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Jahresrückblick 2014: KenFm, die Montagsdemonstrationen und das Internet

Keiner regiert die Welt, wirklich keiner

Die sogenannten Mahnwachen für den Frieden, die in vielen deutschen Großstädten seit Anfang des Jahres regelmäßig stattfinden, wirken harmlos, sind es aber nicht, konstatiert unser Autor Benjamin Walter. Unter der Oberfläche eines breiten bürgerlichen Engagements stecken antisemitische und rechtsradikale Ideologien und der Glaube an die eine große Weltverschwörung.
Geschrieben am
Die Schwierigkeit bei der Einordnung dieser verhältnismäßig jungen Bewegung, die weder eindeutig »sozial« noch »politisch« genannt werden kann, ergibt sich aus ihrer Heterogenität. Schlendert man an einem Montag zum Kölner Rudolfplatz, findet man dort ein äußerst buntes Völkchen vor, das sich zur »Mahnwache für den Frieden« eingefunden hat. »Frieden« ist ein schönes Wort und grundsätzlich eine wünschenswerte Angelegenheit. Deswegen wöchentlich eine Mahnwache abzuhalten wirkt vielleicht naiv und lässt eine konkrete Zielrichtung vermissen.

Aber warum denn eigentlich nicht? Weder marschieren hier klassische Neonazis unter dem Deckmantel eines gesellschaftlichen Anliegens auf, wie Ende Oktober bei der »Hooligans gegen Salafisten«-Demo in Köln, noch treffen sich antiimperialistische Linke zu einer durchchoreografierten Kundgebung, vielmehr lagert auf dem Kopfsteinpflaster eine etwas skurrile Mischung aus Jugendlichen im Hippie-Look, besorgten Rentnern, Normalos in Funktionskleidung, Nerd-Typen und abgewetzten Gestalten, die schlecht fotokopierte Flugblätter verteilen. Vor dem alten Stadttor ist ein Mikrofon aufgebaut, und jeder, der sich vorher angemeldet hat, darf hier ran. Je nach rednerischem Talent werden dann mal durchaus eloquent, mal wirr oder quälend langweilig Bedenken zu dem internationalen Bankenunwesen, den gleichgeschalteten Medien, dem Staat Israel und natürlich den USA und der GEZ herausposaunt. So weit, so doof, so harmlos. 

Möchte man meinen. Aber hinter der trotteligen Fassade der kritischen Friedensaktivisten und ungelenk rappenden Livebands wird eine erstaunlich breite gesellschaftliche Entwicklung sichtbar, die nicht nur Anlass zur Sorge bietet, sondern auch Widerstand herausfordert. Dabei ist es grundsätzlich sicher angebracht, nicht alles zu glauben, was in der Zeitung steht, staatliche Repressionen zu bekämpfen und von Großkonzernen kein anderes Verhalten zu erwarten als schlichte kapitalistische Logik. Um all das geht es den Montagsdemonstranten jedoch gar nicht. Viele wünschen sich im Grunde bloß eine einfache Erklärung und einen Schuldigen für alles, was in ihren Augen auf der großen Welt und in ihren kleinen Leben schiefläuft. Und die bekommen sie auch. 

Der Radiomoderator Ken Jebsen, der wegen des Vorwurfs antisemitischer Äußerungen Ende 2011 von seinem Haussender rbb entlassen wurde und seitdem als eine Art Vordenker, Maskottchen und Katalysator der Bewegung fungiert, ist dabei streng genommen nur ein Teil des Problems. Auf seiner Facebook-Seite KenFM versammelt er natürlich einerseits die vermeintlichen Friedensfreunde. Die tummeln sich in den Kommentarspalten seiner schier endlosen Postings über Kritik an den etablierten Medien, Kriegstreiberei der westlichen Staaten und israelische Innenpolitik. Andererseits zwingt er auch niemanden dazu, sich seine mit schon etwas lächerlich staatstragendem Gesichtsausdruck geführten Interviews mit seiner Meinung nach dienlichen »Experten« aus Politik, Wirtschaft und Journalismus anzusehen.

Jebsen holt die Leute bloß dort ab, wo sie stehen geblieben sind: in ihrer Verachtung für die etablierten Medien, ihrer Angst vor »Zinsknechtschaft« und ihrer Unfähigkeit, zu begreifen, dass die Welt – und was sie im Innersten mehr schlecht als recht zusammenhält – leider ganz schön kompliziert ist. Als eine Art Gehirnschmalz-sparende Hilfskonstruktion dient dabei eine von der Bewegung, man möchte sagen, herbeigesehnte geheime Clique allmächtiger Strippenzieher gerne jüdischer Abstammung, die nun wirklich jeden Krieg anzetteln und jede Schweinerei begehen, wenn sie ihnen nur Macht und Geld sichert. Und allerspätestens an diesem Punkt werden die Montagsmahnwachen anschlussfähig für neurechte, rechtsradikale und antisemitische Haltungen, in denen die Welt auch für schlichte Gemüter übersichtlich eingeteilt wird in schlecht (USA, Israel) und gut (im Grunde alle anderen). Dass ernsthafte Kapitalismuskritik und Antiimperialismus auf einem etwas komplexeren theoretischen Unterbau fußen, interessiert die Anhänger überhaupt nicht, weil es nicht ins Schema passt. NPD-Mitglieder auf öffentlichen Veranstaltungen sind grundsätzlich vom Verfassungsschutz geschickt, in Wirklichkeit niemals da oder als reine Privatleute unterwegs gewesen. 

Auch wenn der Auftritt des Sängers Xavier Naidoo auf einer Montagsmahnwache in Berlin den Eindruck erweckte, hier träfen sich in erster Linie die Verwirrten, dient seine Prominenz letztendlich der Bewegung. Denn die mediale Kritik, die den wunderlichen Sänger im Anschluss auf breiter Front traf, dient den begeisterten Anhängern von Verschwörungstheorien auf ihren Facebook-Seiten nur als weiterer Beweis für die Bekämpfung der Meinungsfreiheit durch die mächtigen Medienkartelle. Wer so absolut jede Kritik gegen sich nur zur Bestätigung der eigenen Position nutzt, ist ein unangenehmer, aber letztlich auch sehr durchschaubarer Gegner. Um den Frieden in der Welt sollten sich wirklich besser andere Menschen bemühen.