefon, aber eben nicht, wie man es erwarten könnte, aus Angenervtheit, sondern da er zufällig exakt neben uns steht, sofort mit einer überschwänglichen und nicht amerikanischen Freundlichkeit bei der Sache ist und uns mit reinschiebt. Danke. So unprätentiös kann man es auch machen.

Das Konzert selbst ist, ehrlich gesagt, nicht der Überhit. Es ist einer der ersten Auftritte von Albert mit seiner neuen Band, im Kern neben ihm aus Bassist Josh Lattanzi (Lemonheads) und Schlagzeuger Matt Romano (Adam Green) bestehend, live zum Fünfer ausstaffiert. Gut eingespielt sind sie, ein Resultat des emsigen Arbeitens am Album, aber so recht flowen will das Miteinander dann doch nicht. Zu sehr ist es ein Albert-Solo-Event. Aber vielleicht auch okay so, schließlich ist es ja sein großer Tag, kann er endlich in intimem Rahmen seine Songs vorstellen. Dementsprechend strahlend steht er in der Mitte.

Dennoch, und auch wenn die Band seinen Namen trägt, soll es nicht als Solonummer rüberkommen. Deshalb erscheinen am nächsten Tag im Epistrophy Cafe alle drei. Eigentlich war das Treffen als “Kochen mit” geplant, aber irgendwie und -wo zwischen Rhein und dem anderen Ende des Atlantiks ist das stecken geblieben. Sehr zum Unwillen Alberts, der bekanntlich nicht nur der Gourmet der Strokes ist und jedes Restaurant New Yorks kennt, sondern auch gerne kocht. Zumeist mit seiner Freundin Catherine Pierce (von der New Yorker Folkband The Pierces) – zu gerne hätte er aber eine Ausnahme für Intro gemacht und uns pikantes Hühnchen gezaubert. Als das bei mir aber nicht das intendierte begehrende und bedauernde Leuchten in den Augen auslöst, von wegen dieser Sache Vegetarismus, die sich mit aller Konsequenz durch diese Heftseiten zieht, da schwenkt er um auf echt italienische Nudeln mit frischem Gemüse und Fisch – man merkt, auch hier gilt: Es wird nicht mit falscher Fassade agiert, der Mann liebt Essen und Kochen, nicht zuletzt, da man dabei so gut entspannen kann.Aber reden wir doch auch noch ein bisschen vom Album, bevor uns die Zeichen ausgehen: Schön ist es geworden. Zwischen Beatles, Guided By Voices, Beach Boys und, wie auch anders, Strokes angelegt. Eine Definition, die nicht nur Albert so unterschreiben würde, sondern auch die beiden ansonsten recht schweigsamen Typen an seiner Seite strahlend als sehr treffend und ein Kompliment bezeichnen. In der Tat, so war es auch gedacht. Gibt Albert den Strokes mit seinem Gitarrenspiel einen weichen, melodiösen Charakter – so führt er das auf seinem Soloalbum fort und noch viel weiter. Es sind entspannte Songs, die man, wenn man es denn darauf anlegt, auch mit dem Backkatalog seines Vaters in Bezug setzen kann. Und wie dieser singt er diesmal. Und es klingt so normal und locker, dass man sich fragt, warum diese Lippen bislang ungeöffnet blieben.

Nun wurde im Vorfeld bereits emsig abgewiegelt, das Soloalbum sei natürlich nicht das Ende der Strokes und nur ein Projekt – so sehr Ersteres stimmt, so wenig ist Zweiteres wahr. Das nächste halbe Jahr werden sie touren, zwischen Tokio und Köln, und Ideen für weitere Songs sind auch schon da. Hier sitzen drei, die sich mögen und miteinander können, die nicht mal eben nur ein paar Songs eingespielt haben, sondern die gerne im Übungsraum abhängen und rumspielen – zum Beispiel letzte Nacht, im Anschluss an den Gig. So lange, dass Albert gar nicht mehr weiß, wer eigentlich abgeschlossen hat. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er erst mal nichts zu essen bestellt, vielleicht aber auch, da er für den Abend ein großes Dinner plant – aber natürlich wird er, als das leckere Essen dann erst mal auf dem Tisch steht, probieren. Ist doch immer so.

Was gibt es noch zu sagen? Ach ja, an dem Gerücht, dass er einige Songs des Albums bei den Strokes gepitcht habe, sie aber, Dave Gahan lässt grüßen, nicht ankamen, sei absolut nichts dran: “Dazu bin ich viel zu schüchtern. Ich kann das gar nicht, mich so aufzudrängen.” Überhaupt habe das Album nichts mit Defizitgefühlen bei seiner Hauptband zu tun, nein, so gar nicht. Das hat der Konzertabend ja auch gezeigt. Die Jungs fanden es klasse, dass er nach dem Marathon der letzten Strokes-Platte “First Impressions Of Earth” mit allem, was da dranhing, noch die Energie und Lust zur Zweitband fand – und haben die Songs auch durch die Bank abfeiernd aufgenommen. Das macht dann wohl eine echte Gang aus, keine Egos im Battle, sondern Freude für- und miteinander. Schön. Schön auch, dass mit Casablancas, Sean Lennon, Ben Kweller und anderen Freunde zu Gastauftritten kamen, dies aber eher obskur lärmend oder dezent am Rande und nie ausgestellt, eben eher cameoartig als marketingtauglich.

Seine Freundin hat es ihm übrigens nicht krummgenommen, dass er noch eine zweite Übungsraum-Baustelle aufgemacht hat. Denn auch wenn es in “Call An Ambulance” um Besitzansprüche in einer Beziehung geht, so ist der Song nicht – wie man in der Tat vermuten könnte, gibt er augenzwinkernd zu – die vorweggenommene Antwort auf WG-Streitigkeiten, sondern einfach nur, ähm, so in Worte gebracht. Das klingt jetzt natürlich erst mal seltsam. Aber so ist das eben mit Albert und den Texten: Sie kommen einfach, die Themen liegen da schon rum in seinem Leben, haben Bezug, aber dann halt doch nicht so drängend. Wenn er beispielsweise in einem anderen Song davon singt, dass es “hard to live in the city” sei, dann ist das auch kein Infragestellen von New York, sondern einfach nur ein diffuses Gefühl. Leicht nebulös, aber irgendwie passend beschrieben. Und auch sehr passend zum ganzen Erscheinungsbild des Kerls. Hier lebt einer seinen Stream of Life, denkt an den richtigen Stellen nach, macht sich aber keinen Kopf über Zuschreibungen von außen, Blödsinn wie Plattenindustrie und Starhabitus und hat, glaubhaft rübergebracht, auch noch nie drüber nachgedacht, dass er ja eigentlich schon mit Anfang 20 – durch den schnellen Aufstieg der Strokes und deren Schnittstellenbedeutung am Ende des elektronischen Jahrzehnts und im Phoenixmoment des Comebacks von Rock – zum Elder Statesman wurde. Nein, als so was sähe er sich nicht, wobei aber schon was dran sei. Aber egal. Denn vom Modell Rolling Stones ist er noch weit weg: Zu frisch und ideenvoll sind die Strokes mit dem letzten Album um die Ecke gekommen, und zu sehr giert auch er noch nach Neuem, musikalisch und personell. Insofern: Wir bleiben dran, Ehrensache. Allein schon, da beim nächsten Mal echt gekocht wird.