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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Jan Böhmermann und das #Fingergate

Die Ente von der Ente

Die Community ist entzückt: Der ausufernd geführte Diskurs um Varoufakis Mittelfinger wurde von Quoten-Punk Jan Böhmermann gehijacked. Während die Frage nach der Authentizität der Manipulation mehr und mehr in den Hintergrund tritt, bleibt vor allem die kopfschüttelnde Anerkennung über Timing und Ausmaß dieser Ente. Einzig: #varoufake ist nicht der einzige Hoax, der im Spannungsfeld aus professioneller Presse und digitaler Community eine unerwartete Eigendynamik entwickelte.
Geschrieben am
Erst Anfang des vergangenen Jahres gelang dem Satiremagazin Postillon ein ungewöhnlicher Twist, in dem die Redaktion die den Tatsachen entsprechende Meldung brachte, Pofalla würde in den Vorstand der Deutschen Bahn AG wechseln. Durch eine kleine Änderung in der Datierung des Artikels und den Verweis auf große Medienhäuser erweckte die Redaktion den Eindruck, als wären die hiesigen Qualitätsmedien geschlossen auf eine Satiremeldung hereingefallen. Ein gefundenes Fressen für die Gegner der vermeintlichen Lügenpresse - dumm nur, dass die Meldung tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Einige Monate später durfte man so etwas wie die Fingerübung für Böhmermanns aktuellen Coup beobachten. So lancierte sein Team eine vermeintlich chinesische Kopie von Stefan Raabs »Blamieren oder Kassieren«, einem kompakten Quizformat, das im Rahmen von »TV Total« stattfindet. Raabs Team wiederum griff den Clip dankend auf und schlachtete ihn in einer der folgenden Sendung jubelnd aus - ständig in der Annahme, man hätte es hier tatsächlich mit einer obskuren, fernöstlichen Kopie des eigenen Formates zu tun. 
Dass sogenannte Media-Hacks auch mal unfreiwillig von der Crowd losgetreten werden können, zeigte ebenfalls das vergangen Jahr. So wurden im Oktober zahlreiche Fotos von verbogenen iPhone-6-Modellen verbreitet, die schon wenig später in dem viral gehenden #Bendgate-Hashtag kulminierten - denn wo Apple vermeintliche Fehler begeht, da ist die Schadenfreude bekanntlich nicht weit. So wurde aus einem völlig marginalen Anteil tatsächlich verbogener Geräte in kürzester Zeit ein Sturm der Häme - und auch die großen Medienhäuser stiegen darauf ein. Dass genau genommen gerade mal eine Handvoll der millionenfach ausgelieferten Geräte betroffen waren, interessierte niemanden.
Bereits etwas älter, aber gerade in ihrer Wendung dem #Fingergate gar nicht so unähnlich: Die Geschichte einer betrogenen Ehefrau, die den Machenschaften ihres Mannes via Google Street View auf die Schliche gekommen sein soll, in dem sie den Wagen des Schwindlers mit Hilfe des Kartendienstes vor dem Haus seiner Geliebten ausmacht.

Nachdem die britische Tageszeitung Sun im Jahr 2009 berichtete, zogen u.a. Fox News, Tagesanzeiger und 20 Minuten nach. Als sich plötzlich ein Blogger einschaltete und behauptete, die ganze Geschichte selbst lanciert zu haben, war die Ente perfekt - zumindest dem Anschein nach. Denn tatsächlich hatte die Sun nie mit besagtem Blogger Kontakt, sondern hat die Geschichte bei zumindest einigermaßen sicherer Quellenlage aus der Times übernommen. Zu spät für u.a. Golem, die auf die vermeintliche Wendung ansprangen.

Ob unfreiwillig oder lanciert: Am Ende sollten solche Fälle Leser wie Publizisten gleichermaßen dazu ermahnen, die eigenen Reflexe ein wenig besser im Griff zu haben. Und das dürfte Böhmermann hier tatsächlich gelungen sein - auch wenn der Hoax hier nur die Behauptung vom Hoax war, wie es Stefan Niggemeier im Rahmen der vorangegangenen Geschichte so schön auf den Punkt brachte.