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Kratzen & Beißen: Die monatliche Hass-Kolumne

Gegen Tatort

Selbst schlechte Tatorte sind für die Fanbase gute Tatorte. Und wenn dann noch eine Folge wie »Im Schmerz geboren« mit Ulrich Tukur läuft, die leicht aus der Reihe tanzt, ist der Hype groß. Zeitverschwendung, findet Fabian Wolff. Tatort ist Entertainment für Spießer mit Twitter-Account.
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Es sind die gruseligsten Momente der schauerlichen deutschen Fernsehkultur: Sonntagabends wird der neue Tatort ausgestrahlt, am Montag wird er »diskutiert«. Soll noch jemand sagen, der watercooler moment sei tot. Neulich nach der Folge »Im Schmerz geboren« mit Ulrich Tukur saß halb Deutschland auf der Couch und kratzte sich am Kopf.

In diesen Tatort hatten sich doch tatsächlich Referenzen an die Filmgeschichte eingeschlichen, die es am nächsten Tag aufzuschlüsseln galt. Die Anspielungen schwankten zwischen offensichtlich und sehr offensichtlich, man hatte sich von absoluten Geheimtipps wie »Spiel mir das Lied vom Tod« und »Das Schweigen der Lämmer« inspirieren lassen. Anbiederndes Zitatfernsehen mit dem Ziel, dass sich die Zuschauer möglichst schlau fühlen können. Verstehen kann man das als Außenstehender kaum. Okay, Tatort ist eine deutsche Tradition, die irgendwie den Blick auf die Bundesrepublik richtet, mal mit Augenzwinkern, wie in den Krimitheater-Farcen aus Münster, mal mit großem Ernst, wie in vielen Hamburg-Fällen. Aber schon kritisch. Aufklärerisch. Dabei ist der Tatort genau betrachtet immer reaktionär, wenn er sich politisch gibt. Tiefpunkt: »Armer Nanosch«. Zu Unrecht vergessen, weil man Unrecht nicht vergessen darf. Der »Zigeunertatort« aus dem Jahr 1989, in dem eine Sinti-Geschichte in Deutschland erzählt werden sollte und nur antiziganistische Klischees präsentiert wurden. Am Drehbuch schrieb auch Martin Walser mit. Der Schriftsteller ist seit 50 Jahren Garant für Revisionismus, Ressentiment und arrogantestes Deutschtum. Diverse Tatort-Ausflüge ins »jüdische Milieu« oder in »migrantische Parallelgesellschaften« schneiden auch ohne Ko-Autor Walser nur unwesentlich besser ab.

Tatort ist halt eine deutsche Tradition für Spießer. Spießer mit Twitter-Account und ironischem Sehverhalten vielleicht. Aber während der 90 Minuten kann man sich doch auch einen richtigen Film ansehen. Eine Ausnahme bestätigt die Regel: »Tote Taube auf der Beethovenstraße« (1973). Geschrieben und gedreht von Hollywood-Außenseiter Sam Fuller.