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Fettes Brot

Kochen mit...

Ihren eigenen Erinnerungen zufolge waren Fettes Brot bereits mal zu Gast in Bioleks Kochsendung. Bloß auf Intros "Kochen mit" hatten sie nie Bock.
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Ihren eigenen Erinnerungen zufolge waren Fettes Brot bereits mal zu Gast in Bioleks Kochsendung, lassen sich auf Tour u. a. von der Roten Gourmet Fraktion (bekannt auch aus dem "Fast Food Duell", kabel eins) becatern und essen die Woche gern mehrmals warm. Bloß auf Intros "Kochen mit" hatten sie nie Bock.

An dieser Abneigung hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert. Außer vielleicht, dass wir jetzt hier zusammen bei Tisch sitzen und jeder eine Schale Rosenkohlcurry vor sich stehen hat, es dampft. Das Rezept stammt aus dem Supermarktkassenmagazin "Essen und Trinken" bzw. von Tim Mälzer. Obendrauf drapiert sind Granatapfelkerne und Koriander, dazu gibt's in der Pfanne angebratenes indisches Nan. Gerechtfertigter Erschafferstolz weht durch das Hamburger Küchenstudio der drei Boys to Men.

Ein Top-Moment - kein Zweifel. Jetzt kann vielleicht endlich mal gebondet werden, jetzt geht was: "Na, so schlecht ist es doch gar nicht, mit Intro zu kochen?" - "Nee", sagt Martin alias Doktor Renz überwältigt von seinen Gefühlen und dem ersten Schluck Rotkäppchenbier, "hab echt schon Schlimmeres erlebt." Dann fängt er sich wieder: "Zum Beispiel mal eine Wurzelbehandlung. Mmh ... ja, das war aber auch alles." Seine Hoheit König Boris grinst, immerhin hatte er morgens noch einen Kronen verheißenden Vorbesprechungstermin beim Zahnarzt. Fuck the pain away - bloß dass mit "Fuck" in diesem Betrieb meist "Lach" gemeint ist.
Fettes Brot hatten sich für unser Date übrigens extra was einfallen lassen: "Wir gingen davon aus, dass bestimmt wer von euch Rosenkohl nicht mag", schämt sich Björn allerdings bereits für die angedachte Zumutung - schließlich sind Fettes Brot nicht wirklich fies, selbst dann, wenn sie es mal sein wollen.

Aber jene Zumutung läuft ja ohnehin auch ins Leere: Rosenkohl, du grünes Ferrero Rocher des Gartens, du Maxi-Perle am Ohr der Nachkriegsgeschichte, du ... oh, verzeihen Sie diese expressionistische Prosa. Schließlich sind Fettes Brot die Rapper und nicht der Text. Aber sind sie das wirklich? Kaum eine Behauptung findet sich doch derart ausgehöhlt wie jene, die von der Musik der Band als Rap spricht. Fettes Brot sind, und das dürfte ihnen selbst der Missgünstigste zugestehen, unzweifelhaft ihr ganz eigenes Ding. Erkennt man sofort, selbst wenn Electro, Rock, Soul, Samples, Punk und Jingles ineinander übergehen oder sich von Song zu Song abwechseln.



Ihren eigenen Erinnerungen zufolge waren Fettes Brot bereits mal zu Gast in Bioleks Kochsendung, lassen sich auf Tour u. a. von der Roten Gourmet Fraktion (bekannt auch aus dem "Fast Food Duell", kabel eins) becatern und essen die Woche gern mehrmals warm. Bloß auf Intros "Kochen mit" hatten sie nie Bock.

Diese bandeigene Pop-Panoramabar der Styles lässt man gerade aktuell dokumentieren durch das Doppel-Livealbum "Fettes / Brot". "Nee, kein Doppel-Livealbum, das sind zwei separate Alben", sagt Björn. Stimmt, hatte ich ganz vergessen. Fettes Brot sind ja total größenwahnsinnig geworden und veröffentlichen mit "Fettes" und "Brot" zwei Alben zeitgleich in direkter Konkurrenz, das orangene und das blaue. Flankiert von einer rätselhaften nur color-coded Kampagne, die u. a. auf die Rattles und die Beatles verweist. Natürlich wird mit dem eigenen Wahn und der Anmaßung dabei kokettiert. So funktioniert das System hier. Kein Bock auf Aussagen, die nicht schon gleich ihre eigene Persiflage mitdenken. Björn weiß genau das zu schätzen und stellt bezüglich ihres Lebens als Geschäftsleute klar: "Als wir uns mit Fettes Brot Schallplatten selbstständig machten, hatte ich schon Angst, ob mir jetzt eine Krawatte wächst und alles total seriös wird. Aber unser Labelmanager hat gemeint: 'Ey, solange ihr drei hier die Chefs seid, wird es echt nie zu seriös werden.'"

Allerdings muss man aus Primetime-Skills wie Gagdichte und Selbstironie auch erst mal so viel rausholen, dass es bei allem Spaß für einen derartig nachhaltigen Erfolg in Film, Funk und Charts reicht. Und wo Erfolg gemeinhin als kapitalistisch verblendete Drecksau jenseits der Menschlichkeit gilt, scheint der von Fettes Brot zutraulich und sympathisch - und vor allem gespickt mit auffällig viel erfüllten nerdy Jungsträumen.

Zum Beispiel? Zum Beispiel: Mitgemacht auf einer Drei-Fragezeichen-Folge, Gewinner des Bravo Ottos, Cowboy sein zu dürfen, mal Vorband der Ärzte gewesen, bei einem Auftritt von einem Chor aus Spielern des FC St. Pauli unterstützt worden zu sein und so weiter. Also wenn das nicht typisch Jungshimmel ist, will ich nicht weiter hier in der Echtzeithölle leben.

Das Einzige, was ihnen Rosenkohl und Gags aber nie geben konnten, ist HipHop-Szene-Credibilität. Denn wenn Kool Savas seinen Ex-Butler Eko Fresh diskreditieren will, klingt das immer noch so: "Du bist verrückt, du willst zurück, wer bist du nur? / Warst L.O.V.E und jetzt wieder HipHop du Missgeburt / Du bist einer von ihnen / Nina MC, Reen, Cappucino / Alexey, der Wolf, Eko und Fettes Brot sind alle tot / Rest in Peace!"

In dieser zwanghaften Tough-Guy-Welt konnten, dort wollten Fettes Brot aber auch nie sein, was sie mit dem gefühlten Karriere-Highlight "Schwule Mädchen" vor etlichen Jahren bereits souverän und stellvertretend für alle Post-Reihenhauskinder skandierten. Schwule Mädchen gibt's nun natürlich auch in live, wobei sich das auf der Vorab-CD so liest: "s.m. (schwule minister)".

Selbst in diesen Details wieder alles auf lustig gezimmert. Das haben dieser Generation doch Otto Waalkes und das Mad-Heft eingebrockt. Kein Wunder also, dass man mit der Perfektion dieses Prinzips zu einer Ikone jener Klientel geworden ist - und das abseits aller hergebrachten Pop-Genres.

Die Fotografin kaut derweil tapfer ihren Brühwürfel. Zumindest sie hasst Rosenkohl. Immerhin! Soll ja auch nicht alles nur gagiger Konsens sein hier. Sonst könnten Fettes Brot auch nicht so durchbrettern seit Jahren. Denn sie sind ja nicht nur nett. Aber schon: sehr.