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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Happy Socks

First World Problems #235

Einmal kurz im Leben umgehört, und schnell wird klar: Selbiges ist kein Zuckerschlecken! Da verbrennt man sich erst am teuren Latte Macchiato die Lippen, verpasst dann die Anschlussbahn, weil die Verkehrsbetriebe wieder mal ein nicht nachvollziehbares Problem haben, der iPhone-Akku wird auch immer schneller leer, und außerdem regnet’s. Manchmal ist eben einfach alles zum Heulen – und oft auch ein wenig lächerlich. Boris Fust, Buchautor und Intro-Schreiber erster Stunde, widmet sich einmal im Monat viel diskutierten Problemen, die ihren Namen zu Recht tragen: First World Problems. Irgendwas ist doch immer ...
Geschrieben am
In den westlichen Industrie-Nationen wird dem heterosexuellen weißen Mann gemeinhin mit Misstrauen begegnet. Und das ist auch gut so, denn es darf durchaus angenommen werden, dass er nicht zu beispielsweise nächtlichen Tanzveranstaltung erscheint, um sich am dargebrachten Kulturgut und den vielen Getränken gütlich zu tun. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass er insgeheim danach trachtet, seine eher kritisch zu hinterfragende Heterosexualität auszuleben. Frauen wissen das und halten Abstand.

Doch es gibt auch Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens, in denen schreiendes Unrecht vorherrscht. So muss der heterosexuelle weiße Mann eine ganze Menge Geduld aufbringen, ehe ihm das erste Mal Blumen geschenkt werden. Zumeist liegt er da schon in einer Kiste aus Rustikalholz und beginnt sich mit dem Erdreich zu vereinigen, wenn er mit farbenfroher Blütenpracht überhäuft wird. Erst posthum wird ihm zugetraut, über einen Sinn für Schönheit zu verfügen, die nichts mit Panzern, Flugzeugträgern oder Endgeräten der Firma Apple Inc. aus Cupertino, Kalifornien zu tun hat. 

Notorisch unterschätzt wird auch seine Kompetenz, wenn es um Unterbekleidung geht. Das fängt an bei den Socken. Längst gibt es im Internet Strumpf-Start-ups, die dem gleichförmigen Fußbekleidungseinerlei, wie man es am Flughafen angeboten bekommt, etwas disruptiv Farbenfrohes entgegensetzen. Im Valley ist man schon weiter: Der CEO von Twitter trägt Socken mit bunten Streifen, frühe Facebook-Investoren betreten die »Creamery« zum »Venture Capital Lunch« nur mit in Rot und Lila gekleideten Füßen, und der Gründer eines wichtigen Blog-Netzwerks bevorzugt Tupfer am Ende seines Gebeins.

In Deutschland herrscht weiterhin der Muff der 50er. Der Lieferdienst des onlinebasierten Sockenhandels mag bundesdeutsche Anschriften zwar erreichen, akzeptiert ist der Besitz von derartiger Bekleidung längst nicht: Die Putzfrau des Chronisten weigert sich seit Wochen, die Transportklammerungen und Banderolen von den Socken zu entfernen und sie vor Erstgebrauch in die Waschmaschine zu geben. Sie glaubt, es handele sich um ein Geschenk für eine junge Dame oder jemanden aus dem Lesbian-, Gay-, Bisexual- und Transgender-Umfeld. Dass der einfache Mann schön sein will, ist noch längst keine akzeptierte Vorstellung. Also liebe Herren, tragt eure Socken zukünftig doch bitte mit (noch) mehr Stolz – egal, ob orange mit Punkten, fleckig, gestreift oder tennisfarben.