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Pimmel und Kotzapparate

Hausbesuch beim Experten für Special Effects

Er brachte Tom Hanks zum Kotzen, hat immer drei verschiedene Pimmel zur Auswahl und zeichnet für Sidos berühmte Masken verantwortlich. Kürzlich hatte er seine experimentierfreudigen Finger bei »Blade Runner 2049« im Spiel: Der Experte für Special Effects (SFX) Marcel Caspers betreibt im Berliner Stadtteil Lichtenberg seine dr jones laboratories. Gaby Summen hat einen Blick in seinen Arbeitsalltag geworfen – wenn man dabei überhaupt von Alltag sprechen kann.

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Auf einem stillgelegten 15.000 qm großen Bahngelände liegen die BLO-Ateliers, Homebase einer der größten Künstlergemeinschaften im Berliner Osten. Wo einst Honeckers Regierungszug stand, um jederzeit abdampfen zu können, falls der Klassenfeind angreifen sollte, werkeln heute um die 90 Künstler und Handwerker – darunter auch Marcel Caspers. Neben dem Atelier des SFX-Experten wird an Einrichtungsgegenständen für das Berghain und andere Berliner Clubs gehämmert, ein paar Meter weiter baut jemand Fahrräder aus Bambus zusammen, während ein Steinmetz an kühlen Möbeln aus Beton arbeitet. Rund um das Bahngelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks Lichtenberg Ost rumpeln S-Bahnen sowie Fern- und Güterzüge über die Gleise.

»Das Gute ist, dass man auf diesem Gelände keine Townhouses bauen kann: Der Boden ist viel zu verseucht, und zu allen Seiten gibt es Bahngleise und nur einen einzigen Zugang«, sagt Caspers mit dem für ihn typischen Überlebenshumor. 2004 wurde das Gelände vom gemeinnützigen Verein Lockkunst e.V. angemietet und wird seitdem ohne öffentliche Subventionen bewirtschaftet. »Im Sommer verirren sich immer irgendwelche Bahnrentner hierhin«, erzählt Caspers bei einem kleinen Rundgang über das punkig-grüne Gelände, das unter Denkmalschutz steht und auf dem auch ein paar Bienenstöcke eine Heimat gefunden haben. »Die werden dann ganz nostalgisch und erzählen mir, dass sie hier 40 Jahre gearbeitet haben, und fragen, ob sie sich ‘nen Gleisnagel rausschrauben dürfen«, fährt der bärtige Künstler fort, der einst bei den legendären Cockbirds gesungen hat und zurzeit gelegentlich mit der Punk-Band The Problems auftritt.

Jetzt aber nichts wie rein in die gute Stube, die dr jones laboratories sind für Horrorfilmfans schließlich ein wahres Paradies: Auf den Regalen und Fensterbänken liegen Ratten, aus denen Gedärme hervorquellen, blutige Köpfe, glitschige Kois, irgendwo mittendrin kann man Abgüsse von Sidos erster und zweiter Maske erkennen. Ratten, Gedärme, Sido? Wie kommt man bloß zu einem solchen Beruf? »Ich habe mit acht Jahren ›King Kong und die weiße Frau‹ gesehen und wusste sofort, dass ich so etwas auch mal machen möchte. Später habe ich mich dann erst an Filmhochschulen für Trickfilm beworben, aber da wird man natürlich nicht genommen, wenn man nicht zeichnen kann«, erzählt Caspers.
»Als ich nach Berlin gekommen bin, hatte ich Glück und habe ein Stop-Motion-Studio gefunden, in dem ich dreieinhalb Jahre gearbeitet habe. Zwar habe ich dort kein Geld verdient, aber viel über Mechanik und Grundlagen gelernt. Das wurde mir dann irgendwann zu langweilig, und ich wollte lieber mit echten Menschen arbeiten. Beim Trickfilm haben wir manchmal an einer Acht-Sekunden-Einstellung 14 Stunden gedreht. Oft siehst du monatelang nur die Leute, mit denen du arbeitest, dabei bin ich fast wahnsinnig geworden.« Daraufhin landete Caspers bei dem Puppenspieler Thomas Rohloff, mit dem er auch den Koffer aus der Kindersendung »Siebenstein« weiterentwickelt beziehungsweise fernsteuerbar gemacht hat.

Bei seinem ersten Kinofilm, dem Trashfilm »Lovelorn«, hat Caspers dann zwei Mädels kennengelernt, die für das SFX-Make-up verantwortlich waren. Mit ihnen hat er schließlich die Firma dr jones laboratories gegründet. Als die Aufträge irgendwann ausblieben, ist er bei einem Kollegen reingerutscht, der die klassischen Special Effects anbietet, also Schnee, Regen, Explosionen, Feuer. »Gemeinsam haben wir mal Tom Hanks zum Kotzen gebracht. In ›Ein Hologramm für den König‹ gab es eine Szene, bei der er aufs Bett brechen sollte – was allerdings nicht funktioniert hat. Also haben wir einen Kotzapparat gebaut und den an Hanks Gesicht geklebt. Hanks war wirklich nett und easy, hatte aber die ganze Zeit einen Bodyguard dabei, der immer alles zuerst sehen wollte. Als wir rausgingen, saß Tom Hanks in seiner Lounge und rief uns grinsend hinterher: ›You made me sick!‹«

Auch Caspers grinst jetzt und holt dabei einen lebensecht wirkenden Koi von der Wand. Den hat er für Matthias Schweighöfers Film »Der Nanny« gebaut. »Im Film gibt es eine Szene, in der ein Ferrari eine Treppe runterfährt und in einem Koi-Teich landet. Nach und nach poppen ein paar Kois nach oben. Den Effekt haben wir hinbekommen, indem wir den Fischen an verschiedenen Stellen Schwimmer eingebaut haben. Dazu gab es Ösen und Bodenanker, die an einem langen Drahtseil befestigt waren. Das Seil habe ich vom Ufer aus rausgezogen und konnte so die Fische nach und nach hochspringen lassen.«

Am allermeisten schwärmt Caspers von Produktionen mit Marcus Mittermeier und dem Drehbuchautoren Jan Henrik Stahlberg. »Bei ›Muxmäuschenstill‹ ging es um mehrere Szenen mit Exhibitionisten im Görlitzer Park. Weil die Statisten nicht bereit waren, ihren echten Schwanz rauszuholen, habe ich dafür drei verschiedene Pimmelmodelle gebastelt. Seitdem ruft Stahlberg mich mindestens alle zwei Jahre an, und ich frage ihn, welchen Pimmel er nun wieder braucht. Meist soll ich einfach alle drei mitbringen. Einer davon passt immer – bei seinen Filmen spielt irgendwie immer ein Pimmel mit.« Die Herstellung der Penisse hat sich ziemlich gelohnt, denn Caspers konnte sie nicht nur immer wieder in Stahlbergs Filmen verwenden, sondern zum Beispiel auch für Rosa von Praunheims Psychothriller über den Kannibalen von Rothenburg.

Aber ein wahrer SFX-Spezialist hat über mehr Absurditäten als Kois, Pimmel und Kotzapparate zu berichten. In Mittermeiers und Stahlbergs Mediensatire »Short Cut To Hollywood« beispielsweise gab es eine Szene, in der die Protagonisten nachts einem Kojoten ausweichen mussten. Also galt es, einen toten Kojoten zu besorgen. Damit der nicht zu stinken anfing, musste er gefroren sein. Aber wie soll man einen toten gefrorenen Kojoten auch nur annähernd lebendig aussehen lassen? »Wir haben ein Stahlgestell schweißen lassen und nachts vor dem Eiswürfelautomaten unseres Motels einen Tapeziertisch aufgebaut und mit Blumendraht den toten Kojoten auf das Drahtgestell geknüppelt. Die fettleibigen Amis, die sich nachts Eiswürfel für ihre Coke holten, haben nur den Kopf geschüttelt über ›those crazy Germans‹.« Damit die Kojoten-Augen noch ein bisschen reflektierten, das Tier also nicht völlig hinüber aussah, hat Caspers ihm nachts am Set Folie aus einer Überlebensdecke unter die Augen gefummelt und seinen Kopf mit einer Angelsehne an der Schwanzwurzel befestigt.

Caspers Arbeit hat aber glücklicherweise nicht immer mit Pimmeln, Kotzapparaten und toten Tieren zu tun. Zwischen anderen Wunderlichkeiten hängt beispielsweise auch Sidos legendäre Maske an der Werkstatt-Wand. Der Kontakt kam über den Horrorfilmregisseur Jörg Buttgereit zustande. Sidos damaliges Label Aggro Berlin hatte recht genaue Vorstellungen, wie die Maske aussehen sollte. Die zweite Maske hat Caspers vor drei Jahren gemeinsam mit Sido »in einem sehr kreativen Whatsapp-Verlauf« entwickelt: »Damals hatte ich noch die alte, ziemlich kleine Werkstatt, Sido war vier Wochen zuvor Vater geworden. Er kam mit Frau und Säugling vorbei, wir saßen zu viert in meinem kleinen Kabuff, und ich hab seinen Schädel abgeformt. Supernetter Kerl übrigens.«

Der Kontakt zu Buttgereit brachte Marcel Caspers auch die Mitarbeit am Film »Die Reise ins Glück« ein. Dort war er für explodierende Wachteleier und Schweineinnereien während eines Empfangs zuständig. Doch die Explosion beim Dreh verlief nicht ganz so wie geplant: »Das artete in eine Riesensauerei aus, weil erstens der Pyrotechniker keine Ahnung und aufgrund dessen viel zu viel Ladung reingepackt hatte und zweitens der SFX’ler – also ich – damals auch keine Ahnung hatte und echte Schweinelungen, -leber, -nieren und so weiter verwendet hatte. Trotz Zeitlupe hat man nichts von der Explosion sehen können, dafür tropfte aber noch eine Stunde später pulverisiertes Schweineinneres mit Kunstblut von der Hallendecke.«

Bei Caspers Job kommt es also vor allem auf Erfahrung, ziemlich viel Experimentierfreude und natürlich Kontakte an. Selbige brachten ihm schließlich die Mitarbeit am neuen »Blade Runner« ein: Nachdem er vor zwei Jahren bei den Dreharbeiten zu »Captain America« mitgewirkt hatte, fragte ihn die SFX-Firma, ob er für ein halbes Jahr nach Budapest ziehen würde, um bei den Special Effects für »Blade Runner 2049« mitzuarbeiten. »Das war natürlich nicht nur finanziell sehr verlockend. ›Blade Runner‹ hat ja genau wie ›Alien‹ das Sci-Fi-Genre komplett neu definiert, und jeder neue Film muss sich auch nach all den Jahren immer noch daran messen lassen. Und obwohl ich am Film mitgewirkt habe, weiß ich nur teilweise, wie der neue ›Blade Runner‹ aussehen wird. Die Trailer werden im Netz ja genauso gnadenlos auseinandergenommen wie damals die Sex-Pistols-Reunion-Tour. Bleibt nur zu hoffen, dass die Visual-Effects-Abteilung dafür sorgt, dass am Ende alles zusammenpasst und nicht am Rechner unnötigerweise nachgebaut werden muss.«

Ein bisschen was weiß Caspers dann aber doch noch von den Dreharbeiten zu berichten: »Herr Gosling ließ sich meistens in einer verdunkelten Limousine zum Training fahren, während Harrison Ford täglich mit dem Elektro-Golfcart ankam. Indy Jones lenkte natürlich selbst, seine Bodyguards mussten auf dem Rücksitz Platz nehmen – im Tick-Trick-und-Track-Style.«

Als ich Caspers’ Labor verlasse, fällt mir noch ein imposantes Rindergeweih auf, das an einer Wand lehnt. Das präpariere er gerade für seinen Frisör, erzählt Caspers. Als Bezahlung gibt’s ein Jahr umsonst Haare schneiden – für ihn und seine Frau.