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Und aus den Wänden tropft Musik

Ein Besuch in den Abbey Road Studios

Die Abbey Road Studios sind Touristenattraktion, Weltmarke und mystisch verklärter Sehnsuchtsort – aber auch ein permanent genutzter Studiokomplex samt Ausbildungs-Institut für Musikproduktion und Sound Engineering. Daniel Koch hat sich durch die heiligen Hallen führen lassen und mit dem Produzenten und Beatles-Vertrauten Giles Martin geklärt, ob die Aura der Studios tatsächlich auf den dort entstandenen Aufnahmen zu hören ist. (Foto: Phil Dent / Getty Images)

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Ein strahlender, klirrend kalter Wintermorgen in Westminster, London. Ich stehe vor den Abbey Road Studios auf der namensgebenden Straße. Es ist gerade mal halb neun in der Früh und trotzdem laufen hier schon die ersten Touristengruppen auf und ab, bekritzeln die Mauer vor dem Haus oder suchen den »richtigen« Zebrastreifen – den, auf dem die Beatles das berühmte »Abbey Road«-Cover schossen. Giles Martin – Sohn des Beatles-Hausproduzenten George Martin – wird mir später erzählen: »Manchmal ruf ich den Leuten zu: ›Falscher Zebrastreifen!‹« Es ist übrigens der an der Ecke zur Grove End Road. An der Mauer stehen Liebesbekundungen wie »I miss you, John!«, aber auch Komisches und/oder gefährliches Unwissen: »Brian Wilson – best Beatle ever! Fuck you, Ringo!« Aha. 

Von außen betrachtet erkennt man noch das 1831 im gregorianischen Stil gebaute Townhouse, das erst zu einem Mietkomplex und ab 1931 zu einem Studio umgebaut wurde. Damals musste der große Garten hinter dem Haus weichen. Von der Straße aus sieht man deshalb auch nicht, wie groß die Abbey Road Studios tatsächlich sind.

Ich bin Teil einer kleinen Gruppe von Journalistinnen und Journalisten, die von der Firma Sonos eingeladen wurde, an einer exklusiven Führung samt Interviewrunde teilzunehmen. Sonos kooperiert mit dem Studio, hat im Nebengebäude über dem Souvenier-Shop Büros bezogen und Giles Martin als »Head of Sound« eingestellt. In dieser Funktion ist er in die Entwicklung und Verbesserung neuer Lautsprechersysteme involviert. Mich interessiert bei dieser Reise vor allem, wie viel Verklärung bei dem Thema Abbey Road im Spiel ist, schließlich schwärmen immer wieder Musiker, wie sehr dieses Studio sie bei ihren Aufnahmen inspiriert hätte. Etliche Alben werden außerdem zum Mastering in die Abbey Road geschickt. Machen Musiker das bloß, damit am Ende »Mixed at Abbey Road Studios« auf der Platte steht? Oder klingen die Aufnahmen, die aus den heiligen Hallen kommen wirklich besser? 

Erster Stopp unserer Tour ist das Studio 1. Das zerkratzte Parkett und die Größe erinnern an eine alte Sporthalle, die gestapelten roten Stühle verströmen den Charme einer Hochzeit in den Siebzigern. Ein eher trister, unaufgeräumter Anblick. Und trotzdem spüre ich eine gewisse Euphorie: In dieser Halle wurden immerhin zahlreiche Orchesterwerke eingespielt. Angefangen vom London Symphony Orchestra, das im November 1931 unter Leitung von Sir Edward Elgar »The Land Of Hope And Glory« eingespielt hatte – die erste Tonaufnahme des Studios überhaupt - über die letzten Aufnahmen von Glenn Miller bis zu den Scores großer Hollywood-Produktionen wie »Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes«, die »Herr der Ringe«- und »Harry Potter«-Filme, beide »Guardians Of The Galaxy«-Teile und »Shape Of Water«. Pink Floyd nutzten es gelegentlich, wenn sie mit Instrumenten und Haushaltsgegenständen experimentierten, um extravagante Sounds für ihr Meisterwerk »The Dark Side Of The Moon« zu finden. Im Kontrollraum bestaune ich das Neve 88 RS Mischpult mit 72 Kanälen – eines der besten analogen Mischpulte der Welt. Und damit finde ich vielleicht eine erste Antwort auf meine Frage, ob eine Aufnahme in den Abbey Road Studios tatsächlich so besonders ist: Könnte sein, denn die Technik ist es schon mal. Und auch das Personal, das es bedient. Gerade unter den Toningenieuren sind viele alteingesessene und preisgekrönte Mitarbeiter. Den Nachwuchs bildet man gleich im angegliederten Abbey Road Institute mit aus.

Weiter geht es ins Studio 2. Es ist unmöglich, hier nicht an die Beatles zu denken. Sie machten diesen Raum ab 1962 zu ihrem kreativen Wohnzimmer. Die Erinnerung überstrahlt bis heute alle anderen Künstlerinnen und Künstler, die hier Musik erschaffen haben. Der Tourguide zeigt mir auf seinem iPad ein Foto von den Aufnahmen zu »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« und sagt: »Hier hat Ringo meistens sein Schlagzeug platziert.« Nächstes Bild: Alle vier Beatles auf Hockern – ungefähr drei Meter und 50 Jahre von dem Punkt entfernt, an dem ich gerade stehe. Der Raum sieht heute nicht viel anders aus als damals: verschranztes, erhabenes Parkett und senfgelbe Stoffbanner an den Wänden. In einer Ecke stehen zwei Artefakte der jüngeren Musikgeschichte: Ein Steinway-Klavier in Rotbraun, auf dem McCartney einst die vergnügliche Melodie von »Lady Madonna« gespielt hat. Daneben eine Celesta, ein Tasteninstrument, das weltweit nur von der deutschen Firma Schiedmayer produziert wird: Ihren Klang hört man nicht nur auf dem weißen Album der Beatles, sondern auch im geisterhaften Kernmotiv des »Harry Potter«-Themes. In diesem Raum ist es vielleicht auch an der Zeit, sich über die Idee der Aura eines Studios Gedanken zu machen.

Giles Martin ist der perfekte Gesprächspartner dafür. Seit er 15 ist, verbringt er einen großen Teil seiner Zeit in diesen Räumen. Sein Vater George war Hausproduzent der Abbey Road Studios und wurde oft als fünfter Beatle bezeichnet. »Als ich 16 war, wurde mein Vater langsam taub. Er konnte gewisse Frequenzen nicht mehr hören. Aber das erzählte er keinem außer mir. Also musste ich für ihn hören und ihm die Sounds irgendwie vermitteln, damit er daraus seine Schlüsse ziehen konnte«, erinnert sich Giles an diese Zeit. Kein Wunder, dass Giles diese Fähigkeit später nutzte und auch Produzent wurde. Aber zurück zu meiner wichtigsten Frage, bei deren Antwort Martin seinen britischen Humor zeigt – der ein perfektes Gegenmittel zum Mythos dieser Räume ist: »Ja, ich glaube, dieses Studio hat eine Wirkung auf die Künstlerinnen und Künstler, die hier aufnehmen. Ich vergleiche das gerne mit einer Salatschüssel.« Wie bitte? »Ja, wenn du die nicht richtig auswäschst, bleibt immer etwas Öl vom Dressing am Rand. Und wenn du die Schale dann für – sagen wir – einen Tee benutzt, schmeckst du das noch raus. Hier ist das ähnlich: Diese Wände haben über die Jahre so viel Musik aufgesaugt, sie tropft förmlich aus ihnen heraus. Der Sound selbst ist eine physikalische Angelegenheit: Wir hören Klangwellen. Aber es gibt eben noch andere Komponenten, die wir entweder hören oder fühlen: Eine Kunstfertigkeit in der Musik und auch ein Element der Geschichte. Mal abgesehen davon, dass diese Räume Musiker zusätzlich anspornen. Man misst sich ein Stück weit mit den Großen.«

Mit dem dritten Studio, das ich gezeigt bekomme, nähere ich mich der aktuelleren Musikgeschichte. Es ist das kleinste der drei und strahlt eine zeitlose Intimität aus. In Studio 3 entstanden große Teile von »Dark Side Of The Moon«, hier zieht Florence Welch gern für ein paar Wochen ein, Frank Ocean sang Songs für »Blonde« ein und Liam Gallagher nahm hier sein Solodebüt auf. Im Kontrollraum steht ein gemütliches graues Sofa, »auf dem sich Kanye West gerne breitmacht«, wenn er mal hier aufschlägt, wie unser Guide zu berichten weiß. Auf einem Schreibtisch stehen zwei noch verpackte Flaschen Schampus. Vermutlich für den heutigen Gast. Wer das ist? Kein Kommentar. Aber die Gruppe muss sich ein wenig sputen – denn der Grund, warum wir so früh durch die Räume geführt werden, ist natürlich der laufende Betrieb, der hier mit der nötigen Diskretion gemanagt wird. Ich trete kurz in den Aufnahmeraum und schaue mir das Mikrofon in der Mitte des Raumes an. Hier sang Amy Winehouse die letzte Aufnahme vor ihrem Tod: »Body And Soul«, ein Duett mit Tony Bennett. Ein Gerät, das andere in ein Museum stellen würden, das hier aber im täglichen Einsatz ist. Es ist ein Neumann U47, eines der berühmtesten Studiomikrofone der Welt. »Mikrofone wie dieses sind gute Beispiele dafür, dass das Hörgefühl nicht eindeutig zu vermessen ist«, erklärt Giles später. »Auf dem Papier ist das ein schlechtes Mikrofon.« Die Frequenzlinien seien »das reinste Chaos«. Und trotzdem: Alle Welt schwört auf diesen Klang.

Für das Ende unseres Rundgangs hat sich Giles Martin ein besonderes Finale überlegt: Eine Listening Session mit Songs von »Sergeant Pepper«, die Giles auf Wunsch von Paul McCartney zum 50. Jubiläum des Albums geremixt hat – mit dem klaren Arbeitsauftrag, diese Musik einer jüngeren Hörergeneration näherzubringen. Klingt nach einem harten Job, bei dem Hardcore-Fans und Puristen »Kulturschändung« rufen würden. Giles verneint: »Eigentlich war der Job sehr einfach. Viele Menschen denken, Musik werde alt. Doch das stimmt nicht. Ein Album ist wie eine Momentaufnahme. Zu der Zeit waren die Beatles 25 und 26 – eine erfolgreiche Band auf der Höhe ihres Schaffens. Und ob sie das mögen oder nicht: Sie werden auf dieser Platte immer in diesem Alter sein. Mein Aufgabe bestand also nur darin, in die Zeit zurückzureisen und den Mix den heutigen Hörgewohnheiten anzupassen. Ich hatte Zugang zu den Originalaufnahmen, und da die sehr gut sind, musste ich gar nicht so viel machen.« Das nennt man wohl britisches Understatement. »Das einzig Unheimliche daran war, dass es wirklich nur positive Kritiken gab.« Dann lacht er und sagt: »Das hat mich viel Schmiergeld und viele Gefälligkeiten gekostet.«

Weil man die Möglichkeiten und gerade Bock drauf hatte, passte man die Aufnahme, die ich zu hören bekomme, extra an diesen besonderen Raum an: Dolby Surround aus über 50 Boxen – ein Ort, der normalerweise zur Vorführung von Filmscores genutzt wird. Ich darf mir ein letztes Lied wünschen und nehme – natürlich - »A Day In The Life«. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade frisch für die Beatles sensibilisiert wurde oder an der technischen Aufrüstung dieses Raumes oder an der einlullenden Abbey-Road-Aura oder an Giles Martins Remix oder schlicht und ergreifend daran, dass dieses eines der großartigsten Lieder der Popgeschichte ist, aber es kommt mir vor wie der perfekteste Hörmoment, den ich jemals hatte. Ich sitze die knapp sechs Minuten wie elektrisiert im Dunkeln – von dem Moment an, in dem John »I read the news today, oh boy« singt, über das schräge Orchestercrescendo auf halber Strecke, den Break zur »Woke up, fell out of bed«-Strophe bis zum verstörenden Finale, in dem das missmutige Orchester den Raum auseinanderzunehmen scheint, bevor alles in einem letzten geradezu bedrohlichen Klavierakkord ausdröhnt. So klingt also dieses Abbey Road Studio, denke ich. So wirkt es. So fühlt es sich an. Und obwohl ich mich eigentlich nicht beeindrucken lassen wollte, komme ich doch zu dem Schluss, dass Giles Martin natürlich Recht hat: Diese Räume haben eine Wirkung, die zumindest für Popmusikliebhaber weit über den bloßen physikalischen Klang hinausgeht. Meine Euphorie habe ich erst wieder im Griff, als ich im Andenkenladen stehe und Devotionalien für rund 80 Euro in den Händen halten. Gerade noch rechtzeitig kehre ich zur journalistischen Professionalität zurück - und kaufe nur einen Kühlschrankmagneten.

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