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Von Müttern und Würsten

Hausbesuch im Vinylpresswerk

Es gibt nicht mehr viele Firmen, die in großem Maße Vinylschallplatten produzieren. Die optimal:media GmbH in Röbel ist einer der wenigen großen Player auf diesem sehr eigenen Markt. Hier pressen neben den Majors auch die von uns sehr geschätzten Labels Mute, City Slang, Staatsakt, Warp und Sub Pop ihre Alben. Daniel Koch und Fotograf Leon Reindl haben sich zu einem Hausbesuch samt Führung aufgemacht.
Geschrieben am
Röbel an der Müritz, knapp 5.000 Einwohner, anderthalb Autostunden von Berlin entfernt. Ein Industriegebiet, wie man es aus vielen Kleinstädten kennt: mit dem Lineal gezogene Straßen, Metallzäune, funktionale Bauten, Hallen in Lego-Architektur, Metallgrau trifft auf Mintgrün, auf Rostrot, auf Ozeanblau. Im schick gestalteten Hauptgebäude der optimal:media GmbH sieht man dann zum ersten Mal, dass hier in der mecklenburgischen Provinz ein ganz besonderes Kulturgut gefertigt wird: In einer Glasvitrine steht die ebenso sündhaft teure wie schön gestaltete Vinylbox »The Beatles In Mono«, darunter die aktuellen Alben von Taylor Swift, Westernhagen und Nena.

Die optimal:media GmbH ist mit rund 650 Angestellten größter Arbeitgeber der Region. Die 100%ige Tochter des Edel-Konzerns fertigt neben hochwertigen Drucken, CDs, DVDs und Blu-rays auch Vinlyschallplatten. Wenn man also nachfragen will, ob der selbst in den Wirtschaftsteilen großer Tageszeitungen ausgerufene Run auf Vinylalben tatsächlich existiert, ist man hier an der richtigen Adresse. Bei einem Besuch merkt man schnell, dass dieses Geschäft ein recht eigenwilliges ist. Andreas Kohl, zuständig für den Kundenservice im Datenträgerbereich, erklärt die einerseits vorteilhafte, andererseits nicht unproblematische Geschäftslage so: » Wir beobachten den Markt sehr genau und stehen auch in Kontakt mit vielen Vertrieben, anderen Presswerken und Studios. Die Branche geht davon aus, dass wir seit Mai 2014 in einer Situation sind, in der die globale Nachfrage die globalen Kapazitäten übersteigt. Eigentlich hätte sich das nach den Gesetzen des Marktes Ende 2014 wieder einpegeln müssen, aber bisher hat es das nicht getan.« Sagt’s und führt uns durch das Vinylpresswerk. Ihm zur Seite steht Petra Funk, Assistentin der Geschäftsführung und für die PR des Hauses zuständig. Auch sie macht deutlich, dass diese Situation natürlich eine wirtschaftlich luxuriöse, aber eben nicht unkomplizierte ist: »Wir arbeiten seit Mai 2014 im Vierschichtbetrieb, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. An Ostern und Weihnachten versuchen wir, zwei Tage freizumachen. Theoretisch könnten wir auch da weiterarbeiten, aber das wollen wir unserem Personal nicht zumuten. Es ist so schon schwer genug, Personal zu finden.«
Bild: Leon Reindl
Nach dieser Aussage fragt man sich, wie es wohl wäre, wenn die Firma ihren Sitz in Berlin hätte. Vielleicht gar in Laufweite eines dieser tollen Plattenläden wie Spacehall oder Mr. Dead & Mr. Free. Ob es dann auch diese Probleme gäbe? Denn in den Räumen von Optimal gibt es viele Arbeitsplätze, die sich für Vinylfans erst einmal traumhaft anhören. Zum Beispiel der erste auf unserer Tour: Bei der sogenannten »Mutterkontrolle« besteht die Aufgabe des Mitarbeiters darin, die Mutter – aus der das Presswerkzeug einer Schallplatte gefertigt wird – komplett abzuhören und auf Fehler zu untersuchen. Bei unserem Besuch läuft hier gerade »Set Fire To The Rain« von Adele. Kann man machen, gibt’s aber auch schlimmer: »Die harten Metal-Sachen können schon mal anstrengend werden. Oder Avantgardistisches: Ich hatte mal ein Album, auf dem nur Türknarren zu hören war.« Auch die Verpackungsabteilung lässt unser Herz aufgehen: Hier werden die Platten von Hand kontrolliert und in ihre Hüllen geschoben – die übrigens auch komplett bei optimal:media produziert, gedruckt und gefaltet werden können. Auf Euro-Paletten liegt die Alex-Turner-Vinyl-EP mit dem Soundtrack zum Film »Submarine«, daneben laufen Stapel des Albums »Makes A King« von The Very Best über ein Förderband. Dennoch ist klar: Es ist ein klassischer Kommissionierjob, bei dem sich der Reiz des Arbeitsobjektes auf Dauer vielleicht auch abnutzt.  Später im Herzstück, dem Presswerk, ist es ähnlich: Die automatischen Vinylpressen sind schön anzusehen, aber allesamt mindestens 30 Jahre alt und folglich etwas lauter als die filigrane Technik der Jetztzeit. Dennoch ist der Vorgang wahnsinnig spannend und der Job gerade wegen der alten Technik herausfordernder als andere in der industriellen Fertigung. Aber was passiert in diesen Maschinen jetzt eigentlich genau? Andreas Kohl erklärt den Prozess so: »Das Rohmaterial, das zu 80% aus PVC besteht, wird in einem Schlauch in die Maschine gezogen, erwärmt und zu einer Art Wurst verarbeitet. In einem Extruder wird dann ein Stück – der sogenannte ›Puck‹ – abgeschnitten. Daran werden bereits die Etiketten befestigt, bevor der Puck dann mit 80 Gramm pro Quadratmeter und 100 Tonnen von einer 130 Grad heißen Druckplatte zur Vinylscheibe gepresst wird.« Der ganze Vorgang dauert pro Platte 26 Sekunden.
Bild: Leon Reindl
Die Pressmaschinen sind auch der Grund, warum dieser Markt so besonders ist. »Es gibt keine neuen Pressen, und es gibt auf dem Markt auch keine alten. So einfach ist das.« Bedeutet: Eine neue Maschine nach heutigen Industrierichtlinien zu bauen wäre schlichtweg zu teuer und würde sich nur bei einer Nachfrage lohnen, die der Markt dann doch wieder nicht hergibt. Also setzt man auf die wenigen existierenden Pressen. »Die letzte Maschine ist 1984 vom Band gelaufen, und es gibt nur wenige ernst zu nehmende Hersteller, die in so großen Serien gebaut haben, dass unser Pensum möglich ist: die schwedischen Toolex Alpha, mit denen wir arbeiten, das amerikanische Äquivalent SMT sowie Taunus Ton Technik (TTT), Hamilton und Lened.« Für die Verschleißteile der Maschinen gibt es im Werk eine eigene Fertigung. Petra Funk erklärt: »Wenn so eine Maschine kaputt geht, kann man nicht einfach irgendeinen Reparaturservice anrufen. Die Wartung und Bedienung bleiben ein spezielles Handwerk, das man lernen muss. Es wird sozusagen von den älteren an die jüngeren Mitarbeiter weitergegeben, in einer Art Paten-Modell, was ja wiederum eine schöne Sache ist.« 

Die Firma optimal:media hat bereits 1995 mit der Vinylpressung begonnen. Aber so ganz wusste man damals nicht, worauf man sich da einließ. »Eigentlich war es lediglich unsere Philosophie, dass man in unserem Hause die volle Produktpalette anbieten wollte – also neben digitalen Datenträgern auch analoge. Ein wenig Liebhaberei spielte natürlich auch mit rein, aber inzwischen ist Vinyl ein wichtiger Umsatzträger.« Zwar sei die CD-Fertigung noch immer der Hauptschwerpunkt, mit dem Geschäftsjahr 2014 als bisher bestes Ergebnis, aber mittlerweile mache die Vinyl-Produktion rund 30% des Umsatzes aus. Während man damals mit zwei Maschinen gestartet hatte, habe man seit 2013 rund 30 Maschinen im permanenten Einsatz mit einem Output von rund 17 Millionen Schallplatten im Jahr. »Und es reicht immer noch nicht«, so Petra Funk.

Für den Record Store Day in diesem Monat sind übrigens keine Engpässe zu befürchten: »Nachdem es im letzten Jahr wirklich haarig wurde, haben wir für 2015 schon im November mit unseren Kunden gesprochen, um die Aktionen und Sonderveröffentlichungen zu planen. Wenn jetzt noch einer anruft, sagen wir dann auch schon mal: ›Tolle Idee, machen wir dann 2016.‹« 

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