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Hot Pot mit Kutteln vom Schweinemagen und Pekingente als Taco

Kochen mit Hang On The Box / Gia

Thomas Venker suchte die etwas andere Küche und fand sie in China.
Geschrieben am
Hot Pot mit Kutteln vom Schweinemagen? Pekingente als Taco? Sind wir noch bei Intro oder doch schon bei Beef? Thomas Venker suchte die etwas andere Küche und fand sie zwischen Punkrock, New Wave und Electro-Pop in China.

Man kennt das Szenario aus "Lost In Translation", Sofia Coppolas stimmungsvollem Japanbildnis: Zwischen dem Künstler und der Erkenntnis steht der Übersetzer. In unserem Fall heißt er Nee Bing, ist hauptberuflich Partypromoter (u. a. bucht er Richie Hawtin für China) und gut vernetzter Kulturtausendsassa. Kaum in Peking gelandet, schleift er mich in letzterer Mission in ein gigantisches Kaufhaus. Dass der Konsumterror im China des Postkommunismus absurd groß ist, das ahnte man ja, aber müssen wir wirklich im Jetlag-Halbschlaf shoppen? Nein, müssen wir nicht.

Die Stimmung mutet eher wie in George Romeros Zombie-Epos "Dawn Of The Dead" an. Die Gangfluchten sind menschenleer. Nur ganz schwach ist in der Totenstille ein Klopfen zu vernehmen. Nee Bing erklärt, dass das Kaufhaus erst in einigen Wochen öffne, bis dahin habe der Besitzer es Künstlern zum Bespielen zur Verfügung gestellt. So gut weiß der Kapitalismus hier also die Subkultur an die Leine zu nehmen. Respekt.


Hier treffen wir Wang Yue zum ersten Mal. Sie ist eine der zentralen Personen der chinesischen Musikszene. Neben ihrer Hauptband Hang On The Box, die sich zwischen Punkrock und New Wave positioniert und deren restliche Mitglieder wir später zum Hot-Pot-Essen treffen werden, betreibt sie noch gemeinsam mit Huang Wei das experimentelle, zwischen Electro-Pop und glitzerndem Indie-Songwritertum angelegte Projekt Gia. Jetzt und hier hängt sie aber die am nächsten Tag eröffnende Ausstellung. Gezeigt werden Partybilder der Nullerjahre - es könnten aber auch Schnappschüsse aus dem Studio 54 oder der Gallery Berlin-Tokyo sein.

Bei so viel Neigung zum ausdrucksvollen Auftritt verwundert es nicht, dass Wang Yue später beim Hot-Pot-Essen davon spricht, nie lange einem Stil treu bleiben zu können. Man habe Hummeln im Arsch hier in China, suche die Veränderungen mit aller Macht - auch wenn man sich, da kommt das andere große Axiom des Landes ins Spiel: die Marktorientierung, als Musiker nicht von den Erwartungen der Fans frei machen könne.

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Hot Pot mit Kutteln vom Schweinemagen? Pekingente als Taco? Sind wir noch bei Intro oder doch schon bei Beef? Thomas Venker suchte die etwas andere Küche und fand sie zwischen Punkrock, New Wave und Electro-Pop in China.

Die Fans haben immer noch nicht wirklich verziehen, dass sich die Punkrockband Hang On The Box über ein Dancerock-Intermezzo zu einer New-Wave-Band gewandelt habe. Scheinbar die restliche Band auch nicht: Alle anderen bisherigen Mitglieder sind jedenfalls ausgestiegen. Aktuell setzt Yue mit komplett neuer Band zum Neustart an. Jung ist diese neue Besetzung. Und strickt unter dem Kommando der Bandleaderin.

Erst bei der Frage nach den sonstigen Jobs spricht mal die Runde via Übersetzer zu mir. Die Beschäftigungen reichen dabei von Installationskünstlerin über TV-Promoter, Manager, Filmmusiker bis zur Landschaftsgärtnerin. Zeit, mal ein bisschen den Widerstandsappeal rauszukitzeln. Oder auch nicht. Da gibt es nämlich nicht viel. Die auch hier omnipräsenten Marken im Kulturbetrieb finden sie gut, da die richtigen und coolen.

Politik habe in der Kultur nichts verloren, das sei eben im postkommunistischen China so - warum auch, man lebe ja in einer Zeit ohne Krieg und wirtschaftliche Probleme (da staunt der Besucher aus der kräftig konkursgefährdeten Eurozone nicht schlecht). Man bringe lieber Persönliches ein, erzähle vom eigenen Leben, Beziehungen und Ambitionen.

Und isst offensichtlich gerne. Die Band, die beteuert, noch nie gemeinsam essen gegangen zu sein, spachtelt, als sei es das letzte Mahl oder, wahrscheinlicher, das erste seit Langem. Als sie meinen angeekelten Blick auf die Schweinebauchkutteln sehen, begleitet von der Bitte um Alkohol, wird gelacht und belehrt: "Alkohol sei out. Gesundheit sei der neue Rock'n'Roll." Dann lieber Feierabend für heute.

Zumal der nächste Tag das nächste Treffen mit sich bringt. Bei einer Pekingente. Das Da Dong gilt derzeit als das Restaurant to be in Peking. Abseits der sehr traditionell aufbereiteten Hausspezialität gibt es hier eine ambitionierte Fusion-Küche, die sich vor führenden Herbergen in Tokio, Paris und New York nicht verstecken muss. Spezialitäten des Maître sind beispielsweise gedünsteter Seeigel, marinierter Rettich auf Rote Bete oder Foie gras aus Truthahnleber.

Bei so viel Exzentrik ist es nicht weit bis zu Gia: Für dieses Projekt, erzählt Wang Yue, schminke sie sich immer exzessiv. Eine Untertreibung, gelinde gesagt: Das Mädchen auf den "Kochen mit"-Bildern hat nichts mit der knallpink gestylten Frontfrau von Gia zu tun, deren Herz dem Barock zu gehören scheint. Ebenso gewagt die Musik: ein Schmelztiegel aus J-Pop, Fischerspooner, Peaches und Kings Of Convenience.

Kaum ist der Vergleich ausgesprochen, wird es ruhig am Tisch. Da fehlen selbst unserem bis dato tighten Dolmetscher offensichtlich die Worte. Na ja, reicht ja auch.

Hang On The Box "DI DI DI" (Bad News / Import)
Gia "The Brilliant Gia" (Modern Sky Entertainment / Import)