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Netflix

First World Problems #260

Einmal im Leben umgehört, und schnell wird klar: selbiges ist kein Zuckerschlecken! Es folgt eine neue Ausgabe viel diskutierter First World Problems. Irgendwas ist doch immer, findet Jonathan Löffelbein, der gemeinsam mit Lukas Diestel diese Kolumne und den Blog Worst Of Chefkoch betreibt. 

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Es sind doch nur drei Euro im Monat, ist das Mantra, das mich derzeit begleitet. Du teilst es dir ja, da lohnt es sich doppelt, sage ich mir. Du hast doch überall Internet, grummele ich in mich hinein. Und doch: Etwas in mir zweifelt, etwas in mir weiß, unsere Beziehung zueinander, unser Ineinandergewobensein, es ist falsch. Oh, Netflix. Was soll ich tun? 

Unser Anfang, es war ein Rausch! Ich erinnere mich, wie ich vor knapp zwei Jahren mit dir die erste Nacht in meinem Zimmer lag und wir nicht einmal Pause machten, die ganze Nacht nicht. Nichts konnte uns stoppen, ich fiel über dich her wie »Bojack« über Kokain. Alles an dir, dein »Narcos«, »Master Of None«, »House Of Cards«, das alles putschte mich auf. Die Sonne kroch durch das Fenster in meine Einzimmerwohnung mit den verschimmelten Spaghetti im Sieb, und ich schwöre es dir: In diesem Moment wäre mir die Pracht des Petersdoms schmutzig vorgekommen ohne dich! Und jetzt schau, was aus uns geworden ist, Netflix. Die Energie, die du mir anfangs gabst: Als könnte ich alles umsetzen! Alle Projekte, alles in mir gierte danach, auch so Großes zu erschaffen wie du. Doch jetzt? Du bist mein größter Störfaktor geworden. Als Kreativitätstöter bist du noch effektiver als Glück und Zufriedenheit. Verbringe ich Zeit mit dir, wird mein Kopf so seicht wie eine Episode von »Love« ... Noch schlimmer ist, dass ich nicht mehr schlafen kann. Immer bietest du dich mir an, immer noch eine schnelle Nummer, komm schon, nur fünf Sekunden, rufst du in roten Lettern, dann geht’s wieder und weiter.

Wenn ich meine Reflexion in deinem schwarzen Ladebildschirm sehe, erschrecke ich. Bin das noch ich? So ein Schlafdefizit hatte ich das letzte Mal mit 14 angehäuft, als ich gerade Sportclips auf DSF entdeckt hatte. Und mein Schlafverhalten ist wie Sportclips selbst, Netflix, das ist nicht gesund! Und unsere Verbindung, sie ist kompliziert. Du hast mich süchtig gemacht, du Heroin des kleinen Mannes. Und es wird schlimmer. Obwohl ich versuche, dich auf Abstand zu halten, kann ich noch immer nichts essen, wenn du mir nicht gegenübersitzt. Stundenlang suche ich das Gute in dir, nur, um vor dir in Ruhe essen zu können. Erst gestern habe ich mir Spaghetti gekocht. Wie damals, Netflix. Doch als ich das Gute in dir gefunden hatte, da waren die Nudeln erkaltet.

Ach, was ist es denn, was wir zusammen haben? Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob du noch etwas dabei empfindest, wenn wir miteinander Zeit verbringen. Und die Qualität hat nachgelassen. Was für ein Unfall ist denn bitte schön »Iron Fist«, was für Filme schlägst du mir vor? Mir regelmäßig »Grace And Frankie« anzubieten ... Als würden deine Algorithmen mich überhaupt nicht kennen! Und dann bezahle ich auch noch für deine Dienste! Ich fühle mich schmutzig, Netflix, so furchtbar schmutzig. Und müde. Vor allem sehr müde. Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns eine Weile – wenn ich dich eine Weile nicht mehr sehe. 

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