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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Brötchen gegen Buchstaben

Ein Leben als Schriftsteller

Das Leben als Schriftsteller birgt große Verlockungen: Räsonieren, Recherchieren und Reisen machen einen maßgeblichen Anteil der Arbeit aus, und man ist nichts und niemandem verpflichtet, außer seinem jeweils aktuellen Werk. Man kann arbeiten wo und wann man möchte. Schließlich trägt man Werkstoff und Produkt – oder Vorstufen davon – permanent mit sich im Kopf herum. Ob all das die Schattenseiten des Berufsbildes aufwiegen kann? Nun, es kommt drauf an.
Geschrieben am
Man hört immer wieder vom steinigen Weg zum Erfolg. Die überwiegende Mehrheit angehender Schriftsteller sammelt Absagen vieler Verlage, bis der erste Roman in den Druck geht. Wenn überhaupt. Und selbst wenn diese Hürde genommen ist, bedeutet das nicht unbedingt, dass das finanzielle Überleben gesichert ist. Im Gegenteil: Wer sein Leben als Schriftsteller bestreiten möchte, dem werden mit Vorliebe finstere Zeiten vorausgesagt. Umso mehr, da Medien wie Buch und Heft in Zeiten der Digitalisierung einen schweren Stand haben.  

Es heißt, nur wenige hundert Schriftsteller könnten in Deutschland überhaupt von allein diesem Beruf leben. Lesungen, im Rahmen derer Autoren einst ihre Werke vorstellen und sich ein nicht unerhebliches Zubrot verdienen konnten, werden ebenfalls längst nicht mehr so häufig besucht wie vor Jahren. Und längst nicht jeder Autor geht noch auf Lesereise. Dem Publikum fehlt offenbar der Eventcharakter. Oder die Muße, einfach mal nur zuzuhören.

 
Epochale Popstars  

Was soll’s: Im Setzen von Trends sind Schriftsteller ohnehin abgehängt. Mit am einflussreichstem war ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe, der mit seiner Figur des Werthers nicht nur extravagante Farbgebungen der Garderobe in den Raum warf, sondern bekanntlich auch dem Suizid – im Speziellen durch Erschießen – zu einer zweifelhaften Popularität verhalf. Doch selbst Goethe kann nicht mit der Extravaganz eines Oscar Wildes mithalten: Der irische Schriftsteller war nicht nur in modischer Hinsicht ein ziemlicher Querulant. So machte er beispielsweise dadurch von sich reden, dass er einen Hummer an der Leine durch die Stadt spazieren führte. Ja, gibt’s denn so was?   Autoren wie sie halten sich auch unabhängig von ihren Eigenarten nach Jahrhunderten – oder zumindest Jahrzehnten – in den Regalen. Und das nicht allein, weil die Lehrpläne es so wollen. Wer etwa ist nicht schon einmal in Shakespeares Theatralik aufgegangen oder hat Aphorismen aus Antoine de Saint-Exupérys »Der Kleine Prinz« in ein Poesiealbum gepinselt? Na, bitte.

Und wer bringt das Geld ins Haus?  

Wo aber bleibt der Feld-Wald-und-Wiesen-Autor mit seinem Output? Nun, die großen Verlage konzentrieren ihre Fördergelder oft auf jene, deren Name allein schon die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen Bestseller zu landen. Das breite Mittelmaß der Schreiberlinge, junge und talentierte – sie sind die Verlierer dieser Politik. Und selbst wer auf der Buchmesse noch wie ein Star gefeiert oder mit reichlich Aufmerksamkeit und Interesse bedacht worden ist, hat am Folgetag der Realität ins Auge zu blicken und muss weiter für sein Auskommen sorgen.  

Die meisten Schriftsteller sind auf zusätzliche Einnahmen angewiesen, verdienen sich mit verschiedenen Nebenjobs etwas hinzu – sei es als Journalist, Copywriter oder Lektor oder mit weniger verwandten Aushilfsbeschäftigungen. Nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Arbeit an einem Buch inklusive Konzeption auch mal Jahre in Anspruch nehmen kann. Unter dem Strich macht sich dann vor allem ein Posten bemerkbar: zu wenig Schlaf. Denn auch der Brotberuf bedeutet Arbeit und kostet entsprechend Kraft und Zeit. Wir sehen: Seinen Traum zu leben, hat durchaus seinen Preis. Insbesondere dann, wenn man sich auch noch Gedanken über die Altersvorsorge machen muss.
 

Eine Frage der Begabung  

Mit dem nötigen Talent verbessert sich die Ausgangslage selbstredend. Gleich mehrere Träume lebt etwa die Künstlerin Kate Tempest, die ihre Wortgewalt und ihre Leidenschaft für Lyrik gleich auf mehreren Ebenen auslebt. Rapperin ist sie mit Beats, Spoken-Word-Künstlerin ohne. Auf ihren Alben vermischt die Britin mit der ihr eigenen Würze beides – und hat darüber hinaus eine ganze Menge mitzuteilen. Auf ihr Konto gehen außerdem populäre Gedichtbände, ein Theaterstück und nun auch ein genauso kraftvoller Roman, in dem Tempest in eindrucksvollen Bildern den Verfall Londons beschreibt: »Worauf du dich verlassen kannst«. Klinken putzen gehen musste sie damit zum Zeitpunkt der Fertigstellung freilich nicht mehr.  

Dass die neuen Medien nicht ausschließlich Gift für den Schriftstellerberuf sind, zeigt der Erfolg von Online-Durchstartern wie der Österreicherin Stefanie Sargnagel, deren Facebook-Postings 2015 mit »Fitness« in gedruckter Form ihren Weg in den Buchhandel fanden. Mit der Möglichkeit des Self-Publishings eröffnete die Digitalisierung außerdem einige attraktive Wege, sein geschriebenes Wort in Eigenregie unter die Leute zu bringen. Wer außerdem fit in Sachen Social Media ist, hat heute realistische Chancen, sein Buch auch ohne die Unterstützung eines Verlages einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Als E-Book finden sie ihren Weg in den Vertrieb – und sind dann bei einschlägigen Online-Händlern bestellbar. Und wer als Selfmade-Writer den Absprung geschafft hat, steigert damit auch seine Chancen, früher oder später von einem Verlagshaus unter Vertrag genommen zu werden. Natürlich ersetzt aber auch das nicht die eine, zündende Idee und die schreiberischen Fähigkeiten, die es braucht, um die Verlagslektoren für sich zu gewinnen.
 


Die Sache mit dem Durchbruch  

Ist das Erstlingswerk auf dem Markt, bleibt keine Zeit, die Beine hochzulegen. Wer dem eigenen Erfolg auf der Spur bleiben will, ist sicherlich gut beraten, weiterzuschreiben, anstatt mit den Händen im Schoß die Entwicklung des ersten Outputs zu verfolgen. Literatur ist kein Selbstläufer. Jedenfalls, wenn man nicht gerade J. K. Rowling oder Stephen King heißt und schon allein mit den Tantiemen seines Opus’ bis zum Lebensende ausgesorgt hätte. Bekanntermaßen lebte auch Rowling lange Zeit in prekären Verhältnissen, bevor sie mit ”Harry Potter” einen Welterfolg landete, der sie unverhoffter Weise steinreich machte.  

J. R. R. Tolkien hingegen, obschon zu Lebzeiten alles andere als ohne Fans, hat seinen mit Abstand größten Erfolg nicht mehr erlebt. Als sein »Der Herr der Ringe«-Epos zu Beginn des neuen Jahrtausends verfilmt wurde, löste dies einen Hype aus, der alles übertraf und einigen das Medium Buch überhaupt erst erschloss. Der riesigen Fantasy-Welt – inklusive Kartenwerk, Sprachen, Historie und Schöpfungsmythos –, die der Englisch-Professor um seine Geschichte herum gewoben hatte, wurde beispiellose Aufmerksamkeit zuteil; Mittelerde erwies sich als Goldgrube, und die Weiterverwertung des epischen Materials in Buch und Film hält bis heute an.


Dranbleiben, weiterspinnen!  

Dieser Effekt lässt sich ein paar Stufen herunterrechnen und auf den aufstrebenden Schriftsteller übertragen. Dabei muss es natürlich nicht direkt die Blockbuster-Verfilmung des eigenen Romans sein. Hat man den Einstieg hinter sich und ein paar gute Bücher veröffentlicht – ganz gleich auf welchem Wege –, befruchten sich die Bücher untereinander üblicherweise gegenseitig: Wer sich mit einem Buch eines Autoren gut unterhalten gefühlt hat, wird nämlich sehr wahrscheinlich auch einen Blick auf den Rest des Katalogs werfen – sofern der denn nicht schon aus den Regalen verschwunden ist. Denn dass ein Buch lieferbar bleibt, ist leider nicht unbedingt selbstverständlich.  

Hartgesottene Autoren vereinen ihre geschichtliche Expertise mit ihrer Schreibfertigkeit und veröffentlichen detailgenaue Historienromane. Meist sind es Akademiker mit freien Fantasiereserven, die man beim Verfassen eines bloßen Sachbuchs nicht hätte freisetzen können. Wer mit Psychothrillern Erfolg hatte, hat häufig sogar Praxis- oder Anstaltserfahrung, und Kriminalisten haben einen Wissensvorsprung, wenn es um das Beschreiben der Tat geht, um die der Thriller kreisen soll. Sie hat nicht selten das Schicksal zu Schriftstellern gemacht.
 


Inspiration und Wissen  

Doch auch bei thematisch weniger ambitionierten Werken ist sind eine gute Recherche und ein gutes Auge fürs Detail unabdingbar – allein schon, um eine glaubwürdige Atmosphäre zu erzeugen. Und, ganz wichtig: Lesen, lesen, lesen! Denn nichts fördert die Entwicklung des eigenen Schreibens so sehr wie das Konsumieren unterschiedlicher Literatur. Gilt übrigens nicht nur für angehende Schriftsteller. Man erlangt ein gutes Gefühl dafür, auszumachen, wodurch genau ein Autor überzeugt – oder eben nicht. Eine Fähigkeit, die es auch ermöglicht, die eigene Arbeit reflektierter wahrzunehmen.  

Liest sich alles anstrengend? Zu viel der Mühe, zu viel Entmutigung? Tut uns Leid. Aber mal ehrlich: Gibt es nicht gegen jede Berufswahl Vorbehalte von irgendeiner Seite? Ginge es danach, wäre jeder Versuch, eine Existenz aufzubauen, zum Scheitern verurteilt. Nur nicht verzweifeln: Die Autoren, die wir heute kennen und lesen, haben es schließlich auch irgendwann mal ... richtig: versucht. Sehr wahrscheinlich mussten auch sie sich Gegenmeinungen anhören und Zweifel überkommen. Drauf angelegt haben sie es trotzdem.