×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lado Und Studio K7

Kochen mit

"Kochen mit", dieses Promi-Format in unserer groß gewordenen Indie-Postille, widmet sich heute mal den Stars hinter den Kulissen. Oder um konkreter zu werden: Zwei Männern, ohne die unsere Plattenregale leerer und viele Künstler wahrscheinlich nie zu Weltruhm gekommen wären. Die Rede ist von den bei
Geschrieben am

"Kochen mit", dieses Promi-Format in unserer groß gewordenen Indie-Postille, widmet sich heute mal den Stars hinter den Kulissen. Oder um konkreter zu werden: Zwei Männern, ohne die unsere Plattenregale leerer und viele Künstler wahrscheinlich nie zu Weltruhm gekommen wären. Die Rede ist von den beiden Pop-Mogulen Carol von Rautenkranz (gemeinsam mit Taucher und Charlotte Goltermann Co-Owner of L'Age D'Or / Ladomat 2000) und Stefan Strüver (A&R-Gott des "Nicht nur Compilation"-Labels K7 Records). Ihren Weg pflastern so viele Erfolge, wie ich hier Zeichen nicht am Start habe.

Von Rautenkranz sorgte u. a. mit Die Regierung, Die Sterne und Tocotronic wesentlich mit dafür, dass es so was wie eine ernst zu nehmende und links zu verortende deutschsprachige Gitarrenmusik gibt, und lehrte die Indiekids mit seinem zweiten Labelstandbein Ladomat 2000 später das Tanzen.

Strüver half nicht nur mit, die Mix-CD-Reihen "X-Mix" und "DJ Kicks" zu erfinden, sondern K7-Records-Betreiber Horst Weidenfeld auch maßgeblich dabei, dem Label eine Identität zu geben, feste Labelkünstler wie Nicolette, Swaycek und Matthew Herbert zu gewinnen und so die Wahrnehmung des Labels bei Presse und Publikum zu verschieben. Und initiierte auch das Rap-Sublabel Rapster, auf dem u. a. Princess Superstar ihren großen Mund aufmachen darf und DJ Jazzy Jeff an seine Summertime anknüpfen konnte.

Dass die beiden an einem Abend im Mai zusammen mit mir in Carols Küche rumstehen, kommt freilich nicht von irgendwoher. Die Welt des Pop, sie begehrt nach Produkten und Releases, nach Anlässen und Schedules. Und siehe da, sie stehen im Raum: Auf Lado sind gerade die "Wir"-DVD und -CD erschienen. Tausend und mehr Videos und Songs großartiger Lado-Künstler. Und erstmals die beiden Labels L'Age D'Or und Ladomat auf einer Compilation (plus best of "Y Series"). Und das ist noch nicht das Ende des Rückblicks. Nicht nur die Majors wissen, wie wichtig der Backkatalog in diesen Tagen ist. Im Herbst wird es anlässlich von 15 Jahren L'Age D'Or eine weitere Labelcompilation geben sowie eine ausgedehnte Labeltour.

Auch bei K7 Records gibt es was zu feiern: Die Berliner sind beim 150. Release angelangt. Und blicken deswegen zurück auf die Veröffentlichungen zwischen 1996 und heute. Vor allem die internationalen Vertriebspartner wollten für die Positionierung vor Ort schon länger eine klassische Labelcompilation - schließlich ist so was immer ein guter Aufhänger für viel Presse. Ein Konzept, das aufgeht. In der Woche nach dem "Kochen mit" wird Strüver für Interviews nach New York fliegen. London ist bereits erledigt - mit Interview-Schulung im Rücken, was jetzt professioneller klingt, als es war. König Zufall regierte. Einmal mehr. In dem Häuserkomplex, in dem sich das englische K7-Büro befindet, sitzt auch die Managementfirma von David Beckham. Und die sind K7-Fans ... Damit aber genug der Vorworte. Und des Ernstes. Schließlich ist dies - trotz der später kommenden ernsthaften Talkrunde - noch immer "Kochen mit".

Spargel mit Fisch ...

... soll es geben. Allerdings nur für mich und die Fotografin. Die Nicht-Fisch-Vegetarier unter uns, also die beiden Hauptköche, halten sich an das klassische Rezept und feiern ihren Katenschinken so was von ab. Über den Rest des Mahls hatten wir uns im Vorfeld problemlos abstimmen können: Kartoffeln und Butter. Zugegeben, das klingt nicht nach der ganz großen Herausforderung am Gourmet-Himmel, aber erstens haben die Ramones auch nur drei Akkorde gespielt und damit ordentlich gerockt, und zweitens ist Meckern hier und heute eh ein no-no, da mir das Kunststück gelungen ist, zwei laut Partnerinnen absolute Nichtköche hinter den Herd zu bekommen. Und deshalb dürfen diese erst mal nicht überfordert werden. Während sie sich also um den Spargel kümmern und ihn schälen, übernehme ich den Salat. Schön wild style mit Radieschen und Sojasprossen. Eine Experimentierfreude, die später mit Schulterschlägen abgefeiert wird (wie auch andersherum Spargel und Co.). Bei der Senf-Salatsoße geht der Wizard aber mit mir durch: Statt Salz erwische ich den Zuckerstreuer. Kann man machen, wird zwar bilanziert, für Leute mit Überzuckerung aber ein definitives Zuviel an Lebensfreude.

Der Rest der Zubereitung: nicht vorhandene Routine und erster dezenter Business-Smalltalk über Vertriebswechsel (Lado positioniert sich derzeit international neu und geht direkte Vertriebsdeals in u. a. Spanien, England und Frankreich ein), Auslandsbüros (Stefan hat sie bereits in New York, London, Tokio; Carol eröffnet gerade eins in London) und wichtiges Knowledge der Künstlerseite. So erzählt Stefan, während wir Carols Weinregal inspizieren, dass Rainer Trüby gute Weine immer im Handy abspeichert. Gute Idee. Cleverer Mann. Carol kontert mit den großartigen Robocop Kraus und deren noch genialeren Coveridee zu "Living With Other People": ein Schubercover aus Silber. Innen sieht der Schuber aus wie ein Schminktisch für Mädchen, rausgezogen dient er als Unterlage für das ganz spezielle Zusammenleben von Musikern. Irgendwo zwischen der Lower Eastside und der Schanze.

Bevor noch mehr Wissen on the edge of Subkultur getauscht werden kann, ist das kleine Dinner auch schon fertig. Gespeist wird an der langen Tafel im sehr schönen Von-Rautenkranz'schen Eimsbüttler Heim. Und während der letzte Spargel voller Gier seinen Weg in uns findet, feiert Stefan (in Anspielung auf eines unserer letzten "Kochen mit") noch mal die neu entdeckten Kochkünste ab: "Who the fuck are Destiny's Child?" Bei so straighten Statements heißt es, das Band anzuschmeißen. Hier könnte noch was gehen.

Carol: Deutsche Labels servieren deutsche Kartoffeln. Das macht satt.

Stefan: Das macht uns so unberechenbar als deutsche Labels. Wir können so genügsam sein. Die Feststellung haben die im Ausland auch gemacht: "Scheiße, die Deutschen haben einen langen Atem."

Carol: Und eure Compilation kommt jetzt erst im Herbst?

Stefan: Ja, wir mussten sie verschieben, da wir sie in so einem Lodencover machen, das ist so was Filzartiges. Was man nicht alles macht, um noch ein paar CDs zu verkaufen. Zumal wir ja auch so bescheuert sind, zwei CDs und eine DVD zum Preis einer normalen CD abzugeben. Wir sind genauso panisch wie Universal. Wir brauchen einen Umsatzbringer. [allgemeines Gelächter] Was macht denn Charlotte jetzt überhaupt? Die ist schon noch in Berlin. Oder?

Carol: Charlotte ist gerade dabei, in Berlin ein echtes eigenes Ladomat Office einzurichten. Bisher hat sie ja von zu Hause gearbeitet. Außerdem reden wir im Moment mit neuen Partnern, mit denen wir nach der Schließung des Zomba-Labels wegen des Verkaufs an BMG im Bereich Vertrieb und Marketing zusammenarbeiten. Da gibt es ja in Berlin diverse Möglichkeiten. Die alte Dreiecksbeziehung zwischen Lado-Büro Hamburg, dem alten Labelpartner/Vertrieb in Köln und Charlotte in Berlin war sowieso zu kompliziert geworden. Gerade für Charlotte war es schwer, sich da einzubringen, da sie ja auch nicht so viel reisen konnte wegen der Kinder. Hinzu kam, dass der Labelpartner dann halt doch eher ein klassischer Vertrieb war. Sprich, die haben sich eher Gedanken gemacht, wie sie uns im Handel besser platzieren, aber nicht über Input für Pressearbeit. Eher so: "Lass uns mal eine Sonderedition für WOM machen."

Stefan: Das ist doch aber bei Motor/Universal auch nicht anders. Oder? Da hast du halt deine Sonderauflagen für die Müller-Kette.

Carol: Aber die Promo ist eine andere. Die wollen immer in den Spiegel und die Bravo rein.

Stefan: Spiegel ist für Tocotronic doch auch wichtig, aber ob sie in die Bravo rein müssen?

Carol: Das wär schon gut. Aber das wollten sie nie. Vor fünf Jahren hätte das gepasst und eine neue Käuferschicht gebracht. Es gab immer große Diskussionen. Die Liveberichte sind immer daran gescheitert, dass die Tocos das unumgängliche Foto mit dem Bravo-Redakteur nicht machen wollten.

Die dickköpfigen Künstler sind ja aber genau das, was man braucht. Das sorgt mal kurz für Ärger, aber langfristig sind das diejenigen, die Identität stiften.

Carol: Klar. Wir hatten gerade die Diskussion mit Robocop Kraus. Die hatten das Angebot, Placebo in Europa zu supporten. Das war ihnen zu früh und die Band zu schlecht. Wir arbeiten jetzt fünf Monate mit der Band. Wenn ich die jetzt zwinge, dann ...

Stefan: ... ist das Verhältnis erst mal angekratzt. Aber auf der anderen Seite ist es die perfekte Chance für die Band. Ja, ich kenn solche Pappenheimer auch. Die machen mich wahnsinnig. Das geht bei so einer Band. Aber wenn dir jemand wahnsinnig viel Vorschuss aus der Tasche leiert und dann alles abblockt.

Carol: Das Vertrauensverhältnis wächst ja. Ich frage natürlich schon dreimal nach und will die Gründe wissen, aber zwingen: auf keinen Fall.

Stefan: Sprichst du denn so eine Scheiße wie Tourpräsentationen und Zigarettensponsoring im Vorfeld an?

Carol: Ja. Und wenn jemand sagt, dass Zigaretten nicht in Ordnung sind, dann signe ich sie trotzdem.

Stefan: Mache ich natürlich auch.

Carol: Ich mach ihnen schon klar, dass wir nur Bands signen, die was wollen.

Stefan: Und das sind nicht alle. Ich hatte auch schon welche, die haben gesagt: "Hier ist das Master. Verkauf viele Platten, aber ruf in Gottes Namen nicht an."

Carol: So was hatte ich noch nie.

Stefan: Hast du es gut. Ich mein, wenn einer sagt, Interviews interessieren mich nicht, Touren interessieren mich nicht, dann muss man halt kalkulieren, ob das Sinn macht. Wenn man nicht auf die Idee kommt, ein Video zu drehen, obwohl keine Single dabei ist, dann ist das schon okay. Aber es ist natürlich schon wichtig, dass die Leute es wissen wollen. Es ist eben besser, Leute zu vermarkten, die sich produzieren. Am besten ist eine solide Labelroster-Mischung aus Leuten, die Bambule machen wollen, und den Künstlertypen, die sich gar nicht fürs Marketing interessieren. Das Beste aus beiden Welten. Mit einer Princess Superstar kannst du rumspinnen mit Marketingideen, und bei Funkstörung bleibst du auf dem Teppich.

Carol: Wie viele Künstler habt ihr eigentlich, Stefan?

Stefan: So 15 ungefähr.

Carol: Und wie viele Album-Veröffentlichungen?

Stefan: Acht Künstleralben und zwei "DJ Kicks"-Compilations.

Carol: Und wie viele A&Rs? [Stefan zeigt auf sich] Du betreust alle?

Stefan: Ja. Das ist einer der Gründe, warum ich keine Kinder habe. Ohne den Künstlern zu nahe treten zu wollen, aber sie sind wie Kinder. Es ist aber auch so, dass man zu einem Zeitpunkt meist nicht mit mehr als fünf Künstlern Kontakt hat. Wenn gerade nichts mit beispielsweise Peter Kruder ansteht, dann telefonieren wir auch nur alle paar Monate. Außerdem mache ich natürlich nicht alles selbst. Es gibt einen klassischen Produktmanager im Berliner Office. Und das Marketing im Ausland spreche ich mit dem jeweiligen Büro ab. Vorher diskutieren wir in Deutschland natürlich immer, was so möglich ist, ob wir 'ne Single sehen, was wir dementsprechend ausgeben können und wofür. So ist es doch, oder? Ich mach das ja auch noch nicht so lange. [Alle lachen] Man lernt halt immer noch. Wenn ich das jemandem in Amerika erzähle, dann sagt der: "Alter, du hast gar keine Ahnung. Man kauft für viel Geld einen Act ein." Oder noch mal anders. Es gibt da ein Buch des ehemaligen Wham-Managers: "Black Vinyl, White Pouder". Der sagt, dass sich das Business im Kreis bewegt. In den 50ern gab es den Songwriter, der den Song geschrieben und seinem Verlag gegeben hat. Der wiederum hat ihn der Plattenfirma gegeben, und die hat das passende Gesicht gesucht. Da sind wir heute wieder angelangt. Deshalb: Jeder macht es irgendwie anders. Ihr wahrscheinlich ja auch.

Carol: Bei uns kommt ja die räumliche Nähe zu den Bands und zum Markt dazu. Wir hatten lange Zeit den Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum. Das Schwierige ist dabei, dass jeder Künstler jede verdammte Stadtzeitschrift kennt.

Stefan: Daran habe ich noch gar nicht gedacht, das muss ein Nightmare sein.

Carol: Es geht also nicht nur darum, ob die Bravo cool oder uncool ist, sondern auch, ob die Leute im Pudel auf einen zukommen könnten. Die Freundeskreise der Musiker sind ja immer zur Hälfte auch Musiker. Da gibt es Neid. Es gibt da so eine traurige Erfahrung im Umgang mit den Künstlern nach all den Jahren bei mir: Wenn eine Platte funktioniert, dann liegt es am Künstler. Und wenn sie floppt, dann an der Plattenfirma. Beim Label ist es häufig so, dass man sagt, daran ist der Vertrieb schuld, aber das ist völliger Quatsch. Manchmal vielleicht. Da ist ja die Majorhaltung viel besser. Wenn die mal wieder viel zu viel Geld ausgegeben haben, sagen sie am Ende: "Der Konsument hat versagt."

Stefan: Es heißt heute ja immer, die Krise sei von den Majors initiiert und wir Indies hätte damit nichts zu tun. Das ist so eine Sache, gegen die ich mich immer sperre.

Carol: Es gibt heute ja so viel mehr Musik. HipHop und Elektronik, das gab es in den 70ern ja noch gar nicht, das ist alles an Kultur on top gekommen.

Stefan: Und diese Albumkünstler sind nicht immer Albumkünstler. Reicht nicht vielleicht ein 4-Tracker? Oder bei einem Dance-Act ein 2-Tracker?

Carol: Eigentlich braucht man nur ein Viertel der Platten zu machen. Auf der anderen Seite lebt der aktuelle Label-Spirit auch immer davon, was man ein Jahr nach vorne und eins nach hinten gesehen so gemacht hat. Wenn man aber drei, vier Jahre später schaut, was etwas gebracht hat, sowohl für Label und Künstler, dann sind es halt nur 25%.

Aber da kommt halt die Begeisterung ins Spiel. Habt ihr euch eigentlich im Nachhinein mal in den Arsch gebissen, weil ihr etwas nicht machen konntet, das dann groß rauskam?

Stefan: Carol ärgert sich ja tierisch über Blumfeld.

Carol: Aber schon seit zehn Jahren. Ich kann mich nicht beklagen, wir hatten Die Sterne und Tocotronic aus Hamburg, das ist eine gute Quote, aber wenn du weißt, du bist zu einem bestimmten Zeitpunkt bei der Band im Übungsraum gewesen, aber hast sie leider nicht gekriegt, dann ärgert dich das immer mal wieder. Vor allem, wenn man die Band immer noch gut findet. Und auch sieht, wie schwierig sie ist - ich mag ja diese Herausforderung, mit schwierigen Typen zu arbeiten.

Stefan: Eigentlich sind das ja eher sehr gefestigte Leute. Kruder & Dorfmeister gelten nach außen auch als schwierig, sind sie aber nicht. Die wissen nur sehr genau, was sie wollen und was nicht - und haben Argumente dafür und dagegen.

Was mich ja schon interessieren würde: Carol, dein "Wir" ist dein eigenes Ding. Du, Stefan, hast vorhin mal von deinem Chef gesprochen. Lässt sich das wirklich trennen? Ist K7 Records nicht irgendwie auch dein Kind? Ich sage nur 15 Babys, das ist doch wie bei Carol.

Stefan: Chef ist überspitzt. Das geht zwar über das Chef-Angestellten-Verhältnis hinaus, aber L'Age D'Or gehört eben Carol.

Carol: Unter anderem. Charlotte und Taucher gehört es auch.

Stefan: Ich habe zwar auch einen kleinen Anteil bei K7, aber es gibt eben eine zentrale Figur, einen Geschäftsführer, dem die Firma gehört. Von daher definieren wir beide "meine Company" schon anders.

Carol: Ich beneide Stefan ja für seine Rolle sehr. Andererseits mag ich meine. Wir sind ja eine klassische DIY-Firma, auch wenn das beispielsweise bei der Visions-Rezeption der DIY-Band Robocop Kraus nicht gesehen wird. Überhaupt haben wir in Hamburg irgendwann so einen Indie-Major-Status gehabt. Nur weil man sich Mühe gibt und ein paar Prinzipien verstanden hat.

Stefan: Mir geht es genauso.

Carol: Ich habe erst Konzerte gemacht, dann die Bands aufgenommen, die Plattenpressungen in Auftrag gegeben und Promo gemacht. Und irgendwie ist es noch heute so: Für die Qualität, die wir eigentlich bringen wollen, bin ich in viel zu viele Sachen verstrickt.

Stefan: Und dafür beneide ich dich: Du bist so nah an den Acts dran. Ob es nun Hamburg oder Nürnberg ist - bei mir ist es gleich so was wie New York. Es nervt mich tierisch, dass ich die Jungs nicht mal treffen kann, ohne gleich fucking Business machen zu müssen.

Carol: Wir konzentrieren uns ja nicht mehr auf Deutschland. Wir haben bewiesen, dass man hier als Indiefirma, die für Inhalte steht, was durchsetzen kann. Jetzt wollen wir es international schaffen. Da werde ich Stefan wohl öfters anrufen müssen, wie man das schafft.

Stefan: Was in Berlin mit Universal gelaufen ist, ist auch ein Skandal. Dass Universal letztlich massiv Stellen abgebaut hat, obwohl von der Stadt Berlin so viel Geld geflossen ist, wird ignoriert; und auch, was die ganzen Indies wie Kitty-Yo, Bpitch Control, Labels und wie sie alle heißen an Stellen geschaffen haben, womit wirklich was für den Musikstandort getan wurde. Sie haben ihn nicht nur ausgesaugt. Nicht dass irgendwelches komisches Thekenpersonal plötzlich für eine Plattenfirma arbeitet ...

Carol: Das möchte ich abgedruckt haben.

Stefan: Diese ganzen Firmen, fuck it, kriegen null Unterstützung. Universal hätte nur die Hälfte der Kohle bekommen sollen - dann hätten die noch immer die gleiche Zahl an Stellen abgebaut. Und die Indies hätten die Stellen mit der anderen Hälfte kompensiert. Wir haben ein Jahr lang versucht, die Umsatzrückgänge durch mehr Releases aufzufangen. Glücklicherweise nur ein Jahr, denn dann haben wir erkannt, dass es das nicht ist. Aber um unsere Leute in Berlin, Tokio, New York und London zu halten, müssen wir den Umsatz halten. Um K7 da nicht zu überlasten, haben wir noch ein zweites Label gegründet, das sich musikalisch neu orientiert: Rapster. Da machen wir nur Rap, aber es funktioniert über das gleiche Vertriebssetting. Da haben wir noch mal die Möglichkeit, sechs bis acht Releases pro Jahr zu machen. Statt Inhouse-Konkurrenz eine neue Facette. Ich würde das Gleiche auch gerne noch mit Indiestuff machen. Das ist die Musikecke, aus der ich komme. Ein Label, das sich um New-Folk- und Indie-Band-Geschichten kümmert, wär toll.

Wo wir jetzt schon so gemütlich zusammensitzen, ich hätte da eine Frage: Wie komme ich in die Charts? Ich habe das noch nicht kapiert. Beim Radio sagen sie mir immer, der Song muss zuerst im Fernsehen laufen. Und beim Fernsehen heißt es, ohne Radio geht gar nichts.

Carol: Ich kann dir sagen, wie es ist. Du musst erst mal dem Radiopromoter glaubhaft machen, dass das Ding total abgehen wird.

Stefan: Ich sag ihm also: "Das wird charten"?

Carol: Nee, du musst das machen wie Charlotte: Auf dem Tisch stehen und sagen: "Das geht ab wie Schmidts Katze."

Stefan: Und das ist es?

Carol: Erst mal schickst du das vier Radiopromotern und machst die heiß, damit die sich anstrengen. Und du nimmst jeweils den, der am heißesten ist.

Stefan: Spielt es eine Rolle, dass der Ahnung hat?

Carol: Würde ich schon sagen.

Stefan: Ist es sehr wichtig? Oder ist es wichtiger, dass er hot ist?

Carol: Er muss es verstehen. Aber das kann er auch aus der Info lernen. Er muss aber nicht nur pluggen mit den Themen, sondern auch Kooperationen machen mit den Sendern, damit er sich die Plays sichert, dass er in den Radiocharts stattfindet. Du musst das Radio mehr einbinden, als die Platte nur in die Playlist-Sitzung einzureichen. Dann musst du das gleiche Droh-Szenario, shock and awe, ähm, auch bei der Clubpromotion auffahren.

Stefan: Moment mal, ich hab 'ne Ballade am Start.

Carol: Dann mach einen Remix.

Stefan: Vier Radiopromoter. Competition. Keine Ahnung. Remix.

Carol: Und am besten machst du noch einen Radiomix.

Stefan: 3.30, davon hab ich schon gehört.

Carol: Damit der Radioredakteur nicht damit kommt, dass da ja der Hausfrau die Kaffeetasse aus der Hand fällt.

Stefan: Es darf also nicht shock and awe sein ... Und wie krieg ich das an MTV weiter?

Carol: Am besten ist, wenn der Act noch live spielen kann. Dann kannst du von denen die Tour präsentieren lassen.

Stefan: Was will ich denn mit einer Tour? Ich red von Stiller. Die haben ein Tune gemacht, und vier Wochen später waren sie in den Charts. Das will ich auch.

Carol: Das kann ich dir sagen. Universal kauft ja jedes Jahr so und so viel Werbezeit fest bei VIVA und MTV ein, damit sie Rabatte bekommen. In diesem Jahr haben sie aber nicht nur Rabatte gewollt, sondern auch das Recht, vorab über die Clips mit den Sendern zu entscheiden.

Stefan: Ich brauche also vier Radiopromoter. Competition. Keine Ahnung. Remix. Und Universal. Und Rabatte. Und wie krieg ich jetzt meine fucking Nummer in die Charts?

Carol: Das Problem ist, dass du allen Beteiligten im richtigen Moment erklären musst, dass das funktionieren wird. Und du musst es begründen.

Stefan: Du brauchst die Argumente: Clubcharts. Airplaycharts.

Carol: Die Clubcharts bekommst du, wenn du die richtige Promoagentur buchst. Wenn du in die DCC-Charts willst, musst du Public Propaganda buchen.

Stefan: Es läuft also über Vitamin C.

Carol: Ja, aber du brauchst natürlich die richtige Nummer.

Stefan: Die habe ich. Ich rede die ganze Zeit über Tiga mit "Hot In Here". Da waren wir mit Vinyl-only in England in den Charts. Ich habe das jetzt ja überspitzt gefragt. Aber es ist schon so: Wir haben ab und an die richtige Nummer und kriegen es nicht hin. Zumindest bewusst.

Carol: Du brauchst natürlich auch etwas Glück dazu. Ein, zwei Radiosender, die es auf Rotation nehmen. Wenn dann noch das Video okay ist, spielen die Musik-TV-Sender das schon wegen der Drohkulisse. Das funktioniert: Wir haben das beispielsweise bei Commercial Breakup so gemacht.

Stefan: Diese mafiösen Strukturen via Public Propaganda sind schrecklich. Das ist doch am Produkt vorbei.

Carol: Public ist jetzt noch nicht die Megamafia. Da finde ich die Verbindungen und Kooperationen der Majors viel mafiöser. Aber anyway. Entweder du lässt dich drauf ein oder nicht. Aber das andere Problem kommt ja danach: das Rausstellen. Man muss den Vertrieb erst mal dazu bekommen, genug Copys rauszustellen, damit du überhaupt verkaufen kannst.

Stefan: Man stellt manchmal fest, dass man wenig rausstellt und super verkauft. Und manchmal stellt man viel raus und verkauft wenig. Ich frage mich ja immer, ob man das analysieren sollte.

Carol: Es gibt ja seit dreißig Jahren Untersuchungen, dass die Leute maximal dreimal in den Plattenladen gehen, um zu schauen, ob eine Platte da ist.

Stefan: Heute ist das nur noch einmal.

Carol: Wenn du sie nun gar nicht oder nur unter A-Z findest, dann kaufen sie sie nie. Und noch schlimmer: Da sie sie nicht kaufen können, können sie auch niemand anders davon vorschwärmen. Und die Mund-zu-Mund-Propaganda ist noch immer das Wichtigste.

Stefan: Das Schlimmste ist, dass der Handel immer mehr wegbricht, all die kleinen Indie-Läden. Und das ist die Schuld der Majors, die die großen Ketten immer pushen. Für dich ist das noch viel schlimmer als für uns. Wir können das durch unsere Internationalität noch kompensieren. Wir haben versucht, die Indies zu stärken, indem wir ihnen und nicht den WOMs dieser Welt limitierte Bonus-Editionen zur Verfügung stellten. Aber das reicht eben nicht.

Aber wie geht ihr denn mit der fehlenden Planbarkeit um?

Stefan: Das kann ich dir sagen: Du verpulverst eine ganze Menge Kohle. Du denkst die ganze Zeit, sie verkauft 20.000, aber sie verkauft dann nur 15.000. Oder 60.000, und raus kommen 40.000.

Aber ihr setzt das schon noch hoch an, nicht so schwäbisch auf Nummer Sicher?

Stefan: International schon. Es hört sich immer nach vielen Verkäufen an, 20.000 Platten zu verkaufen, aber das sind dann bei einer "DJ Kicks" von Playgroup vielleicht drei in Amerika, zwei in England, drei in Deutschland, zwei in Japan, tausend in Spanien, tausend in Portugal ... Keine großartigen Zahlen für jedes Territorium, aber international geht das schon noch. Da hat es Carol extrem schwerer, wenn er eine deutschsprachige Band signt.

Das ist schon interessant. K7 wird ja immer als größerer Player wahrgenommen. Aber im Endeffekt ist das die gleiche Denke wie bei Morr Music oder Staubgold.

Stefan: Wir sind eigentlich eine superkleine Indie-Company, die hoffentlich manchmal in der Lage ist, 100.000 Platten zu verkaufen.

Carol: Und manchmal eine halbe Million.

Stefan: Das brauchten wir aber auch zum Reinvestieren. Das wird ja nicht abgeschöpft.

Wer macht denn den Nachtisch, auch die Künstler oder das Magazin? Normalerweise haben wir keinen, da die Stars auf ihre Linie achten müssen.

Stefan: Heute Abend hast du die nicht magersüchtigen Labelmacher.

Carol: Die aber schon ein bisschen auf ihre Linie achten müssten.

Stefan: Tell me about it. Zu viele fucking Businessmeetings. Scheiß halb neun essen gehen.

Eis mit Erdbeeren ...

... servieren nicht wir, sondern Martina, die charmante Frau von Carol, und Fotografin Katja. Wahrscheinlich im Irrglauben, dass das zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Mini-Discs füllende Gespräch damit beendet ist. Doch selbst die Leckerei kann uns nicht lange abhalten ... Sollte es bei uns in der Redaktion mal wider Erwarten zu viel Zeit geben, dann verwende ich diese für einen richtigen Director's Cut. Bis dahin nur mal das Rezept:

Vorspeise: Grüner Salat mit Tomaten, Radieschen und Sojasprossen mit einer Senf-Nussessig-Basilikum-Zucker-Pfeffer-Soße
Hauptgericht: Spargel mit Kartoffeln, Butter und wahlweise Scholle oder Katenschinken (beim Kaufen probieren, der muss zart auf der Zunge zergehen und mitteldick geschnitten sein; tagsüber nicht in den Kühlschrank legen, dann schmeckt er besser und entfaltet sein volles Aroma)
Nachtisch: Vanille-Eis mit frischen Erdbeeren
Getränke: Reichlich Flaschen Weiß- (gerne deutscher Riesling) und Rotwein, Kaffee