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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Google Street View zum Punk der Achtziger

Hardcore Architecture

Marc Fischer ist als Teenager der Achtzigerjahre dem Hardcore verfallen. Heute auf Ebay nach alten Kassetten zu jagen und aus verblassten Fotos Triptychen an der Wohnzimmerwand zu bauen, reizt ihn allerdings nicht. Er sucht mithilfe von Google Street View und dem Fanzine-Urgestein Maximum Rock’n’Roll die damaligen Adressen alter Bands heraus und kommt auf seinem Blog Hardcore Architecture zu höchst amüsanten Ergebnissen bezüglich der Wiege anti-autoritärer Musik.
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Wie die Werdegänge altehrwürdiger Bands für gewöhnlich von ihren Verehrern dokumentiert werden, liegt auf der Hand: Der ehrfürchtige Blick eines glühenden Sonic-Youth-Fans gleitet über ein Sammelsurium von alten Konzertkarten und Postern, zerschlissenen Shirts, Aufnähern und bestenfalls verranzten Polaroid-Fotos aus der einen Bar, wo sie 1982 immer gespielt haben, bevor sie berühmt wurden – und so weiter. Kein Mensch aber verbindet die Band um Kim Gordon und Thurston Moore mit einem mehrstöckigen Backsteinhaus, mit kleinen Wohnungen oben und einer Reihe von schmuddeligen, chinesischen Restaurants unten. Doch genau diese Perspektive liefert Marc Fischer auf seinem Blog Hardcore Architecture zu einem Review-Schnipsel der »Sonic Death«-Kassette von 1984.
Hintergrund ist, dass in den prähistorischen Zeiten ohne Internet viele Fanzines die Adressen der Bands neben den entsprechenden Reviews zu Demos oder EPs druckten, damit man sie erreichen konnte, um zum Beispiel nach der Lektüre einer überzeugenden Kritik eine Kassette zu erstehen. Marc Fischer – Lehrer, Künstler und einst großer Hardcore-Fan – blättert sich nun schon seit einigen Jahren durch die alten Ausgaben des berüchtigten amerikanischen Punk- und Hardcore-Fanzines Maximum Rock’n’Roll, um die angegebenen Postanschriften auf Google Street View zu suchen. Das Ergebnis amüsiert: Pittoreske Häuschen in sonnigen Suburbs brachten Bands mit Namen wie Death Row, Cryptic Slaughter oder Public Humiliation hervor. Während die rebellische Avantgarde der Achtziger an ihrer musikalischen Revolte, an donnernden Drums und kreischenden E-Gitarren tüftelte, bewässerte wahrscheinlich nebenan der Nachbar seinen Rasen. Vielleicht schrieb der Frontmann von Suburban Mutilation gerade einen unflätigen Songtext für die Bandprobe, als die Eltern ihn aus seinem Zimmer im ordentlichen Einfamilienhaus zum Mittagessen riefen.
Dieser Kontrast zeichnet eine Seite der Geschichte des Hardcore, die fernab ist von schwarz-weißen Bandfotos und Albumcovern, Schnappschüssen aus versifften Konzertlocations und abgewetzten Jeans. Die Ästhetik, die die Teens und Twens der Punk-Szene damals für sich auserkoren, bleibt völlig außen vor. Stattdessen zeigt der Blog die wahre Wiege des Genres - das mondäne, bürgerliche Setting, das vielleicht die Freigeister von damals zum Wahnsinn trieb. Oder etwa nicht? Wir haben Marc Fischer ein paar Fragen zu seinem Blog, zu den Suburbs und zur heutigen amerikanischen Politik gestellt.
Viele Dinge passieren für junge Bands heutzutage online. Glaubst du, dass es in 30 Jahren genauso faszinierend sein wird, sich durch die Web-Archive zu graben?
Stimmt, was du damals per Post verschickt hast, ist heute ein Link zu Soundcloud oder Bandcamp. Ich bin nicht besonders optimistisch, was den Zugriff auf den heutigen Internet-Content in 50 oder sogar nur in 10 Jahren angeht. Ich mag aber die Idee, dass irgendwelche 65-Jährigen später mal Leute anschreiben und fragen, ob sie noch das 2017 auf Bandcamp veröffentlichte Zeug irgendeiner Band haben. Ich glaube, Leute werden immer irgendwie den Sounds hinterherjagen, denen sie früher etwas abgewinnen konnten.

Hat dich jemals wer angeschrieben, der eines der Häuser erkannt hat? Oder vielleicht sogar darin wohnt?
Ich schaue manchmal in die Kommentare, wenn Leute die Sachen auf Tumblr teilen. Manche Städte sind ganz gut vertreten, aber für manche ist das schon eine große Sache, wenn ich eine Band aus ihrem Ort finde. Es haben schon Leute Häuser erkannt, die bei ihnen um die Ecke waren, auch wenn sie die Band nicht kannten. Ich habe mitbekommen, dass manche Bandmitglieder sogar noch in den Häusern wohnen. Bei anderen Bands wohnen noch die Eltern dort. Ich liebe es, wenn Google Street View die Bewohner oder Nachbarn dabei einfängt, wie sie friedlich im Vorgarten vor einem Haus rumhängen, in dem früher jemand aus einer Band namens Rotting Humans gewohnt hat.

Was ist aus Maximum Rock’n’Roll geworden?
Ich habe es ein bisschen vergeigt, bei der Musik aus Maximum Rock’n’Roll auf dem Laufenden zu bleiben und auch das Fanzine selbst habe ich zeitweise aus den Augen verloren. Das Projekt hat mich aber wieder neugierig gemacht und neulich habe ich Grace Ambrose, eine der aktuellen Koordinatoren, für ein Hardcore Architecture-Heft interviewt. Ich finde, sie macht einen fantastischen Job. Mit ihr zu sprechen hat mir klargemacht, wie sehr sich das Heft entwickelt hat. Es sieht besser aus als je zuvor, die Qualität der Texte ist besser und die Interviews sind tiefgründiger. Die Reviews sind länger und detaillierter, und die Leute, die daran arbeiten, sind diverser. Mein Projekt hat sich bis dato mit den Achtzigern beschäftigt, also mit einer Zeit, wo weiße Jungs über Musik von weißen Jungs geschrieben haben. Das ist heute viel weniger der Fall, was erfrischend ist.

Hatte Hardcore Architecture irgendwelche unerwarteten Folgen?
Ich hatte angenommen, dass es nur für Leute spannend sein würde, die diese Art von Musik hören, aber ich war angenehm überrascht, wie viele Bandmitglieder darüber in den sozialen Netzwerken gepostet und sich gefreut haben, darin aufzutauchen. Ich war etwas besorgt, dass Leute sauer darüber werden würden, wenn ich die Häuser ihrer Kindheit zeige. Aber das war nicht der Fall. Ich hab mich sogar mit vielen angefreundet durch dieses Projekt.

Wie verändert Hardcore Architecture die Wahrnehmung der Hardcore-Subkultur der Achtzigerjahre?
Man muss vorsichtig sein mit Annahmen über Bands und ihre Musik, die auf Fotos ihrer Wohnorten basieren, die ja 25-30 Jahre später aufgenommen wurden. Manche Teile des Landes haben sich natürlich kaum verändert, aber Städte wie New York oder San Francisco sind so teuer geworden, dass man sich manche Viertel unmöglich als Orte vorstellen kann, wo Underground-Musik Gestalt annehmen konnte. Amerika ist ziemlich groß und ein teuer aussehendes Haus kann irgendwo ein Fünftel von dem kosten, was man für ein Haus in Los Angeles bezahlen würde, dass dreimal kleiner ist. Abgesehen davon stimmt es einfach, dass Teenager in wohlhabenden Gegenden eher die Zeit und die Ressourcen haben, sich Dingen wie einer unrentablen Hardcore-Band zu widmen. Ich war zwar nicht in einer Band als Teenager, aber ich habe ein Fanzine gemacht und es wurde größtenteils an den Wochenenden auf dem Fotokopierer der Maklerfirma gedruckt, bei der mein Vater gearbeitet hat. Mein Dad und ich hatten musikalisch und politisch wenig gemeinsam, aber er hat mich immer in meinen kreativen Vorhaben unterstützt. Er hat auch die meisten Zines mit der Frankiermaschine der Firma verschickt. Ich glaube, es hat ihm Spaß gemacht, seinen Arbeitgeber zu meinen Gunsten zu beschwindeln. Antiautoritäre Kunst und Musik geschehen auf seltsame Weise, mit Hilfe aus den unwahrscheinlichsten Ecken. Ich glaube, das Projekt hat mehr Geschichten darüber herausgekitzelt, wie Eltern diese Form von Musik manchmal sogar gefördert haben, was natürlich nie in den Lyrics auftaucht und worüber um Gottes auch keiner spricht. Ich unterrichte heute Schüler einer öffentlichen High School in Chicago und manche von ihnen mögen Musik und spielen auch Instrumente. Aber ihr Leben ist zu hart, um eine Band zu gründen. Einfach zu leben und ihre Familien zu unterstützen fordert all ihre Energie.

Was genau macht Hardcore Architecture so unglaublich nostalgisch?
Musikfans klammern sich eben oft an Erinnerungen an Bands, die sie zu jener Zeit mal gesehen haben und an die Alben, die sie gekauft haben, bevor sie rar und teuer geworden sind. Ich glaube, davon sind die Punk- und Hardcore-Fans nicht ausgeschlossen. Wahrscheinlich sind sie noch viel schlimmer als der durchschnittliche Musikliebhaber. Es ist gesund, glaube ich, die Leute daran zu erinnern, dass mindestens einer der Kerle in dieser legendären, krassen Band die du liebst, in einem großen, schicken Haus in einem malerischen Suburb mit vielen schönen Bäumen groß geworden ist. Vielleicht hilft es, die Romantik etwas zu dekonstruieren. Jeder kommt irgendwo her. Und es nicht immer so spannend, wie Leute es sich vorstellen. Vielleicht ist es auch gerade interessant, weil sie in dieser uninspirierenden oder bequemen Umgebung etwas so Außergewöhnliches und Wütendes geschaffen haben.

Hast du dir je Gedanken gemacht, dass Leute jenseits der Staaten einen völlig anderen Blick auf die Fotos haben? Die amerikanischen Suburbs sind in Europa ja ein Kuriosum für sich.
Ich bin in den Suburbs von Philadelphia aufgewachsen und viele der Häuser auf Hardcore Architecture sehen aus wie das Haus meiner Eltern. Es gibt aber viele regionale Unterschiede in der Architektur und Wohnsituationen. Der Blog zeigt das den Nicht-Amerikanern vielleicht ein bisschen. Ich habe die Suburbs nie als Paradies oder Albtraum wahrgenommen, das wäre viel spannender als die Realität. Das Problem war dort immer, fantasievolle, radikale und subkulturelle Seltsamkeiten aufzustöbern – dafür ging man in den Achtzigerjahren in Platten- und Buchläden. Oder in College-Bibliotheken und Videotheken, die auch Dokumentarfilme oder Filme abseits des Mainstream in den Regalen hatten. Das Internet hat das alles verändert. In den Achtzigern bin ich den Suburbs hauptsächlich durch Brieffreunde entkommen, die meine Interessen teilten.

Wo findet man diese rebellische, anti-autoritäre Stimmung heute bei jungen Leuten?
Ich lebe in Chicago, da gedeiht die DIY-Musikszene, die sich an radikalen Dingen versucht. Aber ich denke eher an die Furchtlosigkeit der jungen People of Colour hier, die gegen Polizeigewalt, Einwanderungsgesetze und die Administration im (derzeit sehr) Weißen Haus protestieren. Menschen, die ihre Unversehrtheit aufs Spiel setzen, damit der derzeitige Zustand nicht an der Tagesordnung bleibt. Ich bin kürzlich bei einer Demonstration gegen den rassistischen Vergewaltiger, der zum Präsidenten gewählt wurde, mitgelaufen und ich war einer von wenigen Erwachsenen. An der Spitze fand sich irgendwann ein Kind, das höchstens 12 Jahre alt war und garantiert keine Genehmigung dafür hatte. Diese Kids machen sich allein in die Innenstadt auf – die Eltern vieler meiner Schüler haben Angst, sie allein die Wohngegend verlassen zu lassen – und protestieren dort. Das war eine Wahnsinns-Erfahrung. Eine der Parolen, die ich besonders toll fand war »We’re young. We’re strong. We’ll be here all night long!«

Wie denkst du über die USA im Jahre 2017? Gibt es noch Hoffnung?
Manche unserer aktuellen Missstände sind nicht neu, aber viele Leute mit schrecklichen Überzeugungen fühlen sich von der neuen Regierung bestärkt. In Chicago sehe ich viel Widerstand gegen den kürzlich gewählten rassistischen Arsch. Das macht mir Hoffnung. Ich sehe viele Leute überall in den USA, inklusive meiner Mutter und Schwester, die politisch viel aktiver geworden sind als sie es je waren. Es ist aber definitiv eine verstörende Zeit, kein Zweifel. Proteste und die Organisation von Meetings sind Alltag geworden. Wenn Leute an der Kasse fragen, wie es mir geht, neige ich dazu, zu sagen, dass mir übel ist. Und ich sage ihnen dann auch, wieso. Leute müssen ihre Wut mit anderen teilen und nicht so tun, als liefe alles im gewohnten Trott. Wir müssen uns neu formieren und den Wehrlosen helfen, insbesondere den Immigranten und Flüchtlingen. Die weißen Amerikaner müssen sich erheben und für die kämpfen, die nicht auf dem sicheren Ufer sind und nicht für sich einstehen können.

»Hardcore Architecture« (Marc Fischer / Public Collectors)
https://hardcorearchitecture.tumblr.com/