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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Folge 3: Fitnessstudio-Besucher

Ich möchte Teil einer Bewegung sein #240

Das mit der Bewegung haben so ähnlich schon Tocotronic gesungen. Damit haben sie einen Impuls beschrieben, der die Popkultur am Leben hält. Auch unsere Kolumnistin Paula Irmschler kennt dieses Gefühl. Auf der Suche nach Halt und einer Peer-Group, die ihr ein Zuhause gibt, stolpert sie allerdings manchmal auch dahin, wo es wehtut. So richtig wehtut. Diesmal in Form von Muskelkater aus dem Fitti. Also, fast, denn schon der Weg dorthin (und zurück) wird kein leichter sein.
Geschrieben am
Wie jetzt? Rauchen, saufen, sich von Schokolade ernähren und bis zehn Uhr morgens in dreckigen Clubs abtanzen ist gar kein Sport? J’accuse! Mitbewohner Hannes sorgt sich um meine Gesundheit. Also nimmt er mich am Samstagabend mit »zum Sport«. Wir gehen ins »Fitti«, schön »pumpen«, irgendwas mit »Massephase«. Warum ich das möchte? Überwindung des Dickes-Mädchen-im Sportunterricht-Syndroms, kurz: Spaß am Scheitern! Ich kotze allerdings schon bei der Outfitfrage.

Deshalb versuche ich, das Vorhaben total überzuästhetisieren: Ich bin Jennifer Beals in »Flashdance«, a maniac, »just a steel town girl on a Saturday night, lookin’ for the fight of her life«. Erster Wallraff-Moment im Sportgeschäft: keine Übergrößen-BHs. Eklat! Skandal! Dann eben wackeln. Ansonsten Leggings, Body, Stirnband, Stulpen. Alles zwickt – und das schon ohne die kleinste Bewegung! Vielleicht vorsichtshalber bis Samstag nichts essen?! Aber vorher erst mal fürs Probetraining anmelden. Auf der Website schauen gestählte Menschen sportbeschäftigt an mir vorbei, und Normalos lächeln (für die Identifikation). Allerdings sind die nicht ganz so normal wie unsereins, also ohne wabblige Knie, Dehnungsstreifen oder Proportionen eines überfahrenen Hamsters. Ich klicke »ohne Trainer« an, habe ja Hannes, und fantasiere mir etwas von exotischen Kursen wie Zumba, Orient Moves, Crossover Cycling oder Aqua Jogging zusammen und packe vorsichtshalber Henna-Tattoo-Zubehör, Badeanzug und Fahrrad ein.

Es ist Samstag, und Samstag ist Selbstmord. Fit King [Name von der Redaktion geändert] hat 24 Stunden geöffnet, genau wie Mc Donald’s um die Ecke. Ich bin völlig overdressed. Hose plus Shirt ist hier das Ding, kann aber auch am Osten liegen oder an 2016. Überraschung: Teile der lokalen Antifa sind vor Ort, natürlich nicht wegen des heteronormativen Schönheitswahns, sondern in Vorbereitung auf den Straßenkampf. Ansonsten die bereits erwarteten Torstens, Ronnys, Cindys und Steffis. Bei meinem Probetraining sind eigentlich keine Kurse vorgesehen, ich schleuse mich dennoch unter verachtenden Blicken beim Zumba ein und muss nach wenigen Minuten feststellen, dass hier fortgeschritten grinsende Akrobaten am Werk sind. Ich lege mich erst mal schön auf die Schnauze.

Dann eben pumpen (nach der Zigarettenpause). Ich falle schon nach dem ersten Heben fast in Ohnmacht. »Bin ich schon schlank und fit und schön?« frage ich beim Zurückblinzeln in die kalte Leistungs-Realität Hannes, der mir hastig Luft zufächelt. »Haste überhaupt in letzter Zeit mal was gegessen?« fragt der zurück. Ich schrecke auf: Geil, Essen! Mc Donald’s, ich komme! Mein Körper besteht nur noch aus Essenstrieb und dem Willen nach dessen Befriedigung. Ich laufe einfach los, schnapp mir zehn kostenpflichtige Eiweißriegel und verlasse den Tempel für Jünger mit Tagesabläufen, Disziplin und Zukunft und ihrer Tüchtigkeit in grellem Spotlight. »She has danced into the danger zone«! Beim Wegrennen vor der Security verbrenne ich Kalorien im dreistelligen Bereich ... na bitte!