×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Folge 8: Eine Woche Superfood

Ich möchte Teil einer Bewegung sein #252

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Damit haben sie einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch unsere Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peer-Group, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. Diesmal in einen Eimer voller Superfood.
Geschrieben am
Kolumne schön und gut, aber ich kann nicht mehr. »Ich mach mal was mit einer Woche Superfood« – wie suizidal kann man eigentlich sein? Völlig entkräftet, ausgekotzt bis aufs Mark, nervlich am Ende und finanziell einigermaßen ruiniert, beginne ich diese Zeilen zu schreiben. Dabei sind gerade mal zwei Stunden von Tag eins meiner Mission vergangen. In der Supermarktkette meines Vertrauens (leider kein gesponserter Beitrag) habe ich mir an diesem Montag für den leichten Einstieg in die Welt des Besserfressens zwei verschiedene Pulver zum Einrühren besorgt, genauer »Superfood-Pflanzenpulver« in den Geschmacksrichtungen Tod (Bio Chia Kakao Smoothie) und Verderben (Bio Gersten Gras). Der erste Tag Superfood kostet mich bereits 13,80 Euro, eine Menge Magensaft sowie den Rest vom Wochenende. Superfoods sind Obst-, Gemüse-, Samen oder Teesorten, die die Superfood-Industrie rund um Superfood-Reiche für den Superfood-Supermarkt erfunden hat. Und sie kosten superviel Geld. Doch wenn man sie isst, wird man 100 Jahre alt und bekommt bis dahin keine Krankheiten. Deswegen verzichte ich ab jetzt eine Woche lang auf weniger gutes Essen oder Saufen und gönne mir statt Diesel nur noch Super. Um als Superlebensmittel durchzugehen, muss die Ware nährstoffreich sein. Vitamine. Mineralstoffe. Exotischer Name.

An Tag zwei bin ich kurz überfordert und esse deswegen einfach nur Obst. Denn Obst kennt man. Selbstverständlich aber nicht so Bauernobst wie Apfel oder Birne, sondern Besserverdienerobst wie Mango, Goji-Beere, Granatapfel und sonstige Sorten, die ich nicht schreiben kann, die aber extra aus Übersee rübergeschifft werden müssen. Dazu schönen grünen Matcha-Tee, den gibt es praktischerweise auch in Pulverform. Fünf Dinge liegen auf dem Band, 15,27 Euro ab sofort zusätzlich in der Biosupermarkt-Kasse und mir gleich Steine im Magen – vom Superobstsalat. 


Mittwoch. Tag drei. Da kann man auch mal essen gehen. Dabei fällt mir auf, wie sich die beiden momentan heißesten kulinarischen Trends absolut ausschließen: Burger und Superfood gehen null zusammen. Burger gewinnen den Kampf. Super essen heißt demnach zu Hause essen, denn in den Restaurants muss der Superfood-Hype erst noch ankommen. Zumindest Ingwertee bekommt man überall. Und Ingwer ist was? Klar: super! Ich schleppe mich hungrig in meinen Bau. Immerhin heute nur 7,50 Euro ausgegeben. Ehrlich gesagt will ich so langsam nicht mehr leben. Ingwer will im Gegensatz zu dem Superfood-Pflanzenpulver nicht ausgekotzt werden. Schade.

Donnerstag dann die volle Dröhnung: Chia-Samen, Avocado, Kräuter aller Art, Papaya, Camu Camu, tutti frutti und Quinoa gluten- und nazifrei. Salat, Salat, Salat. Nach drei Schüsseln immer noch nicht satt. Verabredungen werden abgesagt – ich bin zu schwach. Und alle wollen immer irgendwo was essen. »Ich arbeite da an so einem Projekt« (muss schon wieder auf die Toilette). Dafür bin ich innerlich schön leer, also auch emotional, was bestimmt super ist. Der ganze Tag dreht sich nur um Essen, Essen, Essen. Gleichzeitig verachte ich alle, die nicht auf Superfood sind, weil ihnen offenbar egal ist, dass sie jämmerlich verrecken werden. Mit all den Samen, Körnern und (Hülsen-)Früchten fresse ich auch Überheblichkeit. Selbst mein Schwur, niemals Smoothies zu trinken, ist vergessen. Ich kann eh nur noch Flüssiges ertragen, weil mein Körper verdauen, verdauen, verdauen will. Entschlacken nennen die Leute das, wenn man sich barbarisch entleert. Ich bin so rein und spirituell drauf. Ich bin Madonna. Minus 20 Euro.

Am Freitag bin ich dem Tode näher als Leute, die nur Scheiße fressen. Ich fantasiere von Chicken-Wings-Schokolade-Bier-Bädern. Aus Ingwerteilen bastele ich Figuren wie Kinder aus Kastanien. Hmmm, lecker, Kastanie. Zum Abschluss lese ich noch mal in Frauenzeitschriftenforen, gegen was und wofür Superfood so helfen soll, damit ich mich der Sinnhaftigkeit dieser Woche versichern kann. Sich wie Madonna fühlen: check. Außerdem: keinen Krebs bekommen, Alzheimer-Erkrankung hinausgezögert, bessere Verdauung, kein Diabetes, nicht zugenommen, und mein Sperma ist auch in Ordnung. Bisher bin ich auch nicht gestorben. Super. Nicht super: Ich bin pleite. Aber egal, ab morgen esse ich einfach die Pappe von Tiefkühlspinat und eingeweichte Backsteine, das kostet wenigstens nüscht.