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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Innere Leere

First World Problems #246

Einmal im Leben umgehört und schnell wird klar: Selbiges ist kein Zuckerschlecken! Es folgt eine neue Ausgabe viel diskutierter First World Problems. Irgendwas ist doch immer, findet Olaf Radow. Zum Beispiel innere Leere.
Geschrieben am
Seit vier Jahren habe ich mich darauf gefreut. Jeden Tag daran gedacht. Und jetzt ist es da, das Sabbatjahr. Ein komplettes Jahr nur für mich allein. Runterkühlen. Abschalten. Auf andere Gedanken kommen. Kein Schnaps. Psychohygienische Drogen am Morgen: absetzen. Valium am Abend: absetzen. Kein Stress. Bitte kein Stress. Lieb sein.

Sabbat: das Gebot des 7. Tages. Du sollst nicht arbeiten! Dich gar nicht anstrengen. Ruhe bewahren. Keine Verpflichtungen. Einfach mal die Fresse halten. Ich. Und Du auch. Kein Input. Keine Reisen. Kein Sport. Vor meinem inneren Auge schweben ein paar süße Mäuse vorbei und die vage Vorstellung einer endlosen Meditation, einer Katharsis. Scheiß die Wand an!

Vorher aber noch ein wenig media misuse. Ein paar Hate Days auf Twitter, Facebook, Instagram. Oder noch kurz gruscheln bei studiVZ? SPON, google news, kicker, Kopp, YouPorn.
Alles Mist … Gert Postel verehrt Dunja Hayali. AfD in Meck-Pomm. Blasserdünnerjunge macht seinen Job. Tobi Schlegel rettet jetzt Leben. Mutter Teresa ist heilig. Klimawandel doch erfunden. Tschüss, Schweini. Flüchtlinge im Freibad. Besorgte Bürger in Freital. Gina-Lisa. Sibylle Berg und der mittelalte, weiße, heterosexuelle Mann als Ausgeburt der Hölle.

Mo… Mo… Moment mal: Das bin ja ich! Der mittelalte, weiße, heterosexuelle Mann verachtet seine Chefin, liest Zeitung, hat schütteres Haar und die Welt ist ihm zu bunt. Aber nein, das bin ich doch nicht! Nicht in diesem heiligen Jahr. Ich bin ein sehr junger, mittelalter, weißer, heterosexueller Mann, habe keine Chefin, lese keine Zeitung, besitze wallendes Haupthaar und die Welt ist bunt wie ein Aquarium. Fein! Find ich gut.

Ich stehe nackt vorm Spiegel und rasiere mich. Überall Haare, wo früher keine waren. Sogar an den Schultern und am heiligen Präputium. Eeeekälich! Weg damit! Das Gesicht grau. Schattig verfärbte Augenringe. Leerer Blick. Kleine, weiche Männerbrüste. Frecher Spitzbauch. Leckere Feigwarzen am filigranen Gemächt. Dünne Beinchen, dazwischen satte karibische Trockenfrüchte im ausgeleierten Dauersack. Süße Füße. Immerhin. Aber … ficken würd’ ich mich nicht. Muss ja auch nicht sein. Können andere besorgen. Jetzt ganz nah ran an den Spiegel. Tief in die Augen schauen. Direkt ins Hirnelein. Ich hör es leise säuseln und flöten. Sweet and deep, somehow.

Jetzt mal Peterchen anrufen. Mein einziger Kumpel Peter hat sein Sabbatical grad hinter sich. Nach zehn Monaten kam der Burn-out als Folge exzessiver Beschäftigung mit sich selbst. Innere Leere, tiefe Trauer, alles nicht so schön. Paris-Syndrom vielleicht. »Peterchen, alte Forke, ich hab mir nen Namen für ne Band ausgedacht: Irreversibel Geschädigt.« »Aber du spielst doch gar kein Instrument!« »Das kann ja noch kommen. Außerdem kann ich singen. Und noch was: Mein neuer Roman wird ›Karibische Früchte – Teil 1‹ heißen. Wie findste das?« »Alter, der Name ist scheiße und … was heißt hier neuer Roman? Du hast doch noch nie einen geschrieben. Du hast nen Schaden!« »Deine Mudda!«

Peterchen soll sich mal nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Hat von nix nen Plan. Kriegt nie eine ab. Erzählt jeder, er sei Anästhesist! Das hätte er wohl gern. Rettungssanitäter ist er. Das fülle ihn jetzt aber nicht mehr aus, erzählt er mir nun. Immer diese Leute retten. Die innere Leere jeden Tag nach Feierabend. Da müsse doch noch was kommen. »Und jetzt pass mal auf. Ich hab mich beim ZDF beworben. Die suchen einen Moderator für »Aspekte«. Weißte? Viele Bewerber. Aber … halt dich fest … mich haben se genommen.«


»Ja. Dann man viel Erfolg. Tschüss. Schlaf gut.« Penner.