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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Fried- oder Kontakthof?

Reportage: Jobben im Plattenladen

In einer Welt vor unserer Zeit trug es sich zu, dass die Menschen, statt Amazon zu klicken, einen verwunschenen Ort namens Plattenladen aufsuchten! Dort stöberten Trolle mit Parkas in Kisten von CDs, ja echten Schallplatten. Aber halt! Gibt es solche Orte nicht immer noch? Tatsächlich. Wir haben unseren Redakteur Linus Volkmann geschickt, einen Tag in einem solchen zu arbeiten. Eine Erlebnis-Reportage.
Geschrieben am
10:04 Guten Morgen.
Ah, süße Boheme! Der Job kann einem gefallen. Öffnungszeit 11 Uhr, eine halbe Stunde davor soll ich da sein, also raus zur Bahn. Es geht zu Parallel im Zentrum von Köln. Mit hauptsächlich Vinyl und nur einem kleinen Deckel aktueller CDs halten sich dort seit mittlerweile zehn Jahren die Besitzer Mark, Christian und Thomas gut über Wasser.

10:30 Reise, Reise.
Den Plattenladen aufgesperrt bekommen. Ein Privileg, für das ich in den Neunzigern noch getötet hätte. Heute halte ich mich bedeckt. Wir stellen uns einander vor. Immerhin kennen wir uns bis dato nicht. Der Besuch soll kein Ausdruck von Schleichwerbung oder Nepotismus werden. Es ist einfach ein schicker, tiefer Plattenladen, einer von vielen überall. Okay, von 30% weniger, wie wir schon gelernt haben.
10:45 Die Affenparade.
Mark führt eine aufwendige Pantomime vor, die darstellen soll, welche Art von Besuchern nur wegen der Intro-Ausgaben käme. »Da laufen die Leute immer rein, gucken auf den Boden, holen sich das Heft und raus.« Dem Gang nach zu urteilen scheint das porträtierte Klientel durchsetzt von Menschenaffen. Also, das kann ja heiter werden, denke ich.

11:00 Krise/Geld.
Wir öffnen. Es regnet. Eine seniorige Frau mit Zigarillo und Trenchcoat interessiert sich: »Kaufen Sie auch an?« - »Muss ich Sie enttäuschen, leider nein!« sage ich. Mark verbessert mich. Natürlich täte man das. Mist, noch keine Viertelstunde im Amt, und ich sorge mich schon um meinen Job! Nur mit Neuware ließe sich so ein Laden nicht betreiben, erfahre ich später. »Der Einbruch, den die CD erlebte, hat uns daher auch nicht so getroffen - hatten wir eh nie drauf gesetzt.« Im Laufe des Tages kommt der Wunsch, Geld raus- statt reinzutragen, noch ein paar Mal. »Könnt ihr eigentlich die Krise ablesen anhand des Verkaufswillens der Leute?« frage ich. »Klar, 2006 hat man das zum Beispiel sehr stark gemerkt. Wir zahlen hier ja auch bar und nehmen ganze Sammlungen, picken uns da nicht die Rosinen raus. Damals hatten wir auch ganz viele Kartenzahl-Retouren. Also, dass wer mit EC-Karte gezahlt hat, und nachher storniert die Bank das, weil derjenige überzogen hat«, sagt Mark. Während Thomas Mut macht für die nächste Krise: »Also, wenn es danach ginge, sind wir jetzt wieder so weit: Bei den Karten-Stornos haben wir zumindest gerade wieder einen Lauf.«
11:45 Die Post.
Plattenpäckchen werden zur Post getragen. Die Bestellungen des Vortages, die per Mail reinkamen. Denn Parallel hat seine Vinyl-Schätze im Netz, bewegt sich damit auf der Sammel- und Checkerseite 
discogs, verschickt Newsletter, informiert auf Facebook. Ohne Internet könne man zumachen, das sei Geheimnis. Knapp 20% des Umsatzes laufen darüber, aber man müsse auch einrechnen, wie viele Kunden sich im Netz informieren und das Gewünschte dann zielstrebig aus dem Laden holen.

13:11 Fortuna.
»Was ist eigentlich los bei Fortuna?!« so begrüßt uns ein Kunde schon polternd beim Reinkommen. Also dafür, dass Plattenläden abgewirtschaftet haben sollen als kommunikative Checker-Plätze, erlebe ich aber sehr viele Stammkunden - die auch fast alle jenes berüchtigte Abhängen und Fachsimpeln im Plattenladen aufrufen. Fortuna meint dabei Fortuna Düsseldorf. Zu 2/3 das Herzchen-Team des Ladens, einmal FC Köln - geeint werden alle drei aber in ihrem Hass auf Gladbach. Mensch, so viel Jungshobby auf einem Haufen, ist das eigentlich erlaubt?
14:45 Der Bluff.
Christian bekommt von einem der Kunden die Ansage, er ginge in die Staaten und möchte neue Musik mitnehmen. Irgendwas mit Gitarre, aber auch einem Bass, er ahmt Bassgeräusche nach. Zu meinem Erstaunen zieht Christian nach dieser völlig diffusen Beschreibung zielstrebig zum Neuheiten-Regal. Verweist auf Kommando Sonne-Nmilch, Grinderman und Maximum Balloon (Letzteres mit der Warnung: »ist aber bisschen mainstreamig«). Respekt. Und das, wobei mir alle drei bereits versichert haben, dass man dem Kunden heutzutage gar nicht mehr voraus sein könne - im Gegenteil. »Die informieren mittlerweile uns«, meint Christian, »und ansonsten muss man sich natürlich auch durchbluffen können.« Ersteres mag sein: Mein Ersuchen, die aktuelle Platte von Die Antwoord nachher rausschleppen zu wollen, trifft tatsächlich auf Schulterzucken. Noch nicht auf dem Radar. Ich bin einigermaßen beruhigt. Denn hier wird sonst allgemein wenig geblufft, vielmehr wahnsinnig viel gewusst. Aber jenes Understatement ist vermutlich ein Tribut für die noch viel wahnsinnigere Anzahl verfügbarer Platten im Laden. Selbst ein iPod groß wie ein Einkaufswagen müsste hier kapitulieren.

15:00 Vergessen zu essen. Schnell raus. Thomas schwärmt von den Beef Brothers gegenüber. Man müsse sich reglementieren, dort nicht täglich zu essen. Sein Blick drückt Sehnsucht aus, als er sagt: »Ich war leider gestern schon da.«
16:10 Freunde.
Mittlerweile haben mich auch ein paar Freunde besucht, die von meinem neuen Arbeitsplatz erfahren haben. Wir plaudern und kommen natürlich immer wieder aufs Thema Musik, halten uns gegenseitig Platten hoch. Einhellige Meinung: Die Vollpreis-CD verschwindet, die Maxi ist bereits tot. Fühle mich wie bei Facebook als Live-Rollenspiel.

16:59 Die Berater.
Ich will mir jetzt auch was empfehlen lassen. Und gebe Thomas die abstrusen Eckpunkte: Trashig, punkig, Gitarre, Melodie, Keyboards, Hysterie, linksradikal und feministisch. Statt Kopfnuss auszuteilen, huscht er zu einem Regal und gibt mir zwei Singles: Carl Sagan "A Glorious Dawn" - Auf dem Label von Jack White (White Stripes) erschienene Auszüge der Rede eines Mathematikprofessors, die gepitcht und mit einigem an Synthie-Wahn unterlegt wurde, feat. Stephen Hawking. Yeastie Girls »Ovary Action« - Schon älter, zehn Stücke (auf einer Single!) der Fem-Core-Band auf Lookout, dem Punklabel, das einst Green Day entdeckt hatte. Ich bin erneut schwer beeindruckt.
18:34 Die Psychos.
Ein Kunde - na ja, ein Typ mit abgemilderter Tracht - steht in der Tür und lallt was von James Last und Taubheit. Meine Kollegen nehmen es gelassen. »Direkt nebenan ist ja das Millowitsch-Theater«, erklärt Mark. »Und da kommen ohnehin oft Gruppen von älteren Leuten zu uns und rufen: 'Heinz, guck mal, hier gibbet noch Schallplatten!'«

19:00 Die Rechnung.
Plötzlich wollen alle zahlen. Ich kann weder den Taschenrechner vernünftig bedienen noch Preise im Kopf zusammenrechnen. Sehe alle Übernahmechancen sinken, als ich wegen des hohen Kundenaufkommens den Counter letztlich für die Profis räumen muss. Nur geil drauf zu sein und Krawatte zu tragen reicht für diesen Job offensichtlich nicht.

19:30 Fertig.
Starke Erkenntnis: Wer den Tag über steht, dem tun abends die Beine weh. Das analoge Schild an der Tür wird auf »Closed« geswitcht. Vorbei ist allerdings noch nichts. Es gibt Kioskbier, Vorfreude auf das Freitagsspiel von Köln und eine Handvoll Stammkunden. Es läuft weiter Musik, und plötzlich darf auch geraucht werden.
20:16 Letzte Runde.
Offiziell ist schon eine Dreiviertelstunde zu, das zweite Kioskbier drin, aber unser Stammkunden-Stammtisch lockt noch Verwirrte von draußen herein: Ein asiatischer Typ mit langem Haar möchte unbedingt noch. Nee, geht nicht. Christian verhandelt mit ihm auf fließend Französisch. Zum Schluss darf der Asiate doch noch kurz. Denn er käme von weit her, sei aber schon mal hier gewesen, müsse morgen wieder fliegen und habe ein Bild von sich mit Jimi Hendrix in der Brieftasche. Hä? Ich frage bei Christian aber lieber nicht noch mal nach. Schließlich lag ich heute schon mehrfach falsch. Einzig bei dem täglichen Facebook-Post, das ich im Namen von Parallel abfeuern durfte, konnte ich ein paar »Gefällt mir« abräumen. Stimmt, diese Kluft gab es ja auch noch: Plattenladen vs. The Web. Und auch wenn Spiele ohne Sieger als Zeitverschwendung gelten - heute ist alles anders, denn ich habe mir schon längst abgeschminkt, dass dieser Text wirklich seriös den Abenteuerspielplatz Plattenladen gegen den social networking MP3-Moloch auf WLAN ausagieren kann. Unvereinbar sind sie jedenfalls nicht. Und genau, wie man sich dauernd schwört, weniger Zeit im Web zu verbrennen, so kann man sich genauso schwören, mal wieder den real time Plattenladen um die Ecke aufzusuchen. Eine romantische Conclusio, finden Sie? Mag sein, aber bitte haben Sie im Blick, dass ich hier angetrunken zwischen einer Million Platten, Kisten, Plattenkisten stehe. Da muss man doch auf »Teilen« drücken dürfen.

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