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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Rock'n'Roll-Hotel

Indie-Spring-Break auf Mallorca

In Magaluf, dem englischen Ballermann auf Mallorca, existiert ein Hotel, in dem jeden Sommer bekannte Indierock-Bands zur Party spielen, als sei gerade Spring Break. Thorsten Schaar mietete sich ein Zimmer im »Hotel Mallorca Rocks« und besuchte bequem im Innenhof die Konzerte von The Vaccines und Palma Violets. Ein Blick hinter die Kulissen und in Abgründe.
Geschrieben am
Das Städtchen Magaluf muss man sich vorstellen wie ein Monster, das nachts zum Leben erwacht: laut, schmutzig und ziemlich nackt. Es liegt verkehrsgünstig nur 15 Kilometer von der Inselhauptstadt Palma entfernt und besteht aus einer Durchgangsstraße, zahlreichen Pubs und austauschbaren Holzklasse-Hotels. Die einzige Sehenswürdigkeit ist der BCM Palace, eine der größten Diskotheken Europas. Für 18- bis 24-Jährige aus Liverpool, Manchester und Wolverhampton ist es das Größte, ihren Jahresurlaub in dem Strandort zu verbringen. »Keep Calm And Party Hard Mallorca« steht auf ihren T-Shirts. Der offizielle Spring Break in den USA ist ein Kindergeburtstag gegen das, was sich in »Magalove« ab Mitternacht in den Bars, Diskotheken und auf den Strandliegen abspielt. Das Zeigen von Geschlechtsteilen gehört zum guten Ton. Das Buch »1001 Möglichkeiten, seine Notdurft zu verrichten«, das vielleicht auch Suhrkamp gerettet hätte, könnte in einer Nacht geschrieben werden. Und die Bürgersteige zieren fossile Würfelhusten-Tattoos, ähnlich den Höhlenmalereien in Porto Cristo. Wenn man morgens durch die Straßen geht, findet es niemand ungewöhnlich, dass junge Menschen irgendwo auf der Straße herumliegen – ein Wirklichkeit gewordener Tumblr. Sie haben es einfach nicht mehr bis ins richtige Hotel geschafft. Die Betonburgen, in denen der Ryan-Air-Jetset für gewöhnlich absteigt, sehen sich zu ähnlich.

Dienstag, 18. Juni, 9:00 Uhr

Eigentlich bräuchte man kein Wort über diesen Ort zu verlieren, wenn es nicht diesen einen Sehnsuchtsort unter der Sonne gäbe: das Hotel Mallorca Rocks. Wer das weiße Gebäude mit dem Flachdach betritt, trifft bereits am Empfangsschalter auf junge Mitarbeiter in knallbunten T-Shirts. Mit der klassischen Kleiderordnung, die man auf der Internationalen Hotelfachschule beigebracht bekommt, hat das relativ wenig zu tun. Zur Legitimation, dass man im Hotel wohnt, verteilen sie klassische Backstage-Bändchen. Fast überall prangt das Plektrum, das Logo des Hotels, selbst auf den Duschvorhängen. Draußen an der Fassade sind die Bands der Woche annonciert: Palma Violets und The Vaccines. Wenn man in diesem Hotel eincheckt, ist das genauso, als würde man bei einem Festival ankommen – ohne den Zwang, im Zelt zu schlafen. Die Hotelzimmer sind allerdings ähnlich zweckmäßig eingerichtet: Das Pop-Art-Gemälde über dem Bett und der rotierende Ventilator können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auf alles verzichtet wurde, was spätpubertierende Sportfreunde verwirren könnte. Immerhin, so denkt man sich, stehen im Badezimmer keine Dixi-Klos.
12:00 Uhr 
Andy McKay, der sich das Prinzip »Rock’n’Roll-Hotel« ausgedacht hat, stammt aus Manchester. In den 90er-Jahren war er erfolgreicher Party-Veranstalter auf Ibiza. Zur »Manumission« kamen bis zu 10.000 Party-People. Später, Mitte der Nullerjahre, spielten bei ihm die Arctic Monkeys und Kaiser Chiefs. Bis heute betreibt er auf Ibiza einen Club und ein Hotel, den großen Bruder des Mallorca Rocks. Wenn man es betriebswirtschaftlich sieht, hat er alles richtig gemacht: Die Bands spielen im Sommer jetzt immer zwei Tage lang für ihn, dienstags auf Mallorca, mittwochs auf Ibiza.
 

Was Magaluf einzigartig macht, ist, dass die Künstler nur dort im Hotel selbst auftreten und unter freiem Himmel. Das Eröffnungskonzert hat diese Saison Jake Bugg gespielt, der Junge, der sein Lachen verkaufte, um Gitarre spielen zu können – ein vollkommen ernsthafter Musiker. Dass er hier auftritt, ist ungefähr so, als würde Gisbert zu Knyphausen irgendwo auf der Schinkenstraße in El Arenal gastieren. Damit auch immer alles nach Plan läuft, hat McKay einen erfahrenen Mitarbeiter abgeordnet. Phil Saint sitzt in der Empfangshalle des Hotels. Sonst arbeitet er zwischen Palmen und PA. Er ist mit dem Anspruch angetreten, etwas veranstalterische Qualität in den abgerockten Ort zu bringen – und das gelingt ihm ziemlich gut. »Sie kommen inzwischen alle«, sagt er, »egal, ob Bastille nächste Woche, Beady Eye zum dritten Geburtstag oder Franz Ferdinand ganz zum Schluss im September.« Als im vergangenen Jahr Kasabian zum Saisonfinale spielten, war kein Quadratzentimeter mehr frei. Fast 5000 Menschen ließen das Hotel aus allen Nähten platzen. »Es waren sogar alle Balkons besetzt«, erzählt Amanda Barker, die sich in Magaluf um die Bandbetreuung kümmert. »Es ist für alle Bands ein Geschenk, hierhin zu kommen. Das Publikum ist in allerbester Partylaune. Und keiner muss am nächsten Tag arbeiten gehen.«
 

13:00 Uhr

Breakfast-Time, isn’t it? In den großen Strandbars gibt es bis ein Uhr mittags Frühstücksrabatt. Wer rechtzeitig aus dem Bett kriecht, zahlt 25 Prozent weniger. Doch nur wenige schaffen es so früh ans Meer – man ist ja schließlich nicht zum Spaß hier. Wer jedoch zu den Frühaufstehern gehört und aus England stammt, findet garantiert sein Lieblingsgericht. Die Speisekarten sind ein Spiegelbild der englischen Dominanz, die Unterschiede zu den englischen Seebädern der Working Class nur marginal. Zum Frühstück werden längst keine Ensaimadas mehr serviert, sondern Toast mit weißen Bohnen in Tomatensauce. Die Pubs heißen wahlweise Prince William, Bollock’s oder Benny Hill. Und statt »muchas gracias« sagt man beiläufig »thanks, mate«.
 
Im Mallorca Rocks, irgendwo zwischen Swimming-Pool und Merchandise-Store, steigt ein Mitarbeiter auf eine Kanzel, um die Hotelgäste zu wecken. Es ist der musikalische Wake-up-Call einer Hotelleitung, die ihren Gästen die Wünsche von den Augenringen abliest. Für die schlimmsten Zecher muss es so sein, als würden sie immer wieder die Snooze-Taste drücken. Der Hotel-DJ spielt alle Hits, die man aus der Indie-Disko kennt: »Drunk« von Ed Sheeran, »Re-Wired« von Kasabian und »Little Lion Man« von Mumford & Sons. Die Musik ist außerordentlich – laut. Boys und Girls könnten sich, selbst wenn sie wollten, nicht miteinander unterhalten. Ein paar spielen im Pool mit einem Ball, die meisten schlafen einfach auf ihren Liegen weiter.
 

Was den deutschen und englischen Ballermann am deutlichsten unterscheidet? Die Musik. Wenn sich die UK-Touristen zuschütten, läuft kein britischer Jürgen Drews oder Mickie Krause. Es ist aber auch nicht immer nur Oasis, was zum Cider-Vertreib einlädt. Wer als echter Magaluf-Ultra gelten will, sollte die moderne Tanzmusik von David Guetta zu schätzen wissen.

16:00 Uhr
 

The Vaccines, die Headliner des heutigen Hotelkonzerts, sind hinter der Bühne eingetroffen. Für sie ist es bereits das zweite Mal auf Mallorca. Vor zwei Jahren, als sie gerade ihr Debütalbum »What Did You Expect From The Vaccines?« veröffentlichten, haben sie schon einmal hier gespielt – als Support-Band für den DJ Zane Lowe. »Es war das erste Mal, dass wir uns wie Rockstars fühlen durften«, erinnert sich Gitarrist Freddie Cowan, so etwas wie der Oliver Bierhoff der Band – etwas zu glatt gebügelt, etwas zu gute Manieren.[ad]Die Bands wohnen nicht im Mallorca Rocks, sondern in einem externen Design-Hotel, oben in den Klippen über dem Sündenbabel. Klar, dass die Internatsschüler des Indierock am Mittag bereits an ihrem privaten Badestrand waren. Wegen dieser speziellen Unterbringung fühlt sich der Trip für sie an »wie ein Kurzurlaub inmitten der Tournee« (Freddie Cowan). Was, wenn sie nicht hierhin eingeladen worden wären, um Musik zu machen? Drummer Pete Robertson sagt: »Ich kannte Magaluf vorher nicht und wäre mit Sicherheit nie hierhin gekommen.«
 

17:00 Uhr
 

Der Soundcheck der Palma Violets, die in ihrer Heimat die besondere Gunst des NME genießen, geht pünktlich über die Bühne. Im letzten Herbst, als sie eigentlich noch im Proberaum steckten, wurden sie erstmals auf das Cover des hypefreudigen Magazins gehoben. Jetzt stehen die »Retter des Indierock« und »beste Rockband Englands« erst mal auf Mallorca – und blicken auf einen leeren Swimmingpool. Ihr Sound ist schon ziemlich laut, und sie malträtieren ihre Instrumente, als wären die 3000 Kids bereits vor der Bühne, aber in Wirklichkeit ist um diese Uhrzeit kaum etwas los auf den Zuschauerterrassen. Zwei Teenager schaukeln einen schlafenden Kumpel waghalsig mit einer Liege durch die Luft, ein Glatzkopf tritt vollkommen autistisch immer wieder einen Fußball gegen die Balkonwand. Woanders wird schon wieder Bier getrunken. Man wird das Gefühl nicht los, dass es jetzt keine perfektere Band für diesen Ort geben könnte als die Palma Violets: ein paar junge Lads aus London, die einfach Spaß haben wollen.
 

Nach dem Soundcheck erzählen sie, dass sie in der Nacht zuvor selbst in Magaluf unterwegs gewesen sind. Es ist sechs Uhr morgens geworden, sie haben aber noch ihr Hotelbett gefunden. Genaueres weiß man nicht mehr. Immerhin: Die Gästeliste ist etwas länger geworden.
 

Das Bild, das sich hinter der Bühne bietet, ist völlig anders als bei den Vaccines: unstrukturierter, chaotischer, alberner. Schlagzeuger Will Doyle, der für einen Gag seine Grandma verkaufen würde, verspricht spontan, während des Konzerts in den Pool zu springen. Eine nahe liegende Idee – nur geschehen wird es natürlich nicht. Die Schwimmbecken, auf deren Bodenkacheln auch das große Plektrum leuchtet, sind während der Konzerte abgesperrt. Die uniformierten Security-Männer, die an jedem Zugang stehen, zeigen zur Not nachdrücklich auf die »No Diving«-Schilder.
 

21:00 Uhr
 

Um zwanzig nach neun eröffnen die Palma Violets. Es ist noch taghell im Innenhof des verzweigten Hotelkastens. Optisch wirken sie wie die englischen Tocotronic. Sänger Samuel Fryer trägt eine Sackhose und ein Blumenhemd. Ihr Pathos ähnelt den Babyshambles. Ganz vorne vor der Bühne stehen Mädchen mit Rough-Trade-Jutebeuteln, in der Mitte warten Unentschlossene zwischen Merch-Shop und Bierstand, und an den Balkons hängt ein einzelnes Banner des Fußballvereins Nottingham Forest, als wäre man im Stadion. Wer zwischendurch mit dem Hotelaufzug ins oberste Stockwerk fährt, hat den besten Blick auf die Bühne – im Hintergrund die Berge und vorne eine Band mit großer Spielfreude. »Best Of Friends« ist der beste Song von allen. Die Palma Violets rotzen die Hookline in die Hotelanlage:
»I wanna be your best friend / I don’t want you to be my girl / I wanna be your best friend / I don’t want you to be my ...« Die Mädchen mit den Jutetaschen schreien zurück. Es ist der perfekte Soundtrack zu ihren Sommerferien.

22:30 Uhr

 
Zwischen den beiden Bands wird etwas Pausenmusik aufgelegt. Gerade ist »A Town Called Malice« von The Jam verklungen. Als der Song geschrieben wurde, war hier noch niemand geboren. »Mr. Brightside« von den Killers hatten zuvor noch alle mitgesungen, als wäre es der »König von Mallorca«. Michael Byrne, Chris Karpacz und Lee Brown, drei Jungs um die zwanzig, sind aus Edinburgh angereist. Als sie ihr Zimmer buchten, stand noch nicht fest, welche Bands sie sehen würden. Mit den Vaccines haben sie das große Los gezogen, sagen sie überzeugt. Sie sind schon am späten Nachmittag in voller Indie-Montur um die Bühne herumgestrichen, haben ein paar Bier zur Beruhigung getrunken – aber jetzt spielen die Endorphine verrückt. Sie platzen geradezu vor vorfreudiger Erwartung und baggern erst mal die Mädchen auf dem nächsten Balkon an. Eine sieht aus wie Amy Winehouse. Es fühlt sich an wie auf einer Klassenfahrt, nur dass die Teilnehmer offenbar aus der »Mini Playback Show« entsprungen sind.
 
Die drei Schotten selbst wirken, als wären die Strokes noch einmal zur Welt gekommen. Als sie vorhin um den Pool herumgelaufen waren, hatten viele gestutzt und sich gefragt, ob das wohl die Palma Violets sein könnten. Tatsächlich sind sie – eine Band. Sie nennen sich Last Minute Glory und klingen wie die Libertines. Chris zeigt sein neues Tattoo mit dem Bandlogo: eine schwarze Taschenuhr, in der »Take Time« steht. Er hat es sich in Magaluf stechen lassen, wo die Zahl der Tattoo-Läden beachtlich ist. Sie werden vielleicht eines Tages einem großen Musikmagazin davon erzählen, was ihr schönstes Urlaubserlebnis war, und das Indierock-Hotel wird eine Hauptrolle spielen. Jetzt müssen sie aber los. The Vaccines betreten die Bühne und spielen ihre Mischung aus Ramones, Joy Division und Beach Boys. Die Menge vor der Bühne tobt vom Start weg, schon lange, bevor sie ihren Hit »Post Break-Up Sex« bringen, der am Nachmittag auch schon am Pool aus der Konserve gelaufen war. Sänger und Gitarrist Justin Young ist ein Freund großer Gesten, hält die Gitarre wie ein Gewehr, damit jeder sein Urlaubsfoto machen kann. Es ist heute auch so etwas wie eine Generalprobe: Zwei Wochen später werden die beiden Bands wieder auf einer Bühne stehen, als lokaler Support der Rolling Stones im Hyde Park. Sie sind in diesen Tagen: Dr. Hotel und Mr. Hyde.
 

0:00 Uhr


Es ist kurz nach Mitternacht, als The Vaccines ihre letzte Zugabe spielen. Die Schweinwerfer spiegeln sich im Pool. Morgen fliegen die Bands nach Ibiza weiter. Für die Hotelgäste geht es jetzt erst richtig los – auch für die, die während des Konzerts vollkommen unbeeindruckt auf ihrem Zimmer geblieben sind. Es ist unglaublich: Da spielen zwei der heißesten Bands dieses Sommers, man ist nur einen Hotelbalkon entfernt, aber die Körperpflege – von außen wie von innen – ist manchen wichtiger.

Es wartet die Nacht der Nächte, wieder einmal. Einer hat sich das Gesicht grün geschminkt und trägt ein Butler-Shirt, als würde Hulk in »Dinner For One« mitspielen. Eine Horde Jungs hat sich blau angemalt wie die Schlümpfe. Während sie sich auf den Weg in die Bars machen, marschieren spanische Zimmermädchen mit Besen und Schaufel auf und sorgen dafür, dass kein Staubkorn übrig bleibt. Ganz nach dem Party-Motto: »What goes on in Magaluf, stays in Magaluf.«
 

3:00 Uhr
 

Die Partymeile zwischen Straße und Strand ist zum Bersten gefüllt, extrafette Bässe wummern durch die Nacht. Wer in der großen Open-Air-Strip-Show war, untergebracht in einem alten Boxring und eingepfercht zwischen zwei Hochhäuser, hat ein entsprechendes Shirt übergestreift. Sie muss gut besucht gewesen sein, es sind viele »Endless Summer«-Shirts zu sehen. Vor den Clubs stehen maximal motivierte Promo-Mädchen mit A6-Flyern, etwas zu jung und etwas zu nackt. Ihre Körper zieren schlechte Tattoos, und sie sprechen irgendeinen britischen Dialekt. Ihr täglicher Job ist es, möglichst viele Touristen in ihren Festsaal umzuleiten. Besonders beliebt bei den angetrunkenen Nachtschwärmern: eine Mischung aus Pub-Quiz und Strip-Poker. Während einer der jungen Männer blankzieht, läuft »Barbra Streisand« von Duck Sauce.
 
Was überrascht: In den Gassen herrscht weitestgehend strikte Geschlechtertrennung. Das Bild ändert sich erst im Morgengrauen. Dann gehen die »Magalove«-Hipster, die noch sprechen können, zum schnellen Geschlechtsverkehr einfach an den Strand. Die Sex-Touristen, die weder einen Partner für die Nacht noch ihr Hotel gefunden haben, legen sich zum Schlafen auf die Straße. Während die Sonne langsam wieder aufgeht, beginnt ein weiterer Tag im Hotel Mallorca Rocks, dem einzigen Indierock-Hotel Mallorcas.