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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Trans Europa Express

Europa hat eine Fahne

Es steht nicht gut um Europa: Ende 2016 kotzten wir alle über den Brexit, 2017 knirschten wir mit den Zähnen wegen schlimmer Gestalten wie Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński, die Europa von innen zersägen wollen. Der Nebeneffekt: Auf einmal werden Sternenkranz und Europa-Bekenntnisse Pop-tauglich, weil die EU oftmals zu Unrecht einen schlechten Ruf genießt und man sich da ja mal positionieren könnte. Steffen Greiner hat die popkulturelle Credibility von Europa überprüft. 
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Pop-Momente: Sonntags früh um sieben Uhr auf dem Melt, als die Sonne schon solide über dem See steht und das Dekmantel Soundsystem sein Set abschließt mit Kraftwerks »Europa Endlos« vom 1977er-Album »Trans Europa Express« und mir zum ersten Mal seit Langem wieder bewusst wird, dass das auch eine Geste ist: ein niederländisches Duo, das in Deutschland eine nicht ungebrochene deutsche Europa-Hymne spielt, dass das – bei allem Mangel an Mythen Europas – doch eine voll und ganz ausreichende ist. Und Kraftwerk, Pioniere auch in diesem Fall: Eleganz und Dekadenz, wie schön dieses Lied Europa zusammenfasst, schöner, als Frieden und Vielfalt es je könnten. Und sei das noch tausendfach der schmutzigen Ausbeutung in Kolonien, der menschenverachtenden Abschottung geschuldet: Das sind wir, look at us.
Look at us, das war im Jahr 2017 die Haltung, die Pop zur EU einnahm. Keine unkritische, aber eine nach Brexit, Trump und Rechtsruck bewusste, das Pop-Äquivalent zur Wahl von Macron in Frankreich. Vielleicht nicht geil, aber bitter notwendig. »Man muss europafreundlich sein, um heute überhaupt politisch handlungsfähig zu sein«, sagte etwa Moritz Reichelt von den ehemaligen NDW-Dadaisten Der Plan. Das Cover ihres neuen Albums »Unkapitulierbar« zeigt eine Umgestaltung des Gemäldes »Die Freiheit führt das Volk« von Delacroix, bloß, dass über den revolutionären Leichenbergen hier nicht die Trikolore weht, sondern der europäische Sternenkranz. Fahnen sind in ihrer wiedererkennbaren Simplizität natürlich prädestinierte Pop-Motive, und entsprechend oft machte sie sich der Parasit Pop augenzwinkernd und verdreht zu eigen. Gegenüber Union Jack (Punk) und Star Sprangled Banner (Woodstock) fiel die EU-Flagge bislang allerdings eher durch. In der Mode änderte sich das dieses Jahr: Zwar wagten schon in den letzten Jahren immer wieder einzelne Labels den Flirt mit den Sternen – in den Stücken von Études wurden etwa Jay-Z und Wolfgang Tillmans gesehen –, nun aber wurde der Europa-Look alltagstauglich. Im März setzte die Berliner Galerie König mit einem himmelblauen Hoodie ein Statement: »EUinfy« nennt sich der Kapuzenpulli mit den kreisförmig angeordneten Sternen (und einer Brexit-Lücke) auf der Brust. Alternative: Vetements’ Supersize-Hoodie für 850 Euro.

Den schönsten, weil völlig unerwarteten Auftritt hatte das Symbol allerdings im Video »OK Cool« von Yung Hurn. Der Wiener Cloudrap-meets-Amphetamin-Schlagerstar sprechsingt da im schicken EU-Motiv-Shirt, dass er mit allem irgendwie okay gehe. Eleganz und Dekadenz: Europa endlos!