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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Orte rechter Gewalt«

Interview mit Fotograf Philipp Böll

In unserer aktuellen Ausgabe stellen wir die Fotoserie »Orte rechter Gewalt« des Kölner Fotografen Philipp Böll vor. In seiner Arbeit zeigt er Orte, an denen ab 1990 Menschen durch rechtsmotivierte Gewalt zu Tode gekommen sind. Wir haben ihm ein paar Fragen zu der Idee und seinen Erfahrungen gestellt. 
Geschrieben am
Interview:
Senta Best
Für deine Arbeit hast du »Orte rechter Gewalt« aufgesucht. Wie bist du bei deiner Recherche vorgegangen, wo genau die Verbrechen stattgefunden haben?
Für die Recherche habe ich ausschließlich öffentlich zugängliche Quellen genutzt, also keinerlei Prozess- oder Polizeiakten. Viele der Opfer und Täter tauchen allerdings in den offiziellen Statistiken nicht auf. Meine wichtigste Quelle war eine Recherche von Berliner Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau und Zeit-Online. Die haben für den Zeitraum von 1990 bis 2011 eine Art inoffizielle Statistik für rechte Gewalt mit Todesfolge erstellt. Darin wurden nicht immer gleich die Adressen von Tatorten genannt, aber dadurch hatte ich zumindest schon einmal den Namen des Opfers und konnte damit weiter recherchieren, zum Beispiel in Zeitungsarchiven. So konnte ich mich den Tatorten weiter annähern.      

Die Orte in den Fotografien wirken allesamt unscheinbar. Sie könnten überall und nirgends sein. So wie rechte Gewalt eben auch omnipräsent ist. Wie präsent ist das alles für die unmittelbaren Anwohner?
Das war ganz unterschiedlich. Manche der Taten liegen ja schon über 20 Jahre zurück. Das hat dann nicht jeder Passant auf dem Schirm, wenn er mich mit der Kamera sieht. Aber gerade bei den NSU-Tatorten wurde ich häufig angesprochen. Ich nehme an, dadurch, dass viel darüber berichtet wurde, war das nach wie vor sehr präsent für die Menschen dort.  

Gab es dabei auch Anwohner, die nicht wussten, was in ihrer Nachbarschaft passiert ist?

Sehr häufig, gerade wenn die Opfer Obdachlose waren.
Hat dein Jurastudium dir in irgendeiner Form bei der Beschäftigung mit dem Thema geholfen oder damit zu tun? Deine ausgehende Frage war ja, ob die Taten des NSU einzigartig sind beziehungsweise für sich alleine stehen. Konntest du dazu etwas herausfinden? 
Jura hatte ich nur im Nebenfach. Aber man lernt trotzdem einiges über die Gewalten und Institutionen unserer Gesellschaft. Das ist natürlich grundsätzlich hilfreich bei der Auseinandersetzung mit solchen Themen. Ich denke schon, dass der NSU einzigartig ist – gerade in Bezug auf die Lebensweise der Mitglieder und den langen Zeitraum, in dem sie quasi ungestört töten konnten. Aber dass aus dem rechten Milieu heraus Morde begangen werden, gab es davor und auch danach, da nimmt der NSU keine Sonderrolle ein, sondern beschreibt eher eine Tradition.           

Inwiefern hat sich der rechte Terror seit der Wende verändert?
Ich bin kein Sozialwissenschaftler, aber die rechte Szene ist, aus welchen Gründen auch immer, nach der Wende stark gewachsen. Und damit haben natürlich auch Gewalt und Terror insgesamt zugenommen. Ich denke auch, dass sich die Feindbilder verändert haben. Früher waren es die Juden und Kommunisten und jetzt sind es eher die Migranten und andere Minderheiten, wobei das wahrscheinlich nicht unbedingt mit der Wende zusammenhängt.
Siehst du deine Arbeit als den deutschen Kommentar zu Joel Sternfelds »Tatorte«? Inwiefern hat seine Arbeit dich beeinflusst? 
Joel Sternfeld oder auch Taryn Simon und Sven Johne sind tolle FotografenInnen, die sich mit Orten und Erinnerung beschäftigen, und ich verehre sie sehr. Sicher haben sie mein Projekt zum Teil beeinflusst. Aber ich hoffe natürlich auch, dass meine Fotos stark genug sind, um als eigene Arbeit wahrgenommen zu werden.
    
Wie denkst du, sollte besser an derartige Tatorte erinnert werden? 
Das Projekt der Stolpersteine von Gunter Demnig ist meiner Meinung nach ein guter Ausdruck von Erinnerungskultur. Vielleicht entwickelt ja jemand in den nächsten Jahren eine ähnliche Form für die Opfer rechter Gewalt nach 1945. Mich würde das sehr freuen!

Mehr zur Fotoserie findet ihr hier.