×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Folge 6: Prekarier

Ich möchte Teil einer Bewegung sein #247

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Damit haben sie einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch unsere Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peer-Group, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. Diesmal in die fiesen Auswüchse des Turbokapitalismus.
Geschrieben am
»Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job«, sagte einst ein weiser, weißer Mann namens Kurt Beck zu einem wütenden Arbeitssuchenden. Mit einem Hochschulstudium sollte es aber doch auch ohne entsprechende Körperpflege klappen. Bachelor und Master sorgen schließlich zuverlässig dafür, dass man innerhalb von rund fünf Jahren bildungsfertig und marktwirtschaftbereit ist. Von da an nur Reichtum, Reputation und irgendwann Rente. Oder?

Natürlich klappt das in der Realität nur mit der Wirtschaft naheliegenden Studiengängen oder Technikgedöns. »MINT gewinnt«, so der Slogan der zynischen Verwertungslogik, ihr ungewaschenen Hippies! Für Leute mit Geisteswissenschaftsambitionen ist eine Festanstellung allerdings ähnlich aussichtsreich wie ein Lottogewinn – Hygiene hin oder her. Auch mit Uniabschluss-Wisch ist nix mit Elite oder Einstiegsgehalt. Hallo prekäres Von-der-Hand-in-den-Mund-Dasein, Rattenappartement, fehlende Versicherungsleistungen und dauerhafter Zustand der »Neuorientierung«.    

»Prekarier« – das klingt wie ein Essverhalten, bedeutet aber in erster Linie ständige Existenzunsicherheit. Immerhin mit einem gewissen Repertoire an Nahrung wie Nudeln, Toast, Nudeln, Surf Cola, Wurst, die beim Aufmachen nach Pups riecht, im besten Falle ja!-Ketchup. Und Nudeln. Das ist zwar verdammt beschissen, aber auch alternativlos. Dementsprechend kann man sich den ganzen Armutslifestyle auch gleich zur romantischen Identität zurechtbiegen: Statt Museum – lümmeln unter der Parkskulptur, statt Ausgehen – cornern am Eckkiosk, statt Cafébesuch – Filterkaffee auf der eigenen Fensterbank. »Netflix and Chill« ist unsere Auslandsreise, Dosenbier unser Wein, Aldi-Feinkost unser Restaurant, der Fahrkartenkontrolleur-Sprint unser Sportprogramm. Angehende Künstler und große Denker haben das schon immer so vorgemacht, allein der Stories wegen. Da kommt schon mal die Frage auf: Was war zuerst da? Die Stories oder das prekäre Dasein? Geht das eine ohne das andere überhaupt?

Ich jedenfalls will es herausfinden: Es folgt also stumpfes Regale-Einräumen, für das ich zu langsam bin, Werbecola-Ausschank an problematische Kids auf einer Jugendmesse, bei der ich gleichzeitig »Gibt’s hier was umsonst???« gefragt, beklaut und angespuckt werde, Kasse in einer Großraumdiskothek, in der ich ständig zu viel Kohle rausgebe, und ein zweiwöchiger Ausflug ans Fließband eines großen Automobilherstellers – inklusive Pausenerfahrung als einzige Frau im Team der BILD-Zeitungsleser, Pegida-Fahrgemeinschaften-Planer und Nutten- und/oder Ehefrauen-Beschimpfer.
Doch auch ein blindes Huhn findet mal eine Korn-Cola. Und so lande ich an der Garderobe eines netten Clubs, sage in der Stunde achtzig Mal »einen Euro bitte!« und »Nein, schau noch mal nach, ich habe dir definitiv eine Marke gegeben«, lasse mich anbrüllen und bezirzen, verkünde irgendwann: »leider voll!« und meine damit die Garderobe und mich – und habe unendlich viel Material für all die Romane, für die ich keine Zeit haben werde. Aber wenigstens spüre ich das echte Leben – und umgestoßenes Bier auf meiner Strumpfhose.