×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Reportage aus Südkorea

Die Brücke der Ausweglosen

Südkorea ist das Land mit der zweithöchsten Suizidrate der Welt. Allein von der Mapo-Brücke in der Hauptstadt Seoul stürzen sich fast jedes Jahr bis zu hundert Menschen in den Tod. Für Christopher Lofland, der eine Organisation gegründet hat, um den selbstmordgefährdeten Menschen zu helfen, und Yu Tae-gang wurde diese Brücke zu einer besonderen Begegnung irgendwo zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben. Christian Schlodder war vor Ort.
Geschrieben am
Wie viel Zeit vergeht zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben? Yu Tae-gang hatte über zwei Stunden Zeit, als er sein Kinderzimmer verließ und den Zug Richtung Seoul nahm. Er hörte von dieser Brücke, von der jedes Jahr viele Koreaner in den Tod springen. Diese Brücke, die für die einen die letzte Hoffnung und für die anderen der letzte Ausweg ist. Doch was sollte es für ihn werden? Tae-gang wusste es nicht. Also fuhr er an einem späten Donnerstagabend aus der Millionenstadt Daejeon in Richtung Seoul mit nur einem Ziel: die Mapo-Brücke. »Ich habe oft über Selbstmord nachgedacht«, sagt der heute 18-Jährige. Seine rechte Augenbraue zuckt dreimal, als er diese Worte sagt. Auf seinen jugendlichen Wangen sprießt noch immer eine leichte Akne. Schauspieler wollte er werden. Davon träumte er schon lange. Seine Eltern waren dagegen. Dazu kamen ein paar weitere Unsicherheiten, wie er sie heute nennt. Was banal klingt, wurde zu einer Sinn- und Identitätskrise. Eine von vielen im Land, über die man in Südkorea aber partout nicht spricht – nicht einmal mit Freunden. Weil sie ein Zeichen von Schwäche sind; in einer Gesellschaft, die Schwäche nicht kennen und zulassen will. Das führt dazu, dass Südkorea das Industrieland mit der höchsten Selbstmordrate der Welt ist. Die Mapo-Brücke war bisher so etwas wie das inoffizielle Symbol für diesen besorgniserregenden Zustand. Für Tae-gang wurde sie zu einem Neustart.

Die Brücke selbst sieht recht unspektakulär aus. Sie ist eine von 25 Stadtbrücken Seouls, die auf einer Strecke von knapp anderthalb Kilometern den Fluss Hangang überspannt. Sechs Fahrbahnen auf jeder Seite. 18 Meter hoch. Doch mit der Zeit avancierte sie zu einem »Wallfahrtsort« für all jene, die des Lebens überdrüssig sind und in einem letzten Sprung den finalen Ausweg aus ihren großen und kleinen Problemen sehen. Dafür ist sie hinter vorgehaltener Hand landesweit bekannt. Und auch Tae-gang fühlte sich in seinen schwersten Stunden nahezu magisch von ihr angezogen – auch wenn er heute sagt, dass er die Brücke in dieser schicksalhaften Donnerstagnacht in erster Linie deshalb sehen musste, um noch einmal neuen Lebensmut zu schöpfen. Ein Rückfahrticket hatte er dennoch nicht gekauft.


Der Lebensretter mit holprigem Koreanisch

»Für einen Koreaner ist es wahrscheinlich ziemlich schwer, nicht an Selbstmord zu denken, wenn er über diese Brücke läuft«, sagt Christopher Lofland. Er fährt sich kurz durch seinen rotblonden 16-Tage-Bart, als er sich an den 25. September 2015 erinnert – den Tag, an dem Tae-gang die Mapo-Brücke gegen 23:00 Uhr betrat. Erst einen Monat zuvor kam der heute 23-jährige Lofland mit zwei Freunden nach Seoul – auch er wegen der Mapo-Brücke. Seine Mission sollte es fortan werden, Hoffnung und Lebensmut zu spenden. Christopher verstand nicht, wie ein Land sein Selbstmordproblem so konsequent unter den Teppich kehren kann, wenn es doch so allgegenwärtig ist, dass selbst er im fernen Kansas davon aufgeschreckt wurde. Christopher beschloss, etwas zu tun auf der Mapo-Brücke – auch weil sie ein Symbol all dessen war.

Er sammelte Geld, lernte Koreanisch und flog nach Seoul. Und er lernte die Anzeichen eines drohenden Suizids zu lesen, suchte nach Menschen, die spät nachts alleine und langsam auf der Brücke wandern, den Blick zum Boden gesenkt, oder die am Geländer stehend inhaltsleer in den Fluss starren. Diese Menschen gilt es anzusprechen, zu fragen, ob alles in Ordnung ist, ob sie Hilfe brauchen. Mittlerweile hat er eine Organisation gegründet, »Lifeguard« nennt sie sich. Als Christopher Tae-gang allein auf einer Bank sitzen sah, schrillten seine Alarmglocken. »Ich war mir sicher, dass der Junge über Selbstmord nachdachte – oder sogar zu springen vorhatte«, sagt er. Tae-gang kann sich nicht mehr erinnern, woran er dachte, als er auf die Gruppe um Christopher traf. Kurios war es für ihn dennoch. »Ich habe mich gewundert, wer diese Fremden mit diesem holprigen Koreanisch waren, das ich kaum verstand – und was sie überhaupt von mir wollten«, sagt er heute mit einem Grinsen. Dabei war ihm damals gar nicht zum Lachen zumute. Sie kamen ins Gespräch, redeten über seine Träume, den Streit mit den Eltern, all die anderen kleinen Probleme und dass es niemanden gab, der ihm ansatzweise zuhören wollte. »Von diesen drei Jungs um Christopher fühlte ich mich zum ersten Mal verstanden«, sagt Tae-gang. Christopher lud ihn ein, die Nacht bei ihnen zu verbringen und am nächsten Morgen den Zug zurück nach Daejeon zu nehmen. Weg von der Brücke. Sie redeten viel, hörten einander zu und waren auf einmal etwas, was es in Korea selten gibt: in schweren Stunden füreinander da. Seitdem sind sie gute Freunde. »Ich bin immer noch dankbar für das, was sie getan haben. Ich wusste bis dahin nicht, dass es Menschen gibt, die Verständnis für meine Situation haben würden«, sagt Tae-gang. »Dass ich Christopher an diesem Abend auf der Brücke traf, war die größte Hilfe in meiner Situation.«

Letzte handgeschriebene Hilfeschreie

Auch für Christopher wurde die Begegnung mit Tae-gang zu einer alles verändernden Mission. Eine Mission, die ziemlich unscheinbar im elterlichen Keller begann, als er gerade mal 15 war. Er hörte Musik der christlichen Metalband Underoath und erkannte, dass die Welt nur besser werden würde, wenn man denen hilft, die Hilfe am dringendsten benötigen. »Das war eine Art Erweckungserlebnis«, sagt er heute. Das Bandsymbol trägt er als Tattoo auf seinem linken Arm. Und tatsächlich, nur wenige Jahre nach der Metal-Session im Keller kann er auf der Mapo-Brücke etwas bewirken. Hier kann er helfen und sogar Menschen vor einem sinnlosen Tod bewahren. Das wurde sein Antrieb. Er wurde routinierter, erkannte neue Muster. Um zwei Uhr nachts zum Beispiel, sagt Christopher, sei die Rush-Hour für Sprünge von der Mapo-Brücke. Er kennt die hochfrequentierten Stellen und weiß, was zu tun ist. Er nimmt stets den gleichen Weg über die Brücke, patrouilliert jeweils zweimal auf jeder Seite entlang. Das dauert mehrere Stunden. Wenn sich viele freiwillige Brückenläufer gesammelt haben, starten sie an mehreren Stellen, um die weitläufige Brücke besser abdecken zu können.
Dabei passiert Christopher auch regelmäßig die von der Stadt installierten Notruftelefone für Suizidgefährdete. Sie haben lediglich zwei Knöpfe: Drückt man den grünen, wird man mit einer Beratungshotline verbunden; drückt man den roten, wird sofort die Feuerwehr alarmiert. »Wann kommt ihr endlich?« hat jemand neben den roten Knopf geschrieben. Auf dem schmalen Display des Telefons steht »Idle«. Das kann man mit »außer Betrieb« übersetzen – oder »nutzlos«. So nutzlos wie nahezu alle Installationen, die im September 2012 von der Stadt auf der Brücke errichtet wurden, um des Selbstmordproblems wenigstens hier Herr zu werden. »Brücke des Lebens« wurde das Gesamtkonzept Mapo-Brücke offiziell genannt. »Brücke des Todes« nennen sie viele Koreaner. Man brachte beleuchtete Handläufe an, versehen mit scheinbar motivierenden Botschaften: »Denk an deine Großeltern« oder »Du kannst alles schaffen« kann man beispielsweise lesen. »Du bist ein wunderschöner Mensch« steht auf dem Handlauf, in dessen Nähe Christopher und Tae-gang aufeinandertrafen. Zudem wurde eine kleine Bronzestatue aufgestellt, die zwei sich helfende Freunde zeigt. »Fang an, dich wieder zu lieben«, fordert die Botschaft dahinter am Handlauf. An dieser Stelle werden mittlerweile die meisten Sprünge verzeichnet. Die Idee mit den lebensbejahenden Botschaften an Handläufen, so scheint es, ging mächtig nach hinten los. Auch Tae-gang sagt heute, dass er zwar ebenso wegen dieser Botschaften auf die Brücke gekommen sei – doch dass sie ihm nicht weitergeholfen hätten.

Da es vielen anderen ähnlich ging, findet man zwischen all diesen vergeblichen Motivationshilfen nicht nur die naiv-romantischen Botschaften Frischverliebter, sondern vor allem die Hilfeschreie der Hoffnungslosen. Christopher sucht die Handläufe bei jedem seiner Brückengänge gezielt danach ab, hofft auf Namen und niedergeschriebene Handynummern, die einfach nur angerufen werden wollen, weil ihnen sonst niemand zuhört. Meistens sind diese kleinen Botschaften zwischen den großen offiziellen allerdings nur die letzten handgeschriebenen Hilfeschreie derer, die für immer aufgehört haben, das Leben zu lieben. »Ich habe heute meinen letzten Sonnenuntergang gesehen«, hat jemand an den Handlauf geschrieben. Es sind vor allem diese Botschaften, die ein subjektives Gefühl der hier herrschenden Ausweglosigkeit vermitteln. Das andere ist die kühle Behördenstatistik. Ein Jahr nach Abschluss der Maßnahmen wurden 93 Suizide auf der »Brücke des Lebens« erfasst – sechsmal so viele wie vor dem Umbau.

Soll ich sterben?

Seitdem sind Daten schwer zu bekommen. Die Seouler Wasserschutzpolizei spricht von insgesamt etwa 600 Selbsttötungsversuchen im Hangang pro Jahr, von denen aber nicht alle auf der Mapo-Brücke passieren. 60% davon seien erfolgreich – wenn man einen Selbstmordversuch überhaupt mit einem positiven Wort wie »erfolgreich« besetzen darf. Um diese Zahl so klein wie möglich zu halten, patrouilliert Christopher manchmal allein, manchmal mit freiwilligen Unterstützern über die Mapo-Brücke – immer auf der Suche nach Menschen wie Tae-gang. Insgesamt habe er schon acht Menschen vom Selbstmord abgehalten, sagt er. Das seien all die, die einen Selbstmordversuch zugegeben hätten, nachdem sie von ihm angesprochen worden seien. Hinzu kommt die Dunkelziffer all derer, die ins Raster passen und die Brücke geräuschlos wieder verlassen, nachdem sie in ein Gespräch verwickelt worden sind. Vor allem rund um die großen Prüfungszeiten im November hält Christopher sich verstärkt auf der Brücke auf. Der gesellschaftliche Druck, in den nicht wiederholbaren Abschlussprüfungen der Highschools und Universitäten zu versagen und damit aus koreanischer Perspektive sein Leben quasi verschenkt zu haben, treibt viele zum Äußersten.
Auch sonst hat Südkoreas Gesellschaft massive Probleme. Innerhalb von 60 Jahren stieg das Land von einem Entwicklungsstaat zur Industrienation auf. Damit einher geht ein komplett veränderter Lebensstil, der auf traditionelle Wertvorstellungen trifft, die kaum jemand erfüllen kann und die in Anbetracht dessen entrückt wirken. Traditionelle Familienvorstellungen ziehen sich durch alle Generationen und treffen auf veränderte Realitäten. Viele ältere Menschen auf dem Land beenden ihr Leben selbst, bevor sie ihren Kindern, die in die Millionenstädte ziehen, zur Last zu fallen drohen. Soziale Auffangnetze gibt es in Südkorea kaum. Hinzu kommen fast schon fanatisch wirkende Schönheitsideale und der zunehmende Alkoholismus. Thematisiert wird all das nicht. Die Konvention des gesellschaftlichen Gesichtsverlusts wirkt immer noch stark, auch wenn das in Seoul zwischen all den internationalen Shopping- und Fastfood-Ketten manchmal schwer zu glauben fällt. Also reden sich viele Koreaner ein, dass alles in Ordnung sei. So lange, bis es nicht mehr geht und sie im besten Fall von Christopher auf der Brücke gestoppt, im schlimmsten von der Wasserschutzpolizei nach ein paar Tagen leblos aus dem Hangang gefischt werden. Doch manchmal kommt Christopher zu spät. Dann bleibt nur der rote Knopf der Notruftelefone. Christopher erzählt all das mit einer abgeklärten, fast beklemmend wirkenden Ruhe. »Man sieht hier vieles, das an die Substanz geht«, sagt er, der älter erscheint als 23. »Man spürt jedes Mal die Dunkelheit dieses Ortes, wenn man die Brücke betritt.«

Dabei wirkt das nächtliche Stadtpanorama von der Mapo-Brücke aus sehr friedlich. Langsam fließt der Hangang unter ihr hindurch, an den Ufern eingerahmt von unzähligen Bürogebäuden, die von Moderne und Aufbruch zeugen sollen – und auch Teil des Problems sind. Noch weit nach Mitternacht kann man sehen, wie in einzelnen Fenstern die Lichter ausgehen. Alles ist auf Karriere und Erfolg im Job konzentriert, in Korea ist es häufig normal, bis zu 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Wer sogar 80 Stunden schafft, ist gemeinhin hoch angesehen. Man hat dort einfach zu funktionieren. Wer aus diesem Raster fällt, wird als nutzlos angesehen. Wenn sich der Druck und die Probleme potenzieren und zur Depression zu werden drohen, wird es nur noch schlimmer. »Psychologische Hilfe gibt es in Korea nicht«, sagt Christopher. »Wer dennoch einen Psychologen aufsucht, riskiert, in seiner medizinischen Akte als verrückt eingestuft zu werden. Das ist das Ende jeder beruflichen Karriere, öffentlicher Gesichtsverlust inklusive.«

Gegen drei Uhr nachts, nach knapp vier Stunden ihrer typischen Runde, verlassen Christopher und seine freiwilligen Begleiter die Brücke. Diesmal gab es niemanden, der ihre Hilfe benötigt hätte. Manchmal vergehen anderthalb Monate ohne nennenswerte Ereignisse, doch dann gäbe es diese Nächte, wo man gleich drei potenzielle Selbstmörder trifft, sagt Christopher. Noch immer donnert der Verkehrslärm auf der Brücke. »Was wirst du jetzt tun?« steht auf einem der Handläufe kurz vor dem einen Ende der Brücke. »Ich habe kein Geld. Soll ich sterben?« hat jemand mit zarten koreanischen Lettern daneben geschrieben. Die Botschaft sei neu, sagt er. Christopher steigt aufs Geländer, hängt seinen Kopf hinüber und schaut die 18 Meter hinab in das dunkle Wasser des Hangang – so wie es vermutlich auch all jene taten, die er eigentlich vor ihrem Sprung bewahren wollte. Er grübelt. Ist er diesmal vielleicht zu spät gekommen? »Manchmal ist es sehr frustrierend, diese Runde zu laufen und sich solche Fragen zu stellen«, sagt er, nachdem er wieder vom Geländer geklettert ist.
Bald wird er sich sowieso andere Fragen stellen müssen. Die Stadt Seoul hat ihr Konzept der Brücke des Lebens quasi verloren gegeben. Die Installationen werden nach und nach abgebaut. Stattdessen wird aktuell ein zweieinhalb Meter hoher Zaun errichtet, der das Problem lösen soll. Selbstmordgefährdete werden einen neuen Ort finden, um dem Leben abzuschwören – und Christopher muss einen neuen Weg finden, wie er Südkoreaner auch in deren schwersten Stunden von der Schönheit des Lebens überzeugen kann. »Um wirklich helfen zu können, muss sich die gesamte Gesellschaft von Grund auf ändern und verstehen, dass etwas mächtig schiefläuft«, sagt er. »Bis dahin würden mir schon höhere Geländer reichen.« Auch Tae-gang glaubt nicht an den großen Erfolg. »Dann werden die Menschen eben andere Brücken, Hochhäuser oder Mittel finden, sich umzubringen. Wir müssen endlich eine öffentliche Debatte über unsere Probleme führen«, sagt er. In seiner Stimme schwingt Resignation mit. Sein Schauspielstudium, das ihm seine Eltern nach einer Aussprache schließlich doch erlaubt haben, beginnt noch im Februar. Auf der Mapo-Brücke werden dann bereits hohe Zäune vergessen machen, dass hier noch vor Kurzem Menschen die schwere Entscheidung trafen, ob sie leben oder sterben wollen – und dass es Freiwillige gab, die ihnen diese Entscheidung abzunehmen versuchten. Finale Entscheidungen irgendwo zwischen dem Wunsch zu leben und zu sterben. »Doch was ändert das schon?« fragt Tae-gang. Für ihn wurde der Ort dank einer Handvoll Freiwilliger tatsächlich zur Brücke des Lebens. Die Brücke des Todes wird allerdings wohl schon bald eine andere sein.