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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Sinn und Unsinn von Bevormundung im digitalen Zeitalter

Du sollst nicht browsen

Während Apple derzeit hart gegen martialisch anmutende Einträge im App Store vorgeht, werden die Regelungen bezüglich Cannabis-Apps gelockert – solange du in einem Staat lebst, in dem der Konsum legalisiert ist. Ein exemplarisches Beispiel für den Irrsinn der um sich greifenden Bevormundung im digitalen Zeitalter.
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Als vor wenigen Tagen eine Meldung die Runde machte, nach der das soziale Cannabis-Netzwerk »Mass Roots« nun auch im App Store erhältlich sein solle, wurde der politische Richtungswechsel von Apple vielerorts als gnädiger Akt der Liberalisierung verklärt. Einzig: Wer nicht in den entsprechenden US-Bundesstaaten lebte, der fand auch nichts im Store. Das würde vielleicht in sofern Sinn ergeben, wenn über die App auch anderenorts verbotene Substanzen vertrieben werden würden. Tatsächlich ist »Mass Roots« aber nichts anderes als ein Instagram für Cannabis-Enthusiasten – und damit in etwa so jugendgefährdend wie jedes andere soziale Netzwerk, in dem sich zuhauf Fan-Seiten rund um die Cannabis-Kultur angesiedelt haben. Absurder wird es nur noch, wenn man als Nutzer in den Google Play Store wechselt und »Mass Roots« plötzlich ohne jegliche Einschränkungen runterladen und nutzen kann – womit man auch schon beim Kern des Problems wäre.
Denn ähnlich wie »Mass Roots« entlarvte erst kürzlich die Veröffentlichung des Videospiel-Titels »Dying Light« mal wieder den hiesigen Anachronismus institutioneller Bevormundung. So erhielt das Spiel aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellung hierzulande keine Freigabe der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), die Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien folgte erwartungsgemäß wenig später. Die Folgen: Eine öffentliche Bewerbung oder Veräußerung des Titels war ab sofort untersagt. Klingt soweit vernünftig, hat in der Praxis allerdings nur am Rande mit Jugendschutz zu tun. Denn über kleinere Umwege kommt natürlich trotzdem jeder problemlos an den Titel. Umwege, wohlgemerkt, in der absolut gar keine Alterskontrolle mehr stattfindet. Will heißen: Auch hier liegen Theorie und Praxis des sicher gut gemeinten Jugendschutzes immer noch meilenweit auseinander.
Nun mag es ein wenig hinken, die Politik des App Stores mit den Vorgängen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu vergleichen. In der Praxis macht es allerdings kaum einen Unterschied, von welcher Stelle aus der Zugang zu einem Medium erschwert oder gar untersagt wird – die Folgen bleiben in der Regel die gleichen. Man traut es sich ja fast gar nicht mehr zu schreiben, nur bleibt einem auch hier nichts anderes mehr übrig, als das ziemlich breit getretene Mantra von der Fürsorge- und Erziehungspflicht hinsichtlich des Umganges mit Medien zu bemühen. Eltern sollten sich nicht nur anschauen, was ihre minderjährigen Schützlinge so aus den digitalen Stores laden, es ist schlichtweg ihre Pflicht. Würden Sie das auch konsequent tun, dann müsste Vater Staat oder Mutti Apple an dieser Stelle auch gar nicht tätig werden. So wird aus dem einstigen Mantra der sogenannten Kuschelpädagogik eine zwingende Notwendigkeit, denn anders lässt sich der Jugendschutz-Problematik in den Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung gar nicht mehr begegnen. Vor allem: Volljährige Menschen müssten sich nicht mehr von irgendwelchen gesichtslosen Staats-Institutionen oder Tech-Konzernen bevormundet fühlen.