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Claudia Roth

Kochen mit

Interview: Linus Volkmann / Thomas Venker Foto: Christoph Voy Claudia Roth also. Die wegen ihres schnellen Mundwerks und der den grauen Mäusen des Berliner Politmilieus oft zu bunten Outfits gerne mal als Enfant terrible bezeichnete Vorzeige-Grüne soll es diesmal am Herd retten. Nun ja, partiell
Geschrieben am

Interview: Linus Volkmann / Thomas Venker
Foto: Christoph Voy

Claudia Roth also. Die wegen ihres schnellen Mundwerks und der den grauen Mäusen des Berliner Politmilieus oft zu bunten Outfits gerne mal als Enfant terrible bezeichnete Vorzeige-Grüne soll es diesmal am Herd retten. Nun ja, partiell. Denn es dürfte klar sein, wenn man mal so einen kompetenten Character ausgeliehen bekommt, um den für uns Außenstehende so schwierigen Einblick in die Wirren rund um die Wahl 2005 und den Politbetrieb an sich zu bekommen, dann sollte möglichst wenig Zeit mit Gemüseputzen und Rezepte-Entziffern verschwendet werden. Was liegt also näher als ein gut bestückter Brunch, von Claudia Roth veredelt mit einem delikaten Omelette à la Kanzleramt.

Frau Roth, wollen Sie Vollmilch oder Sojamilch in Ihren Kaffee?
Vollmilch bitte, ich komme ja vom Land.

Thomas: Stimmt. Sie kommen ja ganz aus meiner Ecke - aus Grunbach bei Stuttgart.
Nein, gar nicht. Ich bin nicht Landschwabe wie Sie, sondern Flussschwäbin. Ich komme aus Ulm, wurde dann nach Bayern verschleppt - genau so habe ich das mal im Wahlkampf gesagt, und dann wurde es auch geschrieben.

Es muss eine irre Belastung sein, dass man in einer Position wie Ihrer an jedem Nebensatz gemessen oder verurteilt wird. Vor allem, wenn man so viel Kommunikation betreibt wie Sie.
Wenn ich mir darüber jedes Mal Gedanken machen würde, wäre ich nicht mehr ich und würde nur noch gestelztes Zeug daherreden. Aber es geht immer los mit den Farben und den Klamotten - die ersten Mails von der Presse kommen noch während der Fernsehsendungen, manchmal verfluche ich dieses Mail-Zeitalter wirklich. Und wehe, du beantwortest die nicht schon zehn Minuten nach der Sendung, dann ist das bereits Ausdruck tiefer Ignoranz.

Erinnert Sie das an Bonner Pendlertage, dieses möblierte Wohnhotelzimmer, in dem wir gerade sitzen? [Das Interview fand in einem Apartment des Ackselhaus-Komplexes statt, in dem man sich Zimmer für einige Tage bis Monate anmieten kann.]
Nein, so etwas hatte ich nicht, dafür aber bestimmt 18 oder 20 Umzüge in meinem Leben.

Man sagt ja, drei Umzüge ist einmal abgebrannt.
Also, in München bin ich drei- oder viermal umgezogen, in Dortmund viermal, dann hieß es Aachen, später Bonn - da gab es dann wieder drei Umzüge, bevor es zurück nach München ging. In Berlin ist es stetig. Derzeit habe ich allerdings drei Wohnungen: eine in Augsburg in meinem Wahlkreis, eine in Babenhausen, die ist schön, aber ich bin nie da, und eine in Berlin - aus der ich seit sechs Jahren ausziehen will, es aber nie schaffe.

Inwieweit hat man als Politiker denn überhaupt so was wie ein Zuhause? Man ist ja doch dauernd unterwegs, selbst wenn man hauptsächlich in Berlin lebt und arbeitet.
Wenn ich es mal schaffe, an einem Abend alles abzusagen und mich zurückzuziehen nach Hause, dann ist das der Himmel auf Erden. Letzte Woche ist es mir gelungen, mich mit einer Flasche Wein, die mir Fischer geschenkt hatte, zurückzuziehen und Musik zu hören. Trotzdem will ich schon seit sechs Jahren aus dieser Wohnung raus. Die ist viel zu groß und laut. Vorher hat dort übrigens Marusha gewohnt, aber selbst ihr war es zu laut.

So weit geht das dann aber nicht mit den persönlichen Referenten, dass man diese damit beauftragt, eine Wohnung zu suchen?
Nein. Wobei ich mir überlegt hatte, mit meinem Referenten Ali zusammenzuziehen. Aber das wollte er dann doch nicht.

Ist ja auch schwierig, wenn man schon den ganzen langen Arbeitstag miteinander verbringt, dann auch noch eine WG zu teilen.
Ach, obwohl wir schon zusammen im Urlaub waren. Er ist einfach ein richtig guter Freund. Aber er hatte schon Pläne geschmiedet, mit seinem Freund zusammenzuziehen ... Ich will auch nicht aus Charlottenburg weg. Eigentlich hatte ich vor, in den Osten zu ziehen, als ich nach Berlin kam, aber meine Ossifreunde hielten mich daraufhin für bekloppt: Ich würde doch den ganzen Tag lachen, das würde da nicht hinpassen.

Ist das im Osten Berlins auch schon so schlimm?
Da gibt es auch gemeine und brutale Ecken, in denen sich weit und breit kein Dönerstand und kein Taxi finden lässt. Eine sehr fremde Welt. Dann hat man mir das Scheunenviertel empfohlen, das ich ganz schön fand. Es ist aber trotzdem nichts daraus geworden - da gibt es einfach viel zu viele Touristenmassen. In Charlottenburg lassen einen die Leute in Ruhe, du wirst nicht angesprochen, und keiner wispert dir hinterher.

Anschließend daran die Frage nach der körperlichen und geistigen Beanspruchung: Wie viele Stunden sind es denn so im Schnitt am Tag? Wie sieht es mit Wochenende und Urlaub aus?
Das wird sich zeigen, wie das in meiner neuen Rolle wird. Der Wahlkampf war natürlich Ausnahmezustand, aber das gefällt mir eigentlich sehr. Meistens beginnt der Tag mit den Morgenmagazinen, die ich zwar mag, da sie viele Leute hören, die aber auch gefährlich sind. Da muss man ausgepennt sein und darf nicht zu viel Alkohol im Kopf haben, und weil in der Nacht etwas passiert sein könnte, muss man sich vorher gut briefen lassen. Das ist schon ein ziemlicher Stress.

Haben eigentlich alle wichtigen Nachrichtenmagazine Ihre Nummer?
Nein, das wäre ja die Hölle. Einen Tag vorher erhalten die, die das Interview machen, meine Festnetznummer. Manchmal schicke ich aus Versehen eine SMS - wenn die dann meine Handynummer haben, wird das gnadenlos ausgenutzt. Also, ein normaler Tag sieht so aus: morgens die Nachrichten, dann die ersten Telefonkonferenzen um halb neun. Nach der Presseschau wird verabredet, ob wir auf die letzten Meldungen reagieren. Gestern z. B. [das Gespräch fand am 28.10. statt] über diesen Wahnsinnigen im Iran, der Israel bedroht. Und es gibt die Termine, z. B. so ein Morgenmagazin, dann innerparteiliche, Interviews und sonstiges. Vorgestern z. B. ging es nach Osnabrück zu einem Termin mit dem Kreisverband, dann mit der Milleniumsinitiative, dafür musste ich mich aufbrezeln, hinterher eine lange Veranstaltung, ein Streitgespräch mit Herrn Schäuble zur Außenpolitik, das auch auf Phoenix gebracht wurde. Und später hockte ich noch mit diesen Professoren die ganze Nacht zusammen. Am nächsten Morgen ging es nach Hamburg, wo ich zuerst das Abendblatt traf, im Anschluss erst HSV und dann St. Pauli schaute und schließlich einen DVD-Laden besuchte, in dem behinderte Menschen arbeiten. Zum Schluss musste ich noch, bevor es zurück nach Berlin ging, einen Text für ein CD-Projekt einlesen. Und hinterher ist man so aufgedreht, dass man nicht pennen kann. In solchen Momenten durchwühle ich einen Berg Bücher - in diesem Fall die Liebesbriefe von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, die ich vom Osnabrücker Bürgermeister geschenkt bekommen habe. Als mich um 01:15 Uhr die totale Einsamkeit und Sentimentalität überkam, schrieb ich SMS und Mails - aber keiner hat geantwortet, da war es dann ganz vorbei.

Haben Sie denn keine Ängste? Der Bundeskanzler hat ja wenigstens immer einen Arzt sprungbereit, aber eine einfache Abgeordnete nicht.
Habe ich auch, meine Schwester. Die ist immer auf Stand-by.

Sagt da nicht auch mal die Familie: Du packst das nicht, das ist zu viel?
Wenn dann noch so eine blöde Grippewelle dazukommt, ist es aus. Letzte Woche ist mir das passiert, da sagte der Körper: "Halt die Gosch", und es ging gar nichts mehr. Wenn du im Alltag in so einer Trance drin bist, dann geht alles noch, aber wehe, an einem Samstag werden alle Termine gecancelt. Das ist wie ein Loch, als ob einen niemand mehr will und man nichts mehr wert ist. Ich übertreibe natürlich etwas, aber Urlaub ist in der Regel erst mal wie ein Zusammenbruch.

Haben Sie denn so was wie ein klassisches Wochenende?
Nein, gar nicht. In einer Partei gibt es sehr viele Termine am Wochenende: Landesparteitage, Gremien etc. Die Leute machen ja keine professionelle Parteiarbeit, dass sie davon leben könnten, sondern arbeiten unter der Woche etwas anderes. Dass ich keine Familie habe, ist der Preis meines politischen Lebens. Andere haben wenigstens noch diesen Anker, z. B. Fritz Kuhn. Der sagt dann schon mal, dass er am Wochenende nicht kann, weil er mit seinen Jungs zum Fußball geht. Und wenn doch ein wichtiger Termin hinzukommt, heißt es bei mir nur: "Claudi, das kannst du doch machen, auf dich wartet ja niemand."

Wenn man Familie hat, dann hat man aber doch auch immer latent das Gefühl, dass man jemanden enttäuscht mit dieser Überbeanspruchung. Da haben Sie nicht dieses ungute Gefühl, dass da jemand drunter leidet.
Ich habe schon Familie: meine Mama, Schwester, Freunde - die sind die toleranteste Familie der Welt. Seit 30 Jahren heißt es für die immer: "Mir ist was dazwischengekommen." Mit meinen zwei Ex-Männern, beide Musiker, hab ich sogar einen richtigen Vertrag gemacht zur Kontrolle, dass ich in diesem Politikgeschäft nicht total durchknalle. Da gibt es richtige vertragliche Vereinbarungen, dass sie mich unangemeldet besuchen und begleiten dürfen. Und wenn es einmal gar nicht geht, ich nicht zuhöre oder nicht begreife, dass da einer Probleme hat, seine Miete zu zahlen oder so etwas, dürfen sie mir eine Verwarnung geben - wie beim Fußball. Wenn ich mehrere Verwarnungen habe, werde ich vom Platz gestellt. Der Strengere, der Pastorensohn, hat mich schon zweimal verwarnt, aber jetzt auch eine Weile nicht mehr.

Ist das Handy denn auch mal aus? Oder geht das nicht?
Handy-Ausschalten ist echt Zivilcourage. Manchmal mache ich es, aber mein Parteivorsitzender z. B. lebt wirklich mit dem Handy. Für mich kann es eine richtige Bedrohung sein, dass ich zusammenzucke, wenn es wieder klingelt. Es gibt schon Phasen, da können mich alle kreuzweise ... Es gab ja noch eine Zeit ohne Fax im Bundestag. Als ich 1985 angefangen habe, da gab es starke Betriebsratsregeln. Computer waren verboten. Ich frage mich manchmal: War die Arbeit ohne Fax, Computer und Handy wirklich schlechter? Ich glaube nicht, es hatten ja alle diese Bedingungen. Es waren halt andere Zeitabläufe.

Es war alles langsamer.
Es war langsamer, es stürmte nicht diese Flut auf einen ein. Wir hatten so einen großen dpa-Drucker in der Fraktion, auf dem die Agenturmeldungen reinkamen. Mein absoluter Psycho war: Es geht ein Atomkraftwerk in die Luft, und die Papierrolle ist aus, sodass wir es nicht mitkriegen. Wenn heute im Schnitt am Tag 500 Mails reinkommen, ist das die Hölle für meine Mitarbeiter. Aber trotzdem war früher die Arbeit genauso intensiv.

Wie viel Zeit bleibt denn eigentlich für das aktive Gestalten? Oder würden Sie sagen, dass es ab einem gewissen Karrieregrad im System nur noch ein passives Reagieren ist?
Es ist alles sehr reaktiv geworden. Die E-Mail-Kultur zieht Leute ab. Ich selbst kann die Mails ja gar nicht beantworten, das machen andere für mich. Diese Medieninformationsflut lässt einem ganz wenig Raum, etwas Konzeptionelles zu entwickeln. Es ist wirklich eine Sternstunde, wenn man sich mal zwei Stunden Zeit nehmen kann für eine Sache - oder bloß mal dafür, den Akku aufzuladen. So wird der Kopf immer voller, Herz und Motivation leiden. Das ist in diesem permanenten Stress schon ein Riesenproblem. Und etwas hat sich mit Berlin geändert. In Berlin ist der Mediendruck viel stärker mit diesen unglaublich vielen Sendern und Fotografen. Unter Fotografenbeschuss fragt man sich schon mal, ob man diese Enteignung der persönlichen Ebene wirklich mitmachen will. Überall, wo Deutsche sind und wo Europapolitik stattfindet, kannst du dich gar nicht mehr frei bewegen, das ist richtig scheiße.

Wie kommt man damit zurecht, dass sich ein Spagat zwischen sinnvollen und weniger sinnvollen Betätigungen auftut? Meint: Da ist einerseits die konkrete politische Arbeit zwischen Bundestag, Gremien und Lobbyismus, andererseits aber auch die Pflege der Zielgruppe - was wohl viele Abendveranstaltungen und Medienauftritte bedeutet. Und Sie sind ja bekannt als umtriebiger Veranstaltungs-Profi, der kaum etwas auslässt. Vertritt der Politiker bei Sendungen wie "Prominenten Wer Wird Millionär?" nicht mehr und mehr seine eigene Marke und nicht mehr seine Partei?
Das sind Gratwanderungen. Wir waren ja früher die Partei, die "keine Kopfplakate" gemacht hat, weil alles über die Inhalte vermittelt werden sollte. Da war ich ganz streng. Aber natürlich vermitteln sich Inhalte auch über eine Person. Ich will es nicht ausschließen: Vielleicht hab ich da die Grenzen nicht genügend bewahrt, aber ich kann auch nicht anders. Meine Rolle - denn das ist es trotz allem: eine Rolle - hat viel mit meiner Person und Persönlichkeit zu tun. Nehmen wir beispielsweise meine Emotionalität. Wie oft musste ich mir anhören, dass ich mit der Heulerei aufhören soll, aber so bin ich halt. Sicher, ich muss mich nicht beklagen, wenn ich bestimmte Formate mitmache - aber dort erreicht man eben Menschen, die sich gar nicht für Politik interessieren. Das Problem dabei ist nur, dass ich durch solche Auftritte eine öffentliche Person geworden bin. Dadurch bin ich vermeintlich immer ansprechbar, überall wird man angequatscht und muss sich dauernd müde stellen. Der einzige Schutz ist, mit jemandem unterwegs zu sein. Alleine geht es überhaupt nicht mehr, jetzt gar nicht wegen Angst oder so, obwohl auch viele sagen, du bist ja verrückt, du kannst doch nicht ohne Bodyguard rumlaufen ... Neulich war ich beispielsweise mit meinem Neffen auf dem Oktoberfest unterwegs. Er ist hinter uns gelaufen und hat mir nachher erzählt, was er alles so gehört hat. Schwierig.

Denkt man eigentlich während solcher Shows daran, was man jetzt noch Sinnvolleres machen könnte, ja, müsste?
Nein, ich denke mir dann höchstens: "Oh Scheiße, hoffentlich war es jetzt nicht zu peinlich." Denn im politischen Berlin sind alle sehr streng und sagen, was politisch korrekt ist, was man darf oder nicht.

Bekommt man danach dann gleich SMS und Mails von Kollegen?
Die Netten, die Freunde, von denen kriegst du was, von anderen hörst du es nur über Ecken. Manche sind neidisch, und andere finden es unmöglich. Wobei ich nicht finde, dass Geißen oder Kerkeling sinnentleert sind. Da kommt ja ein bisschen was vom eigenen Lebensgefühl rüber, ich muss da ja schließlich nicht erzählen, dass ich den Spitzensteuersatz erhöhen will, sondern dass unterschiedliche Lebensformen anerkannt werden sollen.

Also eine Politik des Alltags?
Ja, ich vermittle, dass ich lebe, wie ich will. Solche Sendungen betrachte ich als eine Möglichkeit, mich auszudrücken: Ich bin jetzt 50 und Parteivorsitzende und lebe trotzdem, wie ich gerne will, und nicht, wie die draußen sich das gerne vorstellen würden.

Sagen Sie denn auch manchmal Nein zu Anfragen?
Ja, klar, was glauben Sie, was da alles schon kam? Nach dieser RTL-Sache mit Oliver Geißen, dieser "80er-Show", war ich deren Liebling. Hinterher hätte ich unglaublich viel machen sollen - mache ich natürlich nicht, so ein Scheiß mit Beziehungsnummern oder so etwas.

Mit diesen Formaten überschreitet man ja aber auch peu à peu Grenzen. Vor zehn Jahren hätte man einiges davon sicherlich noch abgelehnt. Indem man aber im Fernsehen in allen Situationen immer greifbar ist, denken die Leute, das wäre auch privat so okay. Als wir aufgewachsen sind mit Bonner Studio etc., da war noch eine gewisse Distanz zum Politikbetrieb vorhanden. Da war die Hemmschwelle, Politiker im öffentlichen Raum zu stalken, viel größer.

Insofern darf ich mich auch nicht beklagen. Ich sage ja nur, dass der Preis sehr hoch ist, wenn z. B. eine Beziehung daran kaputt geht. Meine letzte Beziehung ist neben anderen Geschichten daran zerbrochen, dass mein Mann das nicht mehr ertragen hat. Wir sind beispielsweise ins hinterletzte Eck in Italien gefahren und wurden trotzdem dauernd angesprochen. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel, das war richtig ätzend: Zehn Tage nach der Wahl, als ich nach 130 Auftritten müde und fertig war, bin ich aufs Oktoberfest gegangen. Wir saßen bei Käfer, und dann kamen die ganzen Jamaikajungs und jungen Unternehmensberater oder Banker - ich wollte eigentlich nur in Ruhe eine Schweinshaxe essen und ein Bier trinken. Hinterher bin ich mit meinem Freund ins P1 gegangen, das war natürlich auch bekloppt, aber ich hab meinen Spaß gehabt und Schampus getrunken und rumgetanzt bis vier Uhr früh. Und prompt kam am nächsten Tag eine E-Mail von irgendeinem In-Magazin: "Beobachter haben uns mitgeteilt, dass Sie mit einem gut aussehenden jungen Mann im P1 waren und es zum Austausch von Zärtlichkeiten kam. Unsere Fragen:
1. Wie heißt er?
2. Wie alt ist er?
3. Was arbeitet er?
Wir sind bemüht, einen fairen Bericht zu machen."
Das konnte ich nicht glauben! Da war ich wirklich deprimiert - und der Typ natürlich auch. Daraufhin habe ich denen einen Brief geschrieben, in dem der Name Scherz vorkam, dieser Rechtsanwalt, der mich schon in ähnlichen Sachen vertreten hat. Dann waren die still, bis die Bild Zeitung München in der Landtagsfraktion rumtelefoniert hat - die haben z. B. Laurenz Mayer, der auch auf dem Oktoberfest war, angerufen und nach meinem Begleiter befragt.

Je näher man dem Volk kommt, desto näher ist ja auch der Tresen. Ist die Alkoholproblematik in diesem Beruf größer als in anderen?
Ob ich eine Säuferin bin? [allgemeines Gelächter] Im Wahlkampf haben wir es so gemacht, dass wir direkt nach dem Auftritt weggefahren sind zum nächsten Auftritt. Ist zwar nicht sehr kommunikativ, aber nur so haben wir das durchgehalten. Nicht, weil ich so anfällig wäre fürs Saufen, sondern weil man gerne nach einer langen Rede viel isst und eben auch dazu neigt, etwas zu trinken. Generell ist es so, dass man einen vernünftigen Lebenswandel haben muss bei all den abendlichen Veranstaltungen in Berlin. Aber ehrlich gesagt brauche ich es manchmal doch, bis um fünf Uhr rumzuhängen. Der nächste Tag ist dann zwar bitter, und ich merke, dass ich nicht mehr so gut kann wie früher, aber ich bin doch nicht jeden Abend um halb zwölf im Bett, weil ich morgens fit sein muss. Aber ich passe schon auf. Es gibt sogar Leute, die in bestimmten Phasen nur Wasser trinken.

Wie würden Sie denn Ihre politische Grundmotivation beschreiben?
Die Welt muss einfach gerechter werden. Mit 13 hat es angefangen, dass ich diese Ungerechtigkeit nicht mehr aushalten konnte - man wollte in Bayern wieder Konfessionsklassen und -schulen einführen. Ich bin selbst mit einer behinderten Schwester aufgewachsen und habe erlebt, wie schwer es war, sich gegen eine tendenzielle Diskriminierung auf Grund von Behinderung durchzusetzen - selbst innerhalb eines privilegierten Umfeldes, also Zahnarzt- und Lehrerfamilien. Mein Grundmotiv war Gleichberechtigung. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich mache das definitiv nicht, weil ich eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung suche oder meinen Narzissmus ausleben möchte.

In Ihrem Lebenslauf finden sich ja vor dem Einstieg als Pressesprecherin der Grünen 1985 einige Jahre beim Vorläuferverband der Jungen Liberalen (Jungdemokraten) - wie kamen Sie dazu?
Das war damals die linksradikale Organisation in Bayern. Das war die Zeit, als die FDP noch links war oder zumindest linksliberal - auch meine Eltern waren linksliberale FDPler. Ich bin aufgewachsen in Babenhausen, da gab es 80 % CSU-Wähler und immer so fünf bis sieben FDP-Wähler, und es war klar, meine Eltern waren immer dabei. Es war für mich gar nicht so leicht, weil meine Eltern so tolerant und offen waren. Da musste ich noch viel radikaler werden. Die Jungdemokraten waren eine unabhängige Jugendorganisation - ich musste also nie in die FDP. Da war immer was los in Memmingen, später auch zum Teil in München, das war so die Sozialisation als Radikaldemokratin für Bürgerrechte, Menschenrechte, grundliberales Gedankengut.

Zehn Jahre lang waren Sie Mitglied des Europäischen Parlaments. Brüssel ist ja für viele ein wenig greifbarer politischer Ort. Wie hat man sich den politischen Entscheidungsprozess auf dieser Ebene vorzustellen? Und wie kamen Sie dahin?
Ich war nach der Scherben-Zeit lange Pressesprecherin. Der Job hat mir gut gefallen, aber irgendwann war es mir zu fad, immer nur das loszuwerden, was andere erzählen. Ich habe ja auch eigene Ideen, warum sollte ich nicht versuchen, die zu vermitteln? Und ich wollte wieder auf Tournee gehen, Bonn war mir dann doch einfach zu ... zu lieblich. Einmal bin ich mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Christian Schmitt zum Eishockey nach Köln gefahren, hinterher waren wir in einer dieser Kölsch-Brauereien, und ich sagte: "Christian, es juckt, ich muss wieder auf Tour." Darauf er: "Wo du immer auf Tour sein kannst, ist im Europaparlament. Da bist du immer unterwegs, Straßburg, Brüssel, kandidier doch einfach." Dank einiger glücklicher Umstände musste ich nicht die Ochsentour von unten nach oben in der Partei machen, sondern konnte gleich ziemlich weit oben einsteigen. Wir überlegten uns, welche Prominenten sich für mich aussprechen könnten, z. B. Marianne Rosenberg und Die Toten Hosen, die dann gesagt haben, so eine brauchen wir.

Aber die haben doch nicht das Europaparlament bestimmt?
Nein, aber die Grüne Liste! Ich musste da nicht bei Kreisverbänden betteln: Bitte bitte, gebt mir euer Votum. So bin ich ins Europaparlament gewählt worden. Da war ich sehr gerne und lange, fast zehn Jahre. Wunderbar, weil man viel herumkommt. Aber auch da zahlt man natürlich einen extrem hohen Preis, weil das eine normale Beziehung ganz schlecht aushält - außer du bist ein Mann und hast deine Freundinnen oder Freunde überall und deine Family zu Hause.

Die Akzeptanz und das Verständnis für das Europaparlament steigt ja, aber gerade in den 90er-Jahren war ja auch die Wahl zum Europaparlament für viele noch sehr fremd.
In unserer Partei hat das schon einen hohen Stellenwert. Wenn man sich da mal Analysen ansieht, ist das Klientel der Grünen mit Abstand das pro-europäischste. Das ist ganz irre, da wurde eine Untersuchung gemacht mit allen Parteien, diametral lagen alle anderen bei der Europabedeutung bei 20 bis 30 % und bei uns waren es 80 %. Das bedeutet, du hast eine sehr europäische Perspektive und großen Rückhalt bei deiner Partei und den Wählern. Ein Fehler bei vielen Kollegen war, dass die geglaubt haben, sie machen am besten jetzt ganz normal auf Abgeordneter. Die sind in ein Bedeutungslosigkeitsloch gefallen und kamen medial kaum vor. Es gibt ja keine europäische Öffentlichkeit. Und wenn du dich, deine Fähigkeiten oder deinen Erfolg an einer parlamentarischen Funktion auf nationaler Ebene misst, hast du schon verloren. Deshalb habe ich das anders gemacht. Ich hatte die Vorstellung, möglichst viel über Europa zu vermitteln, möglichst viele Netzwerke herzustellen. Es war bei mir ein anderes Profil, nicht das klassische Parlamentarierprofil. Mitentscheidungskompetenzen sind ja erst mit der Zeit gewachsen, aber je mehr Kompetenzen das europäische Parlament mit der Zeit bekommen hat, umso weniger schillernde und sperrige Personen sind fortan auch hineingewählt worden. 1989, das war schon irre, was es da für Persönlichkeiten gab. Das waren Leute, die gesagt haben: Wir lassen uns von der Partei nix vormachen, wir denken weiter, wir sind ganz woanders, wir sind ziemlich weit vorne. Aber dort waren damals doch auch Leute wie Schönhuber - es waren doch auch einige radikale Strömungen vertreten. Dort fing auf politischer Ebene meine Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemitismus an, vorher mit der Band und im Theater natürlich auch schon auf anderer Ebene. Aber mit dem Einzug der Republikaner ging es richtig los. Die waren in einer Fraktion mit dem Le Pen, also mit Front National aus Frankreich, Front National aus Belgien, dem Flämischen Block aus Belgien, MSI, den Faschisten aus Italien. Mit Simon Veil oder Mareike van Himmeldunk waren da Abgeordnete, die Auschwitz oder andere Konzentrationslager überlebt hatten. Für die war es ein unglaublicher Schock, dass aus Deutschland Altnazis oder Neonazis ins Parlament gewählt wurden. Damals fing dann richtig intensive Arbeit mit Untersuchungsausschüssen und anderem an. Eine Sternstunde in meinem Leben war eine Reise anlässlich der Feier 50 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz. Da wurde vom Kongress der europäischen Juden ein Zug zusammengestellt, ich war auch eingeladen. Mit Menschen herumzulaufen, die damals dort waren und erzählten, was sie erlebt haben, das werde ich nie vergessen. Europa so zu sehen und zu sehen, was in Europa los war, was Europa getrennt hat, was deutsche Verbrechen waren, wie dieses Europa aber auch wieder zusammenwächst, das war unglaublich, da habe ich ganz viel gelernt. Was ich ebenfalls gelernt habe: Man sieht sich ja oft selber als die weltoffenste, toleranteste Person überhaupt - in Europa merkst du dann deine eigenen Grenzen und Mauern, aber du merkst auch, dass an deutschen Tugenden per se nicht alles schlecht sein muss.

Was, würden Sie sagen, sind für Sie die drei markanten Erfolge Ihrer Regierungszeit?
Staatsbürgerschaftsrecht, eingetragene Lebenspartnerschaft, Atomausstieg. Da lässt sich natürlich fragen, warum eingetragene Lebenspartnerschaft, das ist doch nur für ein paar wenige von Bedeutung. Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschen auf Grund ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden. Am wichtigsten waren Gesellschaftspolitik und Umweltpolitik.

Stichwort Drogenpolitik. Da haben sich ja viele mehr von der Regierung versprochen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass so etwas Traditionsfeindliches wie die Homo-Ehe durchgesetzt werden konnte, fragt man sich, warum es so schwer ist, im Feld der Betäubungsmittel Akzente zu setzen. Denn Rausch scheint doch ein viel eher verankertes Recht dieser Gesellschaft als Homosexualität.
Bei der Gesellschaftspolitik und dem Staatsbürgerschaftsrecht gab es auch bei der SPD Offenheit. Aber die Drogenpolitik ist so ein ideologisch vermauertes Gebiet, da ging einfach mit Schily und mit ganz vielen anderen von der SPD nur wenig. Auch diese Doppelbödigkeit ist furchtbar, ich komme ja eben aus der Gegend, in der es einmal im Jahr die größte offene Drogenszene gibt.

Babenhausen?
Nein, ich spreche von sechs Mio. Menschen auf dem Oktoberfest, das ist die größte offene Drogenszene der Welt. Ja, Babenhausen im Bierzelt sicher auch. Aber diese Verlogenheit ist unerträglich, Alkohol ist gesellschaftlich anerkannt, das ist Leitkultur. Aber die armen Snowboarder, die mit ihren kleinen Autos im Winter unterwegs sind, diese armen Kerle müssen sich bei Minusgraden bis auf die Unterhose ausziehen, weil unterstellt wird, dass sie ein Gramm Haschisch dabeihaben. Da haben wir wenig durchgesetzt, aber in dieser Gesellschaft reduziert sich das Recht auf Rausch und Drogen auf Tabak und Alkohol.

Es ist ja so absurd, da die Akzeptanz im Alltag schon da ist. Aber wenn man beispielsweise das Summerjam in NRW sieht, wo die Polizei mal eben ihre Zugriffs-Jahresbilanz auffrisiert, dann schüttelt man schon den Kopf. Ansonsten wird ja keiner belangt, wenn er im Park mal was raucht.
In Bayern schon. Eigentlich müssten sie ja der Oma die Mon-Chérie-Packung aus dem Handschuhfach rausnehmen und die verhaften. Machen sie aber nicht. Ich bin sehr für Legalisierung, für Liberalisierung, kann da aber schon noch unterscheiden. Ich habe zu viele Leute an harten Drogen krepieren sehen, als dass ich das jetzt unterschätzen würde. Aber ich finde, mit weichen Drogen muss man ganz anders umgehen, da braucht man eine gesellschaftliche Debatte.

Nun soll es - im herrschenden Diskurs - Rot-Grün zugestanden werden, dass sie den beklagenswerten, aber notwendigen Sozialeinstrich vorgenommen haben bzw. zumindest thematisierten, dem sich die Union nie stellen wollte. Ist es nicht trotzdem geradezu absurd, dass die Parteien mit dem linken Selbstverständnis massiv da reingingen, wo das untere Viertel unserer Gesellschaft betroffen ist, also jene, die eh viel zu wenig Lobby für sich haben? Sie haben ja Clement und dessen Hartz-IV-Kritik verurteilt.
Das war ja auch eine Sauerei, was der gemacht hat. Es wurden viele Fehler gemacht in der Vermittlung, kommunikative Fehler, handwerkliche Fehler, und es sind tatsächlich Gerechtigkeitslücken entstanden. Aber: Wenn die große Koalition jetzt wieder alles ändern will, dann wird's hart. Wir haben die Situation von Sozialhilfeempfängern ja verbessert, um die hat sich doch Jahre und Jahrzehnte niemand einen Dreck geschert. Die waren draußen, die waren nicht mal renten- und krankenversichert, mussten sich jedes Mal einen Schein holen, wenn sie zum Arzt gehen wollten. Die waren einfach weg, nicht in der Gesellschaft. Dass diese Menschen wieder rausgeholt wurden aus der Marginalisierung und rein in die Gesellschaft, das ist eine große Veränderung. Leider ist das in den vielen Montagsdemos viel zu sehr untergegangen. Das Problem bei Hartz war, dass es starke Abstiegsängste bei denen gab, denen es eigentlich nicht so schlecht geht. Da kam der Gedanke auf: Menschenskinder, wir machen jetzt einen sozialen Abstieg mit und sind auf einer Ebene mit ehemaligen Sozialhilfeempfängern. Es gibt sicher auch Ängste bei Leuten, die so Ende 40, Anfang 50 sind, so klassische Arbeiter, die jahrelang eingezahlt haben in die Arbeitslosenversicherung und wissen, dass sie bei einem Jobverlust nie wieder reinkommen in den aktiven Arbeitsmarkt. Und dann aber auch noch, als ob es nicht schlimm genug wäre, durch Hartz IV nach einem Jahr kein Arbeitslosengeld mehr bekommen. Wo man hingegen früher das ALG und auch einen Gegenwert hatte, wenn man 30 Jahre lang eingezahlt hatte.Das haben wir auch diskutiert und festgestellt, dass man da andere Übergangsregelungen braucht. Trotzdem gab es zu diesen Reformen überhaupt keine Alternative. Natürlich gibt es auch Geschichten, die verbessert werden müssen, z. B. die Anrechnung von Partnereinkommen - Frauen fallen jetzt teilweise wieder in die Abhängigkeit von ihren Typen, das ist hochproblematisch, ebenso wie die Bereiche Zuverdienst-Möglichkeiten oder Regelsätze Ost-West. Dann kam ja die Meldung, dass das Ganze zehn Milliarden Euro teurer wird als gedacht. Nun werden viele der guten Sachen wieder zurückgenommen, während gleichzeitig, und das ist das Schlimme, Hetze betrieben wird, um von den eigenen Fehlern abzulenken. Die alte Nummer vom Missbrauch. Jetzt sind die, die ihre Hartz-IV-Rechte in Anspruch nehmen, Missbraucher. Der Asylsuchende, der das Asylrecht in Anspruch nimmt, ist Asylmissbraucher. Das einzelne schwarze Schaf wird generalisiert, und dann gibt es plötzlich 20 % angebliche Missbraucher. Das vergiftet die Stimmung, das ist immer der Vorwand für eine restriktive Politik. Wie stehen Sie denn zu volkswirtschaftlichen Modellen wie dem Bürgergeld? Diese Modelle sehen ja vor, jedem Bürger einen gewissen Grundsockelbetrag zu überweisen, Krankenversicherung zu gewährleisten - und wer mehr will, kann dies durch Arbeiten erwerben. Ich finde es toll, über so etwas nachzudenken, aber man sollte immer im Auge behalten: Was ist denn wirklich durchsetzbar, und wie schaffen wir Arbeit?

Und wie sehen Sie die Rolle, die Merkel als Kanzlerin spielen wird? Als Außenstehender empfindet man das - bei aller Distanz zu Merkel als Person und ihren Anliegen - schon als sehr unangenehm, wie sich die Partei-Patriarchen wie übersteuerte Platzhirsche aufgeführt haben. Das hätten sie sich bei einem Kanzler sicherlich nicht erlaubt, ja, gewagt.
Ganz klar, die Merkel wird eindeutig anders behandelt. Diese Debatten über ihre Frisur, ihre Klamotten oder Farben, wie sieht sie aus, das ist doch eine Unverschämtheit. Oder haben Sie das über die Kerle gehört? Okay, beim Kanzler wurde getuschelt, ob er die Haare gefärbt hat. Aber wie die alle aussehen, auftauchen, auftreten, wie die ihre Mundwinkel verziehen ... Ich kenne das ja auch von mir, das ist bei Frauen eine komplett andere Ebene, einfach der Versuch, jemanden in eine geschlechtsspezifische Ecke zu stellen.

Aber eben auch im politischen Alltag: Stoiber spricht ihr ja schon jetzt zwischen den Zeilen Regierungsführung ab.
Der Stoiber ist doch ihr bester Helfer. Klar, wenn du solche Freunde hast, brauchst du eigentlich keine Feinde mehr. Aber Merkels Macht wird doch dadurch abgesichert, dass alle Typen um sie herum, diese Kochs und Wulffs, alle das wollen, was sie jetzt ist. Aber der Erste, der sie killt, ist dann auch weg. Es traut sich nur niemand, der Erste zu sein. Ich habe mir von der Frau Merkel Folgendes gewünscht: Ich habe mir gewünscht, dass sie ihr Frausein nicht so versteckt, dass sie viel offensiver damit umgegangen wäre, dass sie eine Frau ist, dass sie auch für Frauenpolitik steht. Sie sollte sich schon mal Gedanken darüber machen, warum sie so wenige Frauen gewählt haben. Das hat, glaube ich, damit zu tun, dass sie zwar Frau ist, aber verdammt noch mal versucht hat, das keine Rolle spielen zu lassen.

Dabei hatte sie so viel Schützenhilfe von Alice Schwarzer damals.
Das war ja eine tolle Schützenhilfe, was die Schwarzer damals betrieben hat. Wenn wir so ein Wahlprogramm gemacht hätten, hätte sie uns in die patriarchale Hölle geschickt. Das Frauenprogramm der CDU reduziert sich auf wenige Punkte: dass Freier stärker bestraft werden sollen, dass Zwangsheiraten verboten werden. Aber steht auch nur einmal was zur Gleichberechtigung? Nicht mal das Wort taucht auf.

Denken Sie eigentlich, dass viele Ihrer Errungenschaften nun rückgängig gemacht werden?
Ich habe zwei Sorgen: die eine ist, dass es Rückschritte gibt, das erleben wir ja jetzt bei Hartz. Möglicherweise auch bei der Energiepolitik, da wird ja in dieser Woche massiv versucht, die Atomenergie zu retten. Bei der Innenpolitik auf jeden Fall, da hat sich die große Koalition der Entrechtung des Rechts schon gefunden. Die Kronzeugenregelung, das ist schon der Hammer, dass das die erste Geschichte ist, bei der die übereinkommen. Wehrpflicht! Die muss weg, ohne jeden Zweifel, das ist ein nicht zu rechtfertigender Grundrechtseingriff, die haben sich jedoch auf eine Beibehaltung geeinigt. Es gibt also auf der einen Seite einen Rückschritt, auf der anderen Seite vielleicht einen Stillstand. Wie sollen die denn zwischen Kopfpauschale und Bürgerversicherung eine Lösung für die sozialen Sicherungssysteme finden, die diese Systeme wirklich überlebensfähig macht?

Stichwort Wahl und das Szenario, das danach ablief: Ging Schröder da wirklich durch, oder war das schon politisches Taktieren, um möglichst viel für seine Partei rauszuholen?
Beides. Ich fand es höchst unangenehm. Frau Merkel war völlig platt. Mir hat sie gesagt, sie habe erwartet, dass er beim Duell so aggressiv sei, da war er aber windelfreundlich. Am Wahlabend hätte sie wiederum erwartet, dass er eher milde ist.

Stichwort Ton Steine Scherben. Zwar nur eine kurze, aber doch Sinn stiftende Zeit Ihres Lebens (1982-1984) haben Sie mit der Band verbracht. Was haben Sie von den Tagen mit den Scherben mitgenommen? Wir haben bei der Vorbereitung gelesen, dass TST Konkurs anmelden mussten, nachdem Sie da Managerin waren. Das hatte aber nichts mit Ihrer Arbeit zu tun?
Nein, aber das hatte schon viel mit Grünen-Themen und der gesellschaftlichen Veränderung in diesem Land zu tun. Über Jahre war es total angesagt und auch ein Wert, eine Independent-Band zu sein. Da war das irgendwie nicht schlimm, wenn es gekracht hat aus den Lautsprechern, wenn das nicht so super abgemischt war oder man die Texte nicht richtig verstanden hat. Anfang der 80er, als die Friedensbewegung und die Grünen entstanden sind, hat die Industrie mit BAP, Grönemeyer und Westernhagen auch einen neuen Markt entdeckt. Da wurde viel reininvestiert von Emi und anderen. Und dann sitzt der alte Revolutionär zu Hause und meckert, dass man das gar nicht hören kann und dass der Sound zu schlecht ist und dass die Band überhaupt Eintritt verlangt, diese Kapitalistenschweine! In Hannover hat man uns Geld auf die Bühne geschmissen. "Das ist ja das Allerschlimmste!" hat der Kai total empört von der Bühne gesagt. Wenn sie die Bühne zusammenprügeln, okay, aber die Scherben durften kein Geld nehmen, weil das kapitalistisch ist. Die Band sollte das vorleben, wovon andere träumten, was sie aber selbst seit langem nicht mehr gemacht haben. Wir waren einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Meine Aufgabe war es, mit mehreren Labels zu verhandeln. Am Ende hat die Band jedoch entschieden: Nein, Freiheit ist uns doch wichtiger, das kann uns keiner nehmen. Immerhin war die Band von Anfang an, seit 16 Jahren, unabhängig geblieben. In der Zeit sind z. B. Schröder Roadshow zur Emi gegangen, nach einer Produktion waren sie am Ende. Ein Stück wie "Wir Lieben Das Land, Nur Der Staat Muss Weg" durfte nicht auf eine Platte - aus Gründen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Deshalb bin ich dann abgehauen. Die Band hatte sich aufgelöst. Tja, und dann kamen die Debatten auf: Was heißt das jetzt für mich, gehe ich zum Theater zurück? Zu einer anderen Band? Völlig undenkbar. Und dann war dieses berühmte Frühstück nachmittags um drei mit einer taz auf dem Tisch, wir hatten dort eine Anzeige für die letzte Live-LP geschaltet, und darunter war die Anzeige der Bundestagsfraktion der Grünen, dass sie eine Pressesprecherin suchen.

Wie sehen Sie die derzeitige Reunion ohne Rio Reiser?
Ich glaube, dass es eigentlich nicht geht ohne ihn - Rio ist schon ein Stück weit die Scherben. Die Reduzierung auf Rio wäre aber auch falsch, das Ganze war genauso auch eine Familie. Da hat der Schlagzeuger eine entscheidende Rolle gehabt genauso wie der Bassist - bloß ohne Rio ist die Band nicht Ton Steine Scherben. Ich war übrigens letzte Woche bei der Tour-Generalprobe. Was ich gut fand, war, dass da jetzt Leute aus ganz verschiedenen Zeiten wieder zusammen auf der Bühne stehen, dass der Nikel wieder auf der Bühne steht, der Schlotterer mit der Querflöte - beide ja wirklich langsam im Rentenalter. Dass das Kind von Kai und Angie, das geboren wurde, als ich seinerzeit bei den Scherben war, jetzt als junge Frau auf der Bühne tobt, das hat schon was von ... zwar nicht "back to the roots", aber irgendwie ist es auch schön, wenn Leute, die zusammen waren und dabei extrem intensiv gelebt und gearbeitet haben, wieder zusammenfinden. Nachdem das ja auch so unglücklich auseinander gegangen ist. Da wiegt so was wie ein neues Grundvertrauen besonders schwer.

Wobei intern ja große Konflikte seit damals bestanden, die erst für die Reunion halbwegs beigelegt werden mussten.
Ja, aber das hat jetzt mit mir weniger zu tun, sondern mit den Familien, z. B. mit den Rio-Brüdern, mit den Erblassern. Aber dass die wieder auf der Bühne stehen, der Nickel und der Schlotti, das ist einfach irre, oder Mario del Mestre, der kurzzeitig Rhythmusgitarrist war und jetzt singt. Das ist wagemutig, hat aber auch was Gutes. Gleichzeitig ist es aber nicht mehr Scherben, klar, kann es gar nicht sein. Einer der Vertragspartner von mir ist da ja auch dabei, ist der Keyboarder

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Wie sehr nehmen Sie den Kulturbetrieb denn überhaupt wahr? Welche Musik hören Sie privat? Oder, weiter gefragt, was nehmen Sie an Aktuellem wahr?
So gut es geht. Ich habe natürlich noch Freunde da, ich kenne ja viele, Lindenberg etc. Aus dieser Zeit kenne ich noch viele Leute. Aber auch aktuelle Sachen: Wir Sind Helden, Silbermond, Smudo, solche Leute hab ich natürlich auch immer wieder getroffen, aber ich bin jetzt nicht so gut informiert, dass ich immer wüsste, was gerade in den Charts vorne dran ist. Oder was die ganz neuen Geschichten sind. Aber ich höre so gut und so oft es geht Musik. Und ich find es ganz toll, wie viele Frauen gerade auch in den letzten zwei Jahren jetzt vorne dran stehen und tolle Musik machen.

Stichwort Radioquote. Die wurde ja auch aus Ihrer Partei in den politischen Diskurs geworfen. Wie stehen Sie denn zu diesem in unserer Einschätzung arg unsinnigen Unterfangen? Das ja auch über diesen Aspekt hinaus stellvertretend für ein bedenkliches Zurück zu deutschem Selbstbewusstsein steht, wie es derzeit im deutschen Kulturbetrieb Primat geworden ist.
Die Antje hat das ja nach vorn getragen, ich hab da auch teils sehr unterstützt. Ich finde, was in Frankreich passiert an konsequenter Nachwuchsunterstützung und -förderung, viel besser als bei uns. Es gibt wirklich große Probleme, viele junge Bands haben Probleme, wahrgenommen zu werden, wenn sie nicht unter den Top-Hits der Major-Labels sind, die weltweit von vorne bis hinten durchgedudelt werden. Dabei war für mich die deutsche Sprache nicht das Kriterium, das fände ich auch gruselig. Da muss man nur mal die Jasmin Tabatabai sehen, wie die produziert hat und was das mit Berlin und Multikulti zu tun hat. Wenn man so arbeitet und lebt und Musik macht, muss man doch nicht gleich stolz auf Deutschland sein. Ich finde aber, dass es bei Musik und gerade bei Texten schon einen Unterschied gibt, ob das in Kreuzberg produziert ist oder in Los Angeles oder sonst wo auf der Welt, da spielen dann auch Einflüsse des täglichen Lebens eine Rolle, was das Umfeld angeht. Und das war mein Motiv, warum ich gesagt habe, ich finde das richtig, dass man überlegt: Bekommt das alles in den Format-Radios seine Zugangsmöglichkeiten, und wie sieht eine mögliche Förderung aus? Aber dass das jetzt darauf reduziert worden ist, die Roth trete ein für Volksmusikstadel, das ist, ich bitte Sie, natürlich völliger Blödsinn.

Unsere Frage zielte eher darauf hin, was an den Radiodiskussionen dranhängt, diesem Zurück zur deutschen Identität oder diesem vermeintlichen Finden einer neuen à la Mia.s "Frische Spuren Im Weißen Sand". Das ist in Bezug auf deutsche Geschichte doch auffällig fahrlässig oder schwer bescheuert?
Natürlich gibt es in dem Fahrwasser auch solche Leute - aber wenn ihr mir wegen meiner Radio-Position jetzt unterstellt, ich würde hier deutschtümeln, und mir das in der Partei auch massiv um die Ohren gehauen wurde, sag ich natürlich: Seid ihr denn bekloppt? Ich komme aus einer Musiktradition, die nun genau das Gegenteil ist, aber auch aus einer Tradition, wo Reiser und die Band gesagt haben, wir nehmen die deutsche Sprache. Nicht aus deutschnationalen Gründen, sondern weil er gesagt hat: Die Kiddies sollen das verstehen, ich kann mich in Deutsch so ausdrücken, dass es auch mit mir ganz viel zu tun hat, es sollte natürlich auch mobilisieren. Mach kaputt, was euch kaputt macht - die Lieder, mit denen man dann hausbesetzen gegangen ist, da hat Sprache ja auch eine Funktion. Rio hat perfekt Englisch gesprochen, aber er war im Deutschen noch perfekter, und seine Liebeslieder sind so noch inniger und noch echter gewesen. Eben weil er so gesungen hat, wie er geliebt hat, und das ausdrückte, was in seinem Umfeld abging. Ob das jetzt in Fresenhagen oder Berlin war oder wo auch immer. Die Texte wurden eben genau so, wie die ihm gekommen sind. Oder wie Martin "Junimond" komponiert hatte, das hatte etwas mit einer Trennungs- und Liebessituation zu tun. Dafür also ein Plädoyer, West- und Ostküsten-HipHop ist auch super, aber es gibt auch eine Verbindung zwischen einem gesellschaftlichen Umfeld und der Musik.

Aber das alles setzt am Ende an, am fertigen Produkt. Stichwort Kulturförderung bzw. Kulturhinderung: Es stört mich oft, wie wenig der Blick für im Kulturbetrieb stattfindende semi-ehrenamtliche, altruistische Tätigkeiten vorhanden ist. Natürlich kann aus diesen immer ein ökonomischer Faktor erwachsen, und dann müssen da auch die gleichen Regeln gelten wie für die übrige Wirtschaft, aber es gibt so viele Labels, die machen das hauptsächlich aus Freude an der Sache, regen damit aber via Presswerke, Vertriebe, Künstlertantiemen etc. sogar die Wirtschaft nicht unwesentlich an, gehen aber zuhauf irgendwann in die Knie, da trotz keiner Gewinne unendlich viel Bürokratie auf sie zustürzt. Das Finanzamt sieht nur den Umsatz und fordert dementsprechend monatliche Steuermeldungen, die GEMA hat kein Verständnis für Ehrenamtliches (das betrifft dann eher Online- und Podcast-Geschichten, denn es ist klar, dass die Künstler-Rechte wahrgenommen werden sollen, sobald Artefakte entstehen), die Künstlersozialkasse will Abgaben (das dann auch noch nachträglich, da der Vorausblick fehlte) - um nur einen Teilaspekt mal anzuschneiden.
Ja, da braucht es eine grundsätzliche Debatte über die Alteingesessenen in GEMA und anderen Strukturen, wer kassiert denn da ab, und wie kann man das ändern, dass andere, neue Geschichten gefördert werden. Das haben wir aber schon diskutiert, diese Debatte will ich auch weitertragen, sollte Frau Merkel nicht auf die Idee kommen, die Kulturpolitik ins Bildungsministerium zu transferieren. Dort könnte dann ein Kultur- und Bildungsausschuss entstehen, in dem die ganzen Pädagogen drin sitzen, da geh ich nicht rein! Nichts gegen Pädagogen, aber das ist mehr wie Carl Orff in der Schule. Aber diese Diskussion wird natürlich weiterzutragen sein. Ich will niemandem so einen Überlebenskampf wünschen, wie ich ihn viele Jahre mitgemacht habe. Die Zeit kann man nicht vergleichen, aber es stehen heute Sachen im Vordergrund, auf die Idee wäre man nicht gekommen. Ich habe in der Scherben-Zeit bei allen Entbehrungen gelernt, dass es reicht, wenn man sich über was anderes bemisst. 50 Gramm Krabbensalat in der Woche war meine Gratifikation. Den musstest du auch im Schrank verstecken, im Kühlschrank wäre er in Sekunden weg gewesen.

Hoffentlich war das nicht das einzige Essen in der Woche.
Nein, aber materiell war das schon ziemlich heftig. Ich glaub, der Martin hatte seine Vollmilchschokolade, ich meinen Salat ... Aber mit mir war ja eine Schwäbin an Bord. Ich habe das Geld immer einkassiert, und es gab dann nur Taschengeld für die, die gar nicht damit umgehen konnten, am Schluss wurde immer ein großer Prozentsatz abgegriffen und damit dann die Kühltruhe gefüllt. Ich will das nicht glorifizieren oder sagen, ihr müsst auch mal so leben und derartige Entbehrungen mitmachen, aber die Debatte muss man schon weiterführen. Mir sagen viele tolle junge Leute, wie schwer es ist, wenn jetzt die großen Konzerne durch diese globale Maschinerie und ihre Konzerninteressen viele Nischen immer mehr dicht machen.

Frau Roth, wir danken Ihnen für das Gespräch.



Ton Steine Scherben
Legendäre Agitprop-Band um den mittlerweile leider verstorbenen Rio Reiser. Prägten in den 70er-Jahren die von der Studentenrevolte aufgewühlte deutsche Musikszene, bis sie leider gegen Bands wie BAP den Kürzeren zogen. Das Volk war halt doch nicht so weit. Reiser hostete später eine erfolgreiche Solokarriere, die ihn zwar auch wieder nicht zum "König Von Deutschland" machte, aber zumindest präsent hielt. Nikel Pallat gründete erst den Vertrieb Efa und später dann Indigo.